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Reservelazarett in Gelsenkirchen-Buer

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Reservelazarett Buer

Reservelazarett Gelsenkirchen-Buer (Marienhospital)

Abb.1: 1939 wird der Nordwest-Flügel des Marien- hospitals Gelsenkirchen-Buer von der Wehrmacht beschlagnahmt, zum Resevelazarett erklärt und dem Wehrkreiskommando übergeben.

Das Marienhospital in Gelsenkirchen-Buer blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1906 erfolgte die Grunsteinlegung am heutigen Standort, bereits 1911 wurde der Nord-West Flügel erwei- tert. Auch im 1. Weltkrieg war das Marienhopital Reservelazarett, nach Kriegsende wurde der Gebäudekomplex weiter ausgebaut. Mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 wurden auch die Ärzte und die katholischen Ordensschwestern sukzes- sive vom NS-Regime reglementiert. Ab 1935 verfolgten die Nazis mit Vehemenz reichsweit das Ziel, die katholischen Orden und die Diakonissen aus den Krankenhäusern zu verdrängen. Doch um dieses Ziel zu erreichen, mussten sie erst für einen geeigneten Ersatz sorgen. Dafür sollten eigene nationalsozialistische Krankenschwestern ausgebildet werden. Deshalb starteten sie ab 1935 eine große Werbekampagne, um junge Frauen für die Ausbildung zu gewinnen. Ganz gezielt dienten in dieser Propaganda die Krankenschwestern der beiden christlichen Kirchen als negatives Gegenmodell für den neuen Typus von Krankenschwester.

Die Werbung für die so genannten "Braunen Schwestern" ging deshalb oft einher mit einer Diffamierung der katholischen Ordensschwestern und der Diakonissen: "An Stelle der weltabgewandten Diakonisse und Ordensschwester tritt die lebensbejahende neue Deutsche Schwester, wie wir sie in der NS-Schwesternschaft, im Deutschen Roten Kreuz und im Reichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen sehen. Für sie ist der Schwesternberuf nicht Flucht aus dem Leben, sondern Lebensbejahung, Arbeit für das Leben unseres Volkes."[1]

Die Zusammenarbeit der Ordensschwestern mit den jungen, unerfahrenen "Braunen Schwestern" gestaltete sich auch im Marienhospital in der Folgezeit meist unproblematisch. Für die Ordensschwestern waren weniger die einzelne "Braune Schwester" und die Zusammenarbeit mit ihr in der Praxis das Problem als vielmehr die politische Zielsetzung, die hinter der gezielten Förderung der NS-Schwes- ternschaft stand. Das Ziel des NS-Regimes war nun einmal, die Ordensschwestern ganz aus den Krankenhäusern zu drängen und durch die "Braunen Schwestern" zu ersetzen. Doch nach Kriegsbeginn mit der zusätzlichen Belastung durch die Heimat- und Reservelazarette war daran nicht mehr zu denken, denn auch in den frontnahen Feldlazaretten wurde dringend Personal gebraucht, sodass die Hauptlast der Arbeit im Marienhospital Buer mit fortschreitendem Krieg auf den Schultern der Ordensschwestern lag.

Marienhospital Gelsenkirchen-Buer, zum Schutz gegen Luftangriffe mit Roten Kreuzen gekennzeichnet

Abb.2: Das Marienhospital Gelsenkirchen-Buer, zum Schutz gegen Luftangriffe mit Roten Kreuzen gekennzeichnet

Schon in den Jahren 1936 und 1937 gab es Hinweise auf einen drohenden Krieg. 1936 wurden die Ordensschwestern von den NS-Behörden aufgefordert, eine Luftschutzausbildung zu machen. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde der nordwestliche Flügel [Anm. d. Verf.: der zur Dorstener Str. gelegene Flügel] des Marienhospitals Buer zum Reserve-Lazarett. Ärzte und Schwestern wurden verpflichtet, auch die Patienten des Reservelazaretts zu versorgen. Für die Schwierigkeiten bei Umstellung des Gesundheitssystems auf die militärischen Auseinandersetzungen steht exemplarisch die Beschwerde eines Gelsenkirchener Lazarettkommandanten: Am Ankunftstag des Lazarettpersonals (dem 8. September 1939) sei das "Marienhospital in völliger Unkenntnis über die vorgesehene Einrichtung eines Reservelazaretts gewesen. "Der im Mob-Kalender vorgesehen, nach N.W. gelegene Flügel war noch mit Kranken belegt und mußte erst geräumt werden. In den leergewordenen Zimmern fehlte es an Betten [...] Bettwäsche und Kleidung. Es ergaben sich [...] erhebliche Schwierigkeiten, da die im Mob-Plan vorgesehenen Räume einfach nicht freigegeben wurden."[2]

Zur Unterstützung wurden Sanitäter und Militärärzte nach Buer abkommandiert. Parallel wurden im Gebäudekomplex des Marienhospitals Luftschutzräume gebaut, in welche die Ordensschwestern "arische" Patienten vor Luftangriffen in Sicherheit brachten.

In der gesamten deutschen Kriegswirtschaft herrschte bald nach Beginn des 2. Weltkriegs ein eklatanter Arbeitskräftemangel. Zunächst wurden deshalb im Ausland so genannte Fremdarbeiter" angeworben, wobei jedoch bald in den besetzten Gebieten zum Instrument der Zwangsrekrutierung gegriffen wurde. Diese heute deshalb meist als Zwangsarbeiter bezeichneten Arbeitssklaven wurden von den NS-Arbeitsämtern auf Antrag der Arbeitgeber den verschiedenen Betrieben zugeteilt.(3) Auch kirchliche Einrichtungen wie das Buerer Marienhospital, in denen der Arbeitskräftemangel vielfach durch die vom NS-Staat auferlegten zusätzlichen Aufgaben besonders hoch war, machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Im Garten des Marienhospitals Buer wurde ein Gemüsegarten, eine Isolierstation für ansteckend Erkrankte, Baracken für im Marienhospital zwangsarbeitende Frauen und auch für verletzte Zwangsarbeiter errichtet, diesen war jedoch der Zugang zu den Luftschutzräumen verwehrt.

In den Mittagsstunden am Karfreitag 1945, es war der 30. April 1945, besetzten zunächst amerikanische Soldaten im Zuge der Befreiung Gelsenkirchens das Marienhospital. Währenddessen lief die Versorgung der Kranken und Verletzen fast ununterbrochen weiter.

Entlassungsbefund des Reserve-Lazaretts Buer für den Oberfeldwebel Hugo Angenendt

Abb.3: Entlassungsbefund des Reserve-Lazaretts Buer für den Oberfeldwebel Hugo Angenendt vom 16. Juni 1945. Angenendt war in der Tötung des englischen Fliegers Norman C. Cowley im Februar 1945 involviert.

Exemplarische Sterbefälle im Reservelazarett Buer

Auch der in der Endphase des Krieges in Gelsenkirchen zu Tode geprügelte englische Flieger → Norman C. Cowley starb im Reservelazarett Gelsenkirchen-Buer an den Folgen der erlittenen Verletzungen. Vor dem Haupteingang des Marienhospitals Buer soll schon bald ein Stolperstein im Gedenken an Norman C. Cowley verlegt werden.

Nikita Patenka

Nikita Patenka, russischer Kriegsgefangener, starb am 12.9. 1942 im Reservelazarett Gelsenkirchen-Buer

Abb.4: Nikita Patenka, russischer Kriegsgefangener, starb am 12. September 1942 im Reservelazarett Gelsenkirchen-Buer

Nikita Patenko, geboren am 14.9.1900 in Stalingrad, zunächst im Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (VI K) Senne, dann im Dortmunder Süden an der Westfalenhalle gelegenen Kriegsgefangenenlager Stammlager (Stalag) VI/D inhaftiert, wurde am 4.9.42 im Reservelazarett Gelsenkirchen-Buer auf- genommen. Diagnose: "Fortschreitende Phlegmone des linken Unterschenkels, septischer Allgemeinzustand". Am 12.9.1942 um 7.30 Uhr starb Nikita Patenka an den Folgen der bakteriellen Entzündung im linken Unterschenkel. Ob Patenko zuvor zum Zwangsarbeitseinsatz im Marienhospital eingesetzt war, bleibt im Dunkeln.

Nikolaj Ramanow

Nikolaj Ramanow, Zwangsarbeiter aus Russland, starb im Reservelazarett Buer

Abb.5: Nikolaj Ramanow, Zwangsarbeiter aus Russland, starb im Reservelazarett Buer. An welchem Ort und unter welchen Umständen die schwere Verletzung entstanden sind, konnte nicht geklärt werden.

Einer der vielen, zumeist namenlos gebliebenen Zwangsarbeiter, der im Reservelazarett Buer starb, war Nikolai Ramanow, geboren am 6.12.1909 in Russland. Laut Personalkarte ab 10.2.1944 im Arbeitskommando 212 R, Hugo Ost, Resserstraße. Gestorben am 7.4.1944 im Reservelazarett Buer an Schädelbruch. Beerdigt am 12.4.1944 auf dem Südfriedhof Gelsenkirchen-Horst Feld 3, Reihe 9, Grabstelle 23/591

Quellen
[1] Völkischer Beobachter vom 1.1.1938
[2] Erfahrungsbericht des Reservelazaretts Gelsenkirchen-Buer [September 1939], BA-MA, RH55/34, Bl. 20
Vgl. Festschrift 175 Jahre Barmherzige Schwestern
Abbildungen:
[1] Forum GG
[2] Gelsenzentrum
[3] Aus: WO 309 Case 96. Report by War Crimes Investigation Unit BAOR, Buer-Resse, Ermittlungsakte, National War Archive, UK.
[4, 5] OBD Memorial, Verteidigungsministerium der Russischen Föderation

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Andreas Jordan, März 2019

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