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Hydrierwerke Scholven AG

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"Kriegsmusterbetrieb" Hydrierwerke Scholven AG

Quelle: Veba Oel Bild: Veba Oel

Ohne Zweifel ist es eine herausragende Leistung, welche durchaus Erwähnung finden sollte, wenn auf einem Chemiewerk erstmalig die Umwandlung von Steinkohle in Benzin nach einem ganz bestimmten Verfahren entwickelt und möglich gemacht wird. Heikel wird eine solche Leistung allerdings dann, wenn man sie nur isoliert betrachtet und ihre politischen Hintergründe verschweigt.

Ich möchte Euch gerne einladen zu einer Reise nach Scholven in die 30er und 40er Jahre, zu einer Werksbesichtigung der ganz besonderen Art, die Einblicke hinter die Kulisse eines Chemiewerkes gibt, welches sich bis heute immer wieder gerne mit der Pionierleistungen in Sachen Kohlesynthese schmückt aber über die Zusammenhänge rund um dieses Ereignis all zu gern den Mantel des Schweigens hüllt.

Die Hydrierwerke Scholven waren ein reiner Rüstungsbetrieb, der durch die Kriegsabsichten der Nationalsozialisten erst möglich wurde und der als Treibstofflieferant der Wehrmacht ausschließlich militärischen Zwecken diente.

Inhaltsübersicht:

Der Vierjahresplan
Gründung der Hydrierwerke Scholven AG
Kohlehydrierung nach dem Verfahren von Bergius
Pionierleistung in Scholven
Scholven wird Teil der Kriegsmaschinerie
Kolonie Scholven, Bauphase 1936-38
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter
Erste Bombenangriffe und Tarnmaßnahmen
Das Ende des Hydrierwerks - Oil Offensive und Ruhrkampf
Die Konferenz von Potsdam
Das wechselhafte Schicksal des Hydrierwerkes
Scholvenchemie
Quellen und ein Dankeschön



Der Vierjahresplan

Quelle: Scholven Chemie AG Bild: Scholven Chemie AG

Hitler hatte bereits im Februar 1933 während seines Wahlkampfes verkündet, dass alle öffentlichen Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung zugleich der "Wehrhaftmachung" zu dienen hätten. Im Klartext: Die Weichen werden mit der Machtergreifung 1933 bereits auf Krieg gestellt und über den sogenannten "Vierjahresplan" von 1936 konsequent umgesetzt. Innerhalb von vier Jahren nämlich will man sowohl die Wehrmacht als auch die Wirtschaft in Kriegsbereitschaft versetzten. Mit der Durchsetzung des Vierjahresplans wird Hermann Göring beauftragt.

Aufgabe Görings im Rahmen dieses Planes ist es, die Unternehmen des Reiches an die für einen Krieg erforderlichen Umständen anzupassen und durch staatliche Eingriffe in die Produktionsprozesse einzugreifen. Innerhalb der Wehrhaftmachung besteht das Ziel der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik u.a. in der Erlangung weitgehender Autarkie, das heißt, man will von ausländischen Rohstofflieferungen unabhängig werden. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass damals lediglich Kali, Braun- und Steinkohle im Deutschen Reich in ausreichender Menge vorhanden sind und es an anderen wichtigen Rohstoffen, wie z.B. Erdöl, mangelt.

Gründung der Hydrierwerke Scholven AG

Bild: Bau des Hydrierwerks Scholven 1935 Bild: Veba Oel, Bau des Hydrierwerks Scholven 1935

Schauen wir uns an, was die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik für unsere Zeche und den Industriestandort Scholven für Konsequenzen hat: 1935 werden Bergwerks AG Recklinghausen und Bergwerksgesellschaft Hibernia zusammengefasst. Aus Traditionsgründen erhält das Unternehmen den Namen Hibernia AG. Am 19. Juli werden die "Hydrierwerke Scholven AG" gegründet, welche von Beginn an den I.G Farben, die sich 1933 per Gesetz das Monopol zur Versorgung der Wehrmacht mit Treibstoff zugesichert hatte, unterstellt ist. Hängt zu Beginn der 30er Jahre bereits mehr als 2/3 der Energieversorgung des Reiches von der Steinkohle ab, bekommt dieser Energieträger Mitte des Jahrzehnts eine noch wichtiger Bedeutung, als man anfängt die Steinkohle in großem Stil als Rohstoff für die Chemische Industrie zu nutzen. Ziel des 4 Jahresplan der Nationalsozialisten ist eine Nutzung von 10% der Steinkohle für die Kohlensynthese.

Aktie der IG Farben, 1926 Bild: Aktie der IG Farben, 1926

Bereits 1926 hatte man in den Leunawerken der I.G. Farben mit der Produktion synthetischen Benzins nach dem Bergius-Verfahren aus Braunkohle begonnen. Hochflüchtige Kohlen werden bei diesem Verfahren mit Wasserstoff unter Druck in Kohlenwasserstoff umgewandelt. So entstehen Treibstoffe, die bislang nur durch Erdöldestillation gewonnen werden konnten. Dieses von der I.G. Farben weiterentwickelte Hochdruckverfahren nennt man Kohlehydrierung, die notwendigen Anlagen werden 1935 in Scholven aufgebaut.

Kohlehydrierung nach dem Verfahren von Bergius

Leichflüchtige Kohlen werden in Kegelmühlen feingemahlen, anschließend getrocknet und ein weiteres Mal inKegelmühlen mit Öl und der Zugabe des Katalysators Zinnoxalat zu einem Kohlenbrei vermischt. Zu dieser Paste, die zu 50% aus Kohle besteht, wird auf 325 atm komprimierter Wasserstoff, der durch Tieftemperaturzerlegung von Kokereigasen entsteht bzw. in Wassergasanlagen gewonnen wird, gemischt. Der Kohlebrei, der hydraulisch ebenfalls auf 325 atm gepresst wird, wird in der sogenannten Sumpfphase mit einem Teil des Wasserstoffs angereichert und auf 410 Grad erhitzt. In mehreren hintereinander geschalteten Reaktionskammern, wird die Kohle durch Mischen mit Ammonchlorid und dem anderen Teil des Kreislaufgases in dampfförmige Produkte umgewandelt, die durch Wärmeaustausch und Kühlung verflüssigt und von den Kreislaufgasen abgetrennt werden. Die flüssige Kohle wird anschließend mittels Destillation in Benzin, Mittel und Schweröl getrennt. Während das Schweröl als Anmischöl in die Sumpfphase zurückgeht, werden Benzin und Mittelöl der sogenannten Gasphase zugeführt. Die relativ kleine Menge Benzin wird raffiniert und die Mittelöle werden durch Wärmeaustauscher und Vorheizer verdampft und anschließend bei 400 Grad und 300 atm zu Benzin hydriert. Die leichtflüchtigen Kohlen für das Hydrierwerk liefern die Schachtanlagen Scholven und General Blumenthal, das Koksgas für einen Teil der Wasserstoffproduktion die Kokerei Scholven.

Pionierleistung in Scholven: Synthetisches Benzin aus Steinkohle nach Bergius

Am 7. Juli 1936 gelingt auf dem Hydrierwerk in Scholven erstmalig die Herstellung von Benzin aus Steinkohlenteer, drei Wochen später dann aus Steinkohle. Die Hibernia AG entschließt sich nach dieser Pionierleistung die Stickstoffproduktion in Scholven einzustellen und die vorhandene Wasserstoffgewinnungsanlage für die Hydrierung von Kohlen und Kohlenteerölen nutzbar zu machen.

Quelle: Gelsenkirchener Geschichten, Scholven 1936, erste Lieferung synthetischen Benzins aus Steinkohle Bild: Gelsenkirchener Geschichten. Scholven 1936, erste Lieferung synthetischen Benzins aus Steinkohle

Das sogenannte Scholvenbenzin hat eine Klopfzahl von 73 MOZ bleifrei. Für die Produktion von einer Tonne Benzin aus Steinkohle werden zwei Tonnen hochflüchtiger Kohlen, sowie fünf Tonnen Kohle zur Energieerzeugung und Bereitstellung der benötigten Kokereigase benötigt. Später wird das Verfahren in Scholven verfeinert, die Produktion auf Flugbenzin umgestellt und die Anlagen entsprechend ausgebaut.

Scholven wird Teil der Kriegsmaschinerie

Quelle: Veba Öl, Leitwarte im Hydrierwerk 1936 Bild: Veba Öl, Leitwarte im Hydrierwerk 1936

1938 wird das Hydrierwerk Scholven vom Ministerium Hermann Görings angewiesen, die Produktion von 200.000 Tonnen Autobenzin pro Jahr auf 180.000 Tonnen Flugbenzin umzustellen. Im Bergbau verlängert die sogenannte Hermann-Göring-Verordnung von März 1939 die Schichtzeit der Untertagearbeiter um 45 Minuten. Im Rahmen der Kriegsvorbereitungen wird das Aktienkapital der Veba bis 1939 von 150 Millionen auf 250 Millionen aufgestockt, bis 1943 auf 350 Millionen und bis Kriegsende sogar auf 500 Millionen Reichsmark. Die Veba umschreibt in ihrer Chronik zum 25 Jubiläum 1954 die Kapitalaufstockung im Rahmen ihrer Kriegsproduktion vorsichtig mit den Worten: "Diese Erhöhungen erfolgten im Zuge zeitbedingten Aufgaben, denen die Veba sich nicht entsagen konnte." (Vebachronik 1954)


Bildquelle: Hibernia Zeitung, Poster 1937 Bild: Hibernia Zeitung, Poster 1937

Das Poster in DIN A4-Format aus der Zechenzeitung der Hibernia zeigt ein Jagdflugzeug der deutschen Wehrmacht. Im Bildrand unten links befindet sich das Wappen der Hibernia, welches zur Zeit des Nationalsozialismus unterhalb des Hibernia-Schriftzugs das durch ein vierblättriges Kleeblatt ergänzte Symbol Schlägel und Eisen zeigt und oberhalb den preußischen Reichsadler mit einem Hakenkreuz auf der Brust, in der rechten Kralle ein Schwert haltend, mit der linken Blitze schleudernd.



Hibernia Zeitung: Hermann Göring besucht das Arbeitsgebiet seines früheren Wirtschaftsbeauftragten, 20. Juli 193920. Juli 1939: Hermann Göring vor der Hauptverwaltung der Hibernia AG in Herne

Da Deutschland sich durch seine aggressive Politik immer mehr isoliert und zu erwarten ist, dass das Land im Falle eines Krieges von Rohstoffimporten abgeschnitten werden dürfte, kommt der Hydrierkohle in der zweiten Hälfte der 30er Jahre eine immer wichtigere Bedeutung zu. Das synthetische Benzin, welches in den Hydrierwerken des Reiches aus Kohle gewonnen wird, kann zu einem gewissen Grade das Land von Erdölimporten unabhängig machen. Zu Kriegsbeginn gibt es sieben produzierende Hydrierwerke zur Treibstoffsynthese im Reich, die auf Kohlenbasis arbeiten, zwei davon in Gelsenkirchen (Horst und Scholven). Das größte Werk befindet sich in Leuna. Bis 1944 kommen 8 weitere Werke hinzu. Ein zweites Werk in Scholven befindet sich seit 1939 im Bau, wird aber nie vollendet.



Hermann Göring besichtigt das Hydrierwerk Scholven, 20. Juli 1939Zechenzeitung: Hermann Göring besichtigt das Hydrierwerk Scholven

"Hermann Göring ist da! ... Jedenfalls stand am 20. Juli 1939 morgens gegen 11.30 Uhr Hermann Göring unerwartet vor unserer Hauptverwaltung. Er hatte gelegentlich bei seiner Fahrt über die Wasserstraßen Deutschlands im Rhein Herne Kanal mit seiner Jacht "Karin II" Station gemacht. Es ist verständlich, dass der Besuch des Generalfeldmarschalls wie ein Alarm durch die ganze Verwaltung lief und einige hundert Menschen wie einen Bienenschwarm durcheinander brachte. ... Von Herne aus ging dann, einem Wunsch des Generalfeldmarschalls entsprechend, die Fahrt weiter zum Hydrierwerk Scholven. Hermann Göring besichtigte mit großem Interesse dieses im Rahmen seines Vierjahresplanes neu entstandene Werk und äußerte seine lebhafte Befriedigung über den hohen Stand der Produktionsentwicklung..."

Kolonie Scholven, Bauphase 1936-38

Indirekt wirkt sich der Vierjahresplan auch auf die Kolonie Scholven aus. Die Einbindung der Industrieanlagen in Scholven in die Kriegswirtschaft der Nazis hat nämlich zur Folge, dass der mit der Bildung Gelsenkirchen-Buer 1928 geplante Neubau von Wohnungen im Norden der Großstadt zumindest ansatzweise angegangen wird. So entstehen mit dem Bau des Hydrierwerkes in Scholven ab 1936 neue Werkswohnungen, um dort die benötigten Arbeiter mit ihren Familien unterzubringen und zwar schwerpunktmäßig in Bülse.

Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter

Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nationalsozialisten haben nach der Machtergreifung zu einem starken Rückgang der Arbeitslosigkeit geführt und der Vierjahresplan schmälert die Zahl der Arbeitslosen in der unmittelbaren Vorkriegszeit ein weiteres mal. Waren auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1932 fast 40.000 Menschen in Gelsenkirchen erwerbslos, sind im Februar 1939 bei den Arbeitsämtern der Stadt lediglich 1.007 Menschen ohne Arbeit gemeldet. Die Industrieunternehmen beklagen einen Arbeitskräftemangel. Ab 1940 entstehen in Gelsenkirchen für die Zwangsarbeiter die ersten Lager, je nach Herkunft der Gefangenen unterschiedlich stark umzäunte und bewachte Gelände, auf denen diese in einfachen Baracken untergebracht sind.

Die Hibernia AG gehört im zweiten Weltkrieg zu den Unternehmen, die in sehr hohem Maße vom Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gebrauch macht. Alleine in Buer baut die Hibernia vier Barackenlager mit einer Kapazität für 4.000 Menschen, um die auf den Bergwerken Westerholt, Bergmannsglück und Scholven eingesetzten Ausländer unterzubringen. Die Hydrierwerke Scholven AG errichtet an der Gladbecker Rhedenstraße ein Lager in derselben Größenordnung.

Lager am SammelbahnhofBild: ISG, Lager am Sammelbahnhof 1945

Die Luftaufnahme aus einem alliierten Aufklärungsflugzeug zeigt drei der vier Hibernialager im bebombten Buer 5 Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner.

Das Ursprungslager 1., welches 1940 angelegt wurde, befindet sich westlich der Marler Straße, oberhalb der Gleisanlagen. Unterhalb der Gleisanlagen liegt das 2. Lager Heihoffshof, weiter westlich der Bahngleise folgend neben der Polsumer Straße das 3. Lager Wiebringhaushof. Das vierte Lager in Oberfelding ist auf der Aufnahme nicht zu erkennen. Heute befindet sich auf dem Geländekomplex die Kokerei Hassel.

Die perverse Rassenideologie der Nazis beinhaltet eine Klassifizierung der Ausländer, mit der Folge, dass die Fremdarbeiter aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft unterschiedlich behandelt werden. In der Hierarchie ganz unten befinden sich die Juden, auch wenn es sich eigentlich um eine Nationen übergreifende Religionsgemeinschaft handelt, gefolgt von den russischen Kriegsgefangenen. Wie paradox diese Rassenideologie ist, wird dort sichtbar, wo Russen zwar als minderwertig und nur begrenzt leistungsfähig gelten, ihnen allerdings aufgrund ihrer Arbeitsdisziplin und Fleißes das Härteste abverlangt wird. Auch wenn den westeuropäischen Zwangsarbeitern in der Regel Faulheit nachgesagt wird, sind sie im Nationalsozialistischen Rassenwahn weit höher gestellt als Ostarbeiter und werden auch besser behandelt.

Die Entwürdigung der Russen wird in der Form vollzogen, dass ihnen neben der Schwerstarbeit auch harte Bestrafungen bei einfachen Vergehen bis hin zur Erschießung bei einem Fluchtversuch drohen. 1944 werden die Zwangsarbeiter des Hydrierwerks in Scholven Teil eines Experiments des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitspsychologie in Dortmund, in dem getestet wird, inwieweit Leistungsfähigkeit und Ernährung der Zwangsarbeiter zusammen hängen. In seinem Bericht vom 4. November 1944 nennt Professor Dr. Heinrich Kraut die Gründe für den "Ernährungsgroßversuch mit ausländischen Arbeitskräften", an dem neun Industriebetriebe beteiligt sind: "Zu dem Großversuch gab die unbefriedigende Leistung und schlechte körperliche Verfassung der ausländischen Arbeitskräfte Veranlassung. Die Leistungen der ausländischen Arbeitskräfte lagen bei Versuchsbeginn zwischen 60 und 80% der Deutschen Normalleistung." In dem Versuch kommt man zu dem Ergebnis, dass mit einer Kalorienerhöhung auch eine Leistungserhöhung der Kriegsgefangenen verbunden ist und bei entsprechender Ernährung der Leistung eines deutschen Arbeiters entspricht. Aufgrund der permanenten Bombardierungen des Hydrierwerkes sind die Versuche in Scholven frühzeitig beendet werden.

Leider sind weder Hibernia, noch Scholven Chemie, Veba oder BP je in der Lage gewesen, die Leistung der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen zu erwähnen, wenn sie in ihren Chroniken voller Stolz auf die Pionierarbeit bei der Steinkohlehydrierung in den 30ern oder ihre Förderrekorde in den 40er Jahren verweisen. Das Thema Zwangsarbeit, welches mit der Diskriminierung und Entwürdigung tausender Menschen einhergeht, wird auch nach dem Krieg von diesen Unternehmen totgeschwiegen, bis auch das letzte Opfer, dessen Kraft in Scholven und anderen Anlagen der Hibernia ausgebeutet wurde, gestorben ist.

Über die genaue Zahl der Zwangsarbeiter auf dem Hydrierwerk liegen mir noch keine exakten Zahlen vor. Der International Tracing Service HQ. Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German occupied Terretories Sept 1st, 1939 - May 8th, 1945, spricht von ca 3.000 Zwangsarbeitern , eine Zahl, die auch auf der Wandtafel im Dokumentationszentrum wiederzufinden ist. Das ISG teilte mir vor einigen Monaten auf eine Anfrage diesbezüglich mit, dass für das Hydrierwerk Scholven 42 russische Kriegsgefangene und 380 italienische Kriegsgefangene ausgewiesen sind. Anbetracht der Grösse der Lager, die zusammengefasst für 7.500 Menschen ausgerichtet waren und im Vergleich zu anderen Hiberniawerken wie z.B. der Zeche Scholven (1.452 Kriegsgefangene 1943) oder Bergmannsglück (1.046 Kriegsgefangene 1944), kann die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeiter durchaus höher gewesen sein.

Erste Bombenangriffe und Tarnmaßnahmen

Den Kriegsgegnern Deutschlands ist die strategische Bedeutung der Zeche und der mit ihr im Verbund arbeitenden Chemischen Industrie durchaus bewusst. Erste Luftangriffe auf Scholven sind ab Mai 1940 zu verzeichnen, setzen vermehrt aber erst im Sommer 1944 ein. In der Nacht vom 9. auf den 10. Januar 1941 fliegt der erste geschlossene Verband des britischen Bomber Command mit 135 Maschinen gezielt die Hydrierwerke Scholven und Gelsenberg an, allerdings ohne großen Erfolg. Vom 14. auf den 15. März erfolgt ein weiterer Angriff auf die Industrieanlagen, bei dem das Hydrierwerk in Scholven von zahlreichen Brand und Sprengbomben getroffen wird, so dass erstmalig für 2 Wochen die Produktion ausfällt.

Da es nicht gelingt, die Existenz der Industrieanlagen in Scholven zu verschweigen, versucht man den Alliierten zumindest ihre Lage zu verschleiern. Es kommt zu umfangreichen Tarnmaßnahmen:
"Als sich mit Kriegsbeginn die Gefahr von Luftangriffen auf die Produktionsstätten abzeichnete, wurde alles getan, um das Werk und die Menschen, die in ihm beschäftigt waren, zu schützen. Ein großangelegtes Tarnungsmanöver musste inszeniert werden. Die Anlage selbst, aber auch die Straßen, die zum Werk führten, wurden mit Tarnmatten überzogen, schließlich errichtete man sogar nördlich vom Werk Scheinanlagen. Aus einem Kranz von Flakstellungen sollten angreifende Bomber abgewiesen und durch Bunker die Werksangehörigen vor deren Abwürfen geschützt werden. Durch diese Maßnahmen wurde erreicht, dass bis zum Sommer 1944 keine Verluste zu beklagen waren und trotz des zwölfmaligen Versuchs das Werk lahmzulegen, nicht nur die Produktion aufrecht erhalten, sondern auch neue Anlagen errichtet werden konnten."

Im großen und ganzen bringen die Angriffe 1941 nicht die Ergebnisse, die sich die Engländer erhofften. Grund ist allerdings nicht nur die Tarnung des Werkes, sondern auch Bodennebel und Industriesmog, der häufig die Positionierung der meist bei Nacht angeflogenen Ziele erschwert.

Das Ende des Hydrierwerks - Oil Offensive und Ruhrkampf

Mit dem ersten schweren Bombenangriff auf Essen am 5. März 1943 beginnt die Luftschlacht um das Ruhrgebiet. In den Nächten vom 25. auf den 26. Juni und vom 9. auf den 10. Juli ist Gelsenkirchen Ziel des Bomber Command. Am 12. August beteiligen sich zum ersten Mal auch Amerikaner am Bombardement deren Angriffe am 5. und 19. November sich gezielt gegen die Hydrierwerke richten. Bei der Hydrierwerke Scholven AG verarbeiten in dieser Zeit über 5.900 Menschen die von der Zeche Scholven und General Blumenthal gelieferte Kohle weiter zu 168.500 Tonnen Flugbenzin und 48.000 Tonnen sonstigen Treibstoffen. 1944 starten die Alliierten ihre sogenannte Oil Offensive, die sich verstärkt gegen Betriebe der Kohlenchemie von Ruhröl, Ruhrchemie, Gelsenberg, Scholven, Hoesch, Krupp u.a. richtet, um die Wehrmacht von wichtige Schmier- und Treibstofflieferungen abzuschneiden. Später werden diese Angriffe auch auf die Kokereien der Schachtanlagen ausgeweitet, da sie die Rohstoffe für chemische Produkte wie Benzol, Ammoniak und Wasserstoff liefern.



Zerstörtes Hydrierwerk Bild: Veba Öl, Zerstörtes Hydrierwerk 1944

Der Angriff des Bomber Command in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni auf Gelsenberg ist der Auftakt der Oil Offensive im Ruhrgebiet. Vom 21. auf den 22. Juni ist das Hydrierwerk Scholven Hauptziel des Bomber Command. Einen Monat später am 18. und 19. Juli gelingt es 170 Flugzeugen mit schätzungsweise 800 abgeworfenen Bomben die Treibstoffproduktion in Scholven zum Erliegen zu bringen. 6 Wochen später, am 26. August fliegen 174 Bomber der amerikanischen Streitkräfte erneut gegen die Hydrierwerke Scholven und Gelsenberg. In Scholven sterben an diesem Tag 62 Menschen auf dem Werk, weitere 200 werden verwundet. Vom 11. bis 13. September 1944 sind die Hydrierwerke Gelsenkirchens erneut Ziele von britischen Luftangriffen. Bei Gelsenberg in Horst finden 150 Frauen und Mädchen den Tod, die als Zwangsarbeiterinnen des KZ Buchenwald zu Trümmerräumarbeiten auf dem Hydrierwerk gezwungen werden. Den vornehmlich aus Ungarn stammenden Frauen jüdischen Glaubens war der Zugang zu den Bunkern und Schutzgräben des Werkes untersagt.

Im Oktober beginnt die zweite Phase des Battle of the Ruhr. Die Angriffe werden noch einmal intensiviert. Während sich die Amerikanischen Attacken überwiegend gegen Industrieanlagen richten, fliegt das Bomber Command der Britten auch verstärkt die Innenstädte an, um die Kriegsmoral innerhalb der Bevölkerung zu brechen. Am 6. und 25. Oktober bombardieren amerikanische Verbände erneut das Hydrierwerk in Scholven, am 1. 4. 6. 11. 20. und 23. November werden abwechselnd die Hydrierwerke Gelsenkirchens von Alliierten Bombern heimgesucht. Mit einem Fliegerangriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember geht das Jahr 1944 in Scholven zu Ende.

Bei dem Angriff am 6. November 1944 erlebt das Stadtgebiet von Gelsenkirchen seinen schwersten Angriff. Besonders stark betroffen sind neben der Altstadt die Stadtteile Bulmke, Hüllen und Schalke. 518 Menschen sterben. In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar wird das Stadtgebiet von Gelsenkirchen erneut bombardiert. Am 4. und 16. Februar steht wieder Gelsenberg im Visier der Alliierten, am 19. das Hydrierwerk Scholven, erstmalig zusammen mit der Kokerei Alma, die am 21. 23. und 27. Februar weitere Male bombardiert wird. Am 28. wird Gelsenberg erneut angeflogen und am 5. März erstmalig gezielt die Kokerei der Zeche Consolidation. Am 8. März konzentrieren sich die Bombenabwürfe über Gelsenkirchen dann auf das Hydrierwerk in Scholven. In dem letzten Bombenangriff der Air Force auf das Hydrierwerk am 10. März wird Scholven endgültig in ein Trümmerfeld verwandelt, bevor mit der Bombardierung der Zeche Consolidation am 13. und 19. März die Luftangriffe auf Gelsenkirchen ein Ende finden.

"Insgesamt musste das Werk mehr als fünfzig Angriffe über sich ergehen lassen, wobei etwa 5.000 Spreng- und Brandbomben auf das Werk niedergingen. Am letzten Angriff, in den Nachmittagstunden des 10. März 1945 fielen noch einmal 1350 Bomben schweren und schwersten Kalibers in ein längst tödlich getroffenes Werk, indem schon seit acht Monaten nichts mehr produziert wurde. An jenem 10. März war Scholven 20 Minuten lang der grausige Schauplatz perfekter Zerstörung."

Am 29. März beginnt die Eroberung Buers. Von Gladbeck im Westen und vom Norden über die Dorstener und Feldhauser Straße arbeiten sich die amerikanischen Panzer über Scholven vor in die nördliche Metropole der Stadt Gelsenkirchen, begleitet von einem Granatenhagel auf das Stadtgebiet und die Industrieanlagen. Mit der Einnahme der Stadt werden auch alle Industrieanlagen beschlagnahmt. Das Hydrierwerk wird besetzt und den Mitarbeitern das Betreten bis auf weiteres verboten.

Die Konferenz von Potsdam

Stalin, Truman, Attlee, Potsdamer Konferenz 1945 Bild: Stalin, Truman, Attlee, Potsdamer Konferenz 1945

Um eine Neuordnung Europas zu planen und über das Schicksal Deutschlands zu beraten, treffen sich im August 1945 auf dem Cecilienhof in Potsdam die Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien (und später auch Frankreich). Die Alliierten sind sich einig, dass Deutschland um jeden Preis daran gehindert werden muss, jemals wieder einen Krieg zu führen. Als Entschädigung sollen die Reperationsforderungen in Form von Demontagen beglichen werden. Darüber hinaus soll Deutschland demokratisiert und entmilitarisiert, seine Wirtschaft dezentralisiert und dekartellisiert und seine Bewohner entnazifiziert und umerzogen werden.

Ginge es nach dem damaligen Finanzminister der USA, Henry Morgenthau, hätte man die Industrieanlagen komplett stillgelegt, das Ruhrgebiet vom Rest des Landes abgetrennt und dem internationalen Völkerrecht unterstellt. Deutschland wäre ein reiner Agrarstaat geworden und wir würden heute auf dem Berger Feld stehen, Kartoffeln anbauen und Runkeln ziehen oder an den Hängen des Mechtenbergs Ziegen hüten und Kühe melken. Der Gedanke daran mag ein wenig seltsam anmuten, aber den alliierten Besatzungsmächten war es durchaus ernst damit.

Das wechselhafte Schicksal des Hydrierwerkes

Westfälische Rundschau 26. Mai 1949Westfälische Rundschau 26.05.1949

Kommen wir von der Bühne der Weltpolitik wieder zurück ins zerstörte Scholven und schauen uns die Entwicklung der Industrie in diesem Stadtteil an, nachdem die Sieger dieser Welt ihre Entscheidungen über die Zukunft Deutschlands und seiner Industrie beschlossen haben. Nachdem das Hydrierwerk von Alliierten besetzt worden ist, durchforschen Wissenschaftler die Anlage und beschlagnahmen sämtliches Zeichnungsmaterial und alle Akten. Nachdem am 27. Juli die schriftliche Erlaubnis erteilt wird, eine Benzinkammer und eine Destillation instand zu setzen, ereilt das Hydrierwerk Ende August allerdings folgender Befehl aus Potsdam: "Alle synthetischen Treibstoffwerke sind zu schließen. Alle Wiederaufbaumaßnahmen müssen aufhören und alle betrieblichen Planungen beendet werden" Am 31. August 1945 wird dem Hydrierwerk die Produktionserlaubnis offiziell entzogen. Die Militärbehörden wollen unter allen Umständen vermeiden, dass durch die Wiederbelebung von Anlagen dieser Art in irgendeiner Form in einem Krieg Verwendung finden könnten. Durch Anordnung Nr. 5 am 31. Dezember 1945 wird die Hibernia AG der "North German Control" unterstellt und ihr Besitz mit Gesetz Nr. 52 der Militärregierung beschlagnahmt. Laut Besatzungsrecht ist die Zerstörung aller im Reich vorhandenen Hydrieranlagen nach dem Bergiusverfahren vorgesehen.

In den ersten beiden Nachkriegsjahren ist der Wiederaufbau deshalb nur in kleinem Rahmen erlaubt und beschränkt sich auf eine Entschwefelungsanlage und Anlagen zur Reinigung und Kompression von Kokereigasen der Zeche Scholven. Die Anlagen werden weiterhin von den Alliierten unter starken militärischen Sicherheitsvorkehrungen streng bewacht und die Mitarbeiter des Hydrierwerkes dürfen nur, wie es heißt: "betriebsfremd" eingesetzt werden. Statt das Hydrierwerk wieder aufzubauen und auf Steinkohlebasis zu betreiben, kann die Belegschaft nur noch für Montagezwecken auf Zechen oder im Bereich von Instandsetzungsarbeiten an Brücken, Waggons oder Förderwagen eingesetzt werden.

Nachdem man unter Auflagen der Gelsenberg Benzin AG in Horst eine vorläufige Erlaubnis zur Verarbeitung von Erdöl erteilt hatte, versuchte auch der Aufsichtsrat der Hydrierwerke Scholven nach seiner ersten Nachkriegssitzung am 10.November 1948 von den Alliierten eine Genehmigung zu erwirken, um dem Werk - wie es heißt - seine "alte Bestimmung" zurückzugeben. Kurz nach Wiederaufnahme der Treibstoffproduktion in Horst im März 1949 kommt für Gelsenberg dann der Demontagebefehl und fünf Monate später erhält auch die Hydrierwerk Scholven AG, deren Belegschaft bereits auf 665 geschrumpft ist, am 18. August den Befehl zur Demontage. Die Mitarbeiter sind empört und gehen auf die Strasse um zu demonstrieren.

Ende November kommt dann plötzlich die alles entscheidende Wende. Im Rahmen des Petersberger Abkommen erfolgt der Demontagestop. Das Hydrierwerk wird von der Reparationsliste gestrichen und damit ist die Zukunft des Werkes gerettet. Die Herstellung synthetischen Benzins ist allerdings endgültig zu Ende.

Scholvenchemie

Scholven Chemie AG, Werk 1960 Bild: Scholven Chemie AG, Werk 1960

Am 6. April 1950 findet eine Umbenennung der Hydrierwerke Scholven AG in Scholven Chemie AG statt, 1951 darf die Stickstoffproduktion wieder aufgenommen werden und 1952, nachdem bereits ein Jahr zuvor die Bewachung der Anlage durch die Alliierten aufgegeben wurde, wird die Kraftstoffproduktion erneut aufgenommen, jetzt allerdings auf Erdölbasis. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist die Herstellung synthetischen Benzins aus Steinkohle in Scholven Geschichte.

Wirft man einen Blick auf die Chroniken der Scholven Chemie, der Veba und ihrer Nachfolgeunternehmen scheint man bis auf diese Pionierleistung alles andere vergessen zu haben...

Quellen und ein Dankeschön an ...

Dieser Abriss ist Teil meiner sich noch in Arbeit befindlichen Abhandlung über die Zeche Scholven, die damals in der chemischen Industrie ihren Verbundpartner gefunden hatte. Mein ausdrücklicher Dank in diesem Zusammenhang besonders an Karlheinz Rabas und dem Stadtteilarchiv Rotthausen, für das zur Verfügung stellen und Aufbereiten der Literatur zu diesem Thema und den spannenden Diskussionen in der Berbausammlung. Ein großes Dankeschön auch an das Kleine Museum und Zeche Hugo, sowie Roland Schlenker von der Gedenkstätte Nationalsozialismus, Andreas Jordan (Diesen Beitrag stelle ich auch gerne wieder dem Gelsenzentrum zur Verfügung) und Rudolf Hörne.

Desweiteren suchen wir natürlich noch Infos, Quellen und Berichte zur Zeche Scholven und zur Kolonie, speziell über das Erleben des Kriegsendes und die Nachkriegszeit. → Kontaktformular

Quellen:
"50 Jahre Zweckel/Scholven - Unsere Hibernia Band 19" eine Schriftenreihe für die Mitarbeiter vom Juli 1958
Scholven. Zum 25 jährigen Bestehen der Scholven Chemie Aktiengesellschaft, Gelsenkirchen-Buer am 16. Juli 1960
Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks Aktiengesellschaft, 1929-1954, Herausgeber: Veba, 1954
Veba Oel, Chronik eines Konzerns, Herausgeber: Veba Oel, 2002
Der Vestische Bergmann, Zechenzeitschrift für die Bergwerksaktiengesellschaft Recklinghausen Jahrgänge 1933-1935
Hibernia Zeitung, Werkzeitung der Bergwerksgesellschaft Hiberna AG Herne, Jahrgänge 1935 - 1941
Dokumentation der Werkssiedlungen in Gelsenkirchen von Beginn der Industrialisierung bis 1933,
Herausgeber: Stadt Gelsenkirchen, 1980
Klaus Tenfelde, Hans-Christoph Seidel (Hrsg.): Zwangsarbeit im Bergwerk. Der Arbeitseinsatz des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Band 1: Forschung, Band 2: Dokumente, Essen 2005
Roland Schlenker: "Ihre Arbeitskraft ist auf das schärfste anzuspannen", Zwangsarbeiter und Zwangsarbeitslager in Gelsenkirchen 1940-1945, Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte Materialien Bd. 6

Johannes Fischer, Juni 2008


Andreas Jordan, Juli 2008

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