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Reise nach Riga


Mahnmal in Riga

GELSENZENTRUM veröffentlicht diesen Reisebericht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Dr. Hubert Schneider, Bochum. Anfang Juni 2006 besuchten Ingrid und Hubert Schneider für eine Woche die lettische Hauptstadt Riga. Das Ehepaar Schneider ging den Spuren der damals aus Bochum, Gelsenkirchen und anderen Städten deportierten Menschen nach.



Das Gelände des ehemaligen Ghettos in Riga

Der Weg zu dem ehemaligen Ghettogelände führt zunächst zum Bahnhof, vorbei an den belebten Markthallen, in die Moskauer Vorstadt, zur Gogola iela. Nach wenigen Schritten steht man bei der Hausnummer 25 - vor Ruinen: Es sind die freigelegten Kellerräume und einzelne Seitenmauerreste der ehemals größten Synagoge in Riga, der großen Choralsynagoge.
Eingeweiht 1871, war sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines des bekanntesten Kultusgebäude in Riga. Sie war berühmt durch ihre Kantore und ihren Chor. Wahrscheinlich begann hier die Ermordung der lettischen Juden am 4. Juli 1941: Ungefähr 300 Juden, die aus Litauen vor den Nazis geflüchtet und in Riga steckengeblieben waren und nirgendwo Unterkunft fanden, erhielten in den Kelleräumen der Synagoge Obdach. Am helllichten Tag begannen Helfershelfer der deutschen Okkupanten, junge Burschen des lettischen "Kommando Arias", ganze jüdische Familien aus den umliegenden Häusern in die Synagoge zu jagen, zusammen mit gerade auf der Straße vorübergehenden jüdischen Passanten. Man trieb alle Festgenommenen in die Synagoge, stapelte die Betpulte übereinander, übergoss sie mit Benzin, warf mit Benzin getränkte Lappen in die Ecken und zündete sie an, Die Türen wurden verschlossen und mit Brettern vernagelt.

Nach dem Krieg wurde die niedergebrannte Synagoge dem Erdboden gleichgemacht, der Keller, in den die Gebeine der Umgekommenen geworfen worden waren, einfach zugeschüttet, an dem Ort der Tragödie eine Grünanlage angelegt und über der Asche der grausam Ermordeten eine "Ehrentafel" angebracht: Kein Zeichen der Erinnerung an die Tragödie, sondern eines zu Ehren der "Helden der Arbeit". Erst 47 Jahre später wurde die "Ehrentafel" wieder abgenommen: Am 4. Juli 1988 wurde ein Mahnzeichen errichtet, ein großer rauer Rundstein mit einem eingemeißelten "Magen-David", einem Davidstern. Jetzt ist in den freigelegten Kellerräumen der Synagoge eine Gedenkstätte errichtet worden - zur Erinnerung an alle Opfer des Holocaust, an alle Juden, die auf lettischem Boden ermordet wurden.

An diesem sonnigen und warmen Morgen ist der Platz ruhig. Einzelne Menschen, die mit schweren Taschen vom Markt kommen, machen auf den Mauern des Fundaments eine Pause. In den ehemaligen Kellerräumen lagern einige Obdachlose... Den Beginn des ehemals "Großen Ghettos" kann man nur erahnen: Man muss schon genau hinsehen, um ein eher abstraktes Mahnmal zu sehen, das - ohne weiteren Hinweis - am Anfang des Geländes steht. Eine Gedenktafel an einem gegenüberliegenden Haus erinnert daran, dass hier Juden versteckt worden sind. Wir laufen entlang die Sadownika iela und kommen zur Ludzas iela (Leipziger Straße), deren Verlauf das spätere "Kleine Ghetto" vom "Reichsjudenghetto" trennte. Viele der alten Häuser stehen noch an der Ludzas iela und in den von ihr rechts und links abzweigenden Straßen. Es ist ein ziemlich verwahrlostes Stadtviertel, hier wohnen heute die Armen der Stadt. Nichts erinnert an die Zeiten des Ghettos und an die dramatischen Ereignisse, die sich am 30. November 1941 und am 8. Dezember desselben Jahres hier abspielten, als die hier lebenden 28 000 lettischen Juden in zwei großen Aktionen nach Rumbula verbracht und dort erschossen wurden.

Im sogenannten "Reichsjudenghetto" verweilen wir länger. Auch hier stehen noch zahlreiche alte Gebäude. Hierher wurden auch die aus Dortmund nach Riga deportierten Juden untergebracht: 938 Menschen waren am 27. Januar in Dortmund abgefahren, am 1. Februar kamen sie in Riga an. Vorgesehen war die Deportation von Juden aus dem Gestapobezirk Dortmund schon für den 12. Dezember 1941. Der Grund für die Verschiebung um sechs Wochen lag vermutlich in der allgemeinen Verkehrssperre, um während der Weihnachtszeit 1941 die zahlreichen Urlauberzüge für Wehrmacht und Rüstungsindustrie nicht zu behindern. Neben 293 Dortmunder Juden befanden sich nach offizieller Zählung 64 Personen aus Bochum (mir sind allerdings die Namen von 71 Bochumern bekannt), 377 Juden aus Gelsenkirchen sowie Juden aus weiteren 20 Städten des Einzugsbereichs der Gestapoleitstelle Dortmund in diesem Transport. Er begann seinen Lauf in Gelsenkirchen und nahm in Recklinghausen weitere 70 Personen auf, bevor auf einem abgelegenen Gleisabschnitt an der Nordseite des Hauptbahnhofs Dortmund die Juden aus den anderen Städten zusteigen mussten. Nach offiziellen Zählungen haben aus diesem Transport 121 Menschen überlebt, aus Bochum sind die Namen von neun Überlebenden bekannt. (1)

Welche Situation fand die Dortmunder Gruppe in Riga vor? (2) Nachdem die ersten Transporte im Dezember 1941 im "Reichsjudenghetto" angekommen waren, wurde ein jüdischer Ghettorat gebildet, dem als Leiter der frühere Chef des Kölner jüdischen Wohlfahrtsamtes, Max Leiser, vorstand. Er war zunächst Transportleiter während der Deportation gewesen, erhielt jetzt ein Büro und einen Titel: "Der Ältestenrat der "Reichsjuden" im Ghetto zu Riga". Ihm zugeordnet waren die jeweiligen Ältesten der Gruppen, die nach den weiter eintreffenden Transporten unterschieden wurden. Meistens verfügten die Gruppenältesten über ein kleines Geschäftszimmer in den Unterkünften. Die Nachrichtenverbindung zwischen dem Ältestenrat und einzelnen Personen oder ganzen Gruppen wurden mit Hilfe von Jugendlichen eingerichtet, die Meldungen und Anweisungen als Boten überbrachten. Die Gruppenältesten ihrerseits führten ein Journalbuch über die täglich ankommenden Befehle, die in erster Linie Dienstzeiten und Aufstellungsdetails für den Ordnungsdienst oder die Zwangsarbeiterkolonnen enthielten. (3) Eine Lagerpolizei wurde aufgestellt, die unter der Leitung des mit dem Düsseldorfer Transport angekommenen Friedrich Frankenberg stand. Er hatte als "Leiter der Lagerpolizei" die einzelnen Polizisten der Gruppen zu befehligen und ließ sich gelegentlich von Rudolf Haar vertreten. Zwischen ihm und den einzelnen Ghettopolizisten befanden sich als Mittelinstanz die "Obleute", die als Befehlende innerhalb der Gruppenpolizisten Frankenbergs unmittelbare Ansprechpartner waren. (4)

Generell waren die jüdischen Ordnungsmänner an der blauen Armbinde zu erkennen. Weiterhin wurde eine jüdische Arbeitseinsatz- Zentrale im Ghetto gegründet, die von dem Kölner Herbert Schultz geführt wurde. Jede Gruppe musste Schultz eine Person abstellen, alle bildeten dann die Arbeitseinsatz-Zentrale. Jeder weiter ankommende Transport hatte also einen Gruppenältesten mit Stellvertreter, einen Polizeiobmann mit einer Anzahl von 8-10 Polizisten sowie einen Gruppen-Arbeitseinsatz-Referenten zu stellen, so auch die Dortmunder Gruppe nach ihrer Ankunft am 1. Februar 1942. Nach der Ankunft der neuen Transporte im Januar/ Februar 1942 vervollständigte sich die jüdische Selbstverwaltung im deutschen Ghettoareal. Leisers Ältestenrat bestand jetzt aus einer größeren Gruppe, die Arbeitseinsatz-Zentrale wuchs an, und die Ghettopolizei bestand zuletzt aus etwa 60 bis 70 Personen. Ein "technischer Dienst" wurde gegründet, der das Recht hatte, zur Reparatur wichtiger Anlagen sofort Facharbeiter und Handwerker zu rekrutieren. (5)

Benno Nussbaum, Ältester der Gruppe Düsseldorf, baute stetig ein Schulsystem für Kinder auf und leitete die Gottesdienste in seiner Gruppe. Seit dem 25. Februar war Nussbaum dafür verantwortlich, dass die in den Gruppen eingesetzten Lehrpersonen auch ein- oder zweimal wöchentlich am Arbeitseinsatz teilnahmen. Bei ihm, in der "Lehrer-Zentrale", mussten die Stundenpläne eingereicht, die Nachweise zur Teilnahme am Arbeitseinsatz erbracht und "schulfrei" beantragt werden. (6) Außerdem überwachte die Lehrer-Zentrale offensichtlich den Straßenkehrdienst im Ghetto, der von Jugendlichen der höheren Schulklassen zusammen mit den Lehrern durchgeführt werden musste. (7)
Am 7. April 1942 kündigte Nussbaum an, an den letzten beiden unmittelbar folgenden Pessachtagen solle vormittags ein Gottesdienst stattfinden, der Schulunterricht würde in die Nachmittagsstunden verlegt; allerdings dürfe der Arbeitseinsatz hierdurch nicht gefährdet werden, so dass letztlich nur diejenigen an den Feiern teilnehmen konnten, die weder in den Zentralwerkstätten noch in den Arbeitskommandos für die Deutschen arbeiten mussten. (8) Fraglich muss bleiben, wie viele Schüler, Lehrer und Schulgebäude es im Ghetto gegeben hat. Im Journalbuch der Gruppe Dortmund findet sich hierzu keine Information mit der Ausnahme, dass eine Schule in der Düsseldorfer Straße Nr. 12 existiert haben muss. (9) Gottesdienste im Ghetto sind öfters nachgewiesen. (10)
Bereits im Februar 1942 war ein Antrag aus der Dortmunder Gruppe bei der Ghettokommandantur bewilligt worden, katholische Betstunden im Ghetto abhalten zu dürfen. Ganz offensichtlich wurden sie öfters in der Unterkunft des Gruppenältesten Hannover, Günther Fleischel, abgehalten. (11)

Die Deportierten der einzelnen Transporte wurden gemeinsam in bestimmten Häusern untergebracht. Nach heutigen Erkenntnissen lebte die Dortmunder Gruppe in der Ludzas iela, wahrscheinlich im Haus Nr. 36. Erhalten ist das bereits oben erwähnte "Journalbuch" der Dortmunder Gruppe, in dem der Gruppenälteste auf 98 beidseitig handschriftlich beschriebenen Blättern eine Fülle an Nachrichten sowohl für alle Gruppen und für die gesamte Lagerpolizei, als auch für die Gruppe selbst oder einzelnen Personen festhielt.
Dieses Journalbuch befindet sich im Lettischen Historischen Hauptarchiv in Riga. Immer wieder werden in dem Buch Namen genannt, von den Bochumern z.B. Ferdinand Sternberg. Darauf komme ich aber später noch zu sprechen. (12)
Es ist beklemmend, an dem Ort zu sein, an dem Bochumer schließlich landeten, herausgerissen aus der Mitte unserer Stadt: Die Salomons, Freudenbergs, Eichenwalds, Cletsoways, Hähnlein, Marx, Meyer, Preger, Rosenberg, Rute, Schüler, Schwarz, Spiegel, Sternberg, Wittgenstein, um nur einige zu nennen. Über die Geschichte vieler dieser Familien wissen wir Bescheid, über ihre Rolle, die sie in unserer Stadt gespielt hatten. Das hatte sie aber nicht davor geschützt, stigmatisiert als Untermenschen, ins Verderben geschickt zu werden. Ob es für die überlebenden Angehörigen von Bedeutung ist, zu erfahren, was genau mit den Deportierten geschehen ist?

Am Ende des Ghettobereichs kommen wir an einen Park: Birken stehen hier, der Rasen ist frisch eingesät, einige Leute sind mit Wartungsarbeiten beschäftigt. Bei ihrer Arbeit mit Rechen und Hacke befördern sie immer wieder kleinere und auch größere Steinstücke an die Oberfläche, die sie an den Wegrändern aufhäufen. Schaut man sich diese Steinstücke an, stellt man fest, dass es die Überreste von größeren Grabsteinen sind. Wir befinden uns auf dem Gelände des "alten jüdischen Friedhofs". Es war das erste Stück Boden in Riga, das die Juden erwerben konnten, 1725 wurde der Friedhof eingeweiht. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Platz zu eng. In den zwanziger Jahren entstand ein neuer Friedhof in Smerlis, und man begann, den Friedhof im Moskauer Bezirk "Alter Jüdischer Friedhof" zu nennen.

Am Freitag, dem 4. Juli 1941, am Ende der ersten Okkupationswoche, wurden nach dem Plan des Leiters der Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD, Walter Stahlecker, alle Rigaer Synagogen abgebrannt. In den Flammen fanden die dort eingeschlossenen Juden den Tod. An diesem Tag wurden auch alle Gebäude auf dem Alten Friedhof abgebrannt. In ihnen verbrannten auch alle Friedhofsangestellten, zusammen mit ihren Familien, sowie zufällig vorübergehende Juden, die auf der Straße ergriffen worden waren, insgesamt etwa 50 Menschen. Im Herbst wurde der Alte Friedhof dem Territorium des Ghettos zugeschlagen. Die am 29./30. November 1941 in den Straßen des Ghettos ermordeten Juden wurden zu diesem Friedhof gebracht. Man stapelte sie entlang der Mauer und wartete ab, bis es möglich sein würde, in der gefrorenen Erde ein Sammelgrab auszuheben.
Nach dem Krieg verfiel der Alte Jüdische Friedhof schnell, die Ziegelmauer fiel ein, die Grabsteine wurden weggeräumt, der Friedhof selbst dem Erdboden gleichgemacht. Bitten, das Mauerfragment mit Kugelspuren als typisches Denkmal zu bewahren, wurden von den Behörden kategorisch zurückgewiesen. Nach der endgültigen Zerstörung des Friedhofs erhielt der Ort die offizielle Bezeichnung "Park der kommunistischen Brigaden". 1990 wurde dieser Name wieder abgeschafft, der Park "Alter Jüdischer Friedhof" benannt. Vier Jahre später wurde ein Gedenkstein aufgestellt, der am 12. Juli 1994 eingeweiht wurde. (Die Mittel hierfür waren in der Hauptsache Spendengelder, in von W. Nachtwei aus Münster i.W. gesammelt worden waren).

Die Gedenkstätte Bikernieki

Nachdem wir das Gelände des "Alten jüdischen Friedhofs" verlassen haben, sind wir etwas desorientiert. Wir möchten zur Gedenkstätte Bikernieki. Nur niemand kann uns sagen, wo diese ist, geschweige denn, wie man dahin kommt. Überhaupt scheint das allgemeine Wissen über die historischen Vorgänge der Judenvernichtung nicht sehr groß zu sein: Bei älteren Menschen scheitert die Kommunikation an Sprachproblemen, jüngere, die Englisch sprechen, sind zwar sehr freundlich, wissen aber nichts. So machen wir schließlich einem Taxifahrer, der über die Gedenkstätte keine Ahnung hat, anhand unserer Stadtpläne klar, wohin wir wollen.

An der Bikernieki Straße, die durch ein Waldgebiet führt, setzt der Taxifahrer uns ab. Nach wenigen Minuten weist uns ein Hinweisschild nach links in den Wald, auf der Tafel ist die Lage der Massengräber vermerkt, steht ein Text in fünf Sprachen (Lettisch, Hebräisch, Deutsch, Russisch und Englisch): Gräber und Gedenkstätte Riga Bikernieki. Wir laufen einige hundert Meter in den Wald, bis Betonstelen mit dem Davidstern uns zeigen, wir sind am Ziel. Im Gelände finden wir zahlreiche neu eingefasste Massengräber, darauf steht jeweils ein Naturstein. Es ist ein ruhiger Ort, er liegt in einem Naherholungsgebiet der Stadt Riga. Das merkt man daran, dass Schülergruppen sich im Wald bewegen, Jogger sind unterwegs, ohne von der Gräberanlage Kenntnis zu nehmen.

Im Wald von Bikernieki fanden mehrfach Massenerschießungen statt. Im Zusammenhang mit der Dortmunder Gruppe ist die "Aktion Dünamünde" von besonderem Interesse. Unter diesem Namen fanden im Februar/März 1942 aus dem Jungfernhof und dem Reichsdeutschen Ghetto Deportationen von alten und nicht arbeitsfähigen Juden aus dem "Jungfernhof" und dem Ghetto statt. Unter dem Vorwand, sie würden für leichtere Arbeiten in eine Fabrik nach Dünamünde gebracht, fuhr man sie in den Wald von Bikernieki und erschoss sie dort in Massengräbern, die zuvor vorbereitet worden waren. Von dieser Aktion war auch die Dortmunder Gruppe betroffen. Auskunft darüber geben verschiedene Einträge im "Journalbuch"; Eintrag vom 29. März 1942: "Zum ersten Transport nach Dünamünde sind von der Gruppe eingeteilt die Sanitäter: Ferdinand Sternberg (13), Nathan Michel, Ernst Levy. Die Schwester Johanne Szulmann. Die obengenannten haben am Montag, den 30.3., 7 Uhr morgens zum Abtransport nach Dünamünde ohne Gepäck auf dem Kasernenhof pünktlich zu erscheinen, gez. Dr. Herzberg." Eintrag am selben Tag: "Die Schwester Anne Wolff von der Gruppe Dortmund ist nachträglich für Dünamünde eingeteilt. Ich habe die Schwester Anne Wolff persönlich am 29.3. morgens im Auftrage des Herrn Dr. Aufrecht von der Tatsache in Kenntnis gesetzt. Der Termin der Abreise wird noch bekannt gegeben. Dr. Herzberg." Eintrag vom 2. April 1942: "Am 3.4.1942 stellen die Gruppen um 6.45 zwei kräftige Lagerpolizisten zu meiner Verfügung am Prager Tor. Die Gruppe Dortmund steht bei der Gruppe zum Einsatz bereit (nach Wien, Berlin). Die geforderten Polizisten sollen bei dem Abtransport der Leute nach Dünamünde behilflich sein und müssen zur genannten Stunde zu meiner Verfügung stehen. Arbeitseinsatz-Zentrale."

In Dünamünde sind die Transporte nie angekommen, eine Fabrik mit leichteren Arbeiten gab es dort auch nicht. Was mit den Menschen geschah, darüber geben unterschiedliche Berichte aus der Nachkriegszeit Auskunft. Aufgefallen war den Ghettobewohnern schon damals, dass die LKWs, die die Menschen nach Dünamünde bringen sollten, schon nach 15 bis 20 Minuten zurückkamen, der einfache Weg nach Dünamünde dauerte mindestens 30 Minuten. Und in den folgenden Tagen kamen in LKWs die Kleider der Weggebrachten zur Reinigung und Sortierung zurück ins Ghetto. Was genau im Wald von Bikernieki geschah, möchte ich an dieser Stelle nicht schildern. Verschiedene Augenzeugenberichte aus Gerichtsverfahren aus der Nachkriegszeit sind in dem Buch von Angrick und Klein abgedruckt. Die Lektüre ist kaum zu ertragen. Wie viele Opfer kamen in der Aktion Dünamünde ums Leben? Die genaue Zahl wird man nie feststellen. Angrick und Klein gehen in ihrer aktuellen Studie von 1800 aus Jungfernhof und 3000 aus dem Reichsjudenghetto aus. Darunter auch alle die Bochumer, die als alt oder nicht mehr arbeitsfähig aussortiert worden waren.
Wir gehen zurück zur Bikernieki-Straße, laufen ca. 700 m weiter, bevor ein Hinweis nach rechts in den Wald uns darauf hinweist, dass hier weitere Massengräber und die zentrale Gedenkstelle für die Opfer von Bikernieki zu finden sind. Ein Gedenkstein aus sowjetischer Zeit trug die Inschrift: "1941-1944 ermordeten deutschfaschistische Okkupanten im Wald von Bikernieki auf grausame Weise 46 500 friedliche Bürger." Kein Wort davon, dass sehr viele von ihnen Juden waren. Jahrelang war das Gräberfeld von Bikernieki ein vergessener und zunehmend verwahrloster Ort. Heute informieren zwei Steintafeln in vier Sprachen: "Hier im Wald von Bikernieki wurden in den Jahren 1941-1944 durch das NS-Regime und dessen freiwillige Helfer tausende Juden aus Lettland, Deutschland, Österreich und Tschechien sowie politisch Verfolgte und sowjetische Kriegsgefangene ermordet." Und: "Gräber- und Gedenkstätte Riga-Bikernieki. Im Jahre 2001 erbaut vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland, des Nationalfonds der Republik Österreich und den im "Deutschen Riga-Komitee" vereinten Städten."

Die Massengräber beiderseits der Straße wurden neu eingefasst und mit Naturstein-Stelen gekennzeichnet. Der jetzt befestigte Waldweg, der "Weg des Todes", wird gesäumt von Betonstelen mit Davidstern, Kreuz und Dornenkranz als Symbole für die unterschiedlichen Opfergruppen. Der zentrale Gedenkplatz liegt in einer Mulde und besteht aus dem Mahnmal mit einem Gedenkstein aus schwarzem Marmor, umgeben von 5000 Granitsteinen, mit denen sich die Erde "öffnet".
Die grob behauenen Steine aus ukrainischem Granit sind in 45 Planquadraten von 4 x 4 m aufgestellt, einem Grundriss der Planmäßigkeit. In den Boden eingelassene Tafeln tragen die Namen der Hauptherkunftsorte der Deportationen. Einige kleinere Städte haben auf eigene Initiative ihren Namen anbringen lassen, obwohl die Deportation "ihrer" Juden an einem größeren Ort abging, z.B. Waltrop. Die gedrängt stehenden Steine zwischen 20 cm und 1,50 m symbolisieren die hier ermordeten und in Massengräber zusammengepressten Menschen und Familien. Kein Stein ist wie der andere. Mit ihren schwarzen, grauen und rötlichen Einfärbungen geben sie denjenigen wieder etwa Individualität zurück, die hier namenlos erschossen, verscharrt und verbrannt wurden.
Auf den Seiten des Gedenksteins steht in Hebräisch, Russisch, Lettisch und Deutsch:



ACH ERDE; BEDECKE MEIN BLUT NICHT; UND MEIN SCHREIEN FINDE KEINE RUHESTATT! HIOB 16;28".

Eine würdige und eindrucksvolle Gedenkstätte ist hier entstanden. Interessant ist auch die Geschichte ihres Entstehens. Erich Herzl, der seine Eltern in Riga verloren hatte, gründete in Wien zusammen mit anderen Hinterbliebenen die "Initiative Riga", die sich für eine würdige Gedenkstätte in Bikernieki einsetzte.

Mit organisatorischer Unterstützung des Österreichischen Schwarzen Kreuzes leistete die "Initiative Riga" breite Überzeugungsarbeit und gewann die Unterstützung höchster österreichischer Repräsentanten und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ende 1996 trat das deutsch-lettische Kriegsgräberabkommen in Kraft, in dem nun auch Gräber von Deportierten zu den Kriegsgräbern zählten. Damit übernahm der VDK Verantwortung für die Gestaltung der Gräber- und Gedenkstätte Bikernieki, wozu er mit seiner lettischen Partnerorganisation, dem Brüderfriedhöfekomitee und der Stadtverwaltung Riga zusammenarbeitete. Im April 2000 begannen die Bauarbeiten nach den Plänen von Sergej Rych. Am 23. Mai gründeten die Repräsentanten von dreizehn deutschen Großstädten und der Präsident des VDK in Berlin unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Rau das "Deutsche Riga-Komitee", dem sich inzwischen weitere Städte anschlossen. Das Komitee will das Erinnerungsprojekt Riga unterstützen und begleiten.

Die Gedenkstätte wurde 2001 eingeweiht. Die lettischen Medien berichteten prominent und ausführlich über die Einweihung, ganz im Unterschied zu den deutschen überregionalen Medien. Neben zwei Bremer Zeitungen sind nur ZDF und WDR vor Ort und berichten im heute-journal bzw. am 11. und 12. Dezember in verschiedenen Hörfunk- und Fernsehprogrammen. Die epd-Meldung von der Gedenkstätteneinweihung bleibt ungedruckt. Am 20. November berichtet vorab Robert von Lucius im Feuilleton der FAZ. Nach der Rückkehr der Delegationen berichten einige Lokal- und Regionalzeitungen ausführlich (z.B. Münstersche Zeitung und Westf. Nachrichten am 8. Dezember 2001).
Uns betrübt, dass die Erinnerung an die aus Bochum kommenden und hier ermordeten Juden hier in der Gedenkstätte nicht ausdrücklich dokumentiert ist. Wir entscheiden uns, in dieser Sache initiativ zu werden. Ein Telefongespräch mit Herrn Vestermanis weist uns Wege auf, wie eine Gedenktafel "Bochum" aufgestellt werden kann. Wir werden sie weiter verfolgen.


Anmerkungen des Verfassers:

  • (1): Jeanette Wolff wurde mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern mit diesem Transport nach Riga deportiert. Sie hat überlebt und 1947 ihre Erinnerungen veröffentlicht: Sadismus oder Wahnsinn. Erlebnisse in den Deutschen Konzentrationslagern im Osten. Der Text ist erneut abgedruckt in Bernd Faulenbach (Hg.) unter Mitarbeit von Anja Wissmann: "Habt den Mut zu menschlichem Tun". Die Jüdin und Demokratin Jeanette Wolff in ihrer Zeit (1888-1976), Essen 2002, S. 101-136
  • (2): Siehe hierzu sehr ausführlich: Andrej Andrick/Peter Klein: Die "Endlösung" in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944, Darmstadt 2006, S. 212-245.
  • (3): Ein derartiges Journalbuch hat sich für die Dortmunder Gruppe erhalten. In ihm sind auf 98 beidseitig handschriftlich beschriebenen Blättern eine Fülle an Nachrichten sowohl für alle Gruppen und für die gesamte Lagerpolizei, als auch für die Gruppe selbst oder einzelnen Personen überliefert. Der erste Eintrag stammt vom 15.2.1942, der letzte vom 4.9.1942.
  • (4): Der Obmann der Dortmunder Gruppe war ein Herr Flatow (Eintrag im Dortmunder Journalbuch v. 4.4.42).
  • (5): Lt. Einträgen im Dortmunder Journalbuch vom 17.2.1942 und 2.3.1942 mussten sich auf Anweisung des Kommandanten in allen Gruppen alle Handwerker melden.
  • (6): Einträge im Jounalbuch der Dortmunder Gruppe v. 25.2. und 27.2.1942 bzw. des Arbeitseinsatzes der Lehrkräfte und der Stundenplanangabe.
  • (7): Eintrag im Dortmunder Journalbuch v. 9.5.42.
  • (8): Eintrag im Dortmunder Journalbuch v. 7.4.1942.
  • (9): Einträge im Dortmunder Journalbuch am 9.4.1942 und am 3.5.1942, in denen Nussbaum zu Lehrerversammlungen einberief.
  • (10): Einträge im Dortmunder Journalbuch v. 6.3.1942 und 1.4.1942. Auch Überlebende berichten von Gottesdiensten.
  • (11): Ein Eintrag im Dortmunder Journalbuch v. 18.2.1942 besagt, dass der Antrag bewilligt wurde.
  • (12): Herr Vestermanis wird sich freundlicherweise darum bemühen, eine Kopie dieses "Journalbuches" für uns zu besorgen.
  • (13): Ferdinand Sternberg, Kaufmann aus Bochum, war mit seiner Frau nach Riga verschleppt worden. Im November 2006 werden für beide in Bochum "Stolpersteine" verlegt, die Recherchen werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt durchgeführt.

  • Verfasser: Dr. Hubert Schneider, Bochum

    Andreas Jordan, August 2007