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Die Deportation in das Ghetto Theresienstadt

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Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.


Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
Ich möcht so gern - nach Haus!


"Nach Haus" - du wunderschönes Wort,
du machst das Herz mir schwer,
man nahm mir mein Zuhause fort,
nun habe ich keines mehr.
Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt - wann wohl das Leid ein Ende hat - wann sind wir wieder frei?

(Ilse Weber, 1903-1944) Am 6. Februar 1942 wurde Ilse von Prag in das Ghetto Theresienstadt deportiert, dort enstand u.a. das Gedicht 'Ich wandre durch Theresienstadt'. Am 6. Oktober 1944 wurde Ilse Weber in Auschwitz-Birkenau ermordet.)

Deportation Gelsenkirchener Juden nach Ghetto Theresienstadt und die Folgetransporte

Eine Liste der jüdischen Kultusgemeinde vom 4. Juni 1946 beinhaltet 44 Namen von überwiegend alten bzw. kriegsversehrten Menschen jüdischer Religion mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen, die am 27. Juli 1942 von Gelsenkirchen über Münster in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden.


Deportationstransport XI/1 in das Ghetto Theresienstadt

An den Haltepunkten in verschiedenen Städten wurden weitere Menschen in den Zug gezwungen. Insgesamt befanden sich schließlich 901 Menschen jüdischer Herkunft in dem Transportzug XI/1, der am 1. August 1942 das Ghetto Theresienstadt erreichte. Von den 901 Menschen sind 835 umgekommen, viele starben bereits im Ghetto Theresienstadt an den Haftbedingungen. Die allermeisten wurden weiterdeportiert und dann ermordet, nur 65 der Verschleppten konnten überlebten. Aus Gelsenkirchen wurden mit dem Transport XI/1 ausweislich der o.g. Liste 44 Personen, von denen lediglich 4 die NS-Verfolgung überlebten, nach Ghetto Theresienstadt verschleppt.

Die Theresienstädter Eingangsliste [1] verzeichnete die Namen von 904 Menschen, von denen zwei mit Wohnort in Gelsenkirchen (Eduard Posner, Margot Spielmann) mit dem handschriftlichen Vermerk "nicht eingetroffen" gestrichen wurden. Eduard Posner kam mit dem Kölner Transport III/2 in Theresienstadt an, Margot Spielmann befand sich auf der Flucht. In der Liste gestrichen ist außerdem der Name von Frieda Grünewald aus Münster. Sie hatte am 26.7. Selbstmord begangen. Insgesamt sind mit dem Transport 901 Menschen deportiert worden.[2]

Der Deportationszug trug die Reichsbahn-Nummer Da77 und die Transportnummer XI/1. (d.h. 1. Transport von insgesamt 5 Transporten aus dem Gestapo-Bezirk Münster/Westfalen=XI in das Ghetto Theresienstadt). Die Menschen erhielten als Namenszusatz eine Nummer, die sich aus der Transportnummer und den fortlaufenden Nummern der Betroffenen auf den Transportlisten zusammensetzte - so erhielt z.B. Moritz Back für den Transport von Gelsenkirchen in das Ghetto Theresienstadt die Transportnummer XI/1-592 - so wurde auch bei den Folgetransporten in die Vernichtungslager verfahren.

Von den in das Ghetto Theresienstadt deportierten Gelsenkirchener Juden konnten überleben:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand nach 1945
Breuer geb. Seligmann, Henriette24.01.1873 in Werdengesch.Gelsenkirchen, Walpurgisstr. 12
Glaser, Willy14.11.1888 in Antonienhütteled.Gelsenkirchen, Scharnhorststr. 13
Herz geb. Abraham, Johanna14.10.1869 in Hornverw.Gelsenkirchen, Walpurgisstr. 12
Heinemann geb. Waag, Elfriede25.03.1881 in Iserlohnverw.Gelsenkirchen-Horst, unbekannt

Von den aus Gelsenkirchen nach Theresienstadt deportierten Juden starben im Ghetto:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand Transportnr. Todestag/Todesfallanzeige
Back, Moritz16.11.1880 in Lichtenauverh. XI/1-59220.12.1942         Todesfallanzeige Moritz Back
Gross, Isidor25.12.1874 in Bobauverh.XI/1-59602.08.1943         Todesfallanzeige Isidor Gross
Gross, geb. Deichmann, Ida24.12.1875 in Hannoververh.XI/1-59706.10.1944
Herrmanns geb. Hoffmann, Julie25.09.1854 in Castropverw.XI/1-60117.08.1942
Heumann, Isidor18.10.1873 in Wassenbergverh.XI/1-60308.08.1944
Heumann geb. Hirsch, Johanna05.09.1872 in Hülchrathverh.XI/1-60422.12.1942         Todesfallanzeige Johanna Heumann
Kahn, August22.05.1869 in Mayenverh.XI/1-61011.10.1944
Kahn geb. Weber, Rosa12.03.1872 in Andernachverh.XI/1-61104.09.1942         Todesfallanzeige Rosa Kahn
Levy geb. Herz, Selma24.11.1884 in Bochumverh.XI/1-61606.09.1944
Lippers geb. Silberberg, Esther24.09.1862 in Ergsteverw.XI/1-61729.07.1943         Todesfallanzeige Esther Lippers
Neuwald geb. Levy, Karoline09.01.1856 in Karolinenhildverw.XI/1-62011.09.1942         Todesfallanzeige Karoline Neuwald
Oppenheimer, Klara18.07.1859 in EssenledigXI/1-62112.09.1942         Todesfallanzeige Klara Oppenheimer
Schlosstein, Josef02.11.1870 in Nürnbergverh.XI/1-62616.09.1942
Schlosstein geb. Meier, Josefine04.12.1869 in Gelsenkirchenverw.XI/1-62523.12.1942
Sternfeld Gustav23.12.1868 in Leopoldshöheverh.XI/1-63123.09.1942         Todesfallanzeige Gustav Sternfeld
Sternfeld geb. Strauss, Johanna21.03.1875 in Eimelrodverh.XI/1-63210.02.1944
Weinberg geb. Heimann, Jenny09.12.1878 in Hammgesch.XI/1-63830.01.1943         Todesfallanzeige Jenny Weinberg
Wurm, Hartwig07.09.1869 in BerlinledigXI/1-63930.08.1942         Todesfallanzeige Hartwig Wurm

Folgetransporte

Aus dem Ghetto Theresienstadt wurden die Menschen aus Gelsenkirchen mit Folgetransporten direkt in die Vernichtungslager Treblinka, Auschwitz und Malý Trostinec gebracht und unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Die Leichen wurden vor Ort verbrannt.

Aus dem Ghetto Theresienstadt mit Folgetransport in das KZ Treblinka deportiert:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand Transportnr.FolgetransportAnkunft/Todestag
Heymann Moses18.09.1863 in Halternverh.XI/1-605 Bq-1279 23.09.1942
Heymann geb. Eichwald, Bertha15.5.1865 in Westhofenverh.XI/1-606Bq-128023.09.1942
Hirsch, Abraham04.06.1869 in Lautenburgverh.XI/1-607Bq-128123.09.1942
Hirsch geb. Rubens, Johanna08.11.1861 in Gelsenkirchenverh.XI/1-608Bq-128223.09.1942
Katz geb. Sommer, Jettchen09.09.1877 in Heinbachverw.XI/1-612Br-83726.09.1942
Kronthal geb. Blumklotz, Rosa01.11.1874 in Obersitzkoverw.?Treblinka23.09.1942
Löb(w)enstein geb. Boley, Lina10.11.1857 in Beiseförthverw.XI/1-618Bq-183323.09.1942
Sommer geb. Schlosstein, Berta29.09.1863 in Wattenheimverw.XI/1-623Bq-128423.09.1942
Schlosstein geb. Schoek, Ida06.07.1875 in Gelsenkirchenverh.XI/1-627Bq-128623.09.1942
Stern geb. Uhlmann, Minna06.11.1857 in Sandebeckverw.XI/1-630Bq-183423.09.1942
Stern Julius04.04.1864 in Sopronverw. XI/1-629Bq-128723.09.1942
Walzer geb. Bloch ,Seline16.03.1870 in Rodalbenverh.XI/1-637Bq-128823.09.1942

Aus dem Ghetto Theresienstadt mit Folgetransport in das KZ Auschwitz deportiert:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand Transportnr.FolgetransportAnkunft/Todestag
Bachrach, Moritz26.03.1880 in Paderborngesch.XI/1Ev -? Auschwitz
Back geb. Hecht, Paula14.11.1893 in Limburgverh.XI/1-593Ct-39729.01.1943 Auschwitz
Cohen geb. Berg, Hedwig11.05.1885 in Hallenbergverw.XI/1-595Cr-1556Auschwitz
Schürmann, Alma08.06.1883 in PattensenledigXI/1-628Cr-155723.01.1943 Auschwitz
Sternfeld, Hugo17.07.1897 in Kasselverh.XI/1-633Ek-129028.09.1944 Auschwitz
Sternfeld geb. Lippers, Frieda03.08.1898 in Hagenauverh.XI/1-634Eo-80006.10.1944 Auschwitz
Sternfeld, Ingeborg14.02.1926 in Gelsenkirchen ledigXI/1-635Eo-80106.10.1944 Auschwitz

Aus dem Ghetto Theresienstadt mit Folgetransport in das KZ Malý Trostinec deportiert:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand Transportnr.FolgetransportAnkunft/Todestag
Gross, Werner07.08.1907 in SteeleledigXI/1-598Bc-93925.08.1942 Malý Trostinec

Auf der Liste der jüd. Kultusgemeinde verzeichnet, aber Widersprüchliche bzw. abweichende Angaben in den verwendeten Quellen:

Name Geb.Datum, Ort Fam.Stand Transportnr.FolgetransportAnkunft/Todestag
Levy, Karl (Vermerk "Geltungsjude") geb. 1888 in Bochumverh.??Kein Lebenszeichen
Meisel geb. Simon, Henriette2.10.1874 Gelsenkirchenverw.??Kein Lebenszeichen    Todesfallanzeige Maisel, Henriette

Nicht auf den o.g. Listen verzeichnet:
Löwenstein, Julius geb. 3. Januar 1864 in Beverungen/Höxter. (Wohnhaft auch Gelsenkirchen-Horst, (Eigentümer Strundenstr. 1 u. Markenstr. 28, verwitwet) Deportation am 31. Juli 1942 ab Münster Transportnr. XI/1, Nr. 302; Todesdatum in Theresienstadt: 10. April 1943 (Lt. Gedenkbuch des BA u. holocaust.cz) Letzte bekannte Wohnanschrift vor der Deportation: Beverungen, Bahnhofstr. 251
Posner, Eduard geb. 28.1.1881 in Gelsenkirchen verh., Eduard Posner befand sich im jüdischen Krankenhaus Köln und wurde von dort am 28.7.1942 mit der Transportnummer III/2-973 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er am 3.1.1943 starb.
Katz, Salomon, Hauptlehrer in Gelsenkirchen, geb. 1. Dezember 1866 in Sadowa/Przemysl/Galizien wurde am 16 Juni 1942 von Köln mit dem Transport III/1, c. 898in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 8. Februar 1943, laut Todesfallanzeige angeblich an Altersschwäche.


Quellen:
[1] Theresienstädter Eingangsliste, Yad Vashem Archives, Bestand O.64/260
[2] Statistik des Holokaust, http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_wfn_420731.html , Juden aus Gelsenkirchen S.30-33 (Abruf Mai 2016)
Theresienstädter Gedenkbuch
Todesfallanzeigen Ghetto Theresienstadt
Gedenkbuch Bundesarchiv
Liste vom 4. Juni 1946, betr. Deportation vom 27.7.1942 in: StA Gelsenkirchen


Literatur

Hans Günther Adler, Theresienstadt 1941 - 1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Tübingen 1960.


Hans Günther Adler, Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente, Tübingen 1958

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Andreas Jordan, Mai 2011. Nachtrag Mai 2016

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