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Die Verfolgung und Ermordung der Zeugen Jehovas aus Gelsenkirchen

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Ein Stolperstein für Robert Mäusert

Familienfoto Mäusert 1934 anlässlich der Schulentlassung von Sohn Hans. Mit Ehefrau Elfriede und den Kindern Aniela, Hans und UrsulaBild: Familienfoto Mäusert 1934 anlässlich der Schulentlassung von Sohn Hans. Mit Ehefrau Elfriede und den Kindern Aniela, Hans und Ursula.

Elfriede Luise Lassig (geboren am 7. Juni 1896 in Rohr bei Rummelsburg/Pommern, genannt Frieda) und Robert Mischnick (geboren am 24. Juli 1892 in Darsener Mühle bei Rummelsburg/Pommern) heirateten im Jahr 1917. Seit 1921 lebte die Familie in Gelsenkirchen. In den folgenden Jahren bekamen der Bergmann und seine Frau drei Kinder. Im Jahr 1927 wurden die Nachnamen sämtlicher Familienmitglieder von Mischnick auf Mäusert abgeändert. In diesem Jahr trat das Ehepaar Mäusert außerdem aus der Kirche aus. Frieda Mäusert bekannte sich ab 1928 zu den Bibelforschern, Robert Mäusert ab dem Jahr 1931. Nach Hitlers Machtergreifung kam es zu etlichen Hausdurchsuchungen bei den Mäuserts, die Im Bahnwinkel 10 wohnten. Diese verliefen jedoch ergebnislos, denn Robert Mäusert hatte vorsorglich im Hühnerstall eine doppelte Wand errichtet, hinter der sich die versteckte Wachtturm-Literatur befand. Auch im Keller hinter aufgereihten Holzscheiten waren Bibel erklärende Schriften versteckt.


Robert Mäusert 1935 Bild: Robert Mäusert 1935.

Vom 17. April 1936 bis zum 23. April 1936 kam Robert Mäusert vorläufig in Haft. Zusammen mit seiner Ehefrau Frieda sowie 29 anderen Zeugen Jehovas aus Gelsenkirchen-Buer (darunter auch das Ehepaar Gorny) klagte ihn das Sondergericht Dortmund am 7. August 1936 an. Wo Robert Mäusert zu diesem Zeitpunkt inhaftiert war, ist bisher nicht bekannt. Die Anklage lautete auf Zuwiderhandlung gegen den Erlass des Preußischen Ministers des Innern vom 24. Juni 1933 sowie Vergehen gegen die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933. Das Gericht warf Robert und Frieda vor, nach dem Verbot „an den Wohnungsversammlungen" teilgenommen zu haben und „die Organisation der EBV, nach dem Verbot neu aufgezogen, fortgesetzt und unterhalten zu haben". Der Staatsanwalt beantragte die Hauptverhandlung vor dem Sondergericht Dortmund und ordnete Haftfortdauer der in Haft befindlichen Angeschuldigten an.

Ob Robert und Frieda Mäusert vom Sondergericht Dortmund verurteilt wurden, ist nicht bekannt. Belegt ist, dass Robert Mäusert „auf Anordnung der Gestapo-Leitstelle Münster am 23. Januar 1937 wegen religiöser Betätigung (Bibelforscher) festgenommen" wurde und für 10 Monate ins Gefängnis in Hamm in Haft kam. Von dort überstellte man ihn am 21. Oktober 1937 als Schutzhäftling ins KZ Buchenwald. Wie Michael Wnendt, ebenfalls als Zeuge Jehovas aus Gelsenkirchen dort inhaftiert, der Familie nach dem Krieg berichtete, arbeiteten er und Robert Mäusert im Steinbruch des Lagers. Beide hatten sehr unter Hunger zu leiden gehabt. Außerdem überschüttete die SS Wnendt und Mäusert bei Minus-Temperaturen mit Wasser.

Im Mai 1939 nahm man Frieda Mäusert fest und sie kam im Gefängnis Anrath bei Krefeld in Haft. Im Sommer des Jahres 1940 entließ man sie kurzfristig: Sie hatte mit 44 Jahren einen Schlaganfall erlitten. Doch Mitte 1941 musste sie die Reststrafe antreten. Wie sich ihre Tochter Ursula später erinnerte, war sie insgesamt neun Monate inhaftiert. Während der Haft der Eltern verblieben die drei Kinder bei der Großmutter mütterlicherseits, die zwar anderen Glaubens, aber der Religion ihrer Tochter und Familie gegenüber tolerant war.

Robert Mäusert 1936 Bild: Robert Mäusert 1936.

Dem couragierten Verhalten der Großmutter war es zu verdanken, dass den inhaftierten Eltern nicht das Sorgerecht entzogen wurde und den Kindern eine Unterbringung bei musterhaften Nazi-Familien erspart blieb, was sonst gängige Praxis war. Allerdings wurde den drei Geschwistern - da sie „Bibelforscherkinder" waren - verwehrt, eine Lehre zu machen. Robert Mäusert verblieb bis zum 25. Mai 1940 im KZ Buchenwald, anschließend wurde er auf die Wewelsburg überstellt (Häftlingsnummer 148 bis 31. August 1940 geführt unter dem Stammlager Sachsenhausen; ab 1. September 1940 Häftlingsnummer 25320, als das KZ Wewelsburg selbstständig wurde). Nach fast drei Jahren Haft in diesem Lager überführte man ihn von hier am 6. April 1943 ins KZ Ravensbrück (Häftlingsnummer 3598). Robert Mäusert erlebte die Befreiung des KZ Ravensbrück und machte sich am 6. Mai 1945 auf den Heimweg nach Gelsenkirchen. Wie überlebende Zeugen Jehovas später Frieda Mäusert berichteten, war ihr Mann zu diesem Zeitpunkt völlig erschöpft, so dass er mit einer Transportkarre befördert werden musste. Doch seine Kräfte reichen nicht aus. Auf dem Weg über die Elbe in Richtung Westen verstarb Robert Mäusert am 8. Mai 1945 im Alter von 53 Jahren. Seine Glaubensbrüder beerdigten ihn in Wittenberge an der Elbe auf dem Ehrenfriedhof.

Frieda Mäusert heiratete 1947 Michael Wnendt, der mit ihrem verstorbenen Mann Wilhelm im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen war. Robert Mäuserts Kinder machten sich die religiöse Überzeugung ihrer Eltern zu Eigen und ließen sich nach dem Krieg als Zeugen Jehovas taufen. Frieda Wnendt (verwitwet Mäusert) stellte im Dezember 1952 beim Kreis-Anerkermungs-Ausschuß für den Stadtkreis Gelsenkirchen für ihren verstorbenen Mann und sich selbst einen Antrag auf Anerkennung als Verfolgte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Am 26. Mai 1953 bewilligte der Kreis-Anerkennungs-Ausschuß ihren Antrag. Frieda Wnendt verstarb 1956 mit 60 Jahren.

→ Dokumente der Verfolgung von Robert Mäusert

→ Stolpersteine in Gelsenkirchen

Mit freundlicher Genehmigung, Jehovas Zeugen in Deutschland


Andreas Jordan, April 2010

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