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Der letzte Zeuge

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Zum Tod von Rudolf Brazda

Rudolf Brazda in Berlin

Foto: Rudolf Brazda, der so gerne rosa Hemden anzog - zur Erinnerung an den "rosa Winkel", den er selbst und Tausende andere schwule Häftlinge im KZ tragen mussten: "Dass ist die Farbe, mit der uns die Nazis abgestempelt haben, daher trage ich besonders gerne Rosa".

Der wahrscheinlich letzte Überlebende nationalsozialistischer Gewalt gegen Schwule ist tot. Rudolf Brazda starb im Alter von 98 Jahren.

Er war zwei Mal in Nazi-Gefängnissen inhaftiert und durchlebte 32 Monate lang die Hölle des KZ Buchenwald - und das nur wegen seiner Homosexualität. Seine Verwandten gaben letzte Woche seinen Tod bekannt: "Rudolf ist am 3. August 2011 friedlich im Schlaf gestorben. Er soll auf eigenen Wunsch eingeäschert werden, seine Asche wird neben dem Grab seines Lebenspartners Eddi Meyer, mit dem er mehr als 50 Jahre zusammenlebte, verstreut werden."

Rudolf Brazda, Sohn tschechischer Einwanderer, lebte 1937 mit seinem damaligen Partner im thüringischen Meuselwitz zusammen, als man ihn denunzierte. Zunächst kam er wegen "unnatürlichen Verhaltens" in U-Haft. Die Nazis sahen männliche Homosexualität als ein "entartetes Verhalten an, das die Leistungsfähigkeit des Staates und den männlichen Charakter des deutschen Volkes bedrohe". Homosexuelle Männer wurden von den Nazis oftmals als "Volksfeinde" klassifiziert. Sie wurden beschuldigt, die "öffentliche Moral zu zerrütten und die Geburtenrate in Deutschland zu gefährden". Rudolf Brazda wurde vor dem Hintergrund dieser Denunziation wegen "Vergehen nach §175" angeklagt, zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt und des Landes verwiesen. Er ging nach seiner Entlassung ins tschechische Karlsbad, wo er auch nach dem Einmarsch der Nazis blieb.

Im August 1942 war Rudolf Brazda einer der zu dieser Zeit wegen ihrer Homosexualität inhaftierten Männer des KZ Buchenwald. Diese mussten als Erkennungszeichen auf ihrer gestreiften Häftlingskleidung ein auf dem Kopf stehendes rosa Dreieck - den "Winkel" - tragen. Brazda wurde von der harten Arbeit im Steinbruch verschont, weil ein Kapo (so genannter "Funktionshäftling"), sich in ihn verliebt hatte - so wurde Brazda auf dessen betreiben im "Sanitätsbereich" des KZ eingesetzt. Ein anderer Kapo versteckte ihn später im Schweinestall, während viele der anderen Gefangenen bereits auf die Todesmärsche geschickt wurden. Am 11. April 1945 wurde das KZ Buchenwald, nachdem die Häftlinge bereits kurz zuvor einen bewaffneten Aufstand zur Selbstbefreiung organisiert hatten, von der US-Armee endgültig befreit.

Wie Rudolf Brazda wurden zwischen 1934 und 1945 schätzungsweise 10.000 - 15.000 schwule Männer in die KZ eigesperrt, die wenigsten haben den faschistischen Terror überlebt. Für die Überlebenden ging die Verfolgung in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit fast nahtlos weiter. Wenn einer der wenigen Überlebenden wieder „straffällig“ im Sinne des § 175 wurde, bezog die bundesdeutsche Justiz die Verurteilung aus der NS-Zeit strafverschärfend mit ein, denn der Angeklagte galt ja als unverbesserlicher Wiederholungstäter, hatte doch der § 175 in der NS-Fassung noch bis 1969 Gültigkeit. Endgültig aus dem bundesdeutschen Strafgesetzbuch gestrichen wurde der § 175 erst im Jahr 1994.

Am 17.5.2002 hat sich der Deutsche Bundestag offiziell bei den homosexuellen Opfern des Nazi-Regimes entschuldigt und mit einer Ergänzung des NS-Aufhebungsgesetzes symbolisch alle Urteile aus der NS-Zeit aufgehoben. Die "rosa Winkel" Häftlinge wurden im Gegensatz zu anderen Häftlingsgruppen jedich nie entschädigt. Auch Rudolf Brazda für seine KZ-Haft in Buchenwald nie eine Entschädigung erhalten.

Mit dem Tod von Rudolf Brazda darf seine Geschichte und auch die Geschichten tausender Unbekannter, die wegen ihrer Homosexualität von den Nazis gedemütigt und ermordet wurden, nicht vergessen werden. "Mein Leben war grausam, aber ich bin immer davongekommen - das Glück kam immer zu mir", sagte Brazda noch vor einiger Zeit, "Die Homosexualität ist nicht mehr verboten, wir sind freie Menschen - und ich bin glücklich".


Email an Andreas Jordan schreiben Andreas Jordan, August 2011. Gelsenzentrum - Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen

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