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Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen

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Zwangsarbeiter-Lager Hubertusstraße in Schalke-Nord

Lageplan Lager an der Hubertusstraße in Schalke-Nord

Abb.1: Lager an der Hubertusstraße in Schalke-Nord (Mannesmannröhren-Werke, Abteilung Grillo Funke), Anlage zum Bauvorhaben "Splitterschutzgräben für ausländische Zivilarbeiter", Zeichnung erstellt am 21. Mai 1943. Nach der faschisti- schen Rassenideologie war der Zutritt zu Schutzgräben und -bauten den Angehörigen westlicher Völker vorbehahlten, diese nahmen in ihr einen höheren Rang ein als die Menschen aus dem Osten. Eine Ausnahme bildeten ab Spätherbst 1943 die ita- lienischen "IMI", diese standen noch unter den Russen.

Im Lager Hubertusstraße an der "Glückauf-Kampfbahn" waren während des Zweiten Weltkrieges mindestens 623 Menschen interniert, die für das Stahl- und Walzwerk Grillo Funke (Mannesmannröhren-Werke AG) Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Mannesmann-AG betrieb in Schalke-Nord weitere Lager an der König-Wilhelmstraße, Ecke Walzerstraße (Kühlturm), dort lebten 115 Franzosen, an der König-Wilhelmstraße 75 im Saal der Gaststätte "National-Eck" waren 50 Ukrainer untergebracht.

Kriegsgefangene  
Ost: 203 RussenWest: 186 Italiener
Zivilarbeiter  
Ost: 77 Ukrainer, 108 ukrain. Frauen West: 25 Franzosen, 23 Holländer, 1 Belgier
Gesamt: 623 Personen  

Tabelle: Kriegsgefangenen- und Zivilarbeiterlager Hubertusstraße, Mannesmannröhren-Werke, Abteilung Grillo Funke. (An- zahl der Personen erechnet nach Bauunterlagen.)

Mit der Jahreswende 1943/44 kam die letzte große Gruppe von zivilen und kriegsgefangenen Ausländern nach Deutschland. Mit dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 wurden rund 600.000 kriegsgefangene italienische Soldaten in den Sonderstatus von "Italienischen Militärinternierten" – kurz "IMI" genannt – überführt. Damit unterstanden sie nicht den völkerrechtlichen Regelungen für Kriegsgefangene. Wie schon 1940 die Polen wurden sie 1944 in den Zivilarbeiterstatus überführt.

Auf der politisch-rassistisch Diskriminierungsskala der deutschen Faschisten waren die ehemaligen Verbündeten nun plötzlich ganz weit unten angesiedelt; die deutsche Bevölkerung beschimpfte sie u.a. als "Verräter", "Itaker" und "Badoglios". Den Deutschen fehlte jedes Verständnis dafür, dass die internierten ehemaligen Verbündeten gleiche Rechte wie die anderen gefangenen Soldaten beanspruchen könnten. In den Augen der Bevölkerung und der Bewacher waren die Italiener "Verräter, die keine Schonung verdienten", den "IMI" schlug von deutscher Seite "eisige Ablehnung und Verachtung" entgegen. Schon in den Stammlagern wurden die "IMI" auf jede erdenkliche Art und Weise gedemütigt. Das setzte sich dann in den Betrieben, wo sie zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden, entsprechend fort. Auch hier waren als Verräter gebrandmarkten "IMI" den brutalen Übergriffen und Misshandlungen durch ihre Bewacher, durch die Vorarbeiter und auch von Seiten der Mehrheitsbevölkerung hilflos ausgesetzt.

In unmittelbarer Nähe des Lagers Hubertusstraße, hinter der "Glückauf-Kampfbahn", befand sich viele Jahre ein Massengrab, in dem 56 Italiener verscharrt wurden. In den Kriegsgräberlisten ist für diese Menschen der gleiche Todestag angegeben, der 4. November 1944. Laut Informationen des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen wurden die sterblichen Überreste der italienischen Zwangsarbeiter aus dem Lager Hubertusstraße, die vermutlich bei einem Bombenangriff [1] ums Leben kamen, 1958 exhumiert und auf die italienische Kriegsgräberstätte Hamburg-Öjendorf umgebettet.

Die italienische Ehrenanlage in Hamburg-Öjendorf ist letzte Ruhestätte für 5.849 italienische Zwangs- arbeiter. Sie stammen aus dem gesamten Nordwestdeutschen Raum, dem Ruhrgebiet, aus dem KZ Neuengamme und seiner Außenlagern sowie Zivilpersonen. Nach Abschluss des Deutsch-Italienischen Kriegsgräberabkommens (1955) wurde das Gelände auf dem damals noch nicht eröffneten Friedhof Öjendorf in der Planung ausgewiesen. 1957 begann die Umbettung von italienischen Kriegsopfern auf diese zentrale Ehrenanlage.


Massengrab an der Hubertusstraße in Schalke-Nord


Abb.2: Lage des Massengrabes an der Hubertusstraße in Schalke-Nord. Das Gelände südöstlich der "Glückauf-Kampfbahn" ist heute teilweise überbaut, die Straße "Hubertushof" wurde erst nach 1966 angelegt.


Südlicher Zugang zur 'Glückauf-Kampfbahn' Hubertusstraße in Schalke-Nord


Abb.3: Südlicher Zugang zur "Glückauf-Kampfbahn", rechts neben dem Torhäuschen, ca. 50 m in nördlicher Richtung befand sich das Sammelgrab.

Lageplan Lager an der Hubertusstraße in Schalke-Nord, heute

Abb.4: Transparente Überlagerung der heutige Straßenkarte mit dem Lageplan von 1943. Das ehemalige Lagergelände ist heute überbaut, das gesamte Areal ist Eigentum einer Baumarkt-Kette.

Lageplan Lager an der Hubertusstraße in Schalke-Nord, heute

Abb.5: Das ehemalige Lagergelände (Lager Hubertusstraße) im Oktober 2018. An die dort befindliche NS-Unrechtsstätte erinnert nichts mehr. Mehr als 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gilt es, auch in Gelsenkirchen die hier eingesetzten Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter vor dem völligen Vergessen zu bewahren.

Italienischen Zwangsarbeitern zum Gedenken
Entrechtet und eingesperrt im Kriegsgefangenen- und Zivilarbeiterlager Hubertusstraße, Ausgebeutet von Mannesmannröhren-Werke, Abteilung Grillo Funke
Tot 4. November 1944 in Gelsenkirchen

Adani, DanieleJg. 1924Bologna
Allecca, CiroJg. 1911St. Giovanni Vesuvio
Aliberi, LuigiJg. 1923Merignago
Ansaldi, PaoloJg. 1915Gidra-Hana Reguse
Basetti, OttavioJg. 1921Vezzani
Bertolano, EmergildoJg. 1923San Vitale
Bettini, BrunoJg. 1924Bagechia
Beratta, GuiseppeJg. 1908Romano
Beschini, AntonioJg. 1924Pisa
Bonolani, MarinoJg. 1923Vignate
Botti, GiovanniJg. 1924Almeno
Bolognini, GuiseppeJg. 1923Camballo
Cangemi, PasqualeJg. 1914Cosenza
Cavedo, AlberteJg. 1923San Urbano
Cermia, GiovanniJg. 1923Pubel
Cionetti, VittorioJg. 1911Biostignole
Cettini, GuiseppeJg. 1923Rebbio
Cudima, FrancescoJg. 1920Salemo
Damato, AronieoJg. 1922Potanza
Del Dreneo, PietroJg. 1924Arezzo
De Amici, AldoJg. 1923La Chiarella
Di Fulvio, AntonioJg. 1923Pescara
Di Felice, PerinoJg. 1924Loreto
Cagliano, CasranoJg. 1924Corteone
Cuadigni, SalvatoreJg. 1923Polagne
Innocenti, CregoriJg. 1923Subbiano
Landi, AntonioJg. 1922Prata Samita
Longhi, MartinoJg. 1923Bertoleno
Marchesini, WatterJg. 1923Budrio
Mattaseni, RenatoJg. 1924San Giovanni
Martinetti, AlbertoJg. 1923Milano
Marinelli, BatistaJg.1923Romano
Mattavelle, AmbrogioJg. 1923Bergamo
Magioni, RicardoJg. 1911Besano
Martini, IvoJg. 1915Gubbia San Sebastian
Mazacco, ElvinoJg. 1923Elice/Pescara
Marcato, GuiseppeJg. 1922Camposampiero
Nicoli, CiulioJg. 1923Bergamo
Oreioni, FeliceJg. 1907Isde Piano
Ortobinna, GuiseppeJg. 1924Caprino/Verona
Panato, SerafineJg. 1917Vestenova
Piguoli, DomenicoJg. 1923Picciano
Pradini, GuiseppeJg. 1923Colico
Prezzo, CarminoJg. 1924Cosenza
Reccia, MarioJg. 1924Verona
Bazzee, Aldo -- --
Sambucini, GuiseppeJg. 1913Sradisca
Sfondrini, GuiseppeJg. 1908Borgetto LLodi
Sicitiano, FranzJg. 1909Campomagiore
Soattin, AvoldoJg. 1923Saleto di Piare
Tadiolo, LuigiJg. 1914Ronea
Tamnasi, GiovanniJg. 1914Romagnuano
Toid, Agustino Jg. 1908Busto Arzizio
Vecca, FilippeJg. 1922Savona
Villa, ErnestoJg. 1922Besena

(Handschriftl. in die Kriegsgräberliste eingetragen, ohne fortlfd. Nummer, ohne weitere Angaben: Bazzee, Aldo)

Entrechtet und eingesperrt im Kriegsgefangenen- und Zivilarbeiterlager Küppersbuschstraße 18, Ausgebeutet von Küppersbusch & Söhne AG
Tot 4. November 1944 in Gelsenkirchen

Amadei, ElmoCarbone, RoccoCarrer, Emilio
Castaldini, ArnaldoCastrovilli, SavinoCavallino,Caetonio
De Agostini, AntonioDi Fatio, LuigiFerri, Augusto
Gravina, FrancescoGualandi, GinoLazzara, Primo
Lombardi, CarloLuzi, MarcolloMaccarone, Angelo
Mariuccini, AngeloMuffo, AlfonsoPassig, Luciano
Sambucini, GuiseppeTravo, GuiseppeVero, Ricardo

(Italienische Zivilarbeiter, jeweilige Berufsangabe "Bauer", für Passig, Luciano wird "Tischler" genannt.) [2]

Quellen:
[1] Am 4.11.1944 gab es zwei Tagesangriffe auf Gelsenkirchen, 11.52 Uhr und 19.41 Uhr, vgl. ISG, GE 37/519 (Anm.d. Verf.: USAAF, Mission point of impact (MPI): Gelsenberg Benzin AG). Die Stadtchronik hält fest, das auch die in unmittelbare gelegene Straße "Am Stadthafen" besonders schwer getroffen wurde [2] Stadtchronik Gelsenkirchen, 1944
Abbildungen
1: StA GE Werksakten Süd, XX-50 (Grillo Funke)
2: Digital Collections Online des ITS, Friedhofspläne, Stadtkreis Gelsenkirchen; Nordrhein-Westfalen 1.1.1945 - 31.12.1951; DE ITS 5.3.5 6.29
3: Repro Gelsenzentrum
4: ebda.
5: ebda.
Kriegsgräberlisten, StA GE 23/4
Tabelle: vgl. StA GE, Werksakten Süd, XI-158, in Roland Schlenker, "Ihre Arbeitskraft ist aufs schärfste anzuspannen"
Literatur:
Roland Schlenker, "Ihre Arbeitskraft ist aufs schärfste anzuspannen" Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterlager in Gelsenkirchen 1940-1945. Essen, März 2003
Martin Weinmann (Hgb.), Das nationalsozialistische Lagersystem, Frankfurt/Main, 1990

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Andreas Jordan, Oktober 2018

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