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Zum Tode von Eliahu Ben-Yehuda

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Ehrennadelträger Eliahu Ben Yehuda ist verstorben

Am 22. Dezember 2008 ist Eliahu Ben Yehuda in seinem Haus in Shar Nefer bei Netanya in Israel gestorben. Geboren wurde er am 14. Oktober 1914 in Salzwedel: er – sein deutscher Name war Erich Stiefel – wuchs in Gelsenkirchen auf, wo er am heutigen Schalker Gymnasium 1934 seine Abiturprüfung bestand, die für ihn als Juden nicht die Studienmöglichkeit an einer Universität erbringen durfte. Erich Stiefel emigrierte nach dem Abitur in die Niederlande. Von dort aus gelangte er 1935 in das damals englische Mandatsgebiet Palästina. Nach der Gründung des Staates Israel lautete sein Name Eliahu Ben Jehuda. Nach dem Studium der Pädagogik (u. a. bei Ernst Simon) war er Lehrer, später Schulleiter in Netanya. Im 2. Weltkrieg war er Soldat in der jüdischen Brigade im Rahmen der Britischen Streitkräfte.

Nach dem Kriegsende – bereits vor Mitte 1945 hatte er sich in Hamburg in einer Schule für junge jüdische Holocaustüberlebende engagiert – gehörte Eliahu Ben Yehuda, dessen Eltern Opfer des Holocaust geworden waren, zu der israelischen Lehrergruppe, die als erste Delegation nach Deutschland zu Gesprächen mit deutschen Lehrern kam und zwar nach München. Von dort führte Eliahus deutscher Weg durch Vermittlung deutscher Lehrer nach Westfalen. Am 15. August des Jahres 1968 sprach Ben Yehuda auf Einladung der Dortmunder Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Fritz-Henßler-Haus zum Thema "Israelisch-arabische Begegnungen in den besetzten Gebieten". Seine enge Verbindung zu Dortmund begann. Die Städtepartnerschaft Netanya – Dortmund wurde ein wichtiges und schwieriges Thema. Eliahu Ben Yehuda war der loyale Dolmetscher der Vorbereitungsgespräche, die 1981 zu den Unterzeichnungen der entsprechenden Verträge führten.

Eliahu Ben Yehuda, sowohl ein Meister der deutschen Sprache als auch ein hervorragender Pädagoge, hat in der Folgezeit für die Städtepartnerschaft Netanya – Dortmund durch seinen Einsatz im schulischen Bereich viel bewirkt. Er hat Lehreraustausch und Lehrerfortbildung mit Unterstützung durch die Stadt Dortmund initiiert. Bereits im Juli 1982 war eine Gruppe von fünfzehn israelischen Lehrerinnen und Lehrern in Dortmund und zwar als Gäste bei deutschen Kolleginnen und Kollegen, Erinnerungen daran und sogar Freundschaften daraus bestehen bis heute. Ben Yehuda arbeitete ab 1983 in nachhaltigen Studientagungen in Münster und Dortmund. Ab 1982 hielt Eliahu Ben Yehuda viele Jahre Vorträge in Dortmunder Schulen über sein jüdisches, deutsches und israelisches Leben. Schulpartnerschaften entstanden auch durch seine Anregungen und Hilfestellungen. Der "Auszubildendenaustausch" zwischen VEW und ORT-Schule verdient besondere Erwähnung.

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Dortmund – Netanya wurde Eliahu Ben Yehuda mit der Ehrennadel der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Die Begründung durch den Ältestenrat der Stadt Dortmund lautet: "Herr Ben Yehuda ist seit vielen Jahren gern gesehener Gast in Dortmunder Schulen. Seine regelmäßigen Vorträge im Geschichtsunterricht sind von einem lebhaften Informations- und Gedankenaustausch geprägt. Herr Ben Yehuda hat vielen Schülerinnen und Schülern den besonderen Stellenwert der deutsch-israelischen Beziehungen eindrucksvoll veranschaulicht. Mit der Verleihung der Ehrennadel würdigt die Stadt Dortmund seinen Beitrag zur Völkerverständigung."

Auch als Altersgründe Reisen nach Dortmund unmöglich machten, blieb Dortmund für Eliahu ein wichtiger Bezug. Denn er hatte in Dortmund viele Freunde. Über seinen Tod nach einem erfüllten Leben trauern auch hier viele Menschen, die ihn kannten oder die von ihm gehört hatten.

Quelle: Stadt Dortmund, Stadt-Pressedienst vom 14.01.2009

Träger der Münster-Nadel: Eliahu Ben-Yehuda starb im Alter von 94 Jahren

Am Dienstag wurde die Nachricht bekannt: Eliahu Ben-Yehuda, Träger der Münster-Nadel, ist am 23. Dezember im Alter von 94 Jahren verstorben. Er wird vielen in der Stadt als Zeitzeuge in Erinnerung bleiben. Ben-Yehuda, der in Gelsenkirchen in der Weimarer Republik und zu Beginn des Nazi-Regimes als Kind einer jüdischen Familie aufgewachsen ist, hielt mit Berichten aus seiner Jugendzeit vor zahllosen Schulklassen eindrückliche, spannende Geschichtsstunden ab. Regelmäßig besuchte der Pädagoge Deutschland, um aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu erzählen, außerdem setzte er sich für israelisch-deutschen Austausch von Schülern und Lehrern ein. In einem Kondolenzschreiben an die Angehörigen würdigt Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann das Wirken Ben-Yehudas: "Er hat viel getan, um bei unseren jungen Menschen das Gespür für politische Fragen zu erhöhen."

Quelle: Online-Stadtmagazin ECHO, Münster. 30.12.2008

Die letzten Zeugen - Eliahu Ben-Yehuda, vormals Erich Stiefel

Eliahu Ben-Yehuda (links) bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1984Eliahu Ben Yehuda (links) bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

Eliahu Ben Yehuda gehörte zu den Überlebenden der Shoa, die es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben ansahen, von ihrer Verfolgung zu berichten, um so eine Wiederholung eines solchen Völkermordes zu verhindern. Für seine Verdienste um die Deutsch-Israelische Verständigung erhielt Eliahu Ben Yehuda zahlreiche Auszeichnungen, so z.B. 1984 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und auch die Ehrennadeln der Städte Münster und Dortmund.

Am 14. Januar 1914 wurde Erich Stiefel, der nach seiner Auswanderung nach Palästina seinen jüdischen Namen Eliahu Ben Yehuda annahm, in Gelsenkirchen geboren. Er wuchs dann allerdings in der Heimat seiner Mutter, Helene Stiefel, geborene Lury, geboren am 16. Oktober 1887 in Salzwedel (Altmark) auf, weil der Vater, Leon Stiefel, geboren am 4. Januar 1890 in Luxenburg, bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen worden war. Die Familie kehrte dann nach Gelsenkirchen zurück, wo der Vater das Geschäft seines Vaters, Louis Stiefel, geboren 16. April 1863, der sich um die Jahrhundertwende in Gelsenkirchen eine Existenz aufgebaut hatte, übernahm.

Im Unterschied zu anderen jüdischen Familien erkannte man bei den Stiefels die Gefahr des Nationalsozialismus und verließ Deutschland frühzeitig. Während Erich Stiefel bald nach Palästina weiterzog und seinen hebräischen Namen annahm, blieben die Eltern mit einer weiteren Tochter in den Niederlanden. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg und der Übertragung der antisemitischen Maßnahmen wurden Leon und Helene Stiefel aus den Niederlanden über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort am 5. Februar 1943 ermordet. Die Tochter Ilse Stiefel entkam im letzten Augenblick nach Großbritannien.

Auf Anregung und in Absprache mit Eliahu Ben Yehuda wurden für den folgenden Erinnerungsbericht zwei Interviews und eine schriftliche Befragung zusammengefasst: ein unveröffentlichtes lebensgeschichtliches Interview des Verfassers mit Eliahu Ben Yehuda vom 18. Februar 1993, ein 1996 veröffentlichtes Interview und eine Befragung, die im Zusammenhang mit einem Schülerwettbewerb der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Ruhrgebiet Ende 1997 von Jill Schneider und Christina Schilling aus der 10. Klasse des Schalker Gymnasiums durchgeführt wurde. Bei der Absprache zu dieser Veröffentlichung kamen noch Ergänzungen zur Familiengeschichte hinzu.

Interview mit Eliahu Ben Yehuda

Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-ÜckendorfGrabstein von Louis Stiefel auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf

Eliahu Ben Yehuda: [...] Unsere Familie stammt väterlicherseits aus Gelsenkirchen. Mein Großvater, Louis Stiefel, hat hier, ich weiß nicht wie lange, auf der Schalker Straße 4 gewohnt. Er hatte einen Gemüse-Großhandel. Er ist auch in Gelsenkirchen gestorben, liegt aber nicht auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen, sondern auf demjenigen in Ückendorf. Wir wohnten nicht bei den Großeltern, sondern in der Overwegstraße, und zwar an der Ecke Wilhelminenstraße. [...]

Mit Hilfe von Traditionellen Gebetsbüchern und erhaltenen Grabsteinen konnte mein Onkel Joseph Stiefel eine Ahnentafel zusammenstellen, die bis ins Jahr 1678 reicht. Das Stammhaus der Familie steht bis heute in der Ortschaft Vockerode, Kreis Kassel, wo mein Großvater geboren wurde. Meine Urgroßeltern betrieben Landwirtschaft und Viehhandel. Um die Jahrhundertwende kamen die Großeltern nach Gelsenkirchen.

Mein Großvater gründete eine Großhandlung für Landwirtschaftsprodukte. Er meldete sich 1917 als Wirtschaftsoffizier freiwillig dem Stabe des General-Feldmarschalls Mackensen bis zum Kriegsende. Meine Großmutter Therese stammte aus Augsburg. Neben meinem Vater, Leon Stiefel, hatten meine Großeltern drei weitere Kinder. Die einzige Tochter Augusta besuchte das Lyzeum, dann die Höhere Handelsschule und war ein Jahr auf der Dresdener Bank angestellt. Sie heiratete einen Amerikaner. Mein Onkel Martin Stiefel besuchte die Ober-Realschule und ließ sich später als Zahnarzt in Würzburg nieder. Der jüngste Sohn, mein Onkel Joseph, war Angestellter und wohnte bei den Eltern in der Schalker Straße. Meiner Tante Augusta, die Amerikanerin geworden war, gelang es, vor Ausbruch des Krieges ihre Mutter und die Brüder mit Familien in die USA zu bringen - außer ihrem Bruder Leon und seiner Familie, meinem Elternhaus, die der Krieg in Holland überraschte.

Ich bin im Oktober 1914 hier in Gelsenkirchen geboren. Mein Vater ist in den Krieg gezogen und meine Mutter ist mit mir in ihre Heimat gezogen. Als der Vater aus dem Krieg zurückkam, 1918, ist er auch dorthin gezogen. Wir haben dort bis 1929 gewohnt. Dann sind wir wieder zurück nach Gelsenkirchen gekommen. Mein Vater hat das Geschäft meines Großvaters übernommen. Ich kam dann hier aufs Gymnasium. 1933 wurde mein Vater überfallen von irgendwelchen Konkurrenten auf dem Großmarkt. Erst dann ist er nach Holland geflüchtet. Meine Mutter und meine jüngere Schwester sind dann auch weggegangen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt zu bleiben. Ich habe dann bei meinen Großeltern gewohnt. Ich musste mich allerdings allein durchschlagen, ich habe Nachhilfestunden gegeben. Ich war im jüdischen Sportverein. Wir haben zusammengearbeitet mit dem katholischen Sportverein. Das war damals ein sehr schönes und gutes Verhältnis. Bis es eben 1933 nicht mehr weiterging.

Wir konnten nicht mehr in die Turnhalle. Wir hatten die Turnhalle von der Stadt bekommen, im Lyzeum. Aber die wurde dann für uns gesperrt, genauso wie wir nicht mehr in die städtische Badeanstalt durften. Da hat dieser Leo Gompertz geholfen, die hatten ein Logenhaus über der Schauburg auf der Bahnhofstraße. Diese Logenhalle war ziemlich groß und die haben wir dann als Sporthalle bekommen. Wir konnten dort einigermaßen weiter turnen. Wir machten dort einen Boxkurs, mit der Absicht, Du sollst Dich verteidigen können. Daneben war ich im JPD, Jüdischer Pfadfinderbund Deutschlands. Das war eine Organisarion wie jede andere auch. Wir haben Fahrten gemacht. Da lernte ich natürlich eine ganze Menge Leute aus Gelsenkirchen kennen. Die waren alle so in meinem Alter. [...] Ich erinnere mich an einen unserer Leiter. Der hieß Leon Levi, der ist zum Studieren nach Amsterdam gegangen. Er ist Arzt geworden und war später im holländischen Untergrund.

Frage: Sie haben das Licht der Welt in Gelsenkirchen erblickt, sind aber nicht lange in Gelsenkirchen geblieben?

Eliahu Ben Yehuda: Nein, denn mein Vater war bei meiner Geburt schon Soldat der kaiserlichen Armee. Mein Vater war ein sehr guter Deutscher. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hat er sich sofort freiwillig gemeldet und gar nicht gewartet bis der Stellungsbefehl kam. Denn er sagte, wenn der Kaiser zur Fahne rufe, dann habe er zu eilen, es wäre seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. So wurde es mir später erzählt. Meine Mutter stammte aus Salzwedel in der Altmark. Da mein Vater im Krieg war, ging sie mit mir als Säugling zu ihren Eltern nach Salzwedel zurück. Ich habe die ersten Jahre in Salzwedel gelebt, bin dort auch aufs Gymnasium gekommen, das Turn-Vater-Jahn-Gymnasium. Es war ein sehr reaktionäres Gymnasium. Im Jahre 1929 zogen wir nach Gelsenkirchen zurück, denn mein Großvater wurde sehr krank und mein Vater sollte das Geschäft übernehmen. Nach der Rückkehr nach Gelsenkirchen kam ich auf das Schalker Gymnasium, und zwar in die Untertertia.

Frage: Wie erlebten Sie Ihre Schulzeit vor der "Machtergreifung" Hitlers?

Eliahu Ben Yehuda: Meine Schulzeit vor der Machtergreifung war ähnlich wie bei allen Schülern meines Jahrgangs. Ich war ein guter Schüler, besonders in Geschichte, Deutsch und Sprachen. Da ich zu den besten Turnern des Gymnasiums gehörte, war ich geschätzt - sogar bei unserem Turnlehrer, der, so hieß es, noch vor der "Machtergreifung", den Nazi nahe stand. Er war fair, ich war Vorturner der 1. Riege bis zum 30. Januar 1933. Das Verhalten aller meiner Lehrer mir gegenüber war korrekt, zum Teil auch wohlwollend. Die politischen Ereignisse in den 1930er Jahren spiegelten sich natürlich auch in der Schülerschaft wieder, es gab stürmische Diskussionen, an denen ich mich auch beteiligte, entsprechend meiner politischen Einstellung. Antisemitische Bemerkungen gab es nur selten.

Frage: Da waren Sie 15 Jahre alt. Gab es Schwierigkeiten, als Sie von Salzwedel kamen, aufgenommen zu werden, oder gab es Konflikte mit den Mitschülern? Häufig muss man sich erst einmal einleben, wenn ein Wechsel von einem Ort zum anderen erfolgt.

Eliahu Ben Yehuda: Nein, ganz im Gegenteil, ich wurde sehr leicht integriert, weil ich ein guter Sportler war. Ich habe sehr viel Sport getrieben, dadurch war ich bei den Schülern beliebt. Eine Schwierigkeit hatte ich: auf dem Gymnasium in Salzwedel fingen wir mit Englisch an und hier fingen wir mit Französisch an. Ich musste privat französisch lernen, um den Anschluss zu finden. Aber dies war keine große Schwierigkeit. 1929 war es, politisch gesehen, in Deutschland wie in der ganzen Welt nicht rosig. Die Wirtschaftskrise zeitigte auch in Gelsenkirchen Massen von Arbeitslosen. Es gab auch, wie überall, einiges an politischer Bewegung zu spüren.

Frage: Haben Sie als Schüler davon etwas miterlebt?

Eliahu Ben Yehuda: Ich habe eine ganze Menge erlebt auf der Straße, und zwar Menschen in einer Notsituation. Durch die große Arbeitslosigkeit, die in Gelsenkirchen besonders stark war, wurden die Menschen natürlich zu einem erheblichen Teil radikalisiert. Auf der einen Seite waren es die Nazis, deren SA sich immer mehr organisierte und deren Braunhemden das Bild der Stadt mehr und mehr beherrschten. Auf der anderen Seite waren es die Kommunisten, die einen Roten Frontkämpferbund hatten und ebenfalls das Stadtbild beherrschten. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, auf der Bahnhofstraße gab es regelrechte Schlachten, blutige Auseinandersetzungen erlebte man dort auf der Straße. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die Organisation der Republik, die die Republik verteidigen sollte, verlor immer mehr an Bedeutung und war nicht im Stande, sich durchzusetzen.

Unsere Situation, die Situation der Juden überhaupt, und zwar nicht nur in Gelsenkirchen, war besonders schwierig. Das deutsche Judentum war im Allgemeinen demokratisch und liberal und gehörte, parteipolitisch gesehen, größtenteils zur Deutschen Demokratischen Partei. Die soziale Schicht der Juden war Mittelstand und gehobener Mittelstand. Das passte. Es kam jedoch so, dass diese Partei, im Grunde alle bürgerlichen Parteien, durch diese Entwicklung, auf der einen Seite extrem rechts auf der anderen Seite extrem links, aufgerieben wurden. Die Juden wurden politisch heimatlos. Das war ein Problem hauptsächlich für unsere Eltern, für die ältere Generation der Juden.

Für uns Jugendliche war es etwas leichter. Wie wir darauf reagierten, war ganz verschieden. Ein Teil meines Jahrgangs und der etwas älteren Jugendlichen organisierte sich natürlich links. Rechts ging es nicht, denn zum Beispiel die Deutsche Nationale Partei [Deutsch-Nationale Volkspartei - DNVP], eine Rechtspartei des Pressezaren Hugenberg, war antisemitisch, genauso wie andere rechte politische Gruppen auch. Selbst wenn man wollte, man konnte sich als Jude gar nicht im rechten Lager politisch organisieren. Deshalb gingen die Juden im Allgemeinen nach links oder blieben heimatlos. Ein Teil meiner Kameraden ging sogar zu den Kommunisten.

Die ältere Generation ging nicht zu den Linken über, denn sie war bürgerlich. Kommunisten und Sozis waren ihnen nicht symphatisch. Es war eine sehr schwierige Situation für die älteren Juden, wie zum Beispiel meine Eltern. Sie sahen auch die heraufziehende Gefahr. Die Nazis wurden immer stärker, und wir konnten uns nichr alleine organisieren. Zur Aufstellung einer Truppe von jüdischen Jugendlichen waren wir zu wenige. Man musste sich einer Antinazigruppe anschließen. Aber ein großer Teil von uns war nicht aktiv. Auch ich war auf diesen Gebiet sehr wenig aktiv, denn ich konzentrierte mich auf mein Studium, auf mein Lernen, ich wollte das Abitur machen. Außerdem interessierte mich der Sport sehr. Ich war in einem jüdischen Turnverein.

Frage: Gab es in Gelsenkirchen einen jüdischen Turnverein?

Eliahu Ben Yehuda: Ja, einen jüdischen Turnverein mit Namen "Hakoah" mit Jugend- und Erwachsenengruppen. Die Stadt Gelsenkirchen stellte uns damals die Turnhalle des Mädchengymnasiums am Machensplatz zur Verfügung. Leichtathletik betrieben wir draußen auf einem städtischen Platz. Unser Trainer kam von der katholischen Turnbewegung. Dort war ich hauptsächlich beschäftigt.

Frage: Haben Sie auch an Wettkämpfen teilgenommen? Waren es allgemeine Wettkämpfe oder nur unter jüdischen Gruppen?

Eliahu Ben Yehuda: Wir hatten selbstverständlich Wettkämpfe mit anderen Städten unter jüdischen Gruppen, aber auch mit anderen. Ich war immer dabei.

Frage: Welche Lieblingssportart hatten Sie? Gab es Neid wegen Ihrer sportlichen Leistungen?

Eliahu Ben Yehuda: Ich war Zehnkämpfer und sowohl in der Leichtathletik als auch im Geräteturnen gut. In meiner Schulklasse war ich der einzige, der am Reck die Riesenwelle mit Übergriff machen konnte. Dass ich in der Schule sportlich gut war, hat keinen Neid erzeugt. Im Gegenteil, es hat meine Stellung gestärkt, denn Sport, das war etwas, vor allen Dingen als die Nazis immer stärker wurden. Für sie war die brutale Kraft das Entscheidende. Nur wegen meines Könnens im Sport war mir die Möglichkeit gegeben, noch bis zum Abitur 1934 zu bleiben.

Bild:Erich Stiefels Mitglidskartedes Jüdischen Schülerbundes

Bild:Erich Stiefels Mitgliedskarte des Jüdischen Schülerbundes.

Frage: Wann wurde das Gymnasium an der Kaiserstraße in Schalke in Adolf-Hitler-Gymnasium umbenannt?

Eliahu Ben Yehuda: 1933, sofort nach der Machtübernahme hieß es Adolf-Hitler-Gymnasium (auf Beschluss des Stadtrates mit den Stimmen von NSDAP = Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei und DNVP = Deutsch-Nationale Volkspartei). Ich habe auf meinem Zeugnis ein Hakenkreuz im Stempel der Schule. Mit diesem Abitur-Zeugnis bin ich später nach Jerusalem zur hebräischen Universität gegangen, um dort zu studieren. Das deutsche Abitur wurde auch in Israel anerkannt, aber einen Schüler von einem Adolf-Hitler-Gymnasium mit Hakenkreuzen im Zeugnis, den hatten sie dort noch nicht gehabt.

Frage: Wurde von der Schulleitung oder den Lehrern erläutert, warum das Gymnasium "Adolf-Hitler-Gymnasium" heißen sollte? Sie waren bis 1934 auf dieser Schule. Gab es in diesem ersten Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten besondere Vorkommnisse, die Sie in Erinnerung; behalten haben?

Eliahu Ben Yehuda: Ob es irgendein besonderes Echo auf den Namenswechsel gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe es nur hingenommen. Wenn wir von der Schule in dieser Zeit sprechen, möchte ich sagen, dass das gute Verhältnis unter meinen Klassenkameraden blieb. Es hatte sich kaum etwas geändert. Auch das Verhältnis der Lehrer mir gegenüber war in jeder Weise fair. Es gab einige Lehrer, die mir sogar geholfen haben, allerdings nicht in aller Öffentlichkeit. Ich kann Ihnen sagen, dass mich der Schulleiter im Sommer 1933, kurz vor den Sommerferien, vor einer "Behandlung" durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei) gerettet hat. Auf dem Schulhof wurde ich von einem Schüler angepöbelt: "Du Jude, Du hast nach Palästina zu gehen, was machst Du überhaupt noch hier?" Instinktiv, ohne zu überlegen, habe ich ihn niedergeboxt, ich war ja auch in einem Boxclub. Er lief ins Braune Haus und verklatschte mich dort. Nach einigen Tagen bekam ich eine Vorladung ins Braune Haus, das war die Zentrale der NSDAP an der Hauptstraße: "Sie werden ersucht, an dem Tag um die und die Stunde im Braunen Haus zu erscheinen. Hochachtungsvoll Bunse, Kreisleiter."

Bild: Vorladung Erich Stiefels zur Kreisleitung der NSDAP

Bild: Vorladung Erich Stiefels zur Kreisleitung der NSDAP.

Mir war klar, ich durfte dort nicht hingehen, denn ich wusste, dort waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Demokraten ganz schlimm zusammengeschlagen worden. Da ich in meiner Notlage nicht wusste, was ich machen sollte, ging ich zum Schulleiter. Ich hatte mir überlegt, er könne ja sagen, es interessiert ihn nicht, aber die Chance wollte ich wahrnehmen. Obwohl es nicht einfach war, weil die Anmeldung über das Sekretariat lief, durfte ich zu ihm kommen und ihm den Vorfall erzählen.

Er bot mir einen Platz ihm gegenüber an. In meiner Gegenwart rief er das Braune Haus an. Er meldete sich: "Hier spricht der Schuldirektor des Adolf-Hitler-Gymnasiums. Unser Schüler Erich Stiefel ist bei Ihnen vorgeladen worden, was ist denn vorgefallen?" "Der ist ein Jude und er hat einen Parteigenossen angefallen. Wir werden ihn entsprechend behandeln. Man wusste ja damals, was "behandeln" war und Sonderbehandlung gab es auch. Daraufhin sagte der Direktor: "Das ist auf dem Boden der Schule passiert, hier bin ich verantwortlich. Ich werde den Fall behandeln, streichen Sie die Sache bei sich!" Damit war dieser Fall erledigt. Aber die Angst, die es damals gab, war schlimm.

Frage: Was hat der Schulleiter Ihnen gegenüber anschließend gesagt?

Eliahu Ben Yehuda: Gar nichts, gar nichts. Ich glaube nicht, dass er in seinem Herzen ein Nazi war, sondern er hatte sich gleichgeschaltet, wie es damals viele taten. Das kann ich aber nicht bezeugen. Wenn wir vom Schulleiter sprechen, gab es noch eine bemerkenswerte Situation. Der 1. April 1933 war von den Nazis zum Boykotttag gegen jüdische Geschäfte erklärt worden unter dem Motto: "Kauft nicht bei Juden!" In jüdischen Kreisen merkte man, das kann gefährlich werden, die können auch in die Wohnung gehen und die Leute aus den Wohnungen holen. Ich weiß, dass sich mein Vater versteckte. Zwei bis drei Tage vor dem Boykotttag kam ein Klassenkamerad zu mir. Er sagte: "Wenn Du in Gefahr bist, dann komm zu uns. Du kannst dich bei uns verstecken." Dieser Klassenkamerad wurde später Pastor in Hamm.

Ich habe sein Angebot nicht angenommen, da ich andere Bekannte und Freunde hatte, bei denen ich drei Tage lang war. Sie wohnten in der Bahnhofstraße im Obergeschoss. Von ihrem Fenster aus konnte man sehen, was sich auf der Bahnhofstraße abspielte. Nach drei oder vier Tagen kam ich wieder zurück zur Schule, wo inzwischen Folgendes passiert war: Der Schulleiter hatte angenommen, ich komme nicht wieder, als ein anderer Schüler, der von außen kam, sich meldete, um einen Platz in der Schule zu bekommen. Daraufhin sagte der Schulleiter: "Ja gut, denn der Stiefel ist ja nicht mehr da".

Bei der Vorbereitung auf das Abitur hatte ich in der Schule Schwierigkeiten. Damals war das Abitur anders aufgebaut, als es heute ist. Man hatte nur ein Wahlfach. Ich hatte mir das Fach Deutsch ausgewählt, es war mein Lieblingsfach. Mein Thema war "Gerhard Hauptmann". Ich hatte es gut vorbereitet und viel geschrieben. Eines Tages wurde ich ins Sekretariat gerufen und mir wurde gesagt, "Sie können Deutsch nicht als Wahlfach wählen, da Sie Jude sind und kein Deutscher". Da wurde mir zum ersten Mal gesagt, dass ich kein Deutscher bin.

(...) Ich habe dann Physik als Wahlfach genommen, da es nicht "politisch" war. Ein wenig wollte ich sie doch ärgern, weshalb ich als Thema angab: "Die Hertzschen-Schwingungen", also die vom großen jüdischen Forscher Hertz entdeckte Grundlage für die Radiotechnik. Aber dies merkten sie anscheinend gar nicht. Ich bekam dieses Thema und wurde auch darin geprüft, was ganz gut klappte. Im Dezember 1933 rückte unsere Klasse pflichtgemäß vor dem Abitur ins Wehrsportlager nach Haltern am Stausee ein. Unterkunft: Jugendherberge. Unser Sportlehrer war für uns verantwortlich. Als ich Bedenken äußerte als Jude mitzugehen, antwortete er: "Sie gehen mit, da kennt Sie ja niemand!"

Da ereignete sich Folgendes: Außer Sport wurde auch das Fach "Nationalsozialistische Weltanschauung", besonders Rassenkunde mit praktischem Schädelmessen unterrichtet. Als ich an die Reihe kam und mein Schädel gemessen wurde, verkündete der ahnungslose Nazifachmann, dass der Schüler Erich Stiefel einen einwandfreien echten arischen Schädel besitze.

Ich kann mich nicht erinnern, wie dieses Ergebnis von meinen Klassenkameraden aufgenommen wurde. Ich war heilfroh, dass dieser Vorfall keine weiteren Folgen für mich hatte. Eine andere Sache war, dass ich ins Sekretariat gerufen wurde und unrerschreiben sollte, dass ich keinerlei Anspruch erhebe, an einer deutschen Universität zu studieren. Juden wären an den deutschen Universitäten nicht mehr zugelassen. Ich weigerte mich, dies zu unrerschreiben. Das war gegen meine Ehre. Nach einigen Tagen rief mich auf der Straße einer meiner Lehrer und sagte mir: "Ich habe gehört, dass Sie das nicht unterschreiben wollen. Seien Sie doch nicht dumm, Sie können bei diesen Verhältnissen doch sowieso nicht in Deutschland studieren. Machen Sie sich das Abitur nicht kaputt, Sie können mit dem deutschen Abitur überall in der Welt studieren. Unterschreiben Sie es!" Er hat mich überzeugt. Mit knirschenden Zähnen unterschrieb ich. Ich habe mit diesem Zeugnis später in Jerusalem studiert. Mit diesem Zeugnis hätte ich auch in England oder Amerika studieren können.

Als guter Turner war ich jahrelang Vorturner der ersten Riege in meiner Klasse. Der Turnlehrer war offenbar ein alter Parteigenosse der Nationalsozialisten. Als die Machtergreifung kam, sagte er mir: "Sie können als Jude jetzt nicht mehr Vorturner der ersten Riege sein, aber sie bleiben in der ersten Riege." Ich blieb in der ersten Riege. Als guter Sportler vertrat ich die Schule bei allen möglichen Wettkämpfen, wie Schul- und Bannerwettkämpfen, immer ganz gut. Darauf wollte er wahrscheinlich nicht verzichten. Aber ich muss sagen, er war fair bis zuletzt. Auf meinem Abiturzeugnis habe ich in Leibesübungen "sehr gut" erhalten.

Frage: Man hört aus Ihren Worten heraus, dass es Leute gab, die sich auch vernünftig und fair verhalten haben, weshalb man in ihrer Bewertung Unterschiede machen kann und machen muss.

Eliahu Ben Yehuda: Wenn ich in Schulen bin und wir sprechen über dieses Thema, betone ich immer wieder, dass es meiner Auffassung nach keine Kollektivschuld gibt. Jeder Mensch ist verantwortlich für sich selbst. Entweder er ist schuldig oder er ist nicht schuldig. Man kann nicht eine Gruppe oder ein ganzes Volk von vorne herein verurteilen. Das habe ich aus der jüdischen Geschichre gelernt. Das jüdische Volk hat viele hunderte von Jahren unter diesen Kollektivanschuldigungen gelitten. "Ihr habt Jesus gekreuzigt", wurde mir auf der Straße einmal nachgerufen. Ich fragte mich als Schüler, habe ich vor 2000 Jahren Jesus gekreuzigt? Nicht alle Deutschen waren Nazis. Es gab auch ganz andere. Das ist meine Einstellung über die so genannte Kollektivschuld. Nachdem ich das erste Mal wieder in Deutschland gewesen war, um Vorträge zu halten, habe ich überlegt, wie kann man am besten zu einet Verständigung zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk kommen. Das beste ist eben, wenn man miteinander spricht.

Frage: Wenn Sie in Deutschland sind, versuchen Sie gerade junge Menschen anzusprechen. Das heißt, Sie gehen in Schulen, stellen sich zur Verfügung, erzählen, berichten und beantworten Fragen. Wie läuft so etwas ab? Sind die Schülerinnen und Schüler begeistert dabei oder sind sie mehr gezwungen, die Zeit abzusitzen, da eine Stunde mit Ihnen angesetzt ist, wo es heißt, der erzählt euch was? Gibt es wirklich ein verständnisvolles Gespräch miteinander?

Eliahu Ben Yehuda: Ich bin Lehrer geworden. Von 1950 bis zu meiner Pensionierung war ich Lehrer, in dieser Zeit war ich 22 Jahre Schulleiter. Was eine Schule ist, kenne ich also. Ich habe auch meine Erfahrungen gemacht, wie man mit Schülern spricht und wie man Schüler im Unterricht gewinnen kann. Ich gebe keinen frontalen Unterricht, das heißt, ich rede nicht die ganze Zeit, während die Schüler einschlafen, sondern es ist so ein Ping-Pong-Spiel. Ich frage und Schüler antworten oder umgekehrt Schüler fragen und ich antworte. Soweit es möglich ist, versuche ich die Schüler am Gespräch zu beteiligen. Eine didaktische Einheit ist aufgebaut auf zwei Blockstunden ohne Pause dazwischen. Ich will mich nicht rühmen. Aber auch heute, als ich wieder in einer Hauptschule war, hatte mein bewährtes Vorgehen Erfolg. Als das Gespräch zu Ende war und ich Schluss machen wollte, da sagten mir die Schüler dieser Hauptschule, "Herr Ben Yehuda machen Sie doch bitte weiter". Das habe ich schon x-mal erlebt [...].

Frage: Machen sich Altersunterschiede bemerkbar?

Eliahu Ben Yehuda: Meistens bin ich in der 10. Klasse. In der Regel wird nach dem Lehrplan der Nationalsozialismus behandelt. Wir sprechen von Vorurteilen gegen Juden, gegen Türken, gegen Deutsche, die es ja auch gibt, und wir sprechen darüber, wie kann man Vorurteile abbauen? Dazu kommt man nur durch Gespräche. Man muss miteinander in Kontakt kommen, dann kann man Vorurteile abbauen. Deshalb habe ich lange Jahre hindurch einen Austausch zwischen israelischen und deutschen Schülern aus Dortmund, Berlin und München organisiert, nicht aus Gelsenkirchen.

Meistens waren es Gymnasiasten oder Schüler von Berufsschulen, also ältere Schüler. Die Gruppe von deutschen Schülern kam nach Israel zu Familien, nicht ins Hotel, danach kam der Gegenbesuch. Auf diese Art und Weise lernte man sich gegenseitig kennen und dann stellte sich heraus, dass viele Freundschaften geschlossen wurden und man weiter in Kontakt blieb. Jahrelang habe ich auch einen Lehreraustausch organisiert, den ich als sehr wichtig ansehe. Es gibt heutzutage einen sehr regen Lehrerausrausch zwischen deutschen und israelischen Lehrern, denn Lehrer sind, wie man soschön sagt, Multiplikatoren. Ich finde diesen Austausch sehr wichtig und habe ein wenig dazu beigetragen.

Frage: Wieso ist Ihre Familie dazu gekommen, 1933 hier schnell zu verschwinden?

Eliahu Ben Yehuda: Weil mein Vater auf der Straße überfallen wurde. Er hat sofort die Konsequenzen gezogen. Er ist dann nach Holland gegangen. Meine Mutter ist dann etwas später hinterher. Ich bin geblieben und habe auf der Emilienstraße gewohnt. Ich bin ganz normal legal ausgewandert. Die Dokumente habe ich noch zu Hause. Mit einem deutschen Pass bin ich ausgewandert. Ohne Schwierigkeiten. Alle 14 Tage bin ich zur Polizei gegangen, um mir den Sichtvermerk, einen Stempel, geben zu lassen.

Frage: Wie war unter den anderen Juden die Auffassung, als 1933 Hitler an die Macht kam?

Eliahu Ben Yehuda: Wir bleiben deutsche Juden. Das wird vorübergehen. Aber es hat sich ja gezeigt, dass das eine falsche Rechnung war.

Frage: Was ist aus Ihrer Familie geworden? Sie sagten, Ihre Eltern seien ermordet worden. Sie waren doch zunächst ins Ausland entkommen?

Eliahu Ben Yehuda: Ja, von Holland aus. Meine Eltern sind in Auschwitz ermordet worden. 1943 sind sie deportiert worden. Ich habe das recherchiert und habe die Namen auf den Transportlisten gefunden. [...] Als Holland von den Deutschen erobert wurde, gelang es meiner Schwester ohne die Eltern noch im letzten Augenblick mit einem Schiff voller Flüchtlinge nach England zu fliehen. Sie kam als Deutsche zunächst in ein Frauengefängnis und wurde dann auf der Insel Isle of Man auf längere Zeit interniert bis sie als "friendly alien" befreit wurde und in London arbeiten durfte. Sie heiratete nach dem Krieg, ihr Sohn Eric wurde Hochschullehrer in Holland und die Tochter lebt in den USA. Mit 65 Jahren kam sie bei einer Gasexplosion ums Leben.

Frage: Sie sind dann in die Niederlande und haben dann ...?

Eliahu Ben Yehuda: Meine Eltern sind nach Holland und haben das Leben der Asylanten tatsächlich dort geführt. Ich kam nach dem Abitur dazu, und sofort war mir klar, das ist nichts für mich. Ich habe mich entschlossen, nach Palästina zu gehen.

Frage: Was aber damals auch schon ein Schritt war, denk ich. Das war doch persönlich eine sehr weitreichende Entscheidung nach Palästina zu gehen.

Eliahu Ben Yehuda: Das war damals rechts normal unter der jüdischen Jugend, jedenfalls hat man eingesehen, was in Deutschland passiert ist, kann auch in Holland passieren oder in Frankreich. Ich habe vorher nie daran gedacht, nach Palästina zu gehen. Aber aufgrund dieser Geschehnisse und was ich so gesehen habe, das Leben von Asylanten, immer nur auf Abruf geduldet. Da bin ich eben zu einem holländischen Bauern gegangen, habe die Landwirtschaft gelernt und bin 1935 nach Palästina ausgewandert.

Frage: Das ging dann auch ohne größere Probleme?

Eliahu Ben Yehuda: Nein, auch nicht problemlos, denn die Engländer haben doch Einwanderungsschiffe bereits abgefangen. [...] Ich bin nicht mit einem illegalen Schiff rübergekommen, ich bin anderweitig dahin gekommen. Und zwar mit einem Kuhtransport. Ich hatte Landwirtschaft gelernt. Israelische Bauern hatten in Holland Kühe aufgekauft, und da war ein Transport zusammengestellt wotden. Und da musste nun Pflegepersonal mit, das dauerte gute drei Wochen bis wir da waren. Ich habe damals ein Zertifikat vom Komitee in Palästina als Pionier bekommen. Und so bin ich dann legal eingewandert. Ich habe mich dann einer Pfadfindergruppe angeschlossen. Mit denen zusammen habe ich dann einen Kibbuz gegründet. Dann kam 1938 diese Pogromnacht. Da haben dann sehr viele deutsche Eltern eingesehen, so geht es nicht mehr weiter. Aber sie haben zunächst ihre Kinder geschickt.

Ich war damals im Kibbuz und man hat mich als Jugendleiter bestimmt. Die erste große Gruppe kam aus Berlin. Nachher kamen die anderen Gruppen aus Wien. Dann brach der Krieg aus. Ich habe es als meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gesehen, die Nazis zu bekämpfen. Und nicht nur ich, sondern sehr viele. Wir haben dann in Nordafrika darauf bestanden, wir wollen ein jüdisches Militär haben. Wir wollen nicht als englische Soldaten in die Weltgeschichte eingehen, sondern wir wollen eine jüdische Einheit haben. Das wurde dann bestätigt und wir waren dann die jüdische Brigade. Wir hatten eine blauweiße Fahne und einen Davidstern. Unsere Panzer hatten auch Davidsterne und so sind wir in den Krieg gezogen. Die Antwort auf das, was Hitler mit den Juden gemacht hatte. So sind wir nach Italien gezogen.

Frage: Also der Eindruck stimmt, das spätestens nach der Pogromnacht die jüdischen Familien zunächst gesehen haben, die Kinder herauszukriegen. Es sieht sehr so aus, als ob die Jüngeren die Mobileren und Beweglicheren waren, dass die Älteren nicht mehr so zu verpflanzen waren.

Eliahu Ben Yehuda: Ja, da war es auch schon eine große Schwierigkeit auszuwandern. Wir sind in Israel noch bis zum Eichmann-Prozess gefragt worden: "Warum habt ihr euch nicht gewehrt?" Man musste denen klarmachen, es ging überhaupt nicht. 1935 gab es ungefähr 500.000 Juden in Deutschland. Bis 1938/39 sind 50% ausgewandert. Aber ausgewandert sind im Allgemeinen die jungen Juden. Das heißt also, was übrig blieb, das waren doch die älteren und schwächeren Menschen. Die waren nicht in der Lage, für sich zu organisieren. Die Jugend war ja weg. Die sind ausgewandert nach Israel, Amerika, Holland usw. Was noch übrig blieb, waren die nicht mehr mobilen Menschen, die krank waren. Da ist von einem Widerstand nicht mehr die Rede. Widerstand gab es im Ghetto Warschau. Aber sonst, das waren Frauen mit kleinen Kindern usw.

Frage: Wie kamen Sie dazu, sich "Eliahu Ben Yehuda" zu nennen?

Eliahu Ben Yehuda: Das war, nachdem ich Deutschland verlassen hatte und in das damalige englische Mandatsgebiet Palästina eingewandert war. Damals war es üblich, dass man sozusagen ein neues Leben beginnen wollte und Schluss machte mit der Vergangenheit, weshalb man sich auch einen neuen Namen gab. Man hatte fortan einen hebräischen Namen und war sozusagen neu geboren.

Frage: Wie funktioniert denn diese Umbenennung?

Eliahu Ben-Yehuda: [...] Jeder junge Jude, der geboren wird, bekommt zu seinem normalen Namen - ich hieß Erich Stiefel, der Name Erich kommt daher, ein Bruder meiner Mutter war frühzeitig verstorben und deshalb bekam ich seinen Namen - aber gleichzeitig bekommt der junge Jude auch einen Namen für die Synagoge. Das hieß, wenn er später 13 Jahre alt ist, damit aktiv in der Synagoge teilnimmt, wird er mit dem hebräischen Namen gerufen. Deshalb hat er einen hebräischen Namen. Ich bekam den Namen damals Eliahu Ben Yehuda. Mein Vater hatte den hebräischen Namen Jehuda und Eliahu war der Name des verstorbenen Onkels. Ich hatte den Namen kaum irgendwie im Gedächnis. Später als ich dann in Palästina war, im englischen Mandatsgebiet, das war noch so eine Masche damals, da fiel mir dann wieder ein: "Du hast ja einen hebräischen Namen gehabt". Ich habe bei den Engländern eine Namensänderung beantragt. Das wurde dann auch bestätigt und seitdem heiße ich Ben Yehuda.

Frage: Welche Bedeutung hat dieser Name? Gibt es eine Ubersetzung ins Deutsche?

Eliahu Ben Yehuda: Es ist ursprünglich ein biblischer Name. "Eliahu" heißt der Prophet Elias, Ben heißt in der hebräischen Sprache "Sohn". Aber wie kam ich gerade auf Ben Yehuda? Dies ist sehr einfach. Sie wissen, in der Synagoge werden die Juden, wenn sie zur Tora gerufen werden, mit einem hebräischen Namen aufgerufen. Das geschieht erstmals, wenn man mit 13 Jahren in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen wird, man nennt das bei uns "Bar-Mizwa". Mein Vater hörte auf den hebräischen Namen Jehuda. Ich war der Sohn von Jehuda, also Ben Yehuda, wurde also aufgerufen mir dem Namen "Ben Yehuda". Diesen Namen habe ich nicht vergessen. Als ich mir einen neuen Namen gab, da habe ich gedacht, naja gut, dann nehme ich diesen Namen.

Frage: Herr Ben Yehuda, ich verfolge seit einiger Zeit, dass Sie in Gelsenkirchen immer wieder gern in die Schulen gehen, um jungen Menschen von Ihren Erlebnissen in Gelsenkirchen zu berichten.

Eliahu Ben Yehuda: Ich möchte etwas vorausschicken: Als ich im Jahre 1934 nach bestandenem Abitur auf dem humanistischen Gymnasium in Schalke, dem damaligen Adolf-Hitler-Gymnasium, in Palästina war, hatte ich mir geschworen: "Nie wieder deutsch". Das hieß nach all dem, was geschehen war, nicht deutsch sprechen, nichts Deutsches lesen, in keiner Weise Kontakt mit Deutschen haben. Meine Eltern wurden nach Auschwitz geschickt, und ich habe nie mehr etwas von ihnen gehört. Für mich war Deutschland sozusagen Vergangenheit und gestorben. Das war so bis zum Jahre 1965, also 30 lange Jahre.

Damals wurden bekannterweise die Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland angeknüpft. Als die beiden Alten, Adenauer und Ben Gurion, sich trafen und die Hand reichten, war das für mich irgendwie ein grünes Licht. Ich überlegte mir, ob ich meinen Schwur aufrecht erhalren sollte oder nicht. Es vergingen noch ungefähr zwei Jahre, dann bekam ich eine Einladung nach München, um an einer Diskussion teilzunehmen über das Thema "Juden, Judentum und Israel in deutschen Geschichtsbüchern". Zwischenzeitlich hatte ich studiert, war Lehrer und Schulleiter geworden. Ich weiß nicht, wie man auf mich aufmerksam geworden war, jedenfalls bekam ich diese Einladung.

Da stand ich vor dem Problem "soll ich oder soll ich nicht?" Ich habe mich schließlich durchgerungen. Ich habe mir gedacht, das Thema ist doch sehr interessant, und ich bin nach München geflogen. Das war der Anfang. Bei dem sehr interessanten und sehr wichtigen Seminar lernte ich verschiedene Leute kennen, unter anderem auch Frau Lutz, eine Vertreterin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit aus Dortmund. Sie lud mich nach Dortmund und zu einer Vortragsreihe in Westfalen ein. Ich habe angenommen. Wir waren zunächst in Dortmund in der Gesellschaft und später an anderen Plätzen, unter anderem auch in Gelsenkirchen. So kam ich 1968 zum ersten Mal wieder nach Gelsenkirchen, wo ich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit einen Vortrag hielt.

Vgl. Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben". Januar 2004. (Schriftenreihe des ISG, Materialien; Band 8. Interview mit Eliahu Ben Yehuda)


Andreas Jordan, Januar 2009

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