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Die Vernichtung der Geisteskranken in Polen 1939 - 1945

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NS-Krankenmorde in Polen

Die Vernichtung der Geisteskranken während des Zweiten Weltkrieges ist eine auch unter Psychiatern wenig bekannte Tatsache. Durch den Holocaust in den Schatten gestellt, hatte sie keine Chance, auf Dauer in das Gedächtnis der nachkommenden Generationen zu gelangen. Und doch war es der Anfang vom Völkermord, ein Versuchsgelände, das den Nazis dazu diente, wirksame Methoden des industriemäßigen Tötens von Menschen zu erarbeiten.

In beiden Fällen - der Vernichtung von Geisteskranken und des Holocausts - hatten wir es mit den gleichen Tätern zu tun, die sich der deutschen Sprache bedienten; mit den gleichen Vernichtungsmethoden, die vorher an den Geisteskranken geübt worden waren und auch mit dem gleichen Zeitraum von beiden Verbrechen. Die Nationalität der Täter, von denen die meisten Deutsche waren, scheint zweitrangig zu sein. Vom Standpunkt der Opfer und der politischen Realität aus ist die Tatsache viel wichtiger, dass die Muttersprache der Täter die deutsche Sprache war. Für die Opfer, die keine Bürger des Dritten Reiches waren und die sich an der Kultur der deutschen Sprache nicht beteiligten und denen es gelang, zu überleben, war der Klang der deutschen Sprache in der Regel ein Trauma, aus dem Angst resultierte und das den erlebten Albtraum wiederbelebte. Der Anschluss Österreichs, der es in die Lage des Benachteiligten versetzte, verursachte, dass die Rolle der Österreicher bei der Vernichtung der Geisteskranken und bei der Shoah lange verschwiegen wurde, obwohl ihr Anteil an dem nazistischen Völkermord mit dem der Deutschen vergleichbar war.

Der 2. Weltkrieg fing nicht, wie noch bis vor kurzem angenommen, mit dem Beschuss des polnischen Munitionslagers auf der Westerplatte durch das deutsche Kriegsschiff "Schleswig - Holstein" am 1. September 1939 um 4:45 Uhr an. Ein Paar Minuten früher kam es zum Luftangriff auf Wielun, eine kleine Kreisstadt mit siebenhundertjähriger Geschichte, die damals fast 16.000 Einwohner hatte, 21 km von der deutsch-polnischen Grenze gelegen.

Infolge der Bombardierung wurde die Stadt zu 70% zerstört, mindestens 1200 Einwohner sind ums Leben gekommen. Eines der ersten damals angegriffenen Objekte war das Krankenhaus. Die Deutschen haben es bombardiert, obwohl es mit der Fahne des Roten Kreuzes gekennzeichnet war. Auf diese Weise haben die Deutschen begonnen, das Konzept des totalen Krieges ins Leben zu rufen, in dem der Eroberer nicht vorhatte, Regeln zu respektieren. Nur eines war wichtig: möglichst viele Leute zu töten.

Eine neue Technologie des Tötens von Menschen zu erarbeiten, kostete die Deutschen viele Versuche und neue Erfahrungen. Das beste Versuchsgelände dafür war das eroberte Polen, wo die deutschen Aggressoren ihre Terrormethoden verbessern konnten, ohne gestört zu werden, und neue Konzepte entwickelten, Menschen industriemäßig zu töten, indem sie dafür polnische Bürger benutzten.

Zu den ersten Opfern der deutschen Okkupanten wurden geistesgestörte Personen. Ihre Verbrechen bezeichneten die Hitleristen als Euthanasieprogramm, obwohl es in der Wirklichkeit eine "Thanasie" war, die die ideelle, psychische und technische Vorbereitung auf das Holocaust-Programm bedeutete. Das wirkliche Ziel des Euthanasieprogramms war die Vernichtung von Menschen, deren Leben als "lebensunwertes Leben" bezeichnet wurde. Schon im September und Oktober 1939 begannen die Deutschen Patienten von psychiatrischen Anstalten auf den in das Reich eingegliederten polnischen Gebieten zu ermorden. Sie handelten nach einem festgelegten Plan. Der erste Schritt war die Übernahme der Krankenhausleitung durch einen deutschen Chefarzt, einen Verwaltungsleiter und einen Oberpfleger. Der neue Chefarzt erließ gleich einen Befehl, in dem unter Todesstrafe verboten wurde, Patienten nach Hause zu entlassen und er ließ eine Liste der Kranken anfertigen, auf der sie in drei Kategorien nach der Schwere der Krankheit eingeteilt wurden. Diese Listen wurden den Zentralbehörden in Berlin übergeben.

Der nächste Schritt war es, die Kranken zu töten. Den Einsatz hat man heimlich durchgeführt, indem man darum bemüht war, die Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Die Kranken wurden mit Lastwagen in eine unbekannte Richtung transportiert. Jeder Transport wurde von den Soldaten aus speziellen SS-Truppen begleitet. Nach einigen Stunden kamen die Soldaten ohne Patienten zurück, die - wie es sich später erwies - an einem einsamen Ort getötet worden waren. Diese Aktion betraf psychiatrische Anstalten im Wartheland (in Owinska bei Poznan, in Dziekanka bei Gniezno, in Koscian, in Warta, in Kochanówka bei Lódz und in Gostynin) und in Pommern (in Swiecie an der Weichsel und in Kocborowo bei Starogard Gdanski). Das gleiche Schicksal wurde auch den Patienten von Pflegeheimen zuteil, z.B. in Heimen in Bojanowo und in Srem im Wartheland. Bei der Entscheidung über die Vernichtung der Kranken richteten sich die Deutschen nicht nur nach ideologischen, sondern auch nach praktischen Voraussetzungen. Sie brauchten Krankenhäuser für verwundete Soldaten, Anlagen für neu eröffnete SS-Schulen und andere Institutionen, die ihre Macht auf den in das Reich eingegliederten Gebieten festigten. Mit dem Töten der Kranken im Wartheland beschäftigte sich eine spezielle Einheit der Geheimen Staatspolizei in Poznan/Posen (SS-Sonderkommando Lange), die von dem Kriminalkommissar und SS-Untersturmführer Herbert Lange (wegen seiner "Verdienste" wurde er im April 1940 zum Obersturmführer befördert) angeführt wurde. In Pommern erhielt SS-Obersturmführer Kurt Eimann die Aufgabe, Heil- und Pflegeanstalten von Patienten zu räumen, damit sie für verwundete Soldaten bereitgestellt werden konnten. Vieles deutet darauf hin, dass Lange und seine Mitarbeiter sich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben große Mühe gaben und zwar nicht aus ideologischen sondern aus finanziellen Gründen.

10 Reichsmark für das Leben eines Menschen, unabhängig von seiner Herkunft - das war der Preis, den die nazistischen Entscheidungsträger im Fall des vom 21. Mai bis zum 8. Juni 1940 durchgeführten Einsatzes ausgesetzt haben, in dem kleine Anstalten für Geistes- und Nervenkranke in Ostpreußen liquidiert wurden. Die Gruppe von Lange hat damals 1550 Patienten getötet, die aus diesen Anstalten in das Übergangslager in Dzialdowo gebracht worden waren. Wie aus der im Archiv in Ludwigsburg aufbewahrten Dokumentation hervorgeht, hat Lange, der auf den ihm zustehenden Betrag von 15.500 Mark vergebens wartete, seine Vorgesetzten aufgefordert, ihm das Geld auszuzahlen. Schließlich wurde Lange das Geld vom Gauleiter Ostpreußens, Erich Koch, ausgezahlt.

Das erste von den Deutschen liquidierte Krankenhaus war die Anstalt in Swiecie an der Weichsel in Pommern. Bis zum 17. September 1939 wurden dort etwa 1000 Kranke getötet. Darunter gab es 120 Kinder, die unter dem Schein eines Ausflugs zur Exekution gebracht wurden. Vom 22. September 1939 bis zum 21. Januar 1940 sind 1692 Patienten der Anstalt in Kocborowo bei Starogard Gdanski, darunter 854 Männer und 838 Frauen, ums Leben gekommen. Das Krankenhaus in Kocborowo hatte auch eine Filiale in Chojnice, wo es seit 1938 216 Kranke gab. Auch diese wurden getötet. Vom Oktober 1939 bis April 1940 kamen nach Pommern Transporte mit geisteskranken Deutschen aus den Anstalten in Stralsund, Uckermünde, Treptow und Lebork. Diese Patienten, etwa 1200 Personen insgesamt, wurden nach und nach von den Soldaten aus dem Kommando K. Eimanns in Piasnica bei Wejherowo getötet. Sie wurden einzeln mit einem Schuss ins Genick ums Leben gebracht.

Das erste liquidierte Krankenhaus im Wartheland war die Psychiatrische Anstalt in Owinska. Hier wurden ebenfalls Listen von Kranken gemacht und ein SS-Kommando wurde im Krankenhaus untergebracht. Dann wurde bekanntgegeben, dass die Patienten in andere Anstalten gebracht werden sollen. Zuerst wurden 100 Kranke deutscher Herkunft in das Krankenhaus in Dziekanka verlegt. Die nächsten Transporte von den verbliebenen 1000 Kranken im Oktober und November 1939, wurden mit drei Lastwagen je 25 Personen in der ersten Etappe der Aktion ins Fort VII in Posen geschickt, und dann unmittelbar in den Wald in der Nähe von Oborniki Wielkopolskie. Diesmal wollten die Mörder eine neue Methode des Tötens erproben. Sie griffen auf das im 1. Weltkrieg verwendete Töten mit Giftgasen zurück.

Diesem Zweck passten sie den Bunker 17 im Fort VII an. Die Mordaktion an Patienten der Anstalt in Owinska hat die Gruppe von Lange durchgeführt. In den Bunker wurden auf einmal etwa 50 Personen gebracht. Das Gas (Kohlenmonoxid) wurde aus einer Gasflasche, die sich hinter der eisernen Tür befand, zugeführt. Die Leichen wurden mit Lastwagen in den Wald in der Nähe von Oborniki Wielkopolskie gefahren. Dort wurden die Kranken in Massengräbern bestattet. Man schätzt, dass im Fort VII bis zu 400 Kranken ermordet wurden, darunter 27 Patienten aus der Abteilung für Geisteskranke des Stadtkrankenhauses in Posen.

Nachdem sich die Deutschen überzeugt hatten, dass das Vergasen eine billige und erfolgreiche Methode ist, Kranke zu töten, beschlossen sie, sie zu verbessern und durch ihre Unabhängigkeit vom Ort der Verwendung zugänglicher zu machen. Während sie das Töten der Patienten aus weiteren Anstalten vorhatten, kamen sie auf die Idee, die Kranken in speziellen Wagen beim Transport zum Bestattungsort zu töten. Solche Gaswagen hätten dann wie ein Todesgespenst im Wartheland herumgeistern können und die Kranken wären in beliebiger Zeit und am beliebigen Ort ums Leben gebracht worden, wo es den Henkern am besten gepasst hätte. Kurz danach erschienen in den psychiatrischen Anstalten im Wartheland spezielle Wagen, innen mit Messingblech beschlagen, mit Filz abgedichtet, mit einer Installation im Inneren, die das Kohlenmonoxid aus einer außen befestigten Flasche oder Abgase unmittelbar aus dem Auspuff zuführte.

Auch in diesem Fall war die Vorgehensweise festgelegt. Die Patienten wurden unter Aufsicht der SS-Leute mit Gewalt in den Wagen gebracht, oft nachdem ihnen Beruhigungsmittel gegeben wurden. Dann begab sich der Transport zu dem zukünftigen Bestattungsort. Inzwischen wurden die Patienten getötet. Dann wurden sie in den Wäldern, an vorher festgelegten Orten, in Massengräbern bestattet, die am Ende mit Rasenstücken und kleinen Bäumen getarnt wurden. Vieles deutet darauf hin, dass diese Maschinerie zum ersten Mal im November 1939 an Patienten der Anstalt in Owinska erprobt wurde. Nachdem ein Teil der Kranken im Fort VII in Posen ermordet wurde, brachte man die anderen Patienten unmittelbar in den Wald in Oborniki Wielkopolskie und tötete sie dort im Prototyp eines Gaswagens, den ein gewisser Dr. Becker aus der Berliner Firma Saurer konstruiert hatte. Nachdem die Kranken ermordet worden waren, errichtete man in der Anstalt in Owinska eine SS-Kaserne.

Mit der Ermordung von Kranken im Krankenhaus "Dziekanka" begann man am 7. Dezember 1939. In der Zeit vom 7. bis zum 19. Dezember 1939 und vom 8. bis zum 12. Januar 1940 hat das Sonderkommando Lange insgesamt 1043 Kranke in die nahegelegenen Wälder gebracht und ermordet. Dies geschah vor allem in den Gaswagen. Die nächste ähnliche Aktion wurde von den Deutschen im Juni und Juli 1941 durchgeführt. Damals wurden 158 Personen getötet. Außerdem wurden die Kranken im Krankenhaus mit einer Injektion von Phenobarbital, Scopolamin und anderen Mitteln getötet.

Die Aktion der Ermordung der Kranken aus dem Krankenhaus in Koscian wurde von Langes Kommando vom 15. bis zum 22. Januar 1940 durchgeführt. 523 Personen sind damals ums Leben gekommen. Seit dem 9. Februar 1940 kamen in die Anstalt Transporte mit Patienten der deutschen psychiatrischen Anstalten Treptow, Lauenburg, Uckermünde und Stettin. Insgesamt wurden 2750 Kranke gebracht. Auch sie wurden ermordet. In Warta wurden in drei Tagen, vom 2. bis zum 4. April 1940, 499 Patienten, darunter 201 Männer und 298 Frauen, getötet. Die letzte psychiatrische Anstalt im Wartheland, die das Sonderkommando von Lange besuchte, war Gostynin. Bis Juni 1940 töteten dort die SS-Leute 48 Personen, am 9. Juni holten sie mit dem Gaswagen 39 Männer und 29 Frauen ab.

Die Aktion der Vernichtung von Patienten der psychiatrischen Anstalten wurde von deutschen Behörden streng geheimgehalten. Die Leitung dieser Anstalten informierte die Angehörigen, dass die Patienten gestorben und bestattet worden seien, oder dass sie in eine andere Anstalt verlegt worden seien. Zu diesem Zweck wurde die medizinische Dokumentation gefälscht. Nachdem sich die Situation an der Front verschlechterte und sich die Niederlage näherte, begannen die Deutschen die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. 1943 und 1944 wurden die Massengräber ausgehoben und die Leichen wurden verbrannt.

Die von Langes Sonderkommando bei der Ermordung der Geisteskranken gesammelten Erfahrungen beschloss man bei der Liquidierung der Juden zu nutzen. Auf Initiative der Behörden im Wartheland wurde das erste stationäre Vernichtungslager für Juden in Chelmno am Fluss Ner (Kulmhof) errichtet. Dies geschah, bevor die Herrscher des Dritten Reiches am 20. Januar 1942 in Wannsee bei Berlin die Entscheidung über die "Endlösung der Judenfrage" trafen.

Während die psychiatrischen Anstalten im Wartheland für die Deutschen ein Versuchsgelände waren, auf dem sie nach wirksamen Methoden des industriemäßigen Tötens von Menschen suchten, die dann bei der Vernichtung von Geisteskranken in Zentren der Aktion T4 auf deutschen Gebieten und dann im Holocaust ausgenutzt wurden, blieben die Deutschen im Generalgouvernement bei den traditionellen Methoden, die auch im Wartheland nicht gemieden wurden. Die direkte Methode war das Erschießen, die indirekte war verhungern lassen, intravenöse Injektionen von Scopolamin und Phenobarbital und schlechte hygienische Bedingungen, was die Verbreitung von Ansteckungskrankheiten unter den Patienten verursachte.

Das erste Krankenhaus, dessen Patienten die Grausamkeit der Deutschen widerfuhren, war die psychiatrische Anstalt in Chelm. Am 12. Januar 1940 besetzte das SS-Kommando die Anstalt. Dem Personal wurde befohlen, in 10 Minuten das Krankenhaus zu verlassen, nur 10 Pfleger wurden gezwungen, zu bleiben und die Kranken nach draußen zu führen. Dann begann das Massaker. Die Patienten wurden von den Deutschen an den Eingängen erschossen, die, die sich wehrten, wurden zum Fenster hinausgeworfen. Die Verwundeten wurden im Hof ums Leben gebracht. Etwa 300 Männer, 124 Frauen und 17 Kinder wurden damals getötet.

In der Anstalt in Kobierzyn bei Kraków kam es im Mai 1940 zum Wechsel in der Stelle des Direktors. Die Stelle nahm der Kaufmann Zweck ein. Im Oktober 1940 nahm seine Stelle der Angestellte der Warschauer Gesundheitsabteilung Alex Kroll ein. Eine seiner ersten Entscheidungen war, die Essensrationen für arbeitende Kranke auf 1200 Kalorien pro Tag und für nicht arbeitende auf 1000 Kalorien pro Tag zu reduzieren. Im Fall von Personen jüdischer Herkunft war die Ration noch kleiner. Die Folgen blieben nicht aus. Die Sterberate ist wesentlich gestiegen. Im September 1941 wurden 91 Kranke jüdischer Herkunft nach Zofiówka in der Nähe von Otwock verlegt. Am 18. Juni entließ man die Ärzte des Krankenhauses, indem man Ihnen mitteilte, sie sollten sich im Krankenhaus in Drewnica bei Warschau anmelden. Weiter wurde das Hilfspersonal entlassen. Am 23. Juni 1942 begannen die Deutschen mit den Transporten von Kranken. 535 Patienten wurden mit der Reichsbahn in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gebracht. Sie wurden in dort in der Gaskammer Nr. 1 vergast. 30 schwerkranke Patienten wurden an Ort und Stelle in Kobierzyn getötet. In den geleerten Krankenhausgebäuden errichteten die Nazis ein Krankenhaus für SS-Einheiten und ein Zentrum der Hitlerjugend.

In Kulparkowo bei Lwów/Lemberg verwendeten die Deutschen indirekte Vernichtungsmethoden. Die Patienten kamen infolge des Hungers und der Ansteckungskrankheiten massenhaft ums Leben. Vom Juli 1941 bis Mai 1942 sind 1179 Kranke gestorben. Am 15. Januar 1943 blieben nur 260 im Krankenhaus. In Lubliniec tötete man Kinder mit Barbituraten. Auf diese Weise wurden 194 Kinder umgebracht. Die Todesrate unter den erwachsenen Patienten war infolge Unterernährung und schlechter hygienischer Bedingungen hoch.

Kriegshandlungen betrafen auch die psychiatrische Anstalt in Rybnik, dass sich 1945 an der Frontlinie befand. 700 Kranke sind damals ums Leben gekommen, die Gebäude des Krankenhauses wurden zu 80% zerstört. Während des ganzen Krieges verwendeten die Deutschen den Kranken aus Rybnik gegenüber indirekte Vernichtungsmaßnahmen, wodurch etwa 3000 Patienten ums Leben kamen. Wenn es um die Warschauer psychiatrische Anstalten geht, war der Warschauer Aufstand das wichtigste Kriegsereignis (1.08. - 2.10.1944), aus Rache vernichteten die Deutschen die Stadt. Am meisten wurde davon das im Zentrum der Stadt gelegene Krankenhaus der Barmherzigen Brüder betroffen, das völlig vernichtet wurde. Zwei andere Anstalten, Tworki und Drewnica, sind ganz geblieben.

In der Anstalt in Tworki gab es keine direkte Vernichtung. Der am 3. September 1940 zum Direktor ernannte Eugen Honnette hat sich wenig um Lebensmittelversorgung und hygienische Bedingungen gekümmert. Die Bemühungen des polnischen Personals halfen nicht viel. Daher war die Sterberate unter den Kranken sehr hoch. Am 17. und 18. April 1941 wurden 81 Kranke jüdischer Herkunft aus Tworki verlegt. In Entlassungsbüchern und Krankheitsgeschichten gab man als Verlegungsort Zofiówka an. Doch die Kranken erreichten Zofiówka nie. Höchstwahrscheinlich wurden sie auf dem Weg umgebracht.

Im Fall der Kranken jüdischer Herkunft gaben sich die Deutschen aus ideologischen (rassistischen) Gründen die Mühe, alle Kranken in einer Anstalt eines bestimmten Gebietes zu sammeln. Dorthin verlegten sie die kranken Juden aus anderen psychiatrischen Anstalten. Für das Generalgouvernement war es die Anstalt Zofiówka in Otwock bei Warschau, für das Wartheland das Krankenhaus Nr. III im Lodzer Ghetto.

Nach dem Gesetz der "Rassenhygiene" ließen die Okkupanten im Krankenhaus das jüdische Personal arbeiten, ohne einen deutschen Leiter (Chefarzt) zu ernennen. Die Anstalt wurde zusammen mit dem Ghetto liquidiert. Die meisten Patienten und das Personal wurden an Ort und Stelle umgebracht. Die Überlebenden wurden ins Konzentrationslager gebracht.

Seit der Entstehung im Jahr 1908 wurden in die Anstalt für geistes- und nervenkranke Juden Zofiówka in Otwock bei Warschau ausschließlich Kranke jüdischer Herkunft aufgenommen. Die Anstalt stand unter der Obhut der 1906 gegründeten Gesellschaft für Pflege von nerven- und geisteskranken armen Juden. Seit 1938 leitete die Anstalt Dr. Stefan Miller. Im Jahr 1938 gab es dort 370-380 Kranke in Behandlung. Sie wurden von neun festangestellten Ärzten und einem Volontär betreut. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hat sich die Situation der Anstalt völlig verändert. Das Personal ist teilweise nach Kulparkowo und Choroszcza geflohen, die sich unter sowjetischer Besatzung befanden. An ihrer Stelle wurden Ärzte jüdischer Herkunft angestellt, die aus dem Wartheland geflohen waren. In Zofiówka blieben Dr. S. Miller und seine Frau Dr. Irena Miller - Themerson, Schwester des bekannten Schriftstellers Themerson.

Die Anstalt war , wie vor dem Krieg, eine soziale Institution und gehörte der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe. Daraus ergaben sich bestimmte Konsequenzen. Die Juden mussten die Mittel für die Anstalt selbst besorgen, was unter der deutschen Okkupation sehr schwer war. Im Falle der meisten Patienten hatten ihre Familien oder die Jüdischen Räte der Gemeinden, deren Mitglieder sie waren, kein Geld für die Behandlung. Am 5. Dezember 1940 beschlagnahmte die von den Deutschen geleitete Soziale Versicherungsanstalt in Warschau aufgrund der Zahlungsunfähigkeit die Mobilien des Krankenhauses (darunter Krankenbetten). In der Zeit vom 15. Januar bis zum 31. Mai 1941 wurde in Zofiówka 994 Personen geholfen. Am 15. Januar 1941 gründeten die Deutschen in Otwock ein Ghetto, und seit dem 28. Mai 1941 wurde verboten, das Ghetto wegen der angeblichen Typhusepidemie zu verlassen. Es war dann unmöglich, die Kranken zu entlassen.

Die Situation wurde immer tragischer. In der ersten Hälfte des Jahres 1941 schrieb und rief Dr. Miller mehrmals das Präsidium der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe in Krakau an, mit flehenden Bitten: "die Anstalt hat gar kein Geld, um Brot zu kaufen", "die Kranken und das Personal leiden Hunger", "wir dürfen es nicht zulassen, dass jetzt eine der wenigen jüdischen Institutionen liquidiert wird, die einzige, die es für die geisteskranken Juden im Generalgouvernement gibt, und die heute so unentbehrlich wie noch nie ist", "wir dürfen unser menschliches Gewissen mit der Not der Menschen nicht belasten, die sich selbst wegen ihrer Behinderung nicht helfen können und für die wir allein Verantwortung tragen".

Diese Apelle blieben unbeantwortet, denn die Möglichkeiten der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe, nötige Mittel aufzubringen, waren sehr beschränkt. Infolgedessen starben in der Zeit vom 1. Juni bis zum 16. November 1941 210 von 406 Patienten der Anstalt Zofiówka vor Hunger und Kälte. Trotz dieser so schwierigen Lage brachten die Deutschen immer noch geisteskranke Juden in die Anstalt, die bisher in anderen Anstalten behandelt wurden. Am 19. August 1942 begannen die Deutschen, unterstützt von Ukrainern aus einer SS-Freiwilligeneinheit, das Ghetto von Otwock zu liquidieren. Am Vortag der Aktion informierte der Polizist Pietras die Leitung von Zofiówka über die Pläne der Hitleristen, wodurch einige Menschen gerettet wurden. Einige Kranke, ohne Hoffnung auf Rettung, begingen in der Nacht Selbstmord. Selbstmord begingen auch drei Ärzte. Dr. Miller informierte die Kranken über die ihnen drohende Gefahr, indem er sagte: "Ich öffne alle Türen, ihr könnt das Haus verlassen". Am 19. August 1942 erschossen die Nazis in Zofiówka 108 Patienten.

Die Liquidierung leitete der Gestapo-Offizier, der damalige Sachbearbeiter für Judenfragen Karl-Georg Brandt. Dr. Miller und seine Frau flüchteten nach Minsk Mazowiecki, wo sie am 21. August 1942, am Tag der Liquidierung des dortigen Ghettos, Selbstmord begingen. Die Kranken, die am 19. August 1942 nicht getötet wurden, wurden mit anderen Ghettobewohnern in das Konzentrationslager in Treblinka gebracht und dort getötet. Bis Ende 1942 residierten in Zofiówka zwei SS-Leute und 20 jüdische Polizisten. Damals wurden die Anstaltgebäude renoviert, die man dann für deutsche Kriegswaisenkinder bestimmte. Im Wartheland entsprach der Anstalt in Zofiówka die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses Nr. III im Lodzer Ghetto. Diese Abteilung mit etwa 50 Betten wurde in den Räumen der Herberge für Geisteskranke der jüdischen Gemeinde in Lodz untergebracht.

Das Lodzer Ghetto mit seinen 160.000 Einwohnern war das zweitgrößte nach dem Warschauer Ghetto, in dem im Januar 1941 etwa 590 000 Personen eingekerkert waren. Die Entscheidung über die Gründung eines Ghettos in Lodz gaben die Deutschen schon am 8. Februar 1940 bekannt, also fast 8 Monate früher als in Warschau. Bis Ende 1939 gab es noch die Möglichkeit, Geisteskranke jüdischer Herkunft nach Kochanówka zu überweisen. Im Februar 1940 gab es dort 180 geisteskranke Juden, die in Lodz wohnten. Am 23. Januar 1940 wurde Dr. Michal Urbach zum Chefarzt und Direktor der Herberge für geisteskranke Juden ernannt. Kaum zwei Monate später führten die Deutschen in Lodz die erste Verlegungsaktion durch. Neben den Kranken aus Kochanówka und anderen Anstalten töteten sie dann etwa 50 Kranke aus der Herberge, die schon damals psychiatrische Abteilung des Krankenhauses Nr. III genannt wurde. Um die Vernichtung von sowohl somatisch als auch psychisch chronisch kranken Personen zu rationalisieren, gaben sich Deutsche die Mühe, im Ghetto möglichst viele Krankenhäuser zu eröffnen (insgesamt bereiteten sie um 2600 Krankenbetten vor), und gleichzeitig regten sie die Kranken und ihre Familien an, die Behandlung in Anspruch zu nehmen. Nachdem sie diese Vorbereitungen getroffen hatten und viele kranke Personen in die Krankenhäuser gelockt hatten, führten sie die zweite "Verlegung" durch.

Am 29. Juli 1941 haben sie 50 Kranke der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses Nr. III weggebracht und getötet. Im Januar 1942 begann man, die Gettobewohner systematisch in das Vernichtungslager in Chelmno am Fluß Ner zu transportieren. In den ersten fünf Monaten 1942 wurden etwa 55.000 Personen verschleppt und getötet. Am 18. Juli 1942 kündigten die Deutschen die Liquidierung der Krankenhäuser im Ghetto an, und am 1. September 1942 wurde das Krankenhaus Nr. III liquidiert. Etwa 50 Geisteskranke wurden damals getötet. Die geleerten Räume wurden einem Lederwarenbetrieb übergeben.

Auch Wilna war eine Stadt mit hohem Anteil an jüdischer Bevölkerung. Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion gerieten die Gebiete um Wilna (Wilenszczyzna) unter deutsche Besatzung. Schon Ende Juni 1941 kam es zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung. Der Hinrichtungsort für Juden und Polen war das 8 km von Wilna entfernte Ponary. Gleich nachdem das Ghetto gegründet wurde, führte die Gestapo eine Aktion mit dem Ziel durch, geisteskranke Personen zu ermorden. In Ponary wurden damals etwa 100 Kranke getötet. In der Vorkriegszeit hatte sich die psychiatrische Familienpflege in der Wilenszczyzna am besten entwickelt. Etwa 800 Kranke wurden so betreut, darunter viele Menschen jüdischer Herkunft. Auch diese Patienten wurden ermordet.

Trotz der vielen Menschenopfer und materiellen Verluste, die Polen im Zweiten Weltkrieg erlitten hat, wurde hier das Problem der Vernichtung von Geisteskranken nie als eine unwichtige Episode betrachtet. Das ergab sich vor allem daraus, dass das Schicksal dieser Gruppe der polnischen Bürger zur vorausdeutenden Darstellung des Schicksals vieler anderer Menschen wurde, und dadurch zum Symbol der deutschen Terrorpolitik und zum Zeichen der nazistischen Verachtung des menschlichen Lebens. Kein Wunder, dass Stanislaw Lem im Rahmen der Abrechnung mit dem Erbe des Zweiten Weltkrieges diesem Problem seinen ersten Roman "Szpital Przemienienia" widmete (dt. "Die Irrungen des Dr. Stefan. T.", geschrieben 1948, herausgegeben 1955; bzw. in der späteren Fassung von 1975 "Das Hospital der Verklärung". So auch der deutsche Titel des Spielfilms nach dem Roman).

Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem in der deutschen Psychiatrie am Anfang des 20. Jahrhunderts vorherrschenden therapeutischen Nihilismus, der faschistischen Ideologie, die die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen für Bestätigung der von Hitler in "Mein Kampf" gestellten Forderung hielt, "der Staat muss dafür Sorge tragen, dass nur, wer gesund ist, Kinder zeugt", der damals populären Eugenik und den in vielen Ländern eingeführten Sterilisationsgesetzen und zwischen dem im Fort VII in Poznan begangenen Mord, dessen weitere Etappe die Ermordung von Millionen Menschen in Chelmno am Fluß Ner, in Auschwitz-Birkenau und in anderen Vernichtungslagern war.

Wir wissen nicht genau, wie viele Geisteskranke in Polen während des Zweiten Weltkrieges umgebracht wurden. Man schätzt, es könnten sogar mehr als 20.000 sein. Die in der vorliegenden Arbeit angeführten Tatsachen schöpfen die Informationen über alle Verbrechen nicht aus. Es gab viel mehr. Ich habe nur die größten Verbrechen beschrieben, die in großen psychiatrischen Anstalten begangen wurden. Diese forderten mindestens 13.000 Opfer.

Auf der ersten nach dem Krieg und in der Folge 20. Wissenschaftlichen Tagung der Polnischen Psychiater, die vom 1.11. bis zum 3.11. 1945 in Tworki stattfand, stellte man eine Übersicht über die Kriegsverluste zusammen. Es zeigte sich, dass fast die Hälfte von 219 Mitgliedern der Polnischen Gesellschaft für Psychiatrie ums Leben kam. Auf der Tagung versuchten die Teilnehmer die Frage zu beantworten: "Warum konnte der Hitlerismus über so viele Vollstrecker seiner verbrecherischen Pläne verfügen?" Eine für alle zufriedenstellende Antwort konnte es nicht geben.

Aus der Perspektive der vergangenen 60 Jahre können wir nach S. Themerson wiederholen: "die Nahrung der einfachen Anständigkeit ist uns so unentbehrlich, die eine Frucht weder der aggressiven Albträume der Vergangenheit noch der lichtvollen Pläne von Morgen ist, sondern der einfachen Anständigkeiten unseres Heute."

Orginalfassung: Nasierowski, Tadeusz. 2006. "In the Abyss of Death: The Extermination of the Mentally Ill in Poland During World War II." International Journal of Mental Health 35(3):50-61.


Andreas Jordan, Mai 2010

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