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Gelsenkirchener Schulen unterm Hakenkreuz

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Das Adolf-Hitler-Gymnasium in Schalke

Adolf-Hitler-Gymnasium in Gelsenkirchen-Schalke

Adolf-Hitler-Gymnasium in Gelsenkirchen-Schalke

Das Gymnasium blickt auf eine lange Geschichte zurück, die 57 Jahre vor der Machtübergabe an die Nazis 1933 begann. Das Schalker Gynasium wurde direkt nach der Machtübergabe an die Nazis Anfang 1933 in "Adolf-Hitler-Gymnasium" umbenannt, die Namensgebung wirkte sich auch auf den Schulalltag aus. Der so genannte "Hitlergruß" in der Schule wurde Pflicht, in jedem Klassenraum mußte ein Bild des "Führers" angebracht werden. Darüber hinaus wurde der Gymnasialturnverein und der Schülerruderverein 1934 in die HJ (Hitlerjugend) eingegliedert.

Regimekritische Lehrer wurden beurlaubt oder strafversetzt, jüdischen Schüler hatten unter Repressionen zu leiden, ehe sie die Schule ganz verlassen mussten. In der Folgezeit finden an der Schule nationalpolitische Lehrgänge statt, in denen vor allem die "nationalsozialistische Weltanschauung" im Mittelpunkt steht. Der Religionsunterricht wird stark eingeschränkt, Boxen wird Pflichtunterricht im Fach Sport. Das Fach "Rassekunde" wird eingeführt. 1943 beginnt an der Schule die so genannte "Kinderlandverschickung". Die unteren Klassen werden nach Bayern in ein KLV-Lager am Schliersee "verschickt", um sie so vor den Bombenangriffen auf die Städte in Sicherheit zu bringen.

Das teilweise zerstörte Gymnasium Ende 1944

Das teilweise zerstörte Gymnasium Ende 1944

Die übrigen Schüler erhalten weiter Unterricht, die 15- bis 17-jährigen Schüler der Jahrgänge 1926 bis 1928 müssen aber ab Februar 1943 Dienst als Luftwaffenhelfer (so die offizielle Bezeichnung, im Volksmund wurden sie Flakhelfer genannt) tun. Teilweise findet der Unterricht auch direkt in den Flak-Stellungen statt. In den letzten beiden Kriegsjahren findet ein geregelter Unterricht kaum noch statt, auch werden immer mehr Lehrer zum Kriegsdienst einberufen.

Im Winter war die Schule wegen Brennstoffmangel teilweise nicht beheizt, was ebenfalls zu Unterrichtsausfall führte. Am 4. November 1944 wurde der Südflügel des Gymnasiums zerstört, damit auch die Bibliothek, das Arbeitszimmer des Direktors und das Schularchiv. Am 6. November 1944 und am 21. Januar 1945 wurde das Schulgebäude bei Bombenangriffen der Alliierten massiv beschädigt, am 21. Januar 1945 wird auch das Wohnhaus des Schuldirektors an der Kaiserstrasse völlig zerstört.

Die Turnhalle des Gymnasiums an der Schalker Strasse wurde nach dem Großangriff vom 6. November als Leichenhalle umfunktioniert, um die Bomben-Toten des 6. November 1944, die abgerissenen Körperteile und verbrannten Fleischklumpen, die mal Menschen waren, vorrübergehend dort abzulegen. (1) Die wenigen nicht zerstörten Räume im Schulgebäude werden als Wohnersatz für Ausgebombte (Fliegergeschädigte) genutzt.

Die Rückseite der im Krieg zerstörten

Die Rückseite der im Krieg zerstörten "Schalker Penne" kurz vor dem Abriss 1956. Im Vordergrund Fragmente von Säulen des alten Schulgebäudes

Am 11. März 1946 fand die Neueröffnung und Wiederaufnahme des - zunächst eingeschränkten - Lehrbetriebes an der Hammerschmidtstraße (heutiges Gauß-Gymnasium) statt. Vorrübergehend wird Dr. Roltsch Schulleiter, der langjährige Direktor Dr. Schönauer, er leitete die Schule bereits seit 1927, wurde von der britischen Militärregierung wegen seiner Verstrickungen mit dem Nazi-Regime aus dem Amt entfernt. Offiziell geht er im März 1946 in den "Ruhestand". Im Oktober 1946 werden die ersten Reifeprüfungen nach dem Krieg abgelegt. 1955 erhält die "Schule ohne Namen", die zunächst nach 1945 hilfsweise "Schalker Penne" genannt wurde, offiziell wieder den Namen "Schalker Gymnasium". Im Herbst 1956 wird das alte Schulgebäude endgültig abgerissen, Bruchstücke der Säulen des alten Portals werden erhalten.

Fragment einer der Säulen des alten Schulgebäudes, daneben eine Tafel zur Erinnerung an die

Fragment einer der Säulen des alten Schulgebäudes, daneben eine Tafel zur Erinnerung an die "Gefallenen des Schalker Gynasiums 1914-18 und 1939-45"

Im September 1964 wird dann Richtfest für den Schulneubau an der Liboriusstrasse auf der so genannten "Kuhwiese" gefeiert, im April 1966 wird der Neubau bezogen. Heute sind Bruchstücke dieser Säulen des alten Gymnasiums im Schulgebäude an der Liboriusstrasse baulich integriert. Sie erinnern an das alte Schalker Gymnasium, aber auch an eine dunkle Zeit, als das alte Gymnasium nach dem Diktator und Massenmörder Adolf Hitler benannt war. An die von den Nazis verfolgten Schüler und Lehrer an dieser Schule wurde bisher nicht erinnert.

Die Namensgebung

Das Gymnasium in Schalke trug während seiner Geschichte verschiedene Namen: ab 1876 "Höhere Bürgerschule", ab 1882 " Realprogymnasium", ab 1884 "Realgymnasium", ab 1898 "Humanistisches Gymnasium", ab 1903 "Gymnasium Gelsenkirchen", ab 1933 "Adolf-Hitler-Gymnasium Gelsenkirchen", ab 1946 inoffiziell "Schalker Penne", ab 1955 "Schalker Gymnasium".

"In den letzten drei Monaten haben wir in einem in der deutschen Geschichte unerhörten Ausmaß und unerhörten Tempo die politische Macht im Reich erobert und gegen gewaltsame Umsturzversuche weitgehendst gesichert. Jetzt stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, auf lange Sicht diese Macht auch innerlich derart zu festigen, dass in aller Zukunft ein Rückfall in die Fehler der Vergangenheit unmöglich wird. Dazu muss die Grundlage in der Erziehung unseres Volkes geschaffen werden. Sie legt den Grundstein für Jahrhunderte. Ihre Aufgabe ist es, die Volksgenossen schon vom frühesten Lebensalter an so zu erfüllen mit dem, was der Sinn unseres Volkstums und der ganzen Nation ist, dass die einmal gewonnene Erkenntnis in Fleisch und Blut übergeht und auf Generationen hinaus durch nichts mehr zerstört werden kann. (...) Die nationale Revolution gibt der deutschen Schule und ihrer Erziehungsaufgabe ein neues Gesetz: Die deutsche Schule hat den politischen Menschen zu bilden, der in allem Denken und Handeln dienend und opfernd in seinem Volke wurzelt und der Geschichte und dem Schicksal seines Staates ganz und unabtrennbar zu innerst verbunden ist." (2)

Die Ausführungen des Reichsinnenministers Frick vor den Kultusministern der Länder am 9. Mai 1933 machen deutlich, dass von nun an das Hauptziel der Erziehung die totale Ausrichtung auf die nationalsozialistische Ideologie und die absolute Identifikation mit derselben ist. Zur Umsetzung dieses Ziels an den Schulen des "Dritten Reiches" brauchte es Männer wie Johannes Schönauer.

Der Schulalltag nach der Machtübergabe

Die Umbennenung in "Adolf-Hitler-Gymnasium" des Gymnasiums im Ortsteil Schalke war nicht nur ein formaler Akt, sondern auch eine Verpflichtung an die NS-Ideologie und nahm massiv Einfluss auf den Geist und auf das Selbstverständnis der Schule. Die Fragestellung, ob die Umbenennung zu einem sehr frühen Zeitpunkt ein Beschluss des Stadtrates zugrunde liegt oder nicht, ist für die Betrachtung der Veränderungen innerhalb der Schule eher von untergeordneter Relevanz. So begann das Schuljahr 1933/34 mit einer "feierlichen Flaggenparade" gefolgt von der Ansprache des Schulleiters Schönauer und nicht mehr, wie im Jahr zuvor mit einem Gottesdienst.

Der Ablauf des Schuljahres war nun von Feierlichkeiten zu den nationalsozialistischen "Feiertagen", wie zum Beispiel "Hitlers Geburtstag" (20. April), dem "Tag der deutschen Arbeit" (1. Mai), dem "Tag der Machtergreifung" (30. Januar) oder dem "Heldengedenktag" (ab 1939 am 16. März) und dem "Jahrestag des Hitlerputsches" (9. November) bestimmt. Der Unterricht in praktisch allen Fächern wurde auf die nationalsozialistische Ideologie ausgerichtet. Manch einer der Lehrer unterrichtete nun in Uniform, von einem Turnlehrer ist überliefert, das er zeitweilig in SS-Uniform unterrichtete.

Die Anzahl der außerschulischen Veranstaltungen wuchs erheblich, dies zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die jährliche "Chronik der Anstalt". Kam man 1932/33 noch mit knapp zwei DIN A4 Seiten aus, um die Ereignisse des Schuljahres festzuhalten, so brauchte man in den folgenden Jahren etwa fünf Seiten, um die "Chronik der Anstalt" zu Papier zu bringen. Ähnliches gilt auch für den Bericht über den "Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) (3), dem nun auch mehr als doppelt soviel Raum gewidmet wird. Wichtige Ereignisse aus der Geschichte der NSDAP bzw. aus dem Leben Hitlers, aktuelle Entwicklungen und politische Entscheidungen wurden den Schülern und dem Kollegium durch Gedenkfeiern, Radioübertragungen, Vorträge, Kinobesuche u.a.m. aus der entsprechenden Perspektive nahegebracht.

So fand am 18. Januar 1934 einmalig eine Reichsgründungsfeier statt, dabei wurde "der Wiederkehr der Amtsübernahme durch den Herrn Reichskanzler gedacht." Jährlich jedoch stand am 30. Januar eine Gedenkfeier auf dem Programm, um die "Machtübergabe" zu feiern. Dementsprechend mussten an dieser Feier sämtliche Schüler und Lehrer teilnehmen. Zur Feier im Januar 1937 hatten sämtliche Schüler in Uniform zu erscheinen. Schüler und Lehrer wurden wiederholt bei Wohltätigkeitsveranstaltungen eingespannt, deren Erlöse der NS-Volkswohlfahrt (4), dem VDA und ähnlichen Organisationen zu Gute kamen. Direktor Schönauer war Mitlied dieser NS-Organisationen, so ist davon auszugehen, dass er hierbei entsprechend auf Schüler und Lehrer eingewirkt hat.

Auch mussten die Schüler häufig Vorführungen von NS-Propagandafilmen besuchen, so zum Beispiel "SA-Mann Brand" - einer der ersten "Staatsauftragsfilme" der NSDAP, "Hitlerjunge Quex" - ein Werbefilm für die HJ und die nationalsozialistische Ideologie (beide im Oktober 1933) und "Triumpf des Willens" von Leni Riefenstahl im Juli 1935. Alle drei Filme stellen die NSDAP und ihre Organisationen in den Mittelpunkt.

Regelmäßig wurden auch Propaganda-Ausstellungen verschiedenster Art in den Ausstellungshallen am Wildenbruchplatz besucht. Auch sogenanntes germanisches Brauchtum wird gefeiert. So nimmt am 28. Juni 1933 die Schule geschlossen an einer Sommersonnenwendfeier am Berger See teil. Auch sollten die Schüler für die "fliegerische Tätigkeit" gewonnen werden. Am 15. Januar 1935 hieß es: "Da die fliegerische Ausbildung der Jugend eine der Hauptforderungen des Dritten Reichs ist, müssen alle Schüler zu dem Vortrag erscheinen." Die Nazis brauchten den Nachwuchs für die im Aufbau befindliche Luftwaffe. Selbst der Modelbau im Werkunterricht hatte "wehrtechnische Ziele".

Aber auch im Unterricht selbst ergaben sich entscheidende Veränderungen. Zwar wurde der bisherige Stoffplan im groben beibehalten, vieles wird jedoch in zunehmenden Maße zu gunsten nationalsozialistischen Gedankenguts gestrichen. So liest man etwa 1934/35 in der Unterprima des realgymnasialen Zweigs Werke von Arthur de Gobineau ("Theorie der arischen Herrenrasse", Gobineau-Übersetzer war Rassetheoretiker Karl Ludwig Schemann, verstorben 1938) und behandelt in der Untersekunda des realgymnasialen Zweiges "Blut und Boden. Eine Auswahl zeitgenössischer Volksdeutscher Prosadichtung". Hitlers "Mein Kampf" wird herangezogen, um Fragestellungen in Erdkunde und Geschichte zu bearbeiten, etwa bei dem Thema "Unser Kampf um die Saar". (5)

Gleiches spiegelt sich auch in den Themen für die Klassenarbeiten. In der Obertertia erörtert man die Frage "Was sagt mir die Rede des Führers zum 1. Mai 1934?", bedenkt den "Sinn und Zweck des Eintopfsonntages" - am Eintopfsonntag sollte dem "Winterhilfswerk" der NS-Volkswohlfahrt 50 Pfennig gespendet werden. (Die Differenz zwischen den Kosten für das sonst übliche Sonntagsessen und dem für Eintopf nötigen Aufwand, "von Oben" generell mit 50 Pfennig veranschlagt). In der Unterprima äußern sich die Schüler zu "Die Deutschen sollen ein Volk von Fliegern werden. Wie ist diese Mahnung Görings aufzufassen? Was verlangt sie von mir?" Insgesamt lässt sich feststellen, dass Themen und Material in besonderem Maße um das Thema Krieg und militärische Ausbildung kreisen. So wird z.B. in der Untertertia ein Klassenaufsatz zum Thema: "Feindliche Flieger - Verdunklungsübung in Gelsenkirchen" verfasst. (6)

Ab dem Schuljahr 1935/36 geben in zahlreichen Klassen verschiedene Fächer (Griechisch, Englisch und Mathematik) eine Stunde an das Fach Biologie ab. Erstmalig findet in diesem Schuljahr eine Arbeitsgemeinschaft für "Rassenkunde" statt. Das Fach Biologie beinhaltet nun auch die Familienkunde, die "Rassenkunde und Rassenpflege" in Verbindung mit der Bevölkerungspolitik. Das Fach Familienkunde sollte dazu beitragen, das "Rassenbewußtsein" und den Familiensinn der Schüler zu stärken, in dem "Sippschaftstafeln" und Stammbäume von der jeweiligen Familie der Schüler angefertigt werden mussten. Zur Durchführung des "Staatsjugendtages" muss das Fach Zeichnen eine Stunde abgeben. In diesen Jahren zeichnet sich bereits eine inhaltliche Verflachung des Unterrichts ab, diese Entwicklung setzte sich entsprechend bis Kriegsende fort. (7)

Auszug aus einer Berurteilung des Schülers Hans Storm durch seinen Klassenlehrer:

"Seit dem Umbruch sind seine Leistungen auf geistigem Gebiete (...) bedeutend zurückgegangen, verständlich, wenn man an die Folgen denkt, die die Rassegesetzgebung für ihn hatte und haben wird (...) Auf eine Formel gebracht: das artverschiedene Blut, das in seinen Adern kreist, hat eine Zwiespältigkeit seines Wesens im Gefolge."

Der Schuldirektor Dr. Johannes Schönauer

Johannes Schönauer, Jg. 1889, wird am 10. September 1918 nach seinem Studium, dessen Abschluss sich durch den Miliärdienst verzögerte, Anstellungsfähigkeit zuerkannt. Danach war er an einem Gymnasium in Recklinghausen tätig. Er bewirbt sich zwischen 1924 und 1927 bei verschiedenen Lehranstalten, erst die 6. Bewerbung am Gymnasium in Gelsenkirchen (dem späteren "Adolf-Hitler-Gymnsium") hat Erfolg. Am 10. September 1927 nimmt Schönauer im Alter von 38 Jahren die Arbeit als Direktor am Schalker Gymnasium auf. Er leitete das Gymnasium bis zu seiner Amtsenthebung im Januar 1946. Schönauer hat den Weg des "guten Nationalsozialisten" schon früh beschritten. Seit der Machtübergabe war er sehr bestrebt, mit der NS-Führung konform zu gehen.

Im Juni 1935 ist am Adolf-Hitler-Gymnasium die Stelle eines Oberstudiendirektors zu besetzen, die Schönauer einnehmen soll. Die Gauleitung der NSDAP Westfalen-Nord wird vom Provinzialschulkollegium um Einverständnis zur Ernennung Schönauers gebeten. Der entsprechenden Akte ist zu entnehmen, das die Gauleitung ihr Einverständnis am 28. Oktober 1935 mitteilte. In gleicher Sache wird am 29. November 1935 die Bestätigung zur Berufung auf die o.g. Stelle beim Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung erbeten. Dafür muß ein umfangreicher Fragebogen beantwortet werden. Unter anderem wird auch ein "Nachweis arischer Abstammung" verlangt, die Frage nach Parteizugehörigkeit und Mitgliedschaft in nationasozialistischen Organisationen wird gestellt. Aus dem von Schönhauer ausgefüllten Fragebogen geht hervor, dass er, Schönauer, ab 1. Juli 1933 u.a. Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), Ortsgruppe Schalke (8), bei der NS-Volkswohlfahrt, im Beirat der NS-Fliegerortsgruppe (9), der NS-Kulturgemeinde (10), Amtsträger des Reichsluftschutzbundes (11), Mitglied des VDA und der deutschen Kolonialgesellschaft (12) war. Diese Angaben sind amtlich bescheinigt, und so bestätigt das Ministerium und Schönhauer erhält die Bestallungsurkunde.

Zum Zeitpunkt seiner Ernennung zum Oberstudienrat 1935 war Schönauer noch kein Mitglied der NSDAP. Die Annahme, das Schönauer aus persönlichen Motiven erst "spät" der NSDAP beigetreten ist - wie in der "Festschrift des Schalker Gymnasiums 2001" angegeben wird - ist nicht haltbar. Die NSDAP hatte zur "Reinhaltung der Partei" eine Mitgliedersperre von 1933-1937 verhängt. Als Aufnahmedatum für Parteianwärter wurde einheitlich der 1. 05. 1937 - unabhängig vom Antragsdatum - festgelegt. Dieses Datum findet sich auch in Schönauers Akte.

Ihren Anspruch, nur eine "Auslese des Volkes" aufzunehmen – nicht einmal alle Angehörigen der SS oder gar der SA hatte man im Blick –, demonstrierte die Reichsleitung der NSDAP durch Festhalten an der allgemeinen Mitgliedersperre bis zum 1. Mai 1939. Zu "Führers" Geburtstag am 20. April 1937 wurde die Vorschrift allerdings gelockert. Nun konnte zur Aufnahme vorgeschlagen werden, wer sich als "Zellenleiter", als "Blockhelfer" oder sonst auf unterer Ebene im Sinne der Partei bereits nützlich gemacht oder einer ihrer Gliederungen für mehr als zwei Jahre angehört hatte. (13) Zur unteren Ebene gehörten auch die "Amtsträger im Reichsluftschutzbund (RLB)" - Schönauer war u.a auch Amtsträger im RLB.

Am 4. November 1938 übersandte Schönauer dem Oberschulrat die "(...) gewünschte Erklärung" (...), bezugnehmend auf eine Unterredung mit diesem am 3. November 1938, der die Bescheinigung des Ortsgruppenleiters (14) folgte, dass Schönauer "nicht nur berechtigt, sondern auf Anordnung des Ortsgruppenleiters sogar verpflichtet ist, das Parteiabzeichen zu tragen". Die Annordung, das Parteiabzeichen zu tragen, konnte natürlich nur für Parteimitglieder gelten. So heißt es in den Bestimmungen der NSDAP: "Das tragen des Parteiabzeichens ist eine Ehre und eine Plicht eines jeden Parteigenossen, nur Leistung, die täglich neu errungen wird, berechtigt, das Parteiabzeichen mit Stolz zu tragen." (15)

Von Oberbürgermeister Gelsenkirchens, Carl Engelbert Böhmer, einem fanatischen Nazi, wird Schönauer am 4. Juni 1938 für die Verleihung des "Treudienst-Ehrenzeichen 2. Stufe für 25jährige Dienstzeit" vorgeschlagen. Es findet sich keine Bestätigung dafür, das eine Verleihung an Schönhauer tatsächlich stattgefunden hat. Schönauer wird am 3. Mai 1918 Anstellungsfähigkeit zuerkannt. Für die Verleihung war die Dauer der Dienstzeit maßgebend, somit wären 25 Dienstjahre erst 1943 erreicht gewesen. Die Verleihungen der Treudienst-Ehrenzeichen wurden jedoch auf Grund der Kriegsentwicklung am 25. Februar 1942 eingestellt und sollten "nach Kriegsende" wieder aufgenommen werden. (16) Während des 2. Weltkrieges wird Schönauer auf einen für ihn gestellten Antrag UK (Unabkömmlich) gestellt, da er "als Leiter der Anstalt und zur Aufrechterhaltung eines geregelten Unterrichts dringend benötigt" wird.

Der Zeitzeuge Joseph P. Krause

Der Zeitzeuge Joseph P. Krause, gebürtig aus Gelsenkirchen-Schalke, erzählt:

"Nach dem schweren Bombenangriff am 6. November 1944 wurde auch das Wohnhaus des Schuldirektors Schönauer an der Kaiserstrasse durch eine Brandbombe beschädigt, war aber noch bewohnbar und war erster Unterschlupf der Familien Kassner und Krause nach mehreren Nächten in den Trümmern. Dort wurde meine Mutter Mathilde Krause von Schönauer als "Weib mit der Judenfresse" beschimpft und fälschlicherweise der Plünderung bezichtigt. Mutter wurde vor Ort von der Gestapo verhaftet, auf Plünderung stand die Todesstrafe. Schließlich stellte sich jedoch ihre Unschuld heraus. Ihre handschriftlichen Niederschriften, die meine Mutter im Gewahrsam der Gestapo fertigte, besitze ich noch heute. Es stellte sich heraus, daß sich die angeblich von ihr geplünderten Kleidungsstücke bei einer aus Schalke evakuierten Familie in Ostwestfalen befanden.

Bei dem Bombenangriff vom 4. November 1944 war der Südflügel des Gymnasiums zerstört worden, darunter auch die Bibliothek und das Schularchiv. Wahrscheinlich sind dabei auch meine Personalunterlagen mit meinen Zeugnissen vom Staatlichen Gymnasium Elbing (Athenaeum Elbingense) vernichtet worden. Ich war von Direktor Schönauer persönlich nach meiner Rückkehr aus Elbing registriert worden. Die Teilnahme am Unterricht blieb mir indessen versagt. Das Wohnhaus des Direktors wurde am 21. Januar 1945 bei einem Bombenangriff vollends zerstört."

In seinem Buch "J'accuse" schreibt Joseph P. Krause:

" (...) Ich klage an im Namen meiner Mutter Mathilde Krause, geborene Gerigk, meiner liebsten Mamuschka, die zehn Kinder zur Welt gebracht hat und als "Weib mit der Judenfresse" von dem Nationalsozialisten Oberstudiendirektor Schönauer vom Adolf-Hitler-Gymnasium in Gelsenkirchen-Schalke (Westfalen) im 42. Jahr ihres unendlich arbeitsreichen Lebens bei der Hitlerschen Gestapo denunziert wurde."

(...) Schließlich aber ist meine eigene Mutter, Mathilde Krause, geborene Gerigk, in diesen staatspolizeilichen Folterkammern gequält, mißhandelt worden. Hier hatte man ihre Frauenwürde, ihre Mutterschaft, ihre Menschendignität mißachtet, zertreten. Hier versuchte man, einer grundehrlichen Frau, die man als "Weib mit der Judenfresse" anspie, das Geständnis zu erpressen, sie habe geplündert, sie sei dem deutschen Volk während seines heroischen Kampfes heimtückisch in den Rücken gefallen, indem sie an der Heimatfront ein todeswürdiges Verbrechen begangen hatte! (...) Diese Steine haben die großen Schweiger der Hitlerzeit erlebt, deren stummer Mund unendlich viel erzählt. Und sie sahen auf die Schwätzer herab, auf die Mitläufer, auf die Parteigenossen, die kleinen und großen Nazis vom Schlage des Oberstudiendirektors Schönauer vom Adolf-Hitler-Gymnasium in Gelsenkirchen-Schalke, des parteiamtlichen Schmutzfinken, der aus niederen Instinkten meine Mutter bei der Gestapo denunzierte und der in feiger Furcht, in memmenhafter Angst vor feindlichen Bomben und Luftminen, vor Bränden und vor Leichenbergen "aufs Land" flüchtete. (17)

Nach Kriegsende spricht sich der Lehrer Dr. Otto Roltsch, der ebenfalls am "Adolf-Hitler-Gymnasium" in Schalke beschäftigt war, bei der britischen Militärregierung für Schönauer aus. Roltsch führt u.a. aus, dass Schönauer im Herzen stets "Antifaschist und Humanist gewesen sei, der den Nazis distanziert gegenüber gestanden habe". Das darf bezweifelt werden, betrachtet man Schönauers Karriere und seine Mitgliedschaft in der NSDAP und den verschiedenen NS-Organisationen.

Bei Fragen im Rahmen seiner Entnazifizierung (18) macht Schönauer widersprüchliche Angaben, so behauptet er, niemals Mitglied im VDA gewesen zu sein. Das Eintrittsjahr in den Nationalsozialistischen Lehrerbund gibt er nun mit 1934 an, anstatt das tatsächliche Eintrittsdatum 1933 zu nennen. Am 29. Januar 1946 bestätigt Schönauer schriftlich seine Amtsenthebung als Leiter des Gymnasiums in Schalke. Daraufhin bittet er dann am 15. Februar 1946 um die Versetzung in den Ruhestand. Dem wird am 13. März 1946 stattgegeben, und so geht Direktor Johannes Schönauer im Alter von 57 Jahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger als Schulleiter wird an der wiedereröffneten "Schalker Penne" Dr. Otto Rolsch. Friedrich Nagel wird dann am 1. April 1948 der neue Direktor des "Schalker Gymnasiums".

Der Lehrer Heinrich Schnee

Heinrich Schnee verbrachte einen Großteil seines Lebens (1895-1968) im westfälischen Gelsenkirchen. Von 1932 bis 1945 war er am "Adolf-Hitler-Gymnasium" in Schalke beschäftigt, er war im "Dritten Reich" NSDAP-Mitglied und Blockleiter im Reichsluftschutzbund.

(...) Nach vorübergehenden Beschäftigungsverhältnissen in Hüls (1926 zu Marl), Ahlen und an einem Gelsenkirchener Realgymnasium wechselte er im April 1932 an das "Schalker Gymnasium" im gleichnamigen Gelsenkirchener Stadtteil. An dieser 1933 zum "Adolf-Hitler-Gymnasium" umbenannten Schule sollte er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lehren. Von 1929 bis zu seiner Absetzung 1939 fungierte er zudem als Fachleiter am Gelsenkirchener Bezirksseminar und von 1931 bis 1933 auch als Dozent am "Deutschen Institut für Wissenschaftliche Pädagogik" in Münster. Nach dem Krieg, dem er abermals mit Hilfe ärztlicher Atteste und einer Unabkömmlichkeitserklärung entging, fand er zunächst eine Anstellung an einer Mädchenschule in Bochum, ab 1953 wiederum an einem Gelsenkirchener Gymnasium (Max-Planck-Gymnasium in Buer). Drei Jahre nach seiner späten Heirat 1956 ließ er sich im Oktober 1959 aus gesundheitlichen Gründen vom Dienst entpflichten. (...)

Schnee gab sich mit seinen zahlreichen großdeutsch orientierten Schriften als ein Vertreter des konservativen bzw. Rechtskatholizismus zu erkennen. Angetrieben war er hierbei von einer tief verinnerlichten Ablehnung des parlamentarischen Systems und generell den Erscheinungsformen der ihm fremd gebliebenen kulturellen Moderne. Beredten Ausdruck seiner kulturpessimistischen Haltung gab er beispielsweise in seinem 1934 erschienenen Buch "Deutsche Geschichte von Bismarck bis Hitler", worin er sich stellenweise in eine Verächtlichkeit verstieg, die mehr als Untertöne des nationalsozialistischen Rassenhasses zu vernehmen ließ, klagte er doch hier über "Expressionismus und Dadaismus", "Kulturbolschewismus", "Negerplastiken" und "Niggermusik". Diese Wahrnehmungen ordnete er in das Szenario einer "sittlichen Fäulnis" ein, der "Zentrum und altbürgerliche Parteien" - Schnee war von 1924 bis zu deren Zwangsauflösung 1933 selbst Mitglied der katholischen "Deutschen Zentrumspartei" gewesen - allein nicht Einhalt gebieten konnten. In dieser Logik belobigte Schnee die "Wiedergeburt Deutschlands" unter dem Nationalsozialismus bzw. unter Hitler und befürwortete hier wie anderswo die Nürnberger Gesetze (September 1935). Im letzten Kapitel "Katholisches Christentum und Nationalsozialismus" des genannten Titels nahm er erneut einen Brückenschlag zwischen Nationalsozialismus und Christentum vor und forderte die Verwirklichung eines christlichen Volksstaats.

1936 veröffentlichte Schnee unter Pseudonym sein Buch "Rasse und Geschichte. Grundzüge einer rassewertenden Geschichtsbetrachtung von der Urzeit bis zur Gegenwart", an dem er nach eigener Aussage vier Jahre (also schon vor 1933) gearbeitet hatte. Schnee erwies sich hier als Kenner aller kursierenden Rassentheorien und -typologien und forderte abermals eine Trennung der "Rassen" voneinander. Besonderen Wert legte er in Veröffentlichungen noch bis in die 1950er Jahre darauf, Rassenfragen auch zum Gegenstand des Schulunterrichts zu machen, so in seinem "Geschichtsunterricht im völkischen Nationalstaat" (in der ersten Auflage schon 1933). (...) Wegen seines christlichen Bekenntnis konnte er erst 1938 der NSDAP beitreten (Mitgliedsnummer: 5430829). Wegen der Nichtbeachtung, teilweise auch der Unterdrückung seiner Schriften wandte er sich im März 1939 sogar persönlich an den "Reichsleiter" Alfred Rosenberg (1893-1946) mit der Bitte um ein "Machtwort" zu seinen Gunsten - und wurde lapidar abgewiesen. Schnee hatte sich somit 1933 geradlinig auf nationalsozialistischen Kurs begeben, ohne damit die Anerkennung zu finden, zu der ihn sein Geltungsbedürfnis trieb. Seine Verbitterung darüber setzte sich 1945 fort: Schnee wurde auf Bewegen von Mitarbeitern der Gelsenkirchener Stadtverwaltung und der Schulbehörde in Münster als "Mitläufer" des Nationalsozialismus diskreditiert und auch formell klassifiziert. Obwohl er weitere Vertretungsanstellungen an Schulen fand und schließlich wie zahllose Gesinnungsgenossen als "unbelastet" rehabilitiert wurde, sah er seine Entnazifizierungsverfahren als persönliche Katastrophe und seine "Zukunft vernichtet". (...) (19)

Der Lehrer Gottfried Durstewitz

Auf Betreiben von Schuldirektor Schönauer erhielt der katholische Priester und Studienrat Gottfried Durstewitz aus dem Eichsfeld wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem NS-Regime ab dem 1. Mai 1939 striktes Unterrichtsverbot für die Klassen 5 bis 8 am Schalker "Adolf-Hitler-Gymnasium". Am 1. September 1943 entzog ihm die vorgesetzte Schulbehörde die Unterrichtserlaubnis. Durstewitz verließ Schalke am 1. Juni 1944 und ließ sich später in Rüthen nieder, wo er nach dem Krieg 25 Jahre am Gymnasium Rüthen-Möhne wirkte. Gottfried Durstewitz starb 1975. Am 12. Februar 2010 fand ein kath. Gottesdienst im DRK Altenheim in Borgholzhausen-Brincke statt. In der Heiligen Messe wurde an den verstorbenen Prälat Gottfried Durstewitz erinnert. (20)

Die Lehrer Walter Schröder und Dr. Hans Fluck

Schröder wird zum 30. Juni 1937, Fluck am 1. April 1936 an das "Adolf-Hitler-Gymnasium" Gelsenkirchen strafversetzt. Beide waren vorher Schulleiter an anderen Schulen. Dieses Vorgehen war durchaus gängige Praxis im Umgang mit "regimekritischen" bzw. "auffälligen" Lehrern. Der Schulleiter des Pestalozzi-Gymnasiums Herne wurde beispielsweise an das "Adolf-Hitler-Gymnasium"in Dortmund strafversetzt.

In der Personalakte Schröders findet sich ein Schreiben der NSDAP Wetter vom 15. Juni 1933 an den "Staatlichen Untersuchungsausschuss beim Oberpräsidenten der Provinz Westfalen", darin heißt es:

"Infolge ... der nicht sicheren politischen Haltung des Lehrerkollegiums der Realschule muss die NSDAP im staatspolitischen Interesse darauf dringen, dass der verantwortliche Leiter politisch nicht nur durchaus zuverlässig ist, sondern auch die nationale Erhebung unter Schülern und Lehrern gern und wirklich positiv fördert. Dazu scheint uns Dr. Schröder weder in der Lage zu sein, noch den guten Willen zu haben." (21)

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Schönauer als Direktor eines Gymnasiums, welches den Namen des "Führers" trug, seitens der NSDAP als politisch besonders zuverlässig im Sinne der Nazi-Ideologie eingestuft wurde. So standen die strafversetzten ehemaligen Schulleiter Schröder und Fluck am "Adolf-Hitler-Gynasium" in Gelsenkirchen-Schalke unter der "Aufsicht eines politisch zuverlässigen" Vorgesetzten.

Der jüdische Schüler Erich Stiefel

Erich Stiefel besuchte ab 1929 das "Schalker Gymnasium" ab Untertertia. 1934 machte er sein Abitur am "Adolf-Hitler-Gymnasium". Danach ging er zunächst in die Niederlande und emigrierte 1935 nach Palästina. Dort nahm er seinen jüdischen Namen Eljahu Ben Yehuda an.

Auszüge aus einem Interview mit Eljahu Ben Yehuda:

(...) Bis es eben 1933 nicht mehr weiterging. Wir konnten nicht mehr in die Turnhalle. Wir hatten die Turnhalle von der Stadt bekommen, im Lyzeum. Aber die wurde dann für uns gesperrt, genauso wie wir nicht mehr in die städtische Badeanstalt durften. Da hat dieser Leo Gompertz geholfen, die hatten ein Logenhaus über der Schauburg auf der Bahnhofstraße. Diese Logenhalle war ziemlich groß und die haben wir dann als Sporthalle bekommen. Wir konnten dort einigermaßen weiter turnen. Wir machten dort einen Boxkurs, mit der Absicht, Du sollst Dich verteidigen können.

(...) 1933, sofort nach der Machtübernahme hieß es Adolf-Hitler-Gymnasium (auf Beschluss des Stadtrates mit den Stimmen von NSDAP = Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei und DNVP = Deutsch-Nationale Volkspartei). Ich habe auf meinem Zeugnis ein Hakenkreuz im Stempel der Schule. Mit diesem Abitur-Zeugnis bin ich später nach Jerusalem zur hebräischen Universität gegangen, um dort zu studieren. Das deutsche Abitur wurde auch in Israel anerkannt, aber einen Schüler von einem Adolf-Hitler-Gymnasium mit Hakenkreuzen im Zeugnis, den hatten sie dort noch nicht gehabt.

(...) Ob es irgendein besonderes Echo auf den Namenswechsel gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe es nur hingenommen. Wenn wir von der Schule in dieser Zeit sprechen, möchte ich sagen, dass das gute Verhältnis unter meinen Klassenkameraden blieb. Es hatte sich kaum etwas geändert. Auch das Verhältnis der Lehrer mir gegenüber war in jeder Weise fair. Es gab einige Lehrer, die mir sogar geholfen haben, allerdings nicht in aller Öffentlichkeit. Ich kann Ihnen sagen, dass mich der Schulleiter im Sommer 1933, kurz vor den Sommerferien, vor einer "Behandlung" durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei) gerettet hat. Auf dem Schulhof wurde ich von einem Schüler angepöbelt: "Du Jude, Du hast nach Palästina zu gehen, was machst Du überhaupt noch hier?" Instinktiv, ohne zu überlegen, habe ich ihn niedergeboxt, ich war ja auch in einem Boxclub. Er lief ins "Braune Haus" (22) und verklatschte mich dort. Nach einigen Tagen bekam ich eine Vorladung ins "Braune Haus", das war die Zentrale der NSDAP an der Hauptstraße: "Sie werden ersucht, an dem Tag um die und die Stunde im Braunen Haus zu erscheinen. Hochachtungsvoll Bunse, Kreisleiter."

Mir war klar, ich durfte dort nicht hingehen, denn ich wusste, dort waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Demokraten ganz schlimm zusammengeschlagen worden. Da ich in meiner Notlage nicht wusste, was ich machen sollte, ging ich zum Schulleiter.(...) In meiner Gegenwart rief er das "Braune Haus" an. Er meldete sich: "Hier spricht der Schuldirektor des Adolf-Hitler-Gymnasiums. Unser Schüler Erich Stiefel ist bei Ihnen vorgeladen worden, was ist denn vorgefallen?" Man hat ihm dann wohl am Telefon erzählt, was vorgefallen ist. (...) Daraufhin sagte der Direktor: "Das ist auf dem Boden der Schule passiert, hier bin ich verantwortlich. Ich werde den Fall behandeln, streichen Sie die Sache bei sich!" Damit war dieser Fall erledigt. Aber die Angst, die es damals gab, war schlimm.

(...) Bei der Vorbereitung auf das Abitur hatte ich in der Schule Schwierigkeiten. Damals war das Abitur anders aufgebaut, als es heute ist. Man hatte nur ein Wahlfach. Ich hatte mir das Fach Deutsch ausgewählt, es war mein Lieblingsfach. Mein Thema war "Gerhard Hauptmann". Ich hatte es gut vorbereitet und viel geschrieben. Eines Tages wurde ich ins Sekretariat gerufen und mir wurde gesagt, "Sie können Deutsch nicht als Wahlfach wählen, da Sie Jude sind und kein Deutscher". Da wurde mir zum ersten Mal gesagt, dass ich kein Deutscher bin.

(...) Ich habe dann Physik als Wahlfach genommen, da es nicht "politisch" war. Ein wenig wollte ich sie doch ärgern, weshalb ich als Thema angab: "Die Hertzschen-Schwingungen", also die vom großen jüdischen Forscher Hertz entdeckte Grundlage für die Radiotechnik. Aber dies merkten sie anscheinend gar nicht. Ich bekam dieses Thema und wurde auch darin geprüft, was ganz gut klappte. Im Dezember 1933 rückte unsere Klasse pflichtgemäß vor dem Abitur ins Wehrsportlager nach Haltern am Stausee ein. Unterkunft: Jugendherberge. Unser Sportlehrer war für uns verantwortlich. Als ich Bedenken äußerte als Jude mitzugehen, antwortete er: "Sie gehen mit, da kennt Sie ja niemand!"

Da ereignete sich Folgendes: Außer Sport wurde auch das Fach "Nationalsozialistische Weltanschauung", besonders Rassenkunde mit praktischem Schädelmessen unterrichtet. Als ich an die Reihe kam und mein Schädel gemessen wurde, verkündete der ahnungslose Nazifachmann, dass der Schüler Erich Stiefel einen einwandfreien echten arischen Schädel besitze.

Ich kann mich nicht erinnern, wie dieses Ergebnis von meinen Klassenkameraden aufgenommen wurde. Ich war heilfroh, dass dieser Vorfall keine weiteren Folgen für mich hatte. Eine andere Sache war, dass ich ins Sekretariat gerufen wurde und unrerschreiben sollte, dass ich keinerlei Anspruch erhebe, an einer deutschen Universität zu studieren. Juden wären an den deutschen Universitäten nicht mehr zugelassen. Ich weigerte mich, dies zu unrerschreiben. Das war gegen meine Ehre. Nach einigen Tagen rief mich auf der Straße einer meiner Lehrer und sagte mir: "Ich habe gehört, dass Sie das nicht unterschreiben wollen. Seien Sie doch nicht dumm, Sie können bei diesen Verhältnissen doch sowieso nicht in Deutschland studieren. Machen Sie sich das Abitur nicht kaputt, Sie können mit dem deutschen Abitur überall in der Welt studieren. Unterschreiben Sie es!" Er hat mich überzeugt. Mit knirschenden Zähnen unterschrieb ich. Ich habe mit diesem Zeugnis später in Jerusalem studiert. Mit diesem Zeugnis hätte ich auch in England oder Amerika studieren können.

Als guter Turner war ich jahrelang Vorturner der ersten Riege in meiner Klasse. Der Turnlehrer war offenbar ein alter Parteigenosse der Nationalsozialisten. Als die Machtergreifung kam, sagte er mir: "Sie können als Jude jetzt nicht mehr Vorturner der ersten Riege sein, aber sie bleiben in der ersten Riege." Ich blieb in der ersten Riege. Als guter Sportler vertrat ich die Schule bei allen möglichen Wettkämpfen, wie Schul- und Bannerwettkämpfen, immer ganz gut. Darauf wollte er wahrscheinlich nicht verzichten. Aber ich muss sagen, er war fair bis zuletzt. Auf meinem Abiturzeugnis habe ich in Leibesübungen "sehr gut" erhalten. (23)

→ Das Interview mit Eliahu Ben Yehuda online

Zivilcourage in diktatorischen Zeiten

Es gab auch Menschen, die in den Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft Zivilcourage bewiesen haben. Das zeigt sich exemplarisch am Verhalten von Prof. Dr. Clemens Thaer, Jahrgang 1883. Der Studienrat am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Greifswald (1921 - 1935) und Professor an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald (1913 - 1935) verweigerte u.a. den Eintritt in den NS-Lehrerbund. 1939 zwangen ihn die Nazis in den Ruhestand. Clemens Thaer starb am 2. Januar 1974 in Detmold.

(...) Am 8. April 1933 organisierte er eine Versammlung und setzte sich in seiner Rede für die deutschen Juden ein. Damit schuf er sich viele Feinde. Außerdem lehnte er es brüsk ab, in den NS-Lehrerbund einzutreten. Der Schulobmann empfahl daraufhin, ihn als Abschreckung für andere Lehrer in ein KZ einzuweisen. Zum Glück fand er kein Gehör. Trotz dieses Vorfalls blieb Thaers demokratische Gesinnung ungebrochen. Dies bewies er am 6. Mai 1935, als er in der Schulandacht den entlassenen Direktor Dr. Schmidt, der sich mit der Hitler-Jugend angelegt hatte, ehrte und in Schutz nahm. Als Grund benannte er:

"Als nach den Osterferien 1935 der Direktor nicht wieder erschien, (...) musste der Eindruck auf die Schüler der furchtbare sein, dass hier heimlich schweres Unrecht geschehe und von den Berufenen kein einziger den Mut habe, auch nur ein einfaches Wort des Dankes auszusprechen."

Als überzeugter Lehrer fühlte er sich verantwortlich, dieses Unrecht zu kommentieren. Die Antwort auf seine Rede bekam er am 20. Juli 1935: 300 Mark Geldstrafe und Strafversetzung nach Cammin. Eine neue Heimat fand er dort aber nicht. Außerdem bekam er erneut Schwierigkeiten mit der NSDAP. Schließlich musste er im Dezember 1939 in den Ruhestand treten, viel zu früh für den begeisterten Lehrer, der er immer gewesen war. (...) (24)

Fazit

Für eine Schule wie das Schalker Gymnasium, die bereits unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nazis den Namen "Adolf-Hitler-Gymnasium" trug, war es eine Verpflichtung, sich im Sinne der Nazis "besonders vorbildlich" zu verhalten. Die Schüler an dieser Schule sollten von nationalsozialistischer Propaganda, Indoktrination und nationalsozialistischen Lebens- und Erscheinungsformen geprägt werden.

Dazu bedurfte es nicht nur einer Führungsperson wie Johannes Schönauer, der sich bereitwillig in den Dienst der Nazis stellte und die Nazi-Ideologie als Bildungs- und Erziehungsauftrag entsprechend weitertrug und auch umsetzte. So trat Schönauer - wie viele andere Mitglieder des Lehrerkollegiums, dass mehrheitlich aus "Mitläufern" bestand (dem aber auch überzeugte Nazis angehörten) - schon frühzeitig verschiedenen NS-Organisationen bei, deren "Aktivitäten und Botschaften" er bereitwillig in den Schulalltag einbrachte - ganz im Sinne der Nazis. Diese Vorgehensweise Schönauers setzte sich bis 1945 uneingeschränkt fort.

Am "Adolf-Hitler-Gymnasium" in Schalke herrschte Strenge und Disziplin, hier sollten die "Eliten von morgen" herangezogen werden. In der "Festschrift anläßlich des 125-jährigen Jubiläums des Schalker Gymnasiums" wird der Vorfall mit dem jüdischen Schüler Erich Stiefel (später Eljahu Ben Yehuda) beschrieben. (s.o.). Dieser Vorfall trug sich im Sommer 1933 zu und sagt über die Motivation Schönauers, Stiefel vor einer Befragung im "Braunen Haus" zu bewahren, letztlich nichts aus. Hieraus kann unmöglich auf die politische Haltung und persönliche Gesinnung Schönauers in den nachfolgenden 12 Jahren Nazi-Diktatur geschlossen werden.

Ein Schulleiter musste im so genannten "Dritten Reich" gewisse Voraussetzungen erfüllen. Die wichtigste war sicherlich eine nationalsozialistische Gesinnung, also absolute Loyalität zur NSDAP und ihrer Ideologie. Demnach war Schönauer ein Nationalsozialist - ob glühend, überzeugt, fanatisch oder opportunistisch - dass sei dahingestellt.

Seit dem Sommer 2010 erinnert nun auch eine Tafel mit folgendem Text an die Verfolgungten und Entrechteten der Hitlerschen Gewaltherrschaft

Seit dem Sommer 2010 erinnert nun eine Tafel auch an die Verfolgten und Entrechteten der Hitlerschen Gewaltherrschaft am ehemaligen "Adolf-Hitler-Gaymnasium" in Schalke:

Von 1933-1945 wurden in Deutschland Menschen verfolgt,
entrechtet, eingesperrt und ermordet.

Auch unter den Schülern und Lehrern dieser Schule gab es Opfer
der nationalsozialistischen Diktatur.

Die geschichtlichen Ereignisse ungeschehen machen können
wir nicht. Sie als Mahnung für die Zukunft verstehen können wir.

Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Quellenhinweise und Anmerkungen

(1) Joseph P. Krause, → 6. November 1944 - Nekropole Gelsenkirchen-Schalke (Seitenabruf August 2010)

(2) Zitat aus der Ansprache des Reichsministers des Inneren, Dr. Frick, auf der Kultusministerkonferenz am 9. Mai 1933

(3) Ende 1881 gründete sich der "Allgemeine Deutsche Schulverein", gab sich den Zusatz "zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland" und nannte sich 1908 in "Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) um. Kaum einer anderen Organisation gelang es wie dieser, in einer nahezu lückenlosen Kontinuität, von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik über das Dritte Reich bis heute, als Ideologieschmiede einen hohen Einfluß auf die jeweiligen Regierungen zu haben. Stets lag dem Handeln der Organisation, eine pangermanistische, kolonialistische und revisionistische Motivation zu Grunde, gespickt mit einem mehr oder weniger offenkundigen Rassismus. Keine zwei Wochen nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 (43,9 % der Stimmen entfielen auf die NSDAP) bat der VDA-Hauptausschuß Reichskanzler Adolf Hitler telegrafisch, "neben unserem ersten Ehrenvorsitzenden Hindenburg als zweiter Ehrenvorsitzender an die Spitze unserer volksdeutschen Bewegung zu treten". Nicht zufällig kam es zu diesem Ansinnen, denn führende Funktionäre der einflußreichen Organisation waren ideologische Weggefährten und mit öffentlichen Erklärungen u.a. in den VDA-Mitgliederzeitschriften Wegbereiter der NSDAP. Dies geschah schon zu Zeiten, als Hitler noch im Gefängnis in Landsberg "Mein Kampf" schrieb und die Partei keine nennenswerten Stimmergebnisse erzielte. Bereits Ende der zwanziger Jahre gehörte der VDA zu den bedeutendsten Massenorganisationen der Weimarer Republik: mehr als 2 Millionen Mitglieder, 3.000 Orts- und 5.000 Schulgruppen. Der VDA stand mit 8.000 Schulen in Verbindung und hatte 400 Vertrauensleute mit 120.000 Anschriften in aller Welt. Während des 3. Reiches verlor der VDA keinen Einfluß, ganz im Gegenteil: "Für die Volkstumsarbeit jenseits der Grenzen ist ausschließlich der VDA zuständig", mahnte Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß 1939 in einer geheimen Anordnung die Partei und ihre Untergliederungen. Heß weiter: "Allein zuständig für diese Aufgabe ist die Volksdeutsche Mittelstelle und als deren getarntes Werkzeug der VDA ..."

Noch 1945 auf die Verbotsliste der NS-Organisationen gesetzt, wurde der VDA gerade mal zehn Jahre später als "Gesellschaft für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland" neu gegründet. Wegen der Verwendung des "NS-belasteten Namenskürzels VDA" gab es anfänglich noch Einwände, u.a. des Auswärtigen Amtes. Alter Name, alte Sitten - Im September 1981 konnte die "kleine und bescheidene" Organisation wieder zu ihrem ehemaligen Namen zurückkehren. Anläßlich einer Feierlichkeit zum einhundertsten Bestehen unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Prof. Dr. Karl Carstens nannte sich der VDA wieder in "Verein für das Deutschtum im Ausland" um.

(4) Nationalsozialistische Volkswohlfahrt
Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) wurde am 3. Mai 1933, nur wenige Monate nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten als Organisation der NSDAP und eingetragener Verein gegründet.

(5) Vgl. dazu auch "Das Schalker Gymnasium in der Zeit des Dritten Reiches", in "Schalker Gymnasium 1876 - 2001" Festschrift anläßlich des 125jährigen Jubiläums. Hrsg. Schalker Gymnasium.
(6) vgl. dazu auch: ebda.
(7) vgl. dazu auch: ebda.

(8) Nationalsozialistischer Lehrerbund
Der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) wurde 1927 als der Parteigliederung der NSDAP angeschlossener Verband gegründet und bestand als Marionette der NSDAP-Parteileitung bis 1943. Der Verband verstand sich als Zusammenschluss aller Personen, die sich als Erzieher verstanden oder verstanden werden wollten, unabhängig von Aus- oder Vorbildung und unabhängig von der Art der Erziehungsanstalt. Seine Aufgabe zielte darauf, die nationalsozialistische Weltanschauung zur Grundlage des Erziehungs-, vor allem des Schulwesens zu machen. Dazu sollte auf die weltanschaulich-politische Ausrichtung der Erzieher eingewirkt werden, insbesondere auch deren Fortbildung im nationalsozialistischen Geist gefördert und betrieben werden. Bereits 1932 war in Gelsenkirchen der erste Ortsverband des Nationalsozialistischen Lehrerbundes im Gau Westfalen-Nord gegründet worden.

(9) NS-Fliegergruppe
Durch die politische Entwicklung Mitte der dreißiger Jahre wurde die (akademische) Fliegergruppe durch die sogenannte Gleichschaltung 1936 in das NS-Fliegerkorps eingegliedert.

(10) Kampfbund für deutsche Kultur
Der Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK), der in seiner Gründungsphase zunächst den Namen Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur (NGDK) erhielt, war ein völkisch gesinnter, antisemitisch ausgerichteter und politisch tätiger Verein während der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Verein wurde 1928 von dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg gegründet und stand bis zu seiner Auflösung 1934 unter seiner Führung. Ziel des Vereins war eine maßgebliche Prägung des Kulturlebens in Deutschland, nicht zuletzt innerhalb der NSDAP. 1934 wurde der Verein aufgelöst und mit dem Reichsverbund "Deutsche Bühne“ zur Nationalsozialistischen Kulturgemeinde ("NS-Kulturgemeinde") zusammengefasst. Verbunden war der Auflösungsprozess mit der Errichtung der "Dienststelle Rosenberg" (DRbg), dem späteren "Amt Rosenberg" (ARo).
Vom KfdK zur NS-Kulturgemeinde - Am 6. Juni 1934 schloss Alfred Rosenberg per Verfügung den "Reichsverband Deutsche Bühne e.V." und den KfdK zur NS-Kulturgemeinde zusammen. Einerseits sollte die NS-Kulturgemeinde fortan die Führung bei der Prägung des Kulturlebens in der politischen NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" übernehmen; andererseits verband Rosenberg mit dieser Zusammenfassung das Ziel, die Programmgestaltung für das von ihr getragene Kunst- und Kulturleben auch im Rahmen der gesamten NSDAP zu übernehmen, insbesondere hinsichtlich der Jugendorganisationen.

(11) Der Reichsluftschutzbund (RLB) war ein öffentlicher Verband für den deutschen Luftschutz, der am 29. April 1933 von Hermann Göring gegründet wurde. Der RLB unterstand dem Reichsluftfahrtministerium.

(12) Deutsche Kolonialgesellschaft
Die Gesellschaft war im Kaiserreich eine einflussreiche Organisation. An Ihrer Spitze standen bekannte Persönlichkeiten, darunter als Ehrenpräsident Hermann Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Reichsstatthalter von Elsass-Lothringen und Carl Peters als Präsident. Ab 1895 folgte als Präsident Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, ab 1920 Theodor Seitz und ab 1930 Heinrich Schnee. Als Vizepräsidenten wirkten mehrere Reichstagsabgeordnete.
Die Mitgliederzahl betrug im Gründungsjahr 15.000 und stieg bis 1914 auf 42.000. Zu den führenden Mitgliedern gehörten Henry Axel Bueck, Geschäftsführer des Zentralverbandes Deutscher Industrieller und der rheinische Großbankier August Karl Freiherr von der Heydt. Die Haupttätigkeit der Gesellschaft bestand in der Propagierung einer expansiven Kolonialpolitik. Dabei arbeitete sie eng mit dem Alldeutschen Verband zusammen. Bis 1914 finanzierte die Gesellschaft auch einzelne wirtschaftliche Vorhaben in den deutschen Kolonien. Zusammen mit dem Deutschen Flottenverein und dem Reichsmarineamt förderte die Gesellschaft die Flottenrüstung der Kaiserlichen Marine unter Kaiser Wilhelm II..
In den am 16. Juni 1916 formulierten Leitsätzen über die künftige deutsche Kolonialpolitik forderte die Gesellschaft neben einem großen mittelafrikanischen Kolonialreich ("Deutsch-Mittelafrika") auch Annexionen in Ostasien. Nach 1918 propagierte sie die Wiedererrichtung eines deutschen Kolonialreiches in Afrika und Asien. Mit diesen Forderungen befand sich die Gesellschaft in Übereinstimmung mit der Kolonialpolitik der NSDAP, mit der sie Ende der 1920-er Jahre eng zusammenarbeitete. Nach der Machtergreifung 1933 ging die Gesellschaft in den Reichskolonialbund auf. Der Reichsleiter Martin Bormann verfügte 1943 die Löschung des Reichskolonialbundes "wegen kriegsunwichtiger Tätigkeit".

(13) Vgl. dazu auch → BArch NSD 10/5 (Seitenabruf August 2010):
NSDAP-Mitglied konnte gemäß § 3 der Satzung des Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Vereins vom 22. Mai 1926 "jeder unbescholtene Angehörige des deutschen Volkes, der das 18. Lebensjahr vollendet hat und rein arischer Abkunft ist", werden. Aus Angst vor "Konjunkturrittern" wurde 1933 eine Mitgliedersperre verhängt, die 1937 mit der Einführung des Parteianwärters gemäß Anordnung 18/37 des Reichsschatzmeisters der NSDAP vom 20. April 1937 gelockert worden ist.
(Siehe dazu auch die Ausführungsbestimmung I zur Anordnung 18/37 vom 1. Mai 1937 und Ausführungsbestimmung II zur Anordnung 18/37 vom 9. Juli 1937)

Es gibt Belege, daß eine Mitgliedschaft abgelehnt worden ist, weil dem Antragsteller als Motivation Karrieredenken unterstellt worden war. Während der Mitgliedersperre vom 01.05.1933 bis 1937 wurden drei Ausnahmeregelungen getroffen: Die nach dem Gauleiter des Gaues Bayerische Ostmark benannte "Hans-Schemm- Aktion" im Frühjahr 1935. Dieser Gau stand in der Mitgliederzahl den anderen Gauen nach. Die "Stahlhelm-Aktion" für frühere Stahlhelm-Mitglieder per 1. 08. 1935 und die Aufnahme ehemaliger Mitglieder der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) per 1. 03. 1937. Als Aufnahmedatum für Parteianwärter wurde einheitlich der 1. 05. 1937 - unabhängig vom Antragsdatum - festgelegt. Darüber hinaus gab es weitere Stichtage, z. B. der 20. 04. 1944. Eine zeitliche Diskrepanz zwischen dem Datum des Aufnahmeantrages und dem unter Umständen rückwirkenden Datum der Aufnahme ist daher keinesfalls ungewöhnlich. Parteianwärter sind rechtlich nicht als volle NSDAP-Parteimitglieder anzusehen, obwohl ihnen alle Pflichten der Parteigenossen, einschließlich der Melde- und Beitragspflicht, jedoch nicht die Rechte eines NSDAP-Mitgliedes oblagen. Beispielsweise war Parteianwärtern anfänglich das Tragen eines Parteiabzeichens untersagt. Dieses Verbot ist jedoch später aufgehoben worden.

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, vor allem aber in den Wochen nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, war die Zahl derer, die Aufnahme in die Partei begehrten, dramatisch in die Höhe geschnellt. Als die Parteiführung zum 1. Mai eine Aufnahmesperre verhängte, um das Heer der "Märzgefallenen" zu verdauen, hatten sich die Mitglieder auf rund 2,5 Millionen verdreifacht. Ende Juni 1933 dekretierte Rudolf Heß, der "Stellvertreter des Führers", für die "Neuhinzugekommenen" eine zweijährige "Bewährungszeit", in der diese sich mit einer einfachen Mitgliedskarte begnügen mussten. Schwerer noch als das Warten auf ein repräsentatives Mitgliedsbuch wird für viele gewogen haben, dass es ihnen bis zur „endgültigen Aufnahme“ unter Strafandrohung verboten war, das inzwischen so attraktiv gewordene "Braunhemd" zu tragen.

(14) NSDAP-Ortsgruppe
Die Ortsgruppe der NSDAP war die gebietliche Organisation der Partei unterhalb der Kreisebene. Auf dem Lande umfasste sie eine oder mehrere Gemeinden und in Städten entsprach sie Stadtteilen und Stadtvierteln. Sie sollte nach der Organisationsreform von 1936 nicht mehr als 1500 Haushaltungen umfassen. Die Ortsgruppe war in Blockleiter und Zellen unterteilt. Der Ortsgruppenleiter stand ihr vor. Vgl. dazu auch: Organisationsbuch der NSDAP, 3. Auflage, 1937

(15)Aus "Ich Kämpfe", Die Pflichten des Parteigenossen, Sonderdruck zur Erinnerung an die Aufnahme in die NSDAP. Herausgegeben vom Hauptkulturamt in der Reichspropagandaleitung der NSDAP, München 1943

(16) Das Treudienst-Ehrenzeichen war eine Dienstauszeichnung, mit welcher Beamte, Angestellte und Arbeiter des Öffentlichen Dienst bzw. Arbeiter und Angestellte der freien Wirtschaft ausgezeichnet werden konnten. Das Treudienst-Ehrenzeichen wurde am 30. Januar 1938 per Verordnung von Adolf Hitler gestiftet. Der Entwurf stammte von Professor Richard Klein aus München. Die Eingangsworte dieser Verordnung lauteten: "Aus Anlaß der fünften Wiederkehr des Tages der nationalen Erhebung stifte ich als Anerkennung für treue Dienste des Deutschen Volkes das Treuedienst-Ehrenzeichen. Die Einzelheiten bestimmt die Satzung." – Berlin, den 30. Januar 1938
Reichsgesetzblatt Teil I, Nr. 8 vom 30. Januar 1838, Verordnungsstatut Seite 48

(17) Aus: Joseph P. Krause: "J'accuse", Zeithistorische Dokumentation, Nazareth in Galiläa/Israel 1965, Seiten 6, 38.

(18) → Kontrollratsdirektive Nr. 24 Entfernung von Nationalsozialisten und Personen, die den Bestrebungen der Alliierten feindlich gegenüberstehen, aus Ämtern und verantwortlichen Stellungen vom 12. Januar 1946

(19) → Internetportal Westfälische Geschichte (Seitenabruf August 2010)

(20) SAUERLAND Nr. 1 / Marz 1992 Zeitschrift des Sauerlander Heimatbundes und http://www.pastoralverbund-stockkaempen.de/medien/anhaenge/k82_m47411.pdf (Seitenabruf August 2010)

(21) Staatsarchiv Münster Personalakte Schulkollegium Münster A-Sch 229

(22) Das "Braune Haus" offiziell "Ludwig-Knickmann-Haus" genannt, in Erinnerung an einen "Märtyrer der Bewegung", Sitz der NSDAP Gelsenkirchen an der Hochstrasse 48, der heutigen Haupstrasse.

(23) Vgl. dazu Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben". Klartext, Essen. Januar 2004.

(24) → Ausführlicher Lebenslauf - Clemens Thaer (Seitenabruf August 2010)

SW-Fotos ISG Gelsenkirchen, Farbfotos Gelsenzentrum e.V.


Andreas Jordan, August 2010

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