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Jüdisches Leben in Gelsenkirchen

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Kaufhaus Alsberg in Gelsenkirchen

Eröffnungsankündigung des Kaufhauses Alsberg in Gelsenkirchen, 1909

Abb. 1: Eröffnungsankündigung des "Modernen Kaufhau- ses" Gebr. Alsberg in Gelsenkirchen, 1909.

Bereits einige Jahre zuvor hatte in Buer an der Ecke Hoch-/Essenerstraße ein flächenmäßig deutlich kleineres Kaufhaus Alsberg mit dement- sprechend wesentlich bescheidenerem Waren- sortiment eröffnet.

Am 24. Juni 1909 eröffnete dann das Kaufhaus Gebr. Alsberg an der Gelsenkirchener Bahnhof- straße. Einen Tag zuvor war die Firma in das Handelsregister eingetragen worden. Annähernd 10.000 Menschen drängelten sich am Eröff- nungstag vor dem neuen Kaufhaus Alsberg an der Bahnhofstraße, die Haupteinkaufsstraße Gelsen- kirchens in der Stadtmitte und fieberten der Eröffnung entgegen, um eines der begehrten Schnäppchen zu ergattern.

Die jüdischen Inhaber priesen im Gründungs- inserat ihres Geschäftes an der Bahnhofstraße ein "modernes Kaufhaus für Manufaktur- u. Mode- waren, Damen-, Herren-, und Kinder- moden, Teppiche, Gardinen u. Putz" an und lobten sensa- tionelle Eröffnungsangebote aus.

Am 24. Juni 1909 eröffnete das Kaufhaus Alsberg an der Gelsenkirchener Bahnhofstrasse

Abb. 2: Kaufhaus Gebr. Alsberg an der Gelsenkirchener Bahnhofstrasse, um 1920

Am 9. April 1912 wurde der Neubau für das deutlich größere, von den Düsseldorfer Archi- tekten Klose und Schäfer entworfene Alsberg-Kaufhaus mit fünf Stockwerken in Gelsen- kirchen-Altstadt eingeweiht.

Die weitverzweigte Familie Alsberg gründeten in diesen Jahren deutschlandweit viele Kaufhäuser. Der Neubau in der Altstadt hatte noch nicht die heutigen Ausmaße, erst durch einen erweiternden Umbau erhielt es 1927 sein heutiges Aussehen als Eckgebäude Bahnhofstrasse/Augustastraße. Im Jahr 1928 wurde der Neubau des Warenhauses Alsberg in Gelsenkirchen-Buer an der Kreuzung Hochstraße/Horster Straße (Früher Essener Straße) fertiggestellt und eröffnet.

In Gelsenkirchen gab es zwei Warenhäuser mit dem Namen Alsberg

Abb. 3: Alsberg in der Gelsenkirchener Altstadt, um 1930

Unter dem Namen Gebr. Alsberg AG existierten in den 1920er Jahren u.a. zwei Einzelhandels-Unternehmen in Gelsenkirchen. Sie gehörten mit vielen anderen, meist kleineren Kaufhäusern und Geschäften zum Alsberg-Konzern, der sich über ganz Deutschland erstreckte.

Die Gebr. Alsberg AG war ein Handels- unternehmen, ursprünglich gegründet von Sieg- fried Alsberg und dessen Sohn Dr. jur. Alfred Alsberg aus Köln. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft erfolgte am 31. März 1921 mit Wirkung zum 1. Januar 1921, Sitz der Gesell- schaft war bis zum 27. Juli 1929 Köln, danach Bochum. Die Gesellschaft trug bis zum 27. Juni 1933 den Namen "Gebr. Alsberg AG". Direktor war seit 1925 Julius Goldschmidt, Mehrheits- aktionär der Gebr. Alsberg AG. Julius Gold- schmidt starb am 6. August 1961 in Buenos Aires.

Auszug aus einem Brief von Guillermo Goldschmidt an die Jüdische Wochenschau, 1963

Abb.: Guillermo, Bruder von Julius Goldschmidt, erläutert in dem Brief den Zusammenhang zwischen Julius Goldschmidt und dem von Leo Gompertz gegründeten Freizeitheims für jüdische Jugendliche Haus Berta in Dorsten.

Den "Kampf gegen die Warenhäuser" hatten die "Nationalsozialisten" schon 1920 in ihrem 25-Punkte-Programm als vordringliche Maßnahme zur "Stärkung des gewerblichen Mittelstandes" festgeschrieben. Durch die "Arisierung" unter dem NS-Gewaltregime wurden die jüdischen Eigentümer zum Verkauf genötigt, dabei verschwanden auch Namen wie Alsberg aus der Öffentlichkeit, auch die beiden Gelsen- kirchener Warenhäuser der Gebr. Alsberg AG wurden durch neue "arische" Betreiber "übernommen".

Aufsichtsratssitzung der Alsberg AG

Abb. 4: Aufsichtsratsitzung Alsberg AG, vor 1933, von links n. rechts: Franz Goldmann, Max Simon, Moritz Klein, Alfred Alsberg, Karl Fried, Siegfried Alsberg, Otto Fried und Alfred Rosenstein.

Im Jahre 1930 stand die Gebr. Alsberg AG mit ihrem Umsatz von 200 Millionen Reichsmark im Handel an dritter Stelle in Deutschland hinter den Unternehmen Hermann Tietz und Rudolf Karstadt. Allzu lange konnten sich die Familie Alsberg am Erfolg ihres Warenhausimperiums jedoch nicht erfreuen, 1933 stellte sie angeblich - laut "Nationalsozialisten" - "von sich aus den Antrag auf Gleichschaltung". "Gleichschaltung" bedeutete in der Konsequenz nichts anderes als eine so genannte "Arisierung", die "Entjudung der deutschen Wirtschaft". Dahinter steckten, wie in vielen vergleichbaren Fällen auch, zunächst gegen die jüdischen Eigentümer gerichtete Boykottmaßnahmen durch das NS-Regime und nicht zuletzt die Drohungen der Großbanken, bestehende Kredite aufzukündigen. Zur Zielsetzung der Nazis gehörte auch die systematische Verdrängung der jüdischen Kaufleute aus dem Wirtschaftsleben. Die wirtschaftliche Enteignung jüdischer Bürger begründete das NS-Regime nicht nur ökonomisch, sondern vor allem rassenideologisch: Alles Vermögen diente als "Volksvermögen" der "Volksgemeinschaft".

Auf einer Genaralversammlung wenige Monate nach der Machtübergabe 1933 wurde der Aufsichtsrat der Alsberg AG "arisch" besetzt, dieser sorgte dann dafür, das auch der Vorstand nur noch aus "Ariern" bestand. Die jüdischen Vorstandsmitglieder, darunter Dr. jur. Alfred Alsberg und Siegfried Alsberg, wurden entlassen, jüdischen Angestellte ebenso. Der Name der Firma Gebrüder Alsberg wurde in Westfalen Kaufhaus AG (Weka) geändert. Die Mehrheit des Aktienkapitals der Alsberg AG in Höhe von 3,6 Millionen Reichsmark ging "in arische Hände" über. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates wurde Albert Peter List "gewählt", der neue Vorstand bestand 1933 aus Otto Neuman und Joachim Geißler. 1937 übernahm der seinerzeit 33jährige Josef Gerken aus Bochum als Minderheitsgesellschafter die Geschäftsführung des "Weka" bis hin in die Mitte der 70er Jahre. Im Jahre 1941 werden Wilhelm Ahrens und Josef Gerken als Vorstand genannt. (Anm. d. Verf.: Josef Gerken war auch in die "Arisierung" der Simon-Hirschlandbank in Essen involviert. In einem internen Gestapo-Bericht wurde die Simon-Hirschland-Bank als "Mittelpunkt der jüdischen Finanzherrschaft" im Ruhrgebiet diffamiert.)

Die NSDAP freute sich über "Ein Heim, das Werkschar Freude macht" – im Westfalenkaufhaus (WEKA), wie es fortan hieß. Ähnlich erging es den Alsbergs in Bochum (nach "Arisierung" umbenannt in "Kortum"), Duisburg und anderen Städten. In der rheinischen Metropole Duisburg übernahm übrigens ein gewisser Helmut Horten (27), ein ehemaliger Mitarbeiter, das Alsberg-Haus: Er sollte es auch nach dem Dritten Reich noch weit bringen mit "seinen" Kaufhäusern. "Wieder ein ehemals jüdisches Unternehmen in arischen Händen", hatte damals die parteiamtliche "National-Zeitung" triumphiert, als der neue Besitzer Horten das Kaufhaus der Gebrüder Alsberg in Duisburg übernahm. "Betriebsführer" Helmut Horten ließ die Belegschaft, berichtete die "National-Zeitung", zum Betriebsappell antreten. "Mit deutschem Gruß" verkündete Horten: "Unter neuer Firma, unter neuer Leitung vorwärts, aufwärts mit der neuen Zeit."

Nach "offizieller" Lesart wurde das Kaufhaus Alsberg am 13. Juli 1933 angeblich "nur umbenannt". Die Nationalzeitung hingegen feierte dann ein halbes Jahr später den "Erfolg der Kreisleitung der NSDAP bei der Umstellung des Westfalenkaufhauses im nationalsozialistichem Sinne" und die "restlose Ausmerzung des jüdischen Ramschbasar-Charakters". Die NSDAP stand "in scharfer Kampfstellung zu dem ausschließlich jüdischen Warenhausgroßkapitalismus, weil sie in ihm mit Recht ein Mittel des Judentums zur Verprolisierung des Mittelstandes, der Zerstörung der Geschäftsmoral und der Ausbeutung weiterer Volksschichten durch Verkauf von minderwertigen Schundartikeln erblickte".

Viele der großen Kaufhäuser mit jüdischen Inhabern wurden nach der Machtübergabe 1933 "arisiert". Aus dem Kaufhaus Alsberg in Gelsenkirchen wird das "Westfalen-Kaufhaus" (Weka) neuer "arischer" Eigentümer ist die Rings AG, auch aus Alsberg in Buer wird die "Rings AG". Martin Rings ist Bankdirektor der Buerschen Commerzbank, tatkräftige Helfer bei diesen "Arisierungen" sind u.a. auch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und die NSDAP. Doch bereits zwei Jahre später steuert der unerfahrene und im Handel ungelernte Bankfachmann Rings im August 1935 in den Konkurs. Die Deutsche Zentralbodenkreditanstalt Berlin betrieb daraufhin die Zwangsversteigerung. Das buersche Kaufhaus Alsberg wurde von Josef Weiser "erworben" und unter seinem Namen weiterbetrieben.

Am 18. Oktober 1941 schrieb Dr. jur. Alfred Alsberg einen Abschiedsbrief an einem ihm freundschaftlich verbudenen Herrn Wendt:

Lieber Herr Wendt!

In Ihrem Landhaus in Königsforst werden Sie wahrscheinlich nichts davon gehört haben, das eine größere Anzahl unserer Glaubensgenossen in ein Lager nach Litzmannstadt kommen, wo sie in den Fabriken beschäftigt werden sollen. Meine Frau und ich gehören auch zu den Leidtragenden. Meine alte Mutter ist glücklicherweise nicht betroffen; sie und meine Schwester, Frau Stiel, werden aller Vorraussicht nach hier bleiben. Unser Transport sammelt sich schon am Dienstag in aller Frühe. Bei der Kürze der Zeit ist es uns natürlich nicht nmöglich, uns persönlich zu verabschieden. Wir möchten jedoch diese Stadt nicht verlassen, ohne Ihnen und Ihrer Gattin ein herzliches Lebewohl zu sagen.

Mit freudlichen Grüßen bin ich
Ihr Alfred Alsberg

Aus dem Brief geht nicht hervor, ob Alfred Alsberg die Bedeutung der Deportation in ihrer letzen, tödlichen Konsequenz erfasst hatte. Die Deportationen waren in der Regel verscheiernd als Umzugs- aktionen getarnt worden. Alfred Alsberg und seine Frau hatten rechtzeitig dafür gesorgt, dass ihrem Sohn (Später Henry) die Flucht gelang. Mit der Deportation in das Ghetto Łódź (1940 wurde Łódź von den deutschen Besatzern in "Litzmannstadt" umbenannt) erlosch auch für Dr. jur. Alfred Alsberg und seine aus Witten stammende Frau Martha, geborene Eichengrün ihre bürgerliche Existenz.

Gedenkblatt in Yad Vashem für Alfred Alsberg

Gedenkblatt in Yad Vashem für Emma Alsberg

Gedenkblatt in Yad Vashem für Martha Alsberg

Abb.5-7: Gedenkblätter in Yad Vashem für Dr. jur. Alfred Alsberg und seine Frau Martha, geborene Eichengrün sowie für seine Mutter Emma Alsberg, geborene Hess. Sein Vater Siegfried starb bereits 1935 in Köln. (Zum Vergrößern anklicken)

Alfred Alsberg wurde am 14. November 1943 im Ghetto Litzmannstadt ermordet, Martha Alsberg wurde 1942 im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) vergast. Entgegen der Annahme Alfred Alsbergs, seine Mutter und seine Schwester seien nicht betroffen, läßt sich heute feststellen: Emma Alsberg wurde am 1. Dezember 1942 im Ghetto Thersienstadt ermordet. Martha, verheiratete Stiel wurde am 15. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt und mit Folgetransport am 9. Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt, sie wurde für tot erklärt.

Nachkriegszeit

Die Bezeichnung

Abb. 8: Die Bezeichnung "Weka" (Westfalen-Kaufhaus) stammt noch aus der NS-Zeit

Im kollektiven Gedächnis der Gelsenkirchener Stadtgesellschaft ist das ehemalige Kaufhaus Alsberg unter der noch aus der Nazizeit stam- menden Bezeichnung "Weka" (Westfalenkauf- haus) verankert. Im Gelsenkirchen der Nach- kriegszeit wurde 1959 das 50-jährige Jubiläum des "Weka" ganz ungeniert bereits wieder groß gefeiert. 50 Schaufenster zeigten einen Quer- schnitt der Mode seit 1909. Die "Wirt- schaftswunderzeit" war auch die Blütezeit des "Weka". In Deutschland, so schien es, hat es jüdische Unternehmen wohl kaum gegeben. Und das bundes- deutsche Wirtschaftswunder ist ja auch ohne sie entstanden. 1995 dann wurde der Komplex an die Kölner Areal Grundstücks- und Bauträgergesellschaft verkauft, parallel mit dem Kortumhaus in Bochum. 1997 wurde in Gelsenkirchen das Vollsortiment endgültig aufgegeben.

Heute kann man im so genannten "Weka" immer noch einkaufen, nur halt in Einzelgeschäften. Mieter im Haus sind neben Fillialisten das Blutspendezentrum und die Hauptverwaltung des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr. Das so genannte "Weka-Karree" steht übrigens seit 1986 auf der Denkmalliste: (Teil A - Baudenkmäler) der Stadt Gelsenkirchen: Weberstr. 27/ Bahnhofstr. 55-65, Objektbezeichnung: ehem. Kaufhaus "WEKA", Altstadt, Bezirk 1, Inv.Nr. 12, DI.-Nr. A63, Geschäftshaus, eingetragen: 02.12.1986, erbaut: 1908/1926. Der Name der jüdischen Alteigentümer ist nicht festgehalten.

Kellerfund


Diese alten Messinglampen sind die letzten Zeugen des jüdischen Betraums im Kaufhaus der Gebr. Alsberg AG in der Gelsenkirchener Innenstadt.

Abb.9: Diese alten Messinglampen sind die letzten Zeugen des jüdischen Betraums im Kaufhaus der Gebr. Alsberg AG in der Gelsenkirchener Innenstadt. Mehr zufällig gerieten sie vor rund zwanzig Jahren als Kellerfund zunächst in Privatbesitz

Im Kaufhaus Alsberg hatte die Gebr. Alsberg AG eigens für die jüdischen Angestellten einen Betraum einrichten lassen. Der Betraum wurde nach erfolgter "Arisierung" des Kaufhausen geschlossen. In diesem Betraum hingen zwei Messinglampen, die vergessen in einem Kellerraum des Gebäudekomplexes die Jahrzehnte überdauert hatten.

Als der Weka-Gebäudekomplex Anfang der 2000er Jahre umgebaut wurde, kaufte ein Privatmann Materialien auf – darunter befanden sich zufällig auch die beiden alten Lampen. Im Zuge des Neubaus der Gelsenkirchener Synagoge übergab dieser Privatmann die Lampen der jüdischen Gemeinde und kam damit auch einem Wunsch seiner verstorbenen Mutter nach. Die knapp 100 Jahre alten Messinglampen waren schwarz angelaufen und wurden Schülerinnen und Schülern des Berufskollegs für Technik und Gestaltung gereinigt und poliert, unter Anleitung wurde die Elektrik erneuert. Die Gemeinde integrierte diese Lampen in den Synagogenneubau, sie sind heute im Flur vor dem Betsaal installiert.

Quellen
Wikipedia
Vgl. auch: Rainer Küster: Bochumer Häuser - Geschichten von Häusern und Menschen, Oberhausen, 2006.
Private Sammlungen, Zeitungsausschnitte
Abbildungen
1-3: Privat
4: Leo Baeck Institute, New York
5-7: Yad Vashem
8: Leo Baeck Institute, New York
9: Gelsenzentrum e.V.

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Andreas Jordan, Februar 2019

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