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Initiative zur Errichtung eines Gedenkortes am Kanalufer

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Fährunglück: Gedenstein erinnert jetzt an 21 Tote

Gedenkstein und Tafel aufgestellt

"Zur Erinnerung an die 21 Menschen, die beim Fährunglück am 7. April 1946 zwischen Erle und Bismarck ums Leben kamen". (Foto: Stadt Gelsenkirchen/Facebook)

20. Oktober 2016. Nachdem sich unsere Initiativgruppe im Sommer 2012 aufgelöst hatte, war es lange Zeit still um den Unglücksort am Kanal. Um so begrüßenswerter, dass andere Akteure aus der Stadtgesellschaft nun unsere Idee aufgegriffen haben und jetzt die Aufstellung eines Gedenksteins und gleichzeitig auch eine Erinnerungsorte-Tafel realisieren konnten.

Die Lokalpresse berichtet:

Fährunglück beendete einen fröhlichen Sonntag

21 Namen sind in den dunkelgrauen Gedenkstein geschlagen, der am Mittwochvormittag am Nord- ufer des Rhein-Herne-Kanal am Brückenfuß der Münsterstraße eingeweiht wurde. Sie stehen für 21 Kinder, Frauen und Männer, die am 7. April 1946 ihr Leben verloren. Weiterlesen auf WAZ.de

Erinnerungsorte-Tafel

(Foto: Stadt Gelsenkirchen/Facebook)

Gedenkort am Kanal

7. April 2012. In einem ersten Gespräch hat jetzt ein ortsansässiger Steinmetzbetrieb Unterstützung bei der Realisierung des schon länger gplanten Gedenkortes zugesichert.

Kanalfähre gekentert - 21 Tote

"Um das Vordringen der amerikanischen Truppen aufzuhalten, sprengten Wehrmachtsangehörige vor 60 Jahren die Brücken über Kanal und Emscher. Gut zehn Tage später waren die Amerikaner dennoch im Stadtsüden. Die gewaltigen Detonationen in den Abendstunden des 28. März 1945 waren weit zu hören, sie ließen Scheiben an Kirchen und Häusern zersplittern. Die Sprengung war eine sinnlose Tat der zerbrechenden Wehrmacht, letztlich ohne jeden militärischen Erfolg. Buer und Horst aber waren für lange Zeit ohne Verbindung zum Stadtsüden. In Erle beklagte man mit der Sprengung der Brücke Münsterstraße den Verlust der wichtigen Verbindung nach Bismarck und weiter nach Alt-Gelsenkirchen. Der Bau der Brücke war 1912 begonnen worden, 1914 wurde sie ihrer Bestimmung übergeben. 1944 hatte ein Bombentreffer das Prachtbauwerk erschüttert, nach der Sprengung war es nur noch ein Trümmerhaufen. Noch Tage litten die Erler unter Artilleriebeschuss von der Südseite. Erst am 7. April nahmen die Amerikaner die ganze Kanalzone. Auch in Horst vermissten die Menschen die gewohnten Verbindungen nach Gelsenkirchen und vom benachbarten Karnap nach Essen. Bald nach Kriegsende wurde Richtung Karnap für die Zweigert-Brücke eine Holzbrücke als Notbehelf errichtet. Die Brücke in Sutum sprengten abziehende Wehrmachtssoldaten am Karfreitag, 30. März, nachdem sie sich Richtung Stadtsüden abgesetzt hatten. An der Münsterstraße konnten die Menschen bald mit Hilfe einer Holzbrücke über die Emscher und mit einer Fähre der Hafengenossenschaft ans andere Kanalufer gelangen. Lange Zeit tat diese Fähre ihren Dienst, denn erst ab 1950 wurde die Brücke wieder aufgebaut. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am 7. April 1946 - rund ein Jahr nach der Sprengung - die Nachricht von einem entsetzlichen Unglück mit der Fähre. Sie war gegen 14 Uhr mit 80 Personen, die auf dem Weg zur Kirmes auf dem Wildenbruchplatz waren, ins Wanken geraten und gekentert. Viele Passagiere wurden unter dem Koloss begraben, Fährmann Karl May und andere versuchten verzweifelt zu helfen. Vergebens - 21 Menschen wurden getötet."[1]

Augenzeuge erinnert sich

Heute erinnert nichts mehr an den Tod der 21 Menschen, die dort am Kanal ums Leben kamen. Das soll sich nun ändern. Eine Initiative unter dem Dach von Gelsenzentrum e.V. hat die Errichtung eines Gedenkortes initiiert. Der Augenzeuge Phillip D., der zum Unglückszeitpunkt als Helfer des Fährmanns auf der Fähre Dienst tat, gab uns am 8. Mai 2009 ein Exclusiv-Interview:

"Ich hatte an diesem unheilvollen Tag zum ersten Male wieder Dienst auf der Kanalfähre, die von der Hafenbetriebsgesellschaft unterhalten wurde. Sie ersetzte die in den letzten Kriegstagen gesprengte Brücke über den Kanal, Höhe Münsterstrasse. Nach meiner Rückkehr aus dem Krieg bin ich vom Gelsenkirchener Arbeitsamt dorthin vermittelt worden. Eigentlich hatte ich gehofft, in meinem vor dem Krieg erlernten Beruf eingesetzt zu werden, dem war aber nicht so, ich kam zum Bedienpersonal der Kanalfähre. An diesem 7. April 1946 war auf dem Wildenbruchplatz Kirmes und im Südstadion fand das erste Fußballspiel nach dem Krieg statt. Ich meine mich erinnern zu können, dass die Westfalenmannschaft gegen Hessen spielte.

Bild: Die Kanalfähre nach dem Unglück, deutlich sind die Veränderungen an den Seiten zu sehen

Abb.: Die Kanalfähre nach dem Unglück, deutlich sind die Veränderungen an den Seiten zu sehen

Die Fähre war voll mit Menschen, vor dem Unglück war sie für 80 Personen zugelassen und sah anders aus als auf dem Foto. Dieses Foto ist erst später, nach dem Unglück, entstanden. Es befanden sich seitlich an der Fähre zusätzlich angeschweißte Stahlplatten, auch gab es die Absperrung in der Mitte noch nicht, ebenso gab es keine Rettungsringe.

So fanden 8o Personen stehend auf der glatten Stahlplattform Platz. Nachdem die Fähre vom Buerschen Ufer abgelegt hatte, begannen Jugendliche durch Hochspringen die Fähre aufzuschaukeln, was zur Folge hatte, dass die Fähre nur einige wenige Meter vom Ufer entfernt kenterte.

Um 14.00 Uhr war Dienstbeginn an diesem Tag. Es war die erste Übersetzung auf meiner Schicht. Auf der Fähre befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks vom Bedienungspersonal der Fährmann Karl May und ich als Helfer. May war Kriegsversehrter, hatte nur ein Auge, mit dem er auch noch schlecht sah. 5-6 Meter vom Ufer entfernt ist die Fähre dann gekippt, alles Kurbeln am Fährseil konnte nicht verhindern, dass die Fähre unterging, der Haspel riss ab und die Kurbel schlug mir vor die Brust. Fährmann May, der schnell ans Ufer kam, half denen, die sich selbst ans Ufer retten konnten, aus dem Kanal. Ich bin dann mit dem Fahrrad zum Forsthaus gerast, da kein Telefon vor Ort war, um die Rettung zu alarmieren.

Glücklicherweise befand sich eine Ärztin an Bord der Fähre, die sofort half, wo noch zu helfen war. Sie hat den Menschen einen Spiegel vor Mund und Nase gehalten, um Atmung feststellen zu können. Die Mutter meines besten Jugendfreundes mußten wir als Leiche bergen. Sie war leider unter den Ertrunkenen.

Nach drei Tagen kam ein Hebeschiff aus Duisburg. Beim heben der Fähre gab sie eine weitere Leiche frei. Es war ein Soldat in der Uniform der ehemaligen Kriegsmarine. Wir suchten den Kanalgrund mit langen Stangen, die am Ende einen Haken hatten, nach Leichen ab. Am Haken hingen dann auch die Leichen der ertrunkenen zwei Kinder. Es war schrecklich, die ertrunkenen Kinder zu sehen, obwohl man zu der Zeit vom erlebten Kriegsgeschehen ziemlich abgestumpft war. Ich sehe diese Bilder noch heute vor mir. Insgesamt forderte das Unglück 21 Tote, davon 14 Männer, 5 Frauen und zwei Kinder.

Etwa 50 Meter neben der An- und Ablegestelle auf der Buerer Seite befand sich das Bootshaus eines Kanu-Vereins, dessen anwesende Mitglieder sich sofort an der Rettungsaktion beteiligten. Das Bootshaus ist heute noch an der selben Stelle zu finden wie 1946. Der Fährbetrieb wurde nach dem Unglück für etwa drei Wochen eingestellt, bis man die Fähre entsprechend umgebaut hatte. In dieser Zeit mußten alle die Zechenbrücke Graf Bismarck benutzen, um nach Gelsenkirchen, bzw. nach Buer zu kommen.

Um die Fähre sicherer zu machen und einem erneuten Unglück entgegen zu wirken, wurden die seitlichen Plattformen entfernt, in der Mitte wurde eine Art schräge Rampe eingebaut, die ein unkontrolliertes Zusteigen im Moment des Ablegens verhindern sollte. Die Anzahl der zu befördernden Personen wurde nach dem Unglück auf 52 Personen begrenzt. Die glatten Stahlplatten der Plattform wurden mit einem Holzrost versehen. Anfang 1949 begann dann der Prozess. Es tagte das Oberlandesgericht Hamm für drei Tage im Rathaus zu Buer, jeden Tag von 10:00 Uhr Morgens bis 22:00 Uhr Abends. Das Gericht konnte jedoch keinen Schuldigen feststellen."

Name und Anschrift des Augenzeugen sind dem Redaktionsteam Gelsenzentrum bekannt.

Initiative zur Errichtung eines Gedenkortes

Bild: Trümmer der alten Brücke über den Kanal

Dort, wo seinerzeit das Unglück geschah, liegen jetzt am zum Ortsteil Bismarck gehörenden Ufer Trümmer der alten Brücke. Die Steine sind wohl bei Bauarbeiten in jüngerer Zeit gefunden und dann dort abgelegt worden. Das Unglück ereignete sich in unmittelbarer Nähe, hier könnte der Gedenkort für die Opfer des Fährunglücks errichtet werden, die Symbolkraft der Trümmer soll mit in den Gedenkort einfließen. Eine Anfrage an die Stadt Gelsenkirchen zur Eigentümerfrage bzgl. des angedachten Standortes zur Errichtung eines Gedenkortes blieb bisher ohne Antwort.

Bild: Die Erler Kanalbrücke, 1923

Das eines der Trümmerstücke tatsächlich von der alten Erler Brücke stammt, zeigt dieses Foto. Ein weiteres Teil, die Spitze eines der Pfeiler ( siehe Markierung auf dem Bild unten) existiert noch. Recherchen der Initiative haben ergeben, das dieser Teil des Brückenpfeilers auf dem Gelände des Aussenbezirks Herne des Wasser- und Schifffahrtsamtes Duisburg-Meiderich verbracht und dort aufgestellt wurde. Auf Nachfrage erklärte ein Verantwortlicher, es spräche grundsätzlich nichts gegen einen Rücktransport des Trümmerstücks nach Gelsenkirchen.

Bild: Die Erler Kanalbrücke

In Gedenken an die 21 Menschen, die bei dem Fährunglück am 7. April 1946 ums leben kamen

Gottlieb Badziong
Franz Balzarek
Hans Balzarek
Ernst Baretti
Heinrich Bendler
Erich Benn
Sebastian Eisert
Maria Engel
Erich Funk
Josef Espey
Norbert Espey
Henriette Gilsau
Klemens Goebel
Egon Hettesheimer
Irmgard Sitz
Martha Kosiey
Michael Kositzki
Hermann Mai
Gertrud Schmich
Gottlieb Skeba
Heinrich Weiß

Diese Auflistung stellte das Gelsenkirchener Institut für Stadtgeschichte 2009 auf Basis der sich den Sterberegistern befindlichen Daten zusammen. Vorausgegangen war eine entsprechende Anfrage unserer Projektgruppe. (Eine Zeitzeugin berichtete uns im Dezember 2011, ihre Schwiegermutter Frau Sontopski sei damals auf der Fähre gewesen und ebenfalls bei dem Unglück ums Leben gekommen. Hier sind zur Verifizierung noch weitere Recherchen erforderlich.)

Bild: WAZ-Artikel vom 7. April 1966

WAZ-Artikel vom 7. April 1966. Quelle: Stadtarchiv Gelsenkirchen

Quellen: [1] Aus einem Artikel von WAZ-Redakteur Georg Meinert, erstmalig in einer zehnteiligen Serie in der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) veröffentlicht.

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Andreas Jordan, Juni 2009. Nachträge April 2012, Oktober 2016

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