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Die Zwangsarbeit

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ZwangsarbeiterInnen in Gelsenkirchen 1940-1945 

Gedenkstein auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Rotthausen, gestiftet 2017 von VVN/BdA GE, Gelsenzentrum e.V. und Klaus Brandt

Bis Kriegsende mussten rund 13,5 Millionen Menschen als Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge oder zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangs- arbeiter in Deutschland arbeiten. Das in Dormund ansässige Landesarbeitsamt Westfalen sowie das Gelsenkirchener Arbeitsamt waren für die Vermittlung von zivilen und kriegsgefangenen ausländischen Arbeitskräften in Gelsenkirchen zuständig. Sie rekrutierten selbstständig Arbeitskräfte in den Herkunftsländern oder bei den Reichsstellen, die Arbeitskräfte zuwiesen, brachten sie in Durchgangslagern unter und verteilten sie an die Arbeitsstellen.

Die zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unterlagen einem rassistischen Sonderrecht, in dem Polen und Sowjetbürger ("Ostarbeiter") die unterste Stufe einnahmen. Sie mussten überwiegend in Barackenlagern und improvisierten Unterkünften leben, wurden schlecht versorgt und waren in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Die Gestapo überwachte den "Ausländereinsatz2 und ahndete jegliches abweichendes Verhalten. Vor allem bei Sabotageverdacht, Fluchtversuchen oder Verstößen gegen das Kontaktverbot mit deutschen Frauen fielen die Strafen besonders drastisch aus und konnten KZ-Haft oder auch Hinrichtung bedeuten.

Rund 40.000 Menschen verschiedener Nationalitäten mussten von 1940 bis 1945 für die Gelsenkirchener Kriegswirtschaft Zwangsarbeit leisten, womit sie zeitweise fast ein Drittel aller Beschäftigten in Gelsenkirchen stellten. Zumeist untergebracht in bewachten Lagern, die sich ab 1942 allmählich über das gesamte Stadtgebiet ausbreiteten, dürften sie damit das Bild der Stadt Gelsenkirchen in der Zeit des 2. Weltkrieges nicht unwesentlich geprägt haben.

In der Wahrnehmung der Kriegsgesellschaft aber spielten sie hier wie überall trotz ihrer augenfälligen Entrechtung so gut wie keine Rolle, was sich nicht ausschließlich auf Strafandrohung oder das vom Bombenkrieg bestimmte Alltagsleben zurückführen lässt. Mindestens ebenso verantwortlich für die gleichgültige Haltung vieler Deutscher zeichnet die rassistische Propaganda des NS-Staates, wodurch insbesondere die zu Tausenden nach Gelsenkirchen deportierten sowjetischen Zivilisten ("Ostarbeiter") und Kriegsgefangenen in die Kategorie "Untermenschen" fielen.

Die sogenannten "Italienischen Militärinternierten (IMI)", die ab Herbst 1943 (nach Abschluss des Waffenstillstandes zwischen Italien und den Alliierten) über das Stammlager Stalag VI F in Bocholt auf Arbeitskommandos bei den Gelsenkirchener Betrieben der Kriegsproduktion verteilt wurden, waren durch eine erbarmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, Nahrungsmittelentzug und fehlende medizinische Betreuung teilweise sogar schlechter gestellt als die sowjetischen Kriegsgefangenen. Auf der politisch-rassistisch Diskriminierungsskala der Nationalsozialisten waren die ehemaligen Verbündeten nun plötzlich ganz weit unten angesiedelt; die deutsche Bevölkerung beschimpfte sie als "Verräter" und "Badoglios". Die rassistische Bezeichnung "Itaker" hielt sich bis weit in die 1980er Jahre.

→ Grabstätten sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen

→ Friedhofspläne Gelsenkirchen - Grabstätten Zwangsarbeiter

→ Zwangsarbeit in Gelsenkirchen 1940-1945

→ Stolperschwelle soll in Gelsenkirchen an Zwangsarbeitende erinnern

→ Terror im Inneren: Walter Marx (Gestapo-Außenstelle Gelsenkirchen-Buer)

→ Iwan Semenichin - Zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt

→ Spurensuche in Heßler - das Lager am Kanal

→ Amedeo Mentrelli, Italienischer Militärinternierter (IMI)

→ Amedeo Mentrelli, Internati Militari Italiani (IMI)

→ Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen-Hassel

→ Charles Ganty aus Belgien

→ Todesurteil Charles Ganty

→ Die Flucht des M.G. Peters

→ In Gedenken an Petrus-Gustaaf Droessaert

→ Erinnerungen von Barbara S., ehemalige "Ostarbeiterin" in Gelsenkirchen

→ Brief einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin

→ Zwangsarbeiterlager Hermannstrasse/Forsthaus

→ Zwangsarbeiterlager Hubertusstraße (Schalke-Nord)

→ Endphasenverbrechen in Gelsenkirchen 

→ Zwangsarbeit Dokumente und Fotos

Liste der Lager und Gebäudeunterkünfte für Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen 1940-1945

Auf Gelsenkirchener Friedhöfen sind etwa 3500 Zwangsarbeiter bestattet, mehr als 900 russische Zwangsarbeiter sind in Horst-Süd bestattet. Dort befanden sich auch die größten Zwangsarbeiterlager Gelsenkirchens, die Lager Brinkstrasse und Bruchstrasse.

→ "Ost- und Westarbeiterlager" (Unterkünfte) während der Kriegsjahre 1940-1945

→ Liste der Lager in Gelsenkirchen

→ Nummern der "Arbeitskommandos" in Gelsenkirchen

Stolperschwelle

Die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative hat im Mai 2018 die Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium in Buer durch Bildhauer Gunter Demnig in die Wege geleitet. Von dort wurden am 28. März 1945 wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Gelsenkirchen-Buer 11 Zwangsarbeitende in den frühen Morgenstunden von Gestapo und Kripo aus dem Polizeigefängnis Buer geholt, barfuß über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald getrieben und dort erschossen.

Die Stolperschwelle in Gelsenkirchen-Buer wird auch symbolhaft im Gedenken an mehr als 40.000 Männer, Frauen und Kinder aus West- und Osteuropa verlegt, die in Gelsenkirchen zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene zur Ableistung von Zwangsarbeit in der Deutschen Kriegs- wirtschaft und Rüstungsproduktion ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind. Exemplarisch soll der Text auf der Schwelle auch auf 19 unbekannte Zwangsarbeitende verweisen, für die sich der Weg in den Tod vom Polizeigefängnis nach heutigem Forschungsstand nachweisen lässt. Namen- los werden diese Toten wohl bleiben, denn Aufzeichnungen darüber, wer sie waren, fehlen.

→ Stolperschwelle soll an vieltausendfach erlittenes Leid und Unrecht erinnern

Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", ein Projekt der Freien Universität Berlin

Das nationalsozialistische Deutschland schuf eines der größten Zwangsarbeits-Systeme der Geschichte. Heute können aber nur noch wenige Überlebende von ihren Erfahrungen berichten. Das Projekt "Zwangsarbeit 1939-1945" zielt auf die digitale Sicherung, Bereitstellung und Erschließung einer Sammlung von knapp 600 lebensgeschichtlichen Zeitzeugen-Interviews.

Judith Altmann kam 1944 im Alter von 20 Jahren aus dem KZ Auschwitz-Birkenau in das KZ-Außenlager Gelsenkirchen-Horst.

→ Ausschnitte aus einem Video-Interview mit Judith Altmann von 2005

Boleslław Zajączkowski aus Lódz musste im Alter von 17 Jahren in Gelsenkirchen-Rotthausen auf der Zeche Dahlbusch unter Tage Steinkohle fördern.

→ Ausschnitte aus einem Video-Interview mit Bolesław Zajączkowski von 2005

Das Gelsenberglager, ein Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst

Nur wenigen Gelsenkirchenern ist bekannt, daß in unserer Stadt während der Hitler-Diktatur ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald existierte. Das Lager befand sich auf dem Betriebsgelände der heutigen BP-Raffinerie im Stadtteil Horst. Hier waren etwa 2000 ungarische Zwangsarbeiterinnen untergebracht, die unter anderem zur Trümmerbeseitigung in dem Hydrierwerk der damaligen Gelsenberg-Benzin AG eingesetzt waren. Neue Forschungsergebnisse machten eine Überarbeitung und Ergänzung des Artikels "Das Gelsenberglager" im April 2010 notwendig. Im Juni 2011 wurde ein Auszug aus einem zeitzeugenschaftlichen Interview mit Judith Altmann hinzugefügt. Sie schildert darin ihre Erinnerungen an das "Camp Gelsenkirchen" im Spätsommer 1944. Judith Altmann gehörte zu den 2000 Frauen und Mädchen, die vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt wurden.

→ Das Gelsenberg-Lager, SS-Arbeitskommando Gelsenkirchen-Horst

Den Opfern vom Gelsenberg-Lager zum Gedenken  

Im Jahre 2003 übergab der damalige Oberbürgermeister Oliver Wittke der Öffentlichkeit eine Tafel mit den Namen und Geburtsdaten der ungarischen Zwangsarbeiterinnen jüdischer Herkunft, die bei den Bombenangriffen auf die Gelsenberg Benzin AG im September 1944 getötet wurden. Den Frauen und Mädchen war der Zutritt zu Bunkern und Schutzgräben verboten. Die Tafel wurde auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Horst Süd vor dem dortigen Mahnmal aufgestellt. Die Auflistung ist nicht vollständig, jedoch gibt sie vielen bis vor einigen Jahren noch anonymen Opfern der faschistischen Gewaltherrschaft ihre Namen zurück. Im September 2018 wurde diese Tafel erneuert. Hinzu kam eine weitere, den zeithistorischen Zusammenhang erläuternde Tafel. Die Gedenkstätte wurde mit einer → Skulptur ergänzt

Virtuelle Gedenktafel: → Den Opfern vom Gelsenberglager zum Gedenken

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Andreas Jordan, Juli 2008. Überarbeitet September 2018

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