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Zwangsarbeit in Gelsenkirchen 1940-1945

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Erinnerungen der ehemaligen "Ostarbeiterin" Barbara S.

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Die heute über 80-jährige ehemalige 'Ostarbeiterin' Barbara S. (links) wurde im Juni 1942 nach Gelsenkirchen deportiert, wo sie bis zum Kriegsende für die Zeche Nordstern in Horst arbeiten musste.

Wie viele für das Ruhrgebiet bestimmte Arbeitskräfte, kam sie zunächst in das vom Landesarbeitsamt Westfalen eingerichtete Auffanglager Soest, wo sie registriert, desinfiziert und schließlich nach Gelsenkirchen weitergeleitet wurde.

Ihren Einsatzbefehl für den "Arbeitseinsatz" in Deutschland hatte sie Anfang Juni durch die Behörden ihres Heimatortes Wianoczino in Ostpolen erhalten. An Flucht, berichtet Frau S., war nicht zu denken, da die Besatzungsbehörden ganz offen mit Zwangsmaßnahmen gegen Familienangehörige drohten, sollte man sich der Aufforderung zum "Arbeitseinsatz" durch Flucht entziehen. Am 8. Juni 1942 fand sie sich deshalb an der Sammelstelle ein, wo sich etwa tausend Arbeitskräfte einer mehrere Tage andauernden und äußerst entwürdigenden Untersuchung durch deutsche Ärzte unterziehen mussten.

Der Tag der Deportation war der 13. Juni: "Mit Marschmusik wurden wir zum Bahnhof gebracht. Unter den vielen Menschen herrschte große Unruhe, besonders unter den Frauen, die Angst hatten. Es wusste ja keiner, was kommen würde. Am Bahnhof warteten Viehwaggons auf uns. Davor lag ein großer Haufen mit Stroh und die Wachsoldaten sagten uns, dass sich jeder eine Handvoll als Unterlage nehmen muß. Die Waggons waren überfüllt und es gab keine Toiletten, nur ein Loch im Boden. Die Luft in unserem Waggon war unbeschreiblich, da viele Frauen sich vor Scham in die Hose machten. Ich kann das gar nicht erzählen. Zu essen bekamen wir auch nichts. Zur Sammelstelle sollte aber jeder nur Lebensmittel für drei Tage mitbringen, die natürlich längst aufgebraucht waren, da wir ja tagelang dort gewartet hatten.

(...) Wie lange wir unterwegs waren, weiß ich nicht mehr genau, der Zug hat oft gestanden. Es dauerte aber einige Tage. Wenn der Zug hielt, durften wir heraus, um Wasser zu holen, danach wurden wir wieder eingeschlossen. Irgendwann, ich weiß den Tag nicht mehr, kamen wir nach Soest. Dort war ein großes Lager, das mit Stacheldraht umzäunt war. Es war total überfüllt. Das Stroh in den Baracken war völlig zerrieben, so wie Häcksel, da hatten ja schon viele andere vor uns gelegen. Als wir das sahen, sagten alle, hier werden wir bestimmt verrecken. Wir hatten einfach nur Angst.

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Am nächsten Tag mußten wir zur Desinfektion und alle Kleidung ausziehen. Wir dachten, jetzt werden wir vergiftet, so wie die fuhren. Das wussten wir ja von zu Hause, dass die Juden vergiftet wurden. Bei uns zu Hause hatten sie ja schon damals so 700 Juden erschossen und es wurde vieles erzählt. (...) Als wir wieder herauskamen, waren unsere Sachen alle durcheinander und wir mussten erst alles suchen. Warum die alles durchgewühlt haben, weiß ich nicht, wir hatten doch sowieso nichts.

Luftbild mit Zeche Nordstern, Wallstrasse, Lager Brink- und Bruchstrasse

In Gelsenkirchen-Horst befanden sich die größten Zwangsarbeiterlager Gelsenkirchens, die Lager Brink- und Bruchstrasse. Pfeile, von oben: Zeche Nordstern; Siedlung Wallstrasse; Zwangsarbeiterlager Brinkstrasse; Fundamente vom Gasometer; Zwangsarbeiterlager Bruchstrasse, Nebelanlagen (Sichtschutz gegen alliierter Bomberverbände)

(...) Am 21. oder 23. Juni wurden wir schließlich verteilt. Da war ein Dolmetscher, der Polnisch und Russisch verstand, der hat die Leute dann abgezählt. Manche kamen zu Bauern oder anderswo hin. Aber wissen Sie, das waren ja tausend Leute, wir standen ziemlich lange da. Ich wollte dahin, wo auch meine Bekannten hinkamen, nach Oberhausen-Sterkrade. Es waren ja nur zwei Männer aus meinem Dorf dabei. Ich dachte mir, halt dich an die Männer, die wissen besser Bescheid. Doch dann mußten wir auf Lastwagen und ich kam nach Gelsenkirchen, nach Nordstern. Als wir im Lager Brinkstraße abstiegen, war sofort Polizei da. Wir durften nicht sprechen, auch nicht mit den anderen, die schon im Lager waren. Ein Pole hat zu uns Guten Tag gesagt, da kam Fischer, der Lagerleiter und hat ihn sofort geschlagen. Wir mussten weinen, dass er ihn für nichts und wieder nichts so geschlagen hat, nur weil er Guten Tag gesagt hatte.

(...) Wir durften nicht raus, nicht mit der Straßenbahn fahren und auch nicht auf dem Bürgersteig gehen. Da wurden wir oft runter gestoßen. Runter, hieß es, du musst in der Mitte der Straßen gehen, wir gehen hier. (...) Ich musste aber manchmal auch nach Bottrop, zur Zeche Jacobi, da hatten wir dann die Erlaubnis, die Straßenbahn zu nehmen. Das ging aber nicht immer. Eine Schaffnerin war sehr böse, die hat uns immer rausgeschmissen. Wir mussten ja das Ost (Ostarbeiterkennzeichen, d. Verf.) tragen, daran hat man uns ja erkannt. (...) Das Lager war rund herum mit Stacheldraht eingezäunt, dass wir ja nicht weglaufen. Später ist das Lager Brinkstraße dann verbrannt. Da wurde doch so bombardiert, da sind viele Leute umgekommen und unsere Baracken sind verbrannt. Wir kamen dann dahin, wo man heute nach Bauer Becks geht, gleich hinter der Gaststätte Büscher, da wo später die Nissenhütten standen, so runde englische Hausen da waren dann unsere Baracken. (...) Arbeiten mußte ich zuerst auf der Anlage III/IV auf dem Holzplatz. Dort mußten wir Waggons ausladen. Das waren große, schwere Hölzer, die dann geschnitten wurden. Nachher, ich weiß das Datum aber nicht mehr, kam ich nach I/II. Dort habe ich dann am Leseband gearbeitet. Als die Bundesgartenschau war, da konnte man sich die alten Anlagen anschauen und ich habe gesagt, hier habe ich auch gearbeitet. Da meinte einer, auf Nordstern haben doch nie Frauen gearbeitet. Naja, wenn einer jünger ist, dann weiß er das ja nicht.

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Foto: Barbara S., (2te v. links) im Lager Brinkstrasse in Gelsenkirchen-Horst

Foto: Barbara S., (2te v. links) im Lager Brinkstrasse in Gelsenkirchen-Horst

Morgens um sieben kam immer ein Wachmann mit Gewehr ins Lager, um uns abzuholen. Der hat uns dann zur Arbeit gebracht und auch wieder abgeholt. (...) Hin und wieder mußten wir auch zum Hafen, um Schiffe zu entladen. Der Wachmann hat uns nicht schlecht behandelt, er war ein ziviler Mensch, kein Soldat.

Aber die Steiger haben uns geschlagen. Einmal habe ich einen Draht gefunden, mit dem ich einen Marmeladeneimer an die Rohre der Dampfheizung gehängt habe, um Wasser zum Waschen heiß zu machen. Wir hatten sonst nur kaltes Wasser. Das hat der Fahrsteiger gesehen. Er nahm den Draht und schlug ihn mir heftig auf den K.opf. Der Wachmann stand dabei, aber der konnte ja nichts sagen, der war selber platt, dass der so was machte.

Foto: WAZ berichtet vom Erscheinen einer Publikation

Die WAZ berichtet vom Erscheinen einer Publikation: Roland Schlenker, "Ihre Arbeitskraft ist auf das schärfste anzuspannen - Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterlager in Gelsenkirchen 1940-1945

Nach dem Krieg habe ich den Fahrsteiger in Horst wiedergesehen, aber ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen. Ich kannte seinen richtigen Namen auch nicht. Wir haben immer blauer oder grüner Meister gesagt, nach der Kleidung, die sie trugen. Die wollten auch gar nicht, daß wir ihre Namen kennen. (...) Die Wachleute im Lager haben uns auch geschlagen, nicht alle, aber doch einige. Das waren oft noch sehr junge Leute.

Wenn Bombenalarm war, dann haben sie uns mit Schlägen in die Splitterschutzgräben getrieben. In die Bunker durften wir ja nicht. (...) Manche von den Männern wurden auch eingesperrt und gequält, da wo die Heizung war. Schwitzkasten nannten wir das. Verschiedene sind da gestorben. Wissen Sie, da war so ein Viereck, rundherum Heizungen, da wurden einfach zwei Mann reingeschoben, bis sie ohnmächtig wurden. Von außen konnte man nicht hinein sehen, die Scheiben waren bemalt. Aber das wurde zur Bestrafung gemacht."

Quelle: Roland Schlenker, "Ihre Arbeitskraft ist auf das schärfste anzuspannen - Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterlager in Gelsenkirchen 1940-1945. Essen 2003


Andreas Jordan, Oktober 2009

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