GELSENZENTRUM-Startseite

Die Bombenangriffe vom 6. November 1944

← Führer, Volk und Vaterland


"Leergebrannt ist die Stätte, wilder Stürme rauhes Bette, in den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen, und des Himmels Wolken schauen tief hinein"

Aus Friedrich von Schiller, Das Lied von der Glocke

Häuser Kaiserstraße 67 bis 73Foto: Hausruinen Gelsenkirchen-Schalke nach dem 6. November 1944. Das Foto zeigt die Fassaden der zerstörten Häuser Kaiserstraße 67 bis 73. Aufgenommen von Joseph P. Krause 1946 mit einer Voigtländer-Kamera, geliehen von einem Onkel der Annerose Seelen.

Von vorne: Feuerwehrmuseum, darunter der öffentliche Luftschutzkeller, dahinter das Haus mit Praxis von Dr. med. Kirchmeyer, dahinter Kaiserstraße 71, Wohnhaus mit Praxis von Dr. Kassner (Angestellte: Genoveva Krause) und Familie Paul Krause, die nach Bombenschaden im Sommer 1944, kurz nach Hochzeit von Thekla, von der Karl-Kuhn-Straße 80 (jetzt: Dresdener Straße) übergesiedelt war. Das Haus hinter der hohen, frei stehenden Ruinenmauer war das Wohnhaus der Familie des Amtsgerichtsrats Ludwig ten Hompel, nach dem Krieg Amtsgerichtsdirektor in Gelsenkirchen. Angestellte der Familie ten Hompel: Thekla Krause. Man erkennt an den zerstörten Fassaden noch die schönen, alten Patrizierhäuser des Ensembles. Heute stehen da trostlose Einheitsbauten ohne Atmosphäre.

Strassenkarte Gelsenkirchen-Schalke

Google Maps

Erklärungen zu den nummerierten Positionen

1: Kaiserstraße 71, (Heute: Kurt-Schumacher-Straße) Wohnhaus und Praxis Dr. Hans Kassner (Augenarzt); Familie Paul Krause. Eigentümer: Herdfabrik Küppersbusch. Gegen 14:30 Uhr durchschlug eine (geschätzte) 20-Zentner-Bombe das Gebäude bis in den Keller.

2: Gebäude des Feuerwehrmuseums, Kaiserstraße 67. Keller ausgebaut zum öffentlichen Luftschutzkeller. Anwesend ca. 30 Personen, darunter Mathilde Krause mit Kindern Hildegard und Joseph; Frau Kassner (Ehefrau des Dr. Hans Kassner); Frau ten Hompel (Ehefrau des Amtsgerichtsrats Ludwig ten Hompel, Kaiserstraße 73; Dr. Kirchmeyer (praktischer Arzt, Kaiserstraße 69). Die 1 Tonne schwere Sprengbombe, die im Haus Kaiserstraße 71 niederging, explodierte schätzungsweise 10 m vom Gebäude des Feuerwehrmuseums entfernt, wobei das Haus des Dr. Kirchmeyer als Pufferzone diente.

3: Eckhaus Kaiserstraße/Grillostraße. Ladengeschäft Drogerie Schmitz. Hier schlug vermutlich eine weitere Sprengbombe ein; denn das Gebäude war total zusammengestürzt. Wiederum diente das Haus zwischen Drogerie Schmitz und Feuerwehrmuseum, nach meiner Erinnerung eine Gastwirtschaft, als Puffer gegen den Schutzraum unter dem Feuerwehrmuseum. 2 oder 3 Tage später wurde von Rettungskräften aus dem Keller der Drogerie Schmitz eine noch lebende Frau, die allerdings total verbrannt schien, geborgen. Sie wurde auf dem Bürgersteig deponiert. Die Sprengbombe detonierte mithin 10 m von unserem Keller, falls sie die Gaststätte getroffen hatte, oder ca. 20 m von uns entfernt, falls sie im Haus der Drogerie Schmitz niedergegangen war.

4: Eckhaus Grillostraße/Schalker Straße mit Rückfront zur Kaiserstraße. Schuhgeschäft der Frau Ziegler, einer Freundin meiner Mutter. Hier verbrannten: Frau Ziegler, ihre 21jährige (?) Tochter, die Tante der Ursula Rademacher und das Baby der Tante. Da sich die Keller-Insassen nicht selbst befreien konnten, steht fest, daß das Haus durch Spreng- und Phosporbomben einstürzte und in Brand geriet. Der Explosionsherd von dieser Seite her war somit ca. 20 oder 30 m vom Feuerwehrmuseum entfernt.

5: Die in nassen Decken eingehüllten (5 oder 6 ?) Flüchtlinge, die während des Bombardements von der Rückseite in den Luftschutzkeller unter dem Feuerwehrmuseum kamen, konnten wegen der Detonationen und Brandflächen nur den kürzesten Weg von ihrem Standort benutzt haben. Damit steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß an der Position 5 gleichfalls eine Sprengbombe eingeschlagen war, d.h. in ca. 20 m Distanz zum Keller unter dem Feuerwehrmuseum.

6: Haus mit Praxis des Dr. med. Kunze, Kinderarzt oder HNO-Facharzt. Gegenüber der Kaiserstraße 71 (Dr. Kassner). Auf unserer Flucht vom Feuerwehrmuseum zum "Zuckerhut" auf dem Schalker Markt sahen wir, wie das gesamte Gebäude zusammengebrochen war und lichterloh brannte. Das indiziert, daß auch dort eine Sprengbombe eingeschlagen war, ergo ca. 20 m von unserem Keller im Feuerwehrmuseum entfernt. Da das Haus des Dr. Kunze gleichfalls ineinander gestürzt war, konnte sich die von uns beobachtete, brennende Frau am Fenster im 1. Stockwerk nur im Gebäude rechts von Dr. Kunze befunden haben.

7: Gebäude Ecke Grillostraße und Anton-Hechenberger-Straße, zuvor Viktoriastraße, jetzt Königsberger Straße. Pfarrhaus der katholischen Gemeinde St. Joseph Gelsenkirchen-Schalke. Im Hauskeller anwesend u.a.: Pfarrer Franz Konrad Hengsbach, dessen Schwester Pauline Hengsbach, Volksschulrektor Heinrich Rettier (später einer meiner Lehrer an der Schule Caubstraße, Schalke-Nord) mit Gattin. Die Eheleute Rettier retteten sich, obwohl Heinrich Rettier am Arm schwer verletzt wurde, wodurch sein rechter Arm auf Dauer verkrüppelt war. Konrad Hengsbach wurde durch Phosphor am Ohr verletzt. Pauline Hengsbach wurde unter herabgestürzten Balken eingeklemmt, konnte nicht mehr befreit werden und verbrannte qualvoll bei lebendigem Leib. Entfernung der Bombenexplosion vom Feuerwehrmuseum: ca. 30-40 m.

8: Schalker Markt. Standort des legendären Spitzbunkers "Zuckerhut".

9: Eckhaus Schalker Markt/Gewerkenstraße. Gaststätte "Bei Mutter Thiemeyer". Vereinslokal von Schalke 04. Die Gewerkenstraße war ein riesiger, nicht passierbarer, brennender Trümmerberg, soweit das Auge reichte. Das Schalke-04-Vereinslokal mit Geschäftsstelle und "Kaiserhalle" brannte wie Zunder. Während die Flammen wüteten, kippten völlig durchgeknallte Personen hier und im Nebenhaus aus den Fenstern ganze Möbelstücke , die dann auf dem Boden zerschellten.

10: Krypta der katholischen Pfarrkirche St. Joseph. Anwesend u.a.: Genoveva Krause mit den Geschwistern Paula, Benno und Herbert. Das Kirchengebäude war durch Sprengbomben bis auf die Außenmauern ineinander gestürzt und verschüttete die Insassen. Die beiden Kirchtürme brannten lichterloh und drohten bei unserem Ausbruch aus dem Feuerwehrmuseums-Keller auf die Straße zu stürzen, so daß wir in Richtung "Zuckerhut" liefen.

11: Eckgebäude Grillostraße/Schalker Straße. Ehemaliges Schuhgeschäft des jüdischen Händlers Jampel, Freunde meiner Mutter Mathilde Krause. Hier war ich mit meiner Mutter ortsanwesend am 9. November 1938 in der sogenannten "Reichskristallnacht". Wir wurden von SA-Uniformierten mit Gewalt aus dem Haus getrieben. Die Schaufenster des Ladenlokals wurden zertrümmert und die Auslagen auf den Bürgersteig geworfen.

12: Eckhaus Grillostraße/Schalker Straße. Geschäftshaus der Fa. Haushaltswaren Philipp Heinrich. In diesem Hause wohnte die Familie des Wilhelm Ferlmann, der den Pater Vell denunzierte, was zu dessen Todesurteil vor dem "Volksgerichtshof führte.

13: Grillostraße 57. Katholisches Vereinshaus (Gesellschaftshaus) der Gemeinde St. Joseph. Im hinteren Gebäudebereich befand sich das Dionysius-Stift, das von den "Dernbacher Schwestern" geführt wurde (Arme Dienstmägde Jesu Christi). Eines der Zimmer des Dionysius-Stifts bewohnte P. Herman Joseph Vell. Hier fand die Hausdurchsuchung durch die Gestapo statt, und hier wurde er verhaftet. Bei meinen Recherchen zur Biographie des P. Vell behauptete die noch lebende, frühere Küchenschwester Maria Salviana, sie hätte "den Namen dieses Herrn noch nie gehört". Ich hörte bei dem vorerwähnten Telefonat, wie jemand der Schwester Salviana soufflierte. Ehemalige Scherznamen für Schwester Salviana: "Schwester Kochlöffeliana" und "Schwester Schokoladine".

14: Wohnhaus des Gymnasialdirektors Dr. Johannes Schönhauer. Teilweise noch bewohnbar trotz einer ins Haus eingeschlagenen Brandbombe. Erster Unterschlupf der Familien Kassner und Krause nach mehreren Nächten in den Trümmern. Hier wurde meine Mutter Mathilde Krause von Schönhauer der Plünderung bezichtigt, und hier hat man sie in Gewahrsam genommen.

15: Auf der Rückseite des Wohnhauses des Dr. Schönhauer, aber noch auf demselben Grundstückstreifen wie dieses, lag die nicht ganz demolierte Turnhalle des Adolf-Hitler-Gymnasiums. Diese Turnhalle wurde als Leichenhalle umfunktioniert, um die Bomben-Toten des 6. November 1944, Körperteile, verbrannte Fleischklumpen, die mal Menschen waren, abzulegen. In einem meiner frühen Gedichte, das ich auf einer "Herner Begegnung" (1958?, von Walter Erasmy auf Band aufgenommen) vortrug, woraufhin Werner Höfer meine Rezitation im WDR sendete, schrieb und sprach ich vom "Sülz des namenlosen Schmorens". Ich glaube, dieser zusätzliche Eintrag zum Leichenschauhaus Schalker Straße wäre wichtig, schon allein deshalb , um diesen Platz als Gedenkstätte zu markieren. Vielleicht läßt sich an diesem Ort eine Erinnerungstafel aufstellen.

Lebensgeschichtliche Erinnerungen des Zeitzeugen Joseph P. Krause, mit freundlicher Genehmigung.


Veröffentlichung: Andreas Jordan, Maerz 2009

↑ Seitenanfang