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Brief einer ehemaligen Zwangsarbeiterin

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Brief einer ehemaligen Zwangsarbeiterin aus der Ukraine - eine exemplarische Schilderung

Mahnmal für 884 russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf dem Friedhof Horst-Süd in Gelsenkirchen

9. Mai 2009 - GELSENZENTRUM gedenkt der 884 Russischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, denen auf dem Friedhof Horst-Süd ein Mahnmal gewidmet ist. Sie alle kamen unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Gelsenkirchen ums Leben.


Denkmal für 884 russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf dem Friedhof Horst-Süd

Bild: Denkmal für 884 russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Horst .

Auf Gelsenkirchener Friedhöfen sind etwa 3500 Zwangsarbeiter bestattet, 884 russischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen ist ein Mahnmal auf dem Friedhof Horst-Süd gewidmet. In Horst befanden sich auch die größten Zwangsarbeiterlager Gelsenkirchens, die Lager Brink- und Bruchstrasse.

Ein Mitglied des Vereins "Spurensuche - NS-Geschichte in Wuppertal e.V." schrieb an GELSENZENTRUM:
"(...) Der Briefausschnitt, den Sie erhielten, ist Teil einer Sammlung von Briefen ehem. ZwangsarbeiterInnen. Diese Sammlung entstand im Jahr 2000 als eine Projektgruppe in Wuppertal aus Anlaß der "Entschädigungsdebatte" sich vornahm, den Antragstellenden (ehem.ZwangsarbeiterInnen) aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion beim Nachweis ihrer Zwangsarbeit zu helfen. Im Laufe der ersten Monate erreichten uns ca. 250-300 Briefe aus der Ukraine, Belarus, Polen und Rußland. Über die Beschaffung des Nachweises hinaus entwickelten sich zum Teil sehr persönliche Kontakte und es gab auch in jedem Jahr bisher ein mehr oder weniger großes/kleines Besuchsprogramm. Inzwischen ist aus der Projektgruppe der Verein "Spurensuche - NS-Geschichte in Wuppertal e.V." geworden und die Anzahl der Kontakte auf fast 500 Kontakte angewachsen."

Der handschriftliche, in kyrillischer Schrift verfasste Brief läßt sich nicht einfach übersetzen, die Schreibweise der deutschen Übersetzung orientiert sich am vorliegenden Orginal:

"Ich, Mischtenko-Larikova, fahre fort meine Erinnerungen zu beschreiben, daran, wie wir in den Kriegsjahren als Versuchskaninchen auf das Überleben hin überprüft wurden, unter den Bedingungen, die uns Ostarbeitern von den Faschisten geschaffen wurden. Ich habe Ihnen bereits einen ersten Brief geschickt, ich habe geschrieben, dass ich nach Kraft und Möglichkeit weiterschreiben werde, nach meiner gesundheitlichen Verfassung.

1944 setzten die Massenbombardierungen auf Deutschland ein, zuerst flogen die amerikanischen Flugzeuge über Solingen hinweg tiefer nach Deutschland hinein und wir waren gezwungen uns jeden Abend von 9 Uhr an im Bunker zu verstecken bis zur Entwarnung. Aber dann ließen sie auch Solingen nicht aus, zwei Tage hintereinander bombardierten sie die Stadt, an einem Tag die eine Hälfte der Stadt in 18 Minuten, am nächsten Tag die andere Hälfte. Das war die wahre Hölle, wir krochen danach aus dem Bunker und erblickten das Ende der Welt, die Stadt brannte, verrückt gewordene Menschen rannten durch die brennende Stadt und suchten weinend nach ihren Angehörigen, und Bomben mit verlangsamter Wirkung setzten die Zerstörung fort, das war ein unbeschreibliches Spektakel.

Wir sahen dieses seltsame Spektakel und verzogen uns wieder in den Bunker, wir beschlossen, dass wir dort immerhin vor Splittern geschützt seien. Am Morgen kam der Vorsteher über das Kriegsgefangenenlager in den Bunker (das zusammen mit unserem Lager war [?]), sah in unsere verschreckten Gesichter und fragte: "Ist hier einer von den Küchenarbeitern?" Es wurde auf mich gezeigt und er sagte: "Man muss leben," er nahm zwei Männer und sie brachten mit seiner Hilfe Lebensmittel und ich begann eine Suppe zu kochen, Wasser nahmen wir aus dem Bassin und ich kochte Suppe. (Also, Strom bekamen wir nicht ohne gute Menschen, ich habe all die 55 Jahre immerzu seine Güte vor Augen.) Die Suppe war fertig, ich begann gerade mit dem Austeilen, als wieder ein Bombenangriff einsetzte, mit so einer Wucht, dass die Bunkertür herausflog.

Am nächsten Tag, als es sich beruhigt hatte, erfuhren wir, dass unser Fräulein Schmidt umgekommen war, dass wir hier von niemandem mehr gebraucht würden und wir gingen aus der Stadt hinaus irgendwo unsere Rettung zu suchen. Aber uns erwartete niemand und nirgends, wir versteckten uns in den Wäldern, wo wir tagsüber irgendwelche Kost aus den Dörfern auftrieben, so ging das etwa 3 Wochen, und nachts breiteten wir Tannenzweige aus (das war unser Bett), morgens standen wir auf und waren völlig durchgefroren (wir hatten leichte Kleidung dabei), morgens standen wir auf und machten au unseren vorübergehenden Betten ein Feuer und wärmten uns auf. Aber das ging nicht lange so weiter. (Denn es begannen Diebstähle, die Menschen hatten Hunger, begannen sich von Bauern was zu holen, Blechkannen mit Milch aus dem Bassin, kurz gesagt, alles, was an Essbarem erreichbar war.) Und da organisierten sich Trupps von deutschen Zivilisten um die Menschen, die ohne Existenzgrundlage von niemandem mehr gebraucht wurden, einzufangen.

Und unsere Gruppe aus sieben Personen entschied eines Sonntags auf der Suche nach Essen [...] auseinander zu gehen. Uns so gab es tagsüber immer Treibjagden und ich geriet in eine, das war so ein Dorf, an der alleroffensten Stelle, da war so eine Umzäunung [?], anscheinend vom Bauernhof für Vieh und sie war von den Zivildeutschen mit Hunden von allen vier Seiten bewacht und dahin jagten sie die Menschen, die sie in den Dörfern einfingen, und als ich allein und ohne meine Freunde dahingeriet, wusste ich nicht, was aus mir wird. Und was mich erwartet. Was mit mir los war [?], war zu sehen. Zu mir kam ein Junge und fragte mich: "Was sind Sie denn so traurig?"

Ich sagte ihm, dass wir 7 Personen waren, wir befanden uns in dem Wald (auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfs), und jetzt bin ich allein und weiß nicht, was aus mir werden soll. Er riet mir zu fliehen, aber ich bat ein unbekanntes Mädchen, dass sie mich unterstützen soll, wir gingen zu einem Begleitsoldat und baten ihn, er ging raus für sein Geschäft (und da war [s arajtschik]), wir gingen rein und ich sagte ihr: "Geh du zurück und ich laufe weg" und das tat ich, nach etwa 2 km fing der Wald an und ich rannte bis dahin, einmal sah ich mich um und verstand, dass der Soldat einen Hund hatte, aber er schaute und ging zurück und ich rannte weiter, als ich in den Wald hineinlief, fiel ich hin und [sapalilas’], ungefähr 5 Minuten lag ich da und dachte, dass ich meinen Weg fortsetzen muss, aber wohin?

Ich sah die Straße von dem Dorf (sie war menschenleer), aber ich sah, dass dort Patrouillen gingen, ich wartete einen Moment ab, die Patrouille ging vorüber und ich rannte über die Straße und ging in den Wald, in dem ich mich von meinen Freunden getrennt hatte, meine Freundin kam mir entgegen mit zwei Schwarzhemden (damals waren [naeschniki] in der deutschen Armee, die General Vlasov verraten hatte, und sie dienten den Deutschen), meine Freundin hatte sich ihnen vorgestellt, dass sie in dem Dorf bei einem Bauern arbeitet. Und mich nahm sie auf die Seite und sagte: "Da bei unseren Sachen sitzt eine Razzia [!] und sie warten, dass jemand hinkommt, wir werden sie erschießen [sie – uns?] (denn dort waren Milchkannen und Kartoffeln und unsere Sachen). Ich fragte: "Und wo sind unsere Jungs?" Sie sagte: "Da wird eine Kolonne getrieben [?], vielleicht ist da jemand."

Ich holte die Kolonne ein, die von einem Konvoi begleitet wurde, und sah dort meinen Freund Andrej, ich wurde fortgetrieben, aber ich sagte, dass ich bei einem Bauern arbeite, aber wir kamen gar nicht dazu uns mit einem Wort zu verplappern, als amerikanische Flugzeuge herangeflogen kamen, und der Konvoi verließ die Kolonne und alle rannten auseinander und ich traf meinen Freund wieder und wir waren schon zusammen, wir wurden noch ein paar Mal aus der Kolonne gedrängt [?], aber wir liefen schon nicht mehr weg, denn unterwegs rasteten wir und manchmal bekamen wir etwas zu essen. Und so wurde die Kolonne unterwegs immer dichter und sie wussten nicht, was sie mit uns machen sollten, und sie trieben uns in einen heruntergekommenen Schlachthof, da befasste sich niemand mit uns, wir beschafften uns nach Möglichkeit Nahrung.

Wir gruben alte Tierhäute aus, reinigten und kochten sie und ernährten uns davon, außerdem gingen die Jungs auf Beutezug und brachten das eine oder andere mit, und so ging es einen Tag über den anderen und die Kolonne wurde immer größer und in einer dieser Kolonnen trieben sie auch meine Freundin Tanja dazu und ihren Freund Volodja, unsere "Familie" war schon auf 12 Personen angewachsen. So hielten sie uns etwa 3 Wochen und nachts kam das Kommando, dass wir am nächsten Tag weitergetrieben würden, aber wohin?

Es kamen schon Gerüchte auf, dass die Kolonne irgendwo auf eine Brücke getrieben würde und gesprengt und die Menschen umkämen, denn sie wussten nicht, was sie mit uns tun sollten, wegen des Drahts [...] die Kriegsgefangenen, und das ist eine mächtige Kraft, es erreichten uns Gerüchte, dass Menschen vernichtet würden und Tunnel gesprengt, und überall, wo man es sich nur denken kann, werden Menschen vernichtet, kurz gesagt, die Erde erbebte vor bei lebendigem Leib umgekommenen Menschen.

Und so trieben sie uns wie Vieh und uns erwartete genauso ein Schicksal, wir wurden zu mehreren tausend auf irgendeinen Hügel getrieben (dort floss ein Fluss vorbei) und oberhalb vom Fluss war ein Staudamm und wir waren dem Tod geweiht, von allen Seiten umgab uns der Konvoi, alle hatten Hunger, sie stahlen sich gegenseitig die Koffer, aber da war außer Lumpen nichts Essbares (auf dem Hügel befanden sich alle Nationalitäten, Tschechen, Polen, Franzosen, Belgier usw.). Wenn jemand versuchte, unter dem Konvoi durchzuschlüpfen (da waren [burty] mit Roter Bete), so wurden sie sofort erschossen, und so waren wir da etwa sechs Tage, und am nächsten Tag kamen amerikanische Aufklärungspanzer und der Konvoi ließ uns zurück, sie liefen selbst weg. Aber morgens beschlossen wir der Front entgegenzugehen, gingen einige Kilometer, ein Dorf mit heraushängenden weißen Fahnen, und weiter noch ein Dorf, sie hatten ebenso kapituliert.

Wir gingen weiter und kamen nach Soest, da lebt die Stadt ihr Leben, die Läden haben auf, wir gingen in einen Laden und baten um Essen, man antwortet uns, dass alles auf Marken ist, wir sind hungrig und dem Tod geweiht (durch ein Wunder überlebten wir), wir gingen zum Durchbruch [na prolom? – machten einen Einbruch?], nahmen vom Ladentisch alles, was es Essbares gab, und die Deutschen sahen, dass da eine gewaltige Kraft die Stadt überrollt hatte, ein hungriges Tier hält man nicht auf, und wir verließen die Stadt. Aber in der empfing man bereits die amerikanischen Soldaten, aber [wir/sie?] gingen einfach ungezwungen.

Sehr geehrte Suchergruppe, ich werde Ihnen weiterschreiben, in meiner Erinnerung ist alles hell, als ob es gestern gewesen wäre. Aber in diesem Monat schreibe ich Ihnen den zweiten Brief und für mich ist das mit großen Kosten verbunden, jeden Brief abschicken kostet 5 Grivna, und bei meiner Rente macht sich das bemerkbar, ich werde Ihnen wenigstens einmal im Monat schreiben".
Hochachtungsvoll

Zweiter Brief; Anastasija Ivanovna, Ukraine.

Dieser Brief wurde uns freundlicherweise vom Verein "Spurensuche - NS-Geschichte in Wuppertal e.V." zur Verfügung gestellt.


Andreas Jordan, September 2008

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