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Das Ende des zweiten Weltkrieges in Gelsenkirchen

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Luftschutzstollen Bismarck III

Vor 63 Jahren, im März 1945, ging in Buer und Horst der 2. Weltkrieg zu Ende. Doch bis es am 30. und 31. März 1945 soweit war, mussten die Bueraner und Horster noch schreckliche Kriegstage über sich ergehen lassen.
Die meisten erlebten diese Tage und Nächte in den Schutz- und Kellerräumen. Seit Mitte März wagte sich kaum noch jemand hinaus. Von Nordwesten rückte die Front langsam, aber unaufhaltsam näher. Im Februar, aber auch Anfang März flogen die Alliierten noch einmal verstärkt Luftangriffe. Bereits im November und Dezember hatte es schwere Bombenschäden gegeben, unter anderem in Erle, aber auch in Hassel, Scholven und Bülse. "Die Landwirte Reiners, Mühlenbrock und Klaphecke sind jedesmal hart getroffen", notierte St.-Urbanus-Pfarrer Ernst Roosen in seiner Chronik, die Heimatforscher Hugo Vöge vor vielen Jahren ausgewertet hat. "Betroffen sind auch alle Wohn- und Siedlungshäuser in Bergmannsglück und in Scholven, wo die Kirche zerstört wurde."

Ende Februar waren die Schachtanlage Hugo und das Hydrierwerk in Scholven noch einmal Ziel der alliierten Flieger. "13.50 Uhr, elf Sprengbomben auf Hugo II und Ziegelei. Schäden am Kühlturm. Bergeaufzug durch Volltreffer zerstört", schrieb Hugo-Tagesbetriebsführer Heinrich Pohlmann in einem "Stimmungsbericht nach Feindeinwirkungen". Am 19. Februar traf eine Minenbombe den Bahnhof Hugo II. Am 22. Februar notierte Pohlmann "gegen 16 Uhr Sprengbombe - Schachtgerüst Hugo II und Seilscheibe schwer beschädigt."

Stark in Mitleidenschaft gezogen wurden bei den Angriffen auf das Hydrierwerk die Ortsteile Bülse und Scholven, aber auch die Heege. Die Ortsteile lagen in der Einflugschneise der alliierten Flieger. Nördlich der Claesdelle gab es vier Flakstellungen, an der Ecke Gecksheide/Hobergstraße war eine Scheinwerferstellung postiert, wie sich Zeitzeuge Siegfried Geisler, damals 16 Jahr alt und an der Gecksheide wohnhaft, erinnert. Weitere Flakstellungen gab es in Bülse gegenüber der Jäger-Bäckerei und zwei in der Bachstraße. Weit mehr als 1 500 Bombentrichter gab es nach Ende der Bombardierungen allein in Bülse, schätzt Bülses Heimatforscher Werner Schlüter. Scholvens Landwirt Bette zählte nur auf seinem gut 20 Hektar großen Äckern ganz nahe am Hydrierwerk über 500 Bombeneinschläge.

In Horst flogen die Alliierten am 28. Februar und am 8. März die letzten Luftangriffe auf die Zeche Nordstern und auf Gelsenberg. Nach dem Angriff vom 28. Februar wurde das Hydrierwerk total stillgelegt, die Zivilbevölkerung, vorwiegend in Horst-Süd und zwischen Buerer- und Johannastraße, beklagte bei diesem Angriff die meisten Opfer. Bereits im November war das Josefs-Hospital von sieben Bomben getroffen worden. Schwer beschädigt war auch die Rennbahn, der Friedhof Horst-Süd war regelrecht "umgepflügt". Schloß Horst und Horst-Mitte waren nicht so stark betroffen - sie lagen nicht in der Angriffslinie. Ähnlich erging es Buer-Mitte, wo die Zerstörung im Vergleich ebenfalls nicht so groß war. Schwer getroffen wurde die Urbanus-Kirche, die schon im Juni 1944 durch eine Luftmine, die auf die Freiheit fiel, auf der Nordseite "schrecklich verwüstet" wurde, so Pfarrer Roosen. Gottesdienste waren dort nicht mehr möglich.

Jagdflieger sorgen für Schrecken

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Zerstörter Straßenzug in Gelsenkirchen

Im letzten Kriegsmonat, im März 1945, verging kein Tag ohne Fliegeralarm. Tag und Nacht flogen die alliierten Jagdflieger und Bomber ihre Einsätze. Viele Bueraner und Horster blieben ständig in den Bunkern. "Der Bombenkrieg war so schrecklich und hart, dass bald kein Haus verschont blieb", schrieb Zeitzeugin Wilhelmine Timmerhaus aus Bülse ihre Erinnerungen schon vor Jahren auf. Die meisten Bülser Familien hatten ihre Wohnungen verlassen und sich im Bülser Bunker, der noch heute neben der Bülseschule steht, einquartiert. Etwa 500 Bülser fanden dort Zuflucht. Südlich der Bahnlinie suchten andere Bülser ein wenig Schutz in einem Splittergraben an der alten Buer-Gladbecker-Straße, dem heutigen Forstweg. "Zuhause war alles kaputt, wir hatten im Garten nur noch eine Bretterbude", erinnert sich Ursula Garding, geb. Kässemeyer, die als Sechsjährige die letzten Kriegstage erlebte. Sogar eine Sanitätsstube gab es im Bunker. Einen eigenen Raum für sich habe Ortsgruppenleiter Dammänchen gehabt, der dort hektisch einen Volkssturm organisierte. Immer wieder habe man ihn "rumfluchen" gehört.
Am 10. März flogen die Allierten den wohl letzten schweren Angriff auf das Hydrierwerk in Scholven. "Es war so furchtbar wie noch nie. Die Bomben prasselten 44 Minuten auf Scholven, Bülse und Bergmannsglück hernieder. Der Boden schwankte wie ein Schiff auf See", schrieben die Dernbacher Schwestern, die noch bis 1970 Dienst im St.-Marien-Hospital taten, in ihrem Tagebuch nieder, das Heimatkundler Fritz Pascioletty gegenwärtig auswertet.

Die Alliierten hatten zu diesem Zeitpunkt längst am Niederrhein den Fluss überschritten und standen westlich von Dorsten und Hünxe. Gleichzeitig setzten amerikanische und britische Luftlandedivisionen im Gebiet des Hünxer Waldes großen Truppen- und Waffenkontingente ab.
Trotz dieser ausweglosen Lage trommelten die NS-Parteifunktionäre mit Durchhalteparolen auf die Bevölkerung ein. Noch am 14. März 1945 wurde ein druckfrisches Flugblatt in Buer verteilt. "Wir haben die besseren Nerven und deshalb werden wir siegen!", versuchten die Nazis den Bueranern noch den Endsieg einzureden. Auch von neuen Waffen war die Rede. Die Menschen wurden aber auch eingeschüchtert: "Wer die weiße Fahne hinaushängt, wird erschossen", drohten die Nazi-Bonzen, die sich wenig später aus dem Staub machten.

Kanonendonner kam immer näher

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Die Karwoche 1945 brachte Buer und Horst das Kriegsende. Langsam ließen die Luftbombardements nach, dafür kam aber der Kanonendonner näher. Oben auf dem Rathausturm saß der Bueraner Otto Herkel fast rund um die Uhr als Beobachter: Er musste der örtlichen Kommandantur, die sich im Bunker des Bergmannsheil einquartiert hatte, die an- und abbfliegenden Verbände melden. "Wir hatten täglich vier- bis sechsmal Alarm, an einem Tag saßen wir sieben Stunden im Keller", schrieben die Dernbacher Schwestern am Marien-Hospital in ihr Tagebuch. Statt der schweren Bomber flogen mehr und mehr schnelle, tieffliegende Jagdflugzeuge auf Buer zu. "Kein Fahrzeug durfte sich auf der Straßen sehen lassen, ohne von plötzlich erscheinenden Jagdbombern beschossen zu werden", erinnerte sich ein Zeitzeuge. Besonders gefährlich waren in jenen Tagen Beerdigungen, da es auf den Friedhöfen nicht die geringste Möglichkeit gab, sich vor Tieffliegern in Sicherheit zu bringen.

Marsch auf Buer - 28. März 1945

An Palmsonntag, 25. März, standen die Amerikaner im Nordwesten bereits vor den Toren der Stadt. Es gab noch einmal einen Luftangriff auf Buer. Die Menschen harrten in den Kellern und Bunkern aus. "Bei Möllersbauer bleiben die im Luftschutzkeller anwesenden 50 Personen unverletzt, während die Mauern des Hauses eingedrückt wurden", notierte Buers Pfarrer Ernst Roosen in seinem Kriegstagebuch. Er selbst war mit den Bewohnern des Pastorats (heute Michaelshaus) in den Keller des Nachbarn Schossier geflüchtet, "wo Lebensmittel und Unterkunftsnotwendigkeiten für einige Tage vorhanden waren." Letztlich blieb das Pfarrhaus erhalten. Fünf Treffer hatte aber die Vikarie Beate Maria Virginins an der Westerholter Straße (heute Helene-Weber-Haus) schwer beschädigt. An der Vikarie S. Crusis an der Beisenstraße gab es nur geringe Schäden. Einen Treffer musste auch der Notkirchen-Saal des alten Gesellenhauses Degener (heute Kazmirzak) hinnehmen: Die Wand hinter dem Altar wurde zerstört, schreibt Pfarrer Roosen.
Zu Beginn der Karwoche tauchte mehrmals am Tag ein tief fliegendes amerikanisches Aufklärungsflugzeug auf. Die 9. US-Armee unter Generalleutnant Simpson stand inzwischen vor Polsum und Scholven. Dort und in Hassel beobachteten die Menschen, wie die deutschen Soldaten Richtung Westerholt und Herten flüchteten. Im Scholver Feld leisteten einige noch Widerstand. Heftige Kämpfe entbrannten noch einmal in Polsum, wo eine SS-Totenkopfeinheit versuchte, die Amerikaner zu stoppen. Eine neue Verteidigungslinie Polsum-Buer wurde eingerichtet.

In Keller und Bunkern beteten die Menschen für das Kriegsende

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Mitte der Karwoche 1945 hörten die Menschen, die in Buer und Horst in Kellern und Bunkern ausharrten, ununterbrochenen Geschützdonner. Aus westlicher und nördlicher Richtung rückte die Front näher. Der Bunker am Markt war überfüllt. Am Polizeipräsidium wurden riesige Panzersperren aufgebaut. Im Hof des Präsidiums schleppten die letzten linientreuen Beamten große Mengen Akten zusammen, um sie vor den heranrückenden Amerikanern zu verbrennen. In der Hochstraße waren die Schaufenster sämtlicher Geschäfte zerborsten. Am Gründonnerstag vrschwanden die letzten Nazi-Parteibonzen. In Scholven standen die Amerikaner schon am Mittwoch vor der Stadtgrenze. Englische Aufklärer sondierten die Lage. An der Nienkampstraße, so ein Zeitzeuge, versuchten noch ein, zwei Landser mit Maschinengewehren, das Vordringen der Alliierten zu verhindern. Nazi-Ortsgruppenleiter Brassert "hatte sich vor Angst besoffen" und flüchtete über die Felder. "Er tauchte nie wieder auf."

Marsch auf Westerholt, im Hintergrund die Zeche Westerholt

Kopf und Kragen riskierte die Betriebsleitung der Zeche Westerholt, als ein Kommando der flüchtenden Wehrmacht beim Rückzug die Anlagen auf Anweisung von Gauleiter Meyer sprengen wollte. Mit einem Trick verhinderten sie den Plan, nur "verbrannte Erde" zu hinterlassen: Sie legten die Anlagen still und behaupteten, die Zeche sei schon völlig zerstört. Das Sprengkommando rückte ab. In Horst versuchten die letzten Nazis noch am Dienstag, 28. März, einen Volkssturm aufzustellen, wie der damalige Horster Pfarrer, Propst Wilhelm Wenker, in seinen Tagebuchaufzeichnungen notierte. 15- oder 16-jährige Jungen, kampfuntaugliche Männer und solche ab 50 wurden als "letzte Reserven" mobilisiert. Auf der Bottroper Straße legten SA-Leute eine Straßenbahn als Panzersperre quer über die Fahrbahn, wie Zeitzeuge Johannes Lampferhoff in seinen Erinnerungen schreibt. "Fast zur gleichen Zeit wurde eine lange Kolonne von Zwangsarbeitern durch unsere Straße in Richtung Osten getrieben, um sie vor den vordringenden Amerikanern zu verbergern", schreibt Lampferhoff weiter. "Der Geschützlärm wurde immer lauter und nervenaufreibender, letzte versprengte deutsche Soldaten, verschmutzt und müde, zogen sich zurück."

Am Gründonnerstag, 29. März, drangen amerikanische Verbände mit ihren Panzern in Polsum ein. "Die Deutschen konnten einen erfolgreichen Gegenstoß unternehmen, doch der Druck der US-Truppen war zu stark", schreibt Hassels Heimatforscher Egon Kopatz. Polsum wurde aufgegeben, die Alliierten rückten auf Hassel vor. "Vormittags um 11 Uhr begann dann der Angriff auf Buer", schrieb Buers Pfarrer Ernst Roosen in sein Kriegstagebuch. Im Telgenbusch zwischen Hassel und Bertlich verschanzten sich noch einmal einige Wehrmachtssoldaten. Die Amerikaner nahmen das Wäldchen unter Artillerie-Beschuss. Granaten sausten auch über die Steinhalde der Zeche Bergmannsglück, in deren Schutzstollen die Menschen angstvoll auf das Kriegsende warteten. "Verdreckt und erschöpft, schon fast stumpfsinnig lagen wir in den Gängen und beteten, dass die letzten schrecklichen Tage vorübergingen", erinnerte sich eine Hasselerin. Unterdessen rückten die Amerikanern über die Feldhauser Straße auf Scholven vor. Auf ihrem Weg stießen die ersten zwei amerikanischen Panzer noch auf Widerstand und wurden mit Panzerfäusten gestoppt.
Im St.-Marien-Hospital leisteten Ärzte und Schwestern derweil Schwerstarbeit. "Es kamen immer mehr Schwerverwundete, und die Jagdbomber belästigten uns von früh bis spät", so die Ordensschwestern in ihrem Tagebuch. "Es lag ein unheimliches Rollen in der Luft." Dann begann der Artilleriebeschuss auf Buer-Mitte.

Kurz vor Kriegsschluss fällt noch der St.-Urbanus-Turm

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Blindgänger in Gelsenkirchen

Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner erlebte Buer am Gründonnerstag, 29. März, noch einen schweren Bombenangriff. Um 16.30 Uhr luden alliierte Verbände zum letzten Mal ihre tödliche Last über dem Stadtnorden ab. 56 Tote und zahlreiche Zerstörungen waren zu beklagen. Gleichzeitig lagen Buer und Horst an diesem Tag unter Artilleriebeschuss. "Durch den Aribeschuss wurde in Buer noch manches beschädigt und vernichtet", schrieben die Ordensschwestern im buerschen Marienshospital in ihr Tagebuch. "Auch unser Isolierhaus erhielt mehrere Treffer." Durch Granatsplitter wurden fünf Bueraner getötet. In Scholven drangen an Gründonnerstag die ersten amerikanischen Kämpfer über die Feldhauser Straße ein. Sie stießen noch auf vereinzelten Widerstand. Die letzten Soldaten flohen Richtung Herten. Panzer verwüsteten Gärten und Höfe, während sich die Menschen in den Bunkern und Kellern ängstigten. Auch über die Dorstener Straße rückten die Amerikaner vor. Ihre Geschütze richteten sie auf Buer-Mitte. Auf der Feldhauser Straße wurden sie noch einmal gestoppt: Ein flüchtender Wehrmachtssoldat hatte per Panzerfäuste zwei Panzer vernichtet. An gleicher Stelle errichteten am Abend die Amerikaner schwere Artillerie, die auch gezielt den Turm der St.-Urbanus-Kirche beschoss - weil sie dort Melder vermuteten. Bislang hatten sie den Turm verschont, weil er ihnen Orientierung gab. Opfer des Artilleriefeuers wurde auch die Rathauskuppel, wo anschließend die Flammen loderten.

Von Gladbeck aus drangen die Alliierten über die Heege nach Buer vor. Zeitzeuge Siegfried Geisler, in der Gecksheide wohnhaft und damals 16 Jahre alt, hörte bereits die "knirschenden und mahlenden Geräusche" der heranrückenden Sherman-Panzer, als er vor dem Haus zwei deutsche Infanteristen sah, die sich am Straßenrand der Gecksheide eingegraben hatten. "Ihre Bewaffnung bestand aus einem Maschinengewehr und zwei Sturmgewehren", erinnert sich Geisler. "Ich stand aufrecht neben dem Schützenloch und unterhielt mich mit den Soldaten. Plötzlich zischte es ganz nahe an meinem Ohr vorbei - eine Gewehrkugel der Amerikaner." Offenbar hatte ein amerikanischer Scharfschütz vom Turm der St.-Lamberti-Kirche in Gladbeck aus versucht, den jugendlichen Zivilisten zu treffen, mutmaßt Geisler noch heute. Wenige Stunden später waren die amerikanischen Einheiten in die Heege vorgestoßen. Beide deutschen Soldaten hatten sich ergeben und saßen auf der Kühlerhaube eines Jeeps, der die frühere Devesestraße (heute Claesdelle) in Richtung Gladbeck fuhr.

In Horst schleppten sich die letzten versprengten deutschen Soldaten durch die Buerer Straße Richtung Buer. Auf kleinen Handwagen und in alten Kinderwagen, so Zeitzeuge Johannes Lampferhoff, schleppten sie ihre Waffen, Panzerfäuste und Maschinengewehre mit. "Immer wieder hörten wir schwere Stiefelschritte von deutschen Truppenteilen, dann war es totenstill." Auf der Rennbahn und bei Bauer Becks verließen die letzten Flakhelfer ihre Stellungen. Die Brücken über den Kanal wurden gesprengt. In Hassel drückten am Gründonnerstagabend die Amerikaner von Polsum aus stadteinwärts. Sie wurden von Resten der 116. deutschen Panzerdivision nördlich der Valentinstraße noch einmal aufgehalten.

Wehrmacht kappte alle Verbindungen zum Stadtsüden

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 Emscherbrücke in Gelsenkirchen

Um das Vordringen der amerikanischen Truppen aufzuhalten, sprengten Wehrmachtsangehörige vor 60 Jahren die Brücken über Kanal und Emscher. Gut zehn Tage später waren die Amerikaner dennoch im Stadtsüden. Die gewaltigen Detonationen in den Abendstunden des 28. März 1945 waren weit zu hören, sie ließen Scheiben an Kirchen und Häusern zersplittern. Die Sprengung war eine sinnlose Tat der zerbrechenden Wehrmacht, letztlich ohne jeden militärischen Erfolg. Buer und Horst aber waren für lange Zeit ohne Verbindung zum Stadtsüden. In Erle beklagte man mit der Sprengung der Brücke Münsterstraße den Verlust der wichtigen Verbindung nach Bismarck und weiter nach Alt-Gelsenkirchen. Der Bau der Brücke war 1912 begonnen worden, 1914 wurde sie ihrer Bestimmung übergeben. 1944 hatte ein Bombentreffer das Prachtbauwerk erschüttert, nach der Sprengung war es nur noch ein Trümmerhaufen. Noch Tage litten die Erler unter Artilleriebeschuss von der Südseite. Erst am 7. April nahmen die Amerikaner die ganze Kanalzone.

Auch in Horst vermissten die Menschen die gewohnten Verbindungen nach Gelsenkirchen und vom benachbarten Karnap nach Essen. Bald nach Kriegsschluss wurde Richtung Karnap für die Zweigert-Brücke eine Holzbrücke als Notbehelf errichtet. Die Brücke in Sutum sprengten abziehende Wehrmachtssoldaten am Karfreitag, 30. März, nachdem sie sich Richtung Stadtsüden abgesetzt hatten. Auch an der Münsterstraße konnten die Menschen bald mit Hilfe einer Holzbrücke über die Emscher und mit einer Fähre der Hafengenossenschaft ans andere Kanalufer gelangen. Lange Zeit tat sie Dienst, denn erst ab 1950 wurde die Brücke wieder aufgebaut.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich rund ein Jahr nach der Sprengung, am 7. April 1946, die Nachricht von einem entsetzlichen Unglück mit der Fähre. Sie war gegen 14 Uhr mit 80 Personen, die auf dem Weg zur Kirmes auf dem Wildenbruchplatz waren, ins Wanken geraten und gekentert. Viele Passagiere wurden unter dem Koloss begraben, Fährmann Karl May versuchte verzweifelt zu helfen. Vergebens - 21 Menschen wurden getötet.

Die Kanalfähre während des Übersetzens

Bild: Aus dem Gelsenkirchener Lesebuch: "Das ist unsere Geschichte", die Kanalfähre während des Übersetzens

In einem Zeitungsartikel beschrieb der damalige Fährmann Karl May rückschauend die Ereignisse: "Auf dem Wildenbruchplatz war Kirmes und Schalke spielte gegen Erle 08. Wir hatten außergewöhnlich schönes Wetter. Gut 80 Personen mögen auf der Fähre gewesen sein, als sie gegen 14.00 Uhr vom Buerschen Ufer ablegte und ins Schwanken geriet. Es entstand Unruhe. Das Floß kippte zur Seite, alle Fahrgäste stürzten ins Wasser. Das Bedienungspersonal versuchte zu retten, was zu retten war. Doch es gab keine Hilfsmittel. Rettungsringe wurden erst später angeschafft. Das nächste Telefon worauf der Cranger Straße in Erle. Bis die Feuerwehr und die Polizei eintrafen, war es für 21 Manner, Frauen und Kinder zu spät. .."

Von alledem ahnten die Menschen nichts, die vor den heranrückenden amerikanischen Verbänden in den Kellern und Bunkern in der Karwoche ausharrten. "In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag hatten alle Schrecken ihren Höhepunkt erreicht", notierten die Dernbacher Schwestern des St.-Marien-Hospitals in ihrem Tagebuch. "Niemand konnte mehr aus dem Keller gehen. Es war ein unheimlicher Betrieb. Das ganze Hospital mit etwa 600 Kranken, den Ärzten, Schwestern, Sanitätern, all dem anderen Personal und die ganze Nachbarschaft hausten im dem Keller."

Trotz der Front, die inzwischen im Norden und Nordwesten das Stadtgebiet erreicht hatte, wagten sich viele noch einmal aus ihren Verstecken: Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, auf dem Bahnhof Buer-Nord sei ein Waggon mit Vitaminbonbons nicht mehr rechtzeitig von der Wehrmacht weggeschafft worden. Viele machten sich Hoffnung, etwas von der wertvollen Ladung abzubekommen und wagten sich mit Bollerwagen oder Taschen durch die gefährlichen Linien - die Verteidigungslinie war bis zum Karfreitag, 30. März 1945, bis zum Bahnhof vorgedrungen. 20 Jagdbomber flogen zur gleichen Zeit noch einmal im Tiefflug über Buer-Mitte - auf der Suche nach möglichen Zielen.

Am Karfreitag 1945 ging in Buer und Horst der Krieg zu Ende

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Am Karfreitag 1945 ging in Buer und Horst der 2. Weltkrieg zu Ende: Amerikanische Truppen besetzten den Stadtnorden. Es war ein bitterer Karfreitag, aber auch ein Tag der Erleichterung und der Befreiung. Nachdem bereits am Gründonnerstag Scholven, die Heege und der Schaffrath von den Amerikanern eingenommen worden waren, kämpften sich die alliierten Truppen am Karfreitagmorgen, 30. März 1945, in Hassel vor: Von Polsum kommend, so Hassels Heimatforscher Egon Kopatz, wagte sich die 8. US-Panzerdivision langsam auf der Valentinstraße in Richtung Hasseler Markt vor. "An der Ecke Otte-/Valentinstraße stand - getarnt unter einer Trauerweide - ein deutscher Panzerspähwagen und beobachtete den Marktplatz.

Evangelische Kirche in Hüllen

Ein Funkleitwagen stand unter den Bäumen der Michaelskirche. Im Turm saß ein deutscher Artilleriebeobachter", weiß Kopatz. "Alles junge Burschen zwischen 17 und 25 Jahren." Der Stab der Einheit, untergebracht im Böckenbusch in Bertlich, bestand auf den "Feindkontakt". Ein Volkssturm hatte sich derweil im östlichen Teil der Valentinstraße (heute altes Kraftwerksgelände) verschanzt. Die Kriegsgefangenen aus dem Lager Marler Straße waren schon Tage zuvor abtransportiert worden.

Wenig später feuerte der Panzerspähwagen, so Heimatforscher Kopatz, eine Granate auf den ersten Shermanpanzer ab, der sich am Markt blicken ließ. Dieser und andere Panzer zogen sich nochmal zurück. "Eine halbe Stunde später flog ein amerikanischer Jagdbomber die deutsche Stellung an und setzte zielgenau eine Bombe ab. Es gab keine Überlebende. Die Leichenteile der jungen Soldaten waren im weiten Umkreis verteilt." Wenige Stunden später besetzten die Amerikaner ohne weiteren Widerstand Hassel. Am Abend saß ein amerikanischer Beobachter auf dem Kirchturm.

Buer-Mitte lag am Karfreitagmorgen unter "furchtbarem Artillerie-Beschuss", hielten die Ordensfrauen im Marien-Hospital in ihrem Kriegstagebuch fest. "Tatsächlich wurde es um 12 Uhr mittags draußen stiller." Um 15 Uhr formierte sich noch ein letzter Volkssturm. Am Bahnhof Buer-Nord wurde heftig gekämpft. Vom Schaffrath aus beschossen die Alliierten, die Gründonnerstag an der Autobahn hängengeblieben waren, Beckhausen mit schwerer Artillerie, wie sich Zeitzeuge Roland Fahr, damals 15 Jahre alt, erinnert. An der Autobahnbrücke in Beckhausen formierte sich noch ein Volkssturm, "um die Heimat zu verteidigen".

Flak-Turm in Gelsenkirchen-Horst, im Hintergrund das Nordstern-Kraftwerk

In Horst fielen um 14.30 Uhr die letzten Bomben: Es gab fünf Tote, davon einen im Luftschutzbunker der Wirtschaft Hollmann. Die Horster Stromversorgung geriet außer Betrieb. Über die Bottroper Straße drangen um 15 Uhr die ersten Amerikaner mit vier Panzern ein, hielt Horsts Pfarrer, Propst Wilhelm Wenker, in seinem Kriegstagebuch fest, das Karl-Heinz Breil, Heimatfreund aus Horst, aufbereitet. Die tags zuvor errichtete Panzersperre war kein Hindernis. Vor dem Agnesstift, in dem Wenker auf das Kriegsende wartete (das Pfarrhaus auf dem Schollbruch war zerstört), lagen zehn Panzerjäger und warteten auf den Feind. "Alles junge Kerle." Was aus ihnen wurde, bleibt in den Aufzeichnungen unklar. Ein Gefecht gab es wohl am Schollbruch, wo in Höhe des Sportplatzes zwei tote deutsche Soldaten mit Panzerfäusten gefunden wurden.

Wenig später waren die amerikanischen Truppen am Horster Stern, wo es zu Straßenkämpfen kam. Sie rückten weiter vor, die Buerer Straße hinauf Richtung Beckhausen. "Das Dröhnen der Panzermotoren und das Klirren der Ketten war ganz nahe - es kam von der Essener Straße", schreibt Zeitzeuge Johannes Lampferhoff (damals 13 Jahre alt), dessen Elternhaus an der Buerer Straße stand, in seinen Erinnerungen.
"Dann erschien das erste dieser Ungetüme am Anfang unserer Straße und blieb dort abrupt und nach vorne wippend stehen. Der Geschützturm schwenkte drohend in alle Richtungen." In diesem Augenblick gab es einen lauten Knall - aus dem St.-Hippolytus-Kirchturm quoll Rauch. Eine Granate war in den Bereich der Turmuhr eingeschlagen. "Vermutlich hatte sich ein deutscher Beobachtungsposten dort verschanzt." Derweil hingen an einigen Häusern an der Buerer Straße weiße Laken aus den Fenstern.

Vom Schaffrath kommend schoben sich die Amerikaner, die trotz der zerstörten Brücken leicht die Autobahn überwanden, langsam nach Beckhausen und Sutum vor. Vor dem Stollen in der alten Steinhalde Hugo III ( heute Friedhof Beckhausen/Sutum) sah der junge Roland Fahr die letzten "achtzehn oder zwanzig deutschen Soldaten über die Pfeilstraße fliehen". Ein bis zwei Stunden tat sich nichts. "Dann kamen die Amerikaner." Sie rückten ohne weitere Gegenwehr bis zum Kanal vor. Am Bahnhof Buer-Süd hatten sie sich mit den Truppen, die aus Horst kamen, vereinigt.
Auch in Buer tauchten um 15 Uhr die ersten schwer bewaffneten Amerikaner von der Dorstener- und Polsumer Straße auf. "Über die Hagenstraße zogen sie in die Innenstadt ein", hielt Propst Ernst Roosen in seinem Tagebuch fest. Zu Fuß, überängstlich und mit MP, rückten sie Haus um Haus vor. In jedes Kellerfenster blickten sie. Am Markt wehte bereits die weiße Fahne. Am Abend waren Buer-Mitte und Horst ganz besetzt. Die Erler und Resser mussten noch einen Tag auf ihre Befreier warten.

Die Amis wollten unbedingt die Stachelbeeren probieren

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Haus um Haus rückten die amerikanischen Truppen vor, als sie am Karfreitag 1945 in Buer einmarschierten. Bis zum Abend kamen sie bis Hugo-Ost und bis zum Friedhof voran. An der Lindenstraße hockte am Karfreitag, 30. März, Zeitzeugin Agnes Vöge, geb. Herkel, als junge Frau im Keller der elterlichen Backstube. "Der erste Amerikaner, den ich sah, kam mit angelegtem Maschinengewehr die Akazienstaße herauf." Vorsichtig, Haus um Haus, arbeiteten sich die Amerikaner vor.
Im selbst gebauten Luftschutzkeller im Garten seines Elternhauses an der Schievenstraße (heute Friedhofsgelände) saß zur gleichen Zeit der damals sieben Jahre alte Konrad Herz. "Als dann die Amerikaner kamen, machte sich Erleichterung und Aufatmen breit", erinnert sich der Bueraner. Alles sei durchsucht worden. Im Stollen des Schachtes Hugo-Ost warteten derweil viele Bueraner auf das Ende des Grauens. Im Westerholter Wald, so Herz, konnten die Alliierten zwei "Erznazis" fassen, die auf der Flucht waren.

"Nachdem die Amerikaner kamen, konnten wir endlich aus dem Keller und uns wieder in der Küche aufhalten", schrieb ein Zeitzeuge in sein Tagebuch. Ein anderer erinnerte sich, "dass wir Karsamstag auf Ostersonntag erstmals seit langer Zeit wieder ruhig durchschlafen konnten."
In Bülse standen die Amerikaner plötzlich vor dem Eingang des Hochbunkers neben der Bülseschule. "Es waren sehr große Männer, die nur ein Wort sagten: Mief", erinnerte sich eine Augenzeugin von der Taubenstraße, wie Bülses Heimatforscher Werner Schlüter festhielt. Alle Männer mussten den schlecht belüfteten Bunker als erste verlassen. "Ihnen wurde nichts getan." In Bülse war fast alles zerstört.

Kellerwohnung in Gelsenkirchen

"Aber für uns war der Krieg zu Ende" Zeitzeugin Ursula Garding, damals sechs Jahre alt, erinnert sich, dass ihr ein "schwarzer GI" ein Kaugummi schenkte. Und bei einer Durchsuchung des Kellers ihres zerstörten Elternhauses ließen die fremden Soldaten den Eltern ihren Fotoapparat. "Stattdessen interessierte sie unser eingemachtes Obst. Unbedingt wollten sie Stachelbeeren probieren. Nachdem wir ihnen von den Früchten etwas angeboten hatten, grinsten sie und verschwanden."

In einem noch einigermaßen erhaltenen Gebäude an der Taubenstraße, so Werner Schlüter, errichteten die Amerikaner für eine Weile einen Militärstab, "obwohl keine Türen und Fenster vorhanden waren". Eine andere Kommandantur richteten die Amerikaner im Haus Buer-Gladbecker-Straße 123 ein. Auf der Kreuzung mit der alten Hammstraße wurde eine Artillerie-Stellung eingerichtet, die Richtung Herten und Recklinghausen feuerte. Um besser schießen zu können, wurden sogar Bäume gefällt, so ein Zeitzeuge. Auch am buerschen Ehrenmal richtete sich die Artillerie ein und feuerte über Kanal und Emscher auf Gelsenkirchen.

Schnell war am Karfreitag das St.-Marien-Hospital von den Amerikanern übernommen worden. Es wurde, so die Dernbacher Ordensfrauen in ihrem Tagebuch, besetzt und "ganz von der Außenwelt abgesperrt". Allerdings profitierte das Hospital in den nächsten Tagen von der guten Verpflegung der Amerikaner, wie es in anderen Quellen heißt.

Horster Jungen und Probst Wenker beginnen Aufräumarbeiten

Auch in Horst durchsuchten die Befreier jedes Haus. "Fußtruppen mit entsicherten Waffen schlichen an den Häusern entlang", schreibt Zeitzeuge Johannes Lampferhoff, damals 13 Jahre alt, in seinen Erinnerungen. Türen wurden aufgebrochen. "Man vermutete immer noch versteckte deutsche Kämpfer, die sich in den Gebäuden verschanzt haben konnten." In Resse setzten sich am Karfreitag, 30. März, die letzten deutschen Truppenteile Richtung Osten ab. "Von den Flakbatterien im Resser Feld hörte man nichts mehr", erinnert sich Resses Heimatforscher Carl Heinrich Lueg, der als junger Mann Zeitzeuge war. Stattdessen wurde Resse ab zwei Uhr in der Nacht zum Karsamstag von der amerikanischen Panzerstellung am Hugo-Schacht Ost unter Beschuss genommen.

Die "eisernen Grüße" trafen auch das Hospital

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Heute vor genau 60 Jahren ging auch in Resse und Erle der 2. Weltkrieg zu Ende: Amerikanische Truppen rückten am Morgen mit Panzern und GI's in Tarn- und Kampfanzügen sowie Maschinengewehren im Anschlag in die Ortsteile ein. Noch in der Nacht hatte die alliierte Artillerie von Hugo-Ost aus Resse unter Beschuss genommen. "Es war ein zielloses, aber gefährliches Streufeuer, etliche Häuser wurden noch beschädigt", erinnert sich Resses Heimatforscher Carl Heinrich Lueg, der als junger Mann den Einmarsch erlebte. Für Resses damaligen Pfarrer Clemens Kitten waren es "eiserne Grüße" der Amerikaner, wie er in seiner Chronik festhielt. Zwei Granaten trafen auch noch das St.-Hedwig-Hospital, so Kitten. Bald darauf fiel der elektrische Strom aus, und auch die Wasserversorgung war unterbrochen.

In der Morgendämmerung hörte der Beschuss auf, "und es trat eine unheimliche Stille ein", so Lueg. Gegen 10 Uhr an diesem Karsamstag, 31. März, schossen die heranrückenden Panzer noch einmal auf Resse, wo wenig später aus vielen Häusern Betttücher herausgehängt wurden, "als Zeichen, dass die Bevölkerung zur Kapitulation bereit war". Die Nazibonzen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Wehrmachtsoffiziere getarnt, ihre Geschäftsstelle im Eckhaus Am Markt selbst verwüstet, Akten und Bücher vernichtet und sich aus dem Staub gemacht. Einige Nazis ließen sich schon im Mai wieder in Resse blicken, weiß Lueg. Darunter auch der ehemalige Ortsgruppenleiter Egon Capelle. "Andere, wie der Gestapomann Weißner, hielten sich vorerst von Resse fern."

Noch am Karsamstagmorgen, erinnert sich der Resser Heimatforscher, rückten die Alliierten ein. "Eine dichte Kolonne von Panzern, die unheimlich groß erschien, rollte langsam über die Hertener Straße heran." Neben den Panzern gingen Soldaten mit MG's im Anschlag. Etliche Resser standen mit weißen Taschentüchern am Straßenrand, wurden aber von deutsch sprechenden Soldaten in die Häuser geschickt. Jedes Haus wurde durchsucht, in der Hertener Straße 68 eine Ortskommandantur eingerichtet. "Der nationalsozialistische Spuk war verschwunden und trotz der Besetzung atmeten die Resser freier auf", schrieb Pfarrer Kitten in seiner Chronik, die Heimatfreund Johannes Kläsener ausgewertet hat. Der ganze Spuk war aber noch nicht vorbei: In der Nacht auf Ostersonntag begannen deutsche Einheiten, die sich südlich des Kanals festgesetzt hatten, nach Resse hineinzuschießen.

Unterdessen glich Resse am Ostersonntag 1945 einem Heerlager, erinnert sich Lueg. Die Amerikaner kappten die Oberleitungen der Straßenbahn, weil sie den Antennen der Panzer im Wege waren. Eine Panzersperre, die der Volkssturm auf der Böningstraße noch errichtet hatte, wurde umfahren: Man schüttete, so Lueg, die Straßengräben zu und ließ die Fahrzeuge über die Felder ausweichen.
Auch mit der Besetzung Erles ließen sich die Amerikaner bis Karsamstag, 31. März 1945, Zeit. Es gab dort keinen Widerstand mehr. Mit Panzern zogen sie über die Heistraße Richtung Süden, über die Frankampstraße rückte die Infanterie vor. Erle wurde ohne Kampf besetzt. In Horst, das Karfreitag eingenommen worden war, hörte man am Karsamstag von Ferne Geschützdonner der weiter ziehenden Front. Im Ort selbst war es ungewöhnlich ruhig, schreibt Zeitzeuge Johannes Lampferhoff in seinen Erinnerungen. "Es war ein ungeheuer befreiendes Gefühl, zu wissen, dass es bei uns keine Luftangriffe mehr gab." An vielen Straßenecken patroullierten Posten mit umgehängten Gewehren. Schwere Militärlastwagen hatten den Amtsplatz besetzt und versperrten fast die ganze Gladbecker Straße. An einigen Stellen standen Artilleriegeschütze, etwa gegenüber der Horster Bank, so Lampferhoff. "Sie feuerten immer wieder in Richtung Süden", wo sich die deutschen Stellungen befanden.

Der Krieg zerstörte 47 400 von 93 000 Wohnungen im Stadtnorden. Buer zählte über 22 000 Spreng- und fast 39 000 Brandbomben, Horst 11 640 Spreng- und fast 19 000 Brandbomben. Der Bombenhagel tötete 900 Bueraner und 300 Horster.

"Ostertage standen im Zeichen der Erlösung"

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An Ostern 1945 war der gesamte Stadtnorden befreit - auch wenn ringsum noch immer Kriegsgetöse zu hören war. Das Sagen hatte der amerikanische Stadtkommandant Leutnant Schwobeda.
Die Besatzungsbehörde setzte in den Stadtteilen noch am Osterwochenende Bürgermeister ein: In Buer wurde Oberverwaltungsrat Hammann bestellt, in Horst übernahm Bürodirektor Kölling die Amtsgeschäfte. In Erle wurden Kaufmann August Gärtner, in Resse Stadtinspektor Lanfer und in Hassel Polizeisekretär Schortemeyer Bürgermeister.
Nach 14 Tagen wurden die Stellen aber wieder gestrichen. Unter Führung des Polizeihauptmannes Michel wurde eine aus zehn Mann bestehende Polizei gebildet. Angeordnet wurde von der Besatzungsbehörde, dass sich alle Männer, die seit Juli 1944 Wehrmacht, SS, SA oder Gestapo angehört hatten, bis zum 2. April im Polizeigebäude gegenüber dem Rathaus zu melden hatten. "Widrigenfalls werden sie als Spione angesehen und behandelt", hieß es.

Trümmerspielplatz in Gelsenkirchen

Die Bevölkerung atmete an den Ostertagen erstmals wieder auf. Ein Zeitzeuge schrieb in sein Tagebuch: "Ostern dieses Jahr ohne Ei erlebt. Aber wir hatten wenigstens Ruhe vor den Bombergeschwadern." Buers Propst Ernst Roosen hielt in seinem Kriegstagebuch, das Heimatforscher Hugo Vöge ausgewertet hat, fest: "Die Ostertage standen voll im Zeichen der Erlösung. War doch der seelische Druck des Hitlerregimes durch das Einrücken der feindlichen Truppen von den Gläubigen genommen. Dieses machte sich besonders beim Singen der Auferstehungsfeier in den heiligen Messen bemerkbar." Die Amerikaner verhängten ein Ausgehverbot: Zunächst von 18 bis 10 Uhr, dann durfte man für einige Tage nur für eine Stunde von 17 bis 18 Uhr auf die Straße. Erst am 12. April wurde das Ausgehverbot wieder verkürzt, dann von 20 bis 7 Uhr. Viele Wohnungen wuden beschlagnahmt, in einigen Fällen auch ausgeraubt.

Angst hatte die Bevölkerung vor den plündernd umherziehenden ehemaligen Fremdarbeitern, Polen und Russen, aber auch Tschechen. Sie überfielen vor allem Bauernhöfe, in Resse "fast jede Woche in den ersten Monaten nach Kriegsschluss", weiß Heimatforscher Carl Heinrich Lueg aus eigener Erinnerung. "Leider hat es bei den Exzessen auch Tote und Verletzte sowie Vergewaltigungen gegeben. Die Alliierten unternahmen wenig dagegen." Auch in der Stadt plünderten diese "displaced persons", wie die befreiten Fremdarbeiter von den Alliierten, in dessen Schlepptau sie über Land zogen, genannt wurden. Teils nahmen sie auch Gefangenen die Wertsachen weg. Resses Heimatforscher Carl Heinrich Lueg kann sich erinnern, dass Fremdarbeiter sämtliche Zuckervorräte im Lebensmittelgeschäft seiner Großeltern in der Hertener Straße "beschlagnahmten", um daraus Schnaps zu brennen. Eine ganz andere Erfahrung macht Zeitzeugin Ursula Garding in Bülse: Die Zwangsarbeiter, die auf dem Luftschacht festgehalten und durch die Amerikaner befreit worden waren, bastelten aus Schießdraht Spielzeug - Schmetterlinge -, um sie bei Bülsern gegen Lebensmittel zu tauschen. Doch gerade die Lebensmittelversorgung drohte in den ersten Wochen nach Kriegsschluss zur Katastrophe zu werden, weil der Stadtnorden bislang vom Süden versorgt worden war, jede Verbindung aber gekappt war. Erst am 17. April funktionierte sie wieder.

Zerstörung in Gelsenkirchen

Die Bevölkerung, so heißt es in verschiedenen Quellen, litt große Not. Es gab kein Trinkwasser, da das Leitungsnetz an vielen Stellen zerstört war. Nur mancherorts gab es Licht. Allerdings wurde die Stromversorgung teilweise schon nach wenigen Tagen wieder hergestellt. Post und Telefon funktionierten aber nicht, Straßen- und Eisenbahnen fuhren nicht. Vor allem die Frauen standen die meiste Zeit vor den Geschäften Schlange - oder gingen auf Hamsterfahrt.


Quellenwerk: Dieser Artikel von WAZ-Redakteur Georg Meinert wurde erstmalig in einer zehnteiligen Serie in der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) veröffentlicht.
Bildquellen: "Der zweite Weltkrieg in Bottrop und Umgebung 1943-1945" von Ludger Tewes 1985
Aus privater Sammlung, Gelsenkirchen
Stadtarchiv Gelsenkirchen
Hintergrunfgrafik: Spitzbunker auf dem Schalker Markt, auch "Zuckerhut" genannt, bei Kriegsende.

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Andreas Jordan, Mai 2008

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