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Die Jüdische Friedhofskultur

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Inhaltsübersicht:

→ 1. Zeugnis einer Kultur

→ 2. Die Ausbildung einer öffentlichen Begräbnisstätte

→ 3. Der Friedhof hat in der jüdischen Tradition mehrere Namen

→ 4. Der Friedhof im Lauf der Geschichte

→ 5. Die äußere Gestaltung des Friedhofs

→ 6. Die Grabsteine

→ 7. Die Grabinschriften

→ 8. Inschriften im deutschen Sprachbereich

→ 9. Der Aufbau einer Inschrift

→ 10. Die Symbole

→ 11. Auswahlliteratur zu jüdischen Friedhöfen


1. Zeugnis einer Kultur 

Menora in Israel

Bild: Jüdische Kunst aus Westfalen in Israel: Die Menora vor dem israelischen Parlament stammt von dem Dortmunder Bildhauer Benno Elkan

Die Juden, der jüdischer Glaube, die jüdischen Gemeinden bildeten über Jahrtausende hinweg einen integralen Bestandteil der Kulturgeschichte, auch der europäischen. Ihr Status in der Geschichte schwankt von Jahrhundert zu Jahrhundert, sogar von Jahrzehnt zu Jahrzehnt: Geachtet, geduldet, vertrieben, ermordert und wieder zurückgeholt. Wenn es die Umständen erlaubten, leisteten sie ihren Beitrag zur kulturellen Entwicklung, zur Kultur- und zur Wirtschaftsgeschichte der Staaten, in der sie lebten. Vor allem aber entwickelten sie eine eigene religiöse und soziale Kultur. So alt das Judentum ist, so alt sind auch Anfeindung und Vertreibung, so alt aber auch die noch heute geltenden Gesetze und Bräuche des jüdischen Lebens: Gesellschaftliche Spielregeln ebenso wie hygienische und kultische Vorschriften. Auf der Bibel fußend sind es die Traditionen der biblischen und nachbiblischen Zeit, die das Judentum geformt haben. Aus mündlichen Überlieferungen wurden Schriften, vor allem der Talmud, der im 5. Jahrhundert nach Christi niedergeschrieben wurde.

Friedhöfe als Bestattungsorte einer jüdischen Gemeinde hat es in biblischer Zeit nicht gegeben. Sie entwickelten sich erst später. Dagegen existierten schon immer Familiengräber. Es gab stets das Bestreben, mit den Vätern bzw. den Vorfahren im Tode vereint zu sein. Als Bestattungsform ist seit ältesten Zeiten die Erdbestattung üblich. Sie steht im direkten Zusammenhang mit dem Glauben an die körperlich aufgefaßte Auferstehung. Verbrennungen kamen nur in Pestzeiten vor. Selbst während der Phase der "Hochemanzipation" es bestehenden oder die Anlage eines eigenen Friedhofs.

Nach den Geboten der Halacha, der Sammlung von religösen Ge- und Verboten des Judentums, gehört jedem Toten der Boden auf ewig, in dem er begraben ist. Die Ehre der Toten, die wehrlos sind, ist ein religiös-ethisches Gebot. Beschäftigt man sich mit den Grundlagen des Judentums, so wird einem schnell deutlich, wie sehr jedes Antasten eines Grabes, jedes Handanlegen an Grabsteine oder Friedhofsanlagen die Juden als Schändung, als Stören der unantastbaren Totenruhe empören muß. Dabei ist es zunächst gar nicht ausschlaggebend, ob dies ein Dummer-Jungen-Streich ist oder mehr. Ist es aber eine bösartige Verwüstung, so muß im Geiste jedes jüdischen Bürgers die Erinnerung an die ganze Geschichte seiner Vorfahren und natürlich vor allem an die Greueltaten des Naziregimes auferstehen. An diese so schmerzliche Zeit wird er aber auch erinnert, wenn er vor einem ungepflegten Friedhof steht; wird ihm dort doch bewußt, daß es keine oder kaum Nachkommen der hier bestatteten Toten gibt, die die Einhaltung der Totenruhe ebenso gewährleisten wie die Pflege der Friedhofsanlage. Ein jeder der einen Friedhof betritt, sollte sich vergegenwärtigen, daß der Ort, den er betritt, heiliger Boden ist. Von einem männlichen Besucher wird daher erwartet, daß er, wie in der Synagoge, eine Kopfbedeckung trägt.

Auf sehr alten jüdischen Friedhofsanlagen, wie z.B. den Gräbern im Kidrontal bei Jerusalem oder einzelnen Gräbern auf dem alten Prager Judenfriedhof, aber auch bei heute noch genutzten Anlagen bestehender jüdischer Gemeinden, wird die gesamte Fläche des Grabes durch einen liegenden Grabstein gekennzeichnet, um den stark verunreinigten Raum abzugrenzen. Insbesondere gilt dies für die Priester (Kohanim), d.h. Nachkommen des Aaron, die besonders starken Reinheitsvorschriften unterworfen sind. Im Mittelalter zeigt sich, wohl auch durch die enge und bedrängte Situation der Judenstädte bedingt, der Trend, Grabsteine wie auf christlichen Friedhöfen senkrecht zu stellen. Da Friedhöfe ebenfalls aufgrund des Platzmangels oft mehrmals belegt werden mußten, was aber wiederum aufgrund talmudischer Bestimmungen nur mit einer Zwischenschicht von ca. 1 m Erde möglich war, ergibt sich dann das uns heutigen, nichtjüdischen Betrachtern meist seltsam anmutende wirre Bild jüdischer Friedhöfe. Erst im 19. Jahrhundert, nach Emanzipation und Säkularisierung des Judentums in Mitteleuropa, finden wir Friedhöfe, die den zeitgleich entstandenen christlichen und kommunalen im wesentlichen entsprechen.

2. Die Ausbildung einer öffentlichen Begräbnisstätte 

Jüdischer Friedhof in Prag

Bild: Der Jüdische Friedhof in Prag

Vor dem Entstehen von öffentlichen Friedhöfen gab es bereits Familiengräber. Die Bestattungen fanden meist in Höhlen und unterirdischen Grotten statt. Manchmal wurden diese auch künstlich in die Felsen geschlagen. Die als Grabkammern dienenden Höhlen und Grotten waren oftmals in verschiedene Räume eingeteilt, die Nischen für die Toten enthielten. Die Grabstätten wurden einerseits waagerecht in mehreren Reihen übereinander in die Felsen gehauen oder senkrecht in den Felsboden. Man unterscheidet demnach Schiebegräber von Senkgräbern. Daneben gab es Bankgräber, bei denen die Toten auf bankartigen Erhöhungen zur Ruhe kamen. Die Nischen und Eingänge zu den Grotten wurden durch Steine verschlossen, die durch einen steinernen Riegel gehalten wurden. Damit sollten Grabräuber, aber auch Tiere ferngehalten werden; auch wollte man Ansteckungen durch Leichengifte ausschließen. Daneben spielte sicherlich auch die Angst vor Geister und Dämonen eine Rolle.

Ein solches Familiengrab war jedoch eine teure Angelegenheit. Der Boden mußte gekauft, die Grabkammern hergerichtet werden. Arme und Fremde konnten sich dies alles nicht leisten. Da es aber heilige Pflicht ist, die Toten zu begraben, muß es schon frühzeitig öffentliche Begräbnisplätze gegeben haben. Dies sind wahrscheinlich die "Gräber der Söhne des Volkes" die der Prophet Jeremia (26,23) erwähnt. In Jerusalem gab es sie im Kidrontal (II Könige 23,6). Daneben muß es auch Grabstätten für Hingerichtete gegeben haben, da sie nicht in Familiengruften begraben werden konnten (I Könige 13,22; Jesaja 53,9). Diese "öffentlichen" Begräbnisplätze sind die eigentlichen Vorläufer unserer jüdischen Friedhöfe.

Beeinflußt durch das babylonische Exil entwickelten sich auch im Bestattungswesen bald neue Wege. Es gab die sehr alte Tradition, daß der Jude im heiligen Land seine letzte Ruhe finden sollte. Bis zum heutigen Tag ist es die traditionelle Überzeugung, daß man entweder auf seine alten Tage nach Erez Israel auswandert, um dort zu sterben, oder aber seine Gebeine dorthin überführen läßt. Vielfach wird dem Toten stattdessen nur ein Säckchen mit Erde aus Israel in den Sarg gelegt. Um die hohen Überführungskosten zu senken und mögliche Gefährdungen beim Transport einer Leiche auszuschließen, begrub man die Toten zunächst am angestammten Wohnsitz. Nach der Verwesung der Leiche wurden die Gebeine ausgegraben, gereinigt und so nach Israel gebracht, um zur letzten Ruhe gebettet zu werden.

Mit der Zeit wurden auch diese Überführungen in das Land Israel immer schwieriger, doch die Sehnsuch in heiliger Erde begraben zu werden blieb unverändert stark. Schließlich wußte man sich zu helfen: Die Juden glaubten, daß die in der Diaspora gestorbenen künftig auf unterirdischen Wegen in das Land Israel kommen werden (Midrasch Tanchuma Wajechi 3). G'tt schafft solche Gänge, um die in der Diaspora Weilenden nicht zu benachteiligen. Nun konnten auch außerhalb des Gelobten Landes Friedhöfe angelegt werden. Die ältesten jüdischen Friedhöfe in Europa sind sicherlich die Katakombengräber in Italien. Sie führen aber in gewisser Weise die Tradition der Höhlengräber fort, auch wenn sie nicht als Familiengräber angelegt sind. Die erste jüdische Katakombe in Rom wurde bereits 1602 vor der Porta Portese am Monte Verde entdeckt, dann war sie verschüttet und ist erst im 20. Jahrhundert wieder gefunden worden. Obwohl weitere Katakomben entdeckt wurden, ruhen wahrscheinlich noch viele unentdeckt unter der Erde.

Das jüdische Bestattungswesen im Mittelalter ist weitgehend unbekannt. Der Prager Friedhof stammt frühestens aus dem 9. Jahrhundert. In Mainz fand man Grabsteine eines vielleicht schon 1013 angelegten Friedhofs. In Speyer erhielten die Juden, die dort 1084 von Bischof Rüdiger Wohnrechte zugesprochen bekamen, vom Bischof auch einen Friedhof zur Verfügung gestellt, der ihnen auf immer gehören sollte. Der Wormser Friedhof wurde 1076/77 errichtet, der älteste Grabstein dort stammt aus dem Jahr 1113. Auch in Ulm gibt es einen Friedhof, der ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Viele andere Friedhöfe aus dem Mittelalter sind verschwunden. Sie wurden Opfer der Pogrome, die immer wieder die jüdischen Gemeinden heimsuchten, wie z.B. während der Zeit der Kreuzzüge und der Pestjahre zwischen 1345 und 1350. In diesen Jahren fielen auch die bereits bestehenden jüdischen Friedhöfe Westfalens der Zerstörungswut anheim.

Als vom 16. und 17. Jahrhundert an viele Juden sich auch in den Städten niederlassen konnten, entstanden dort neue Friedhöfe. Von ihnen sind einige noch heute erhalten. Friedhofszerstörungen und Vandalismus haben nicht nur im Mittelalter und zur Zeit des Nationalsozialismus die Gräber bedroht, sondern zu allen Zeiten bis zum heutigen Tag. Wenn es in früherer Zeit religiöse Motive waren, so gab es in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts bereits Vandalismus aus politischen Gründen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

3. Der Friedhof hat in der jüdischen Tradition mehrere Namen 

Symbol auf einem jüdischen Grabstein

Zu den ersten Einrichtungen, die eine jüdische Gemeinde schaffen möchte, gehört die Anlage eines Friedhofs; denn die würdige Bestattung und die dauerhafte Ruhe der Toten zählt seit biblischen Zeiten zu den geradezu selbstverständlich gewordenen Geboten des menschlichen Zusammenlebens. Die jüdische Kultur kennt für den Friedhof mehrere Namen. Der Ausdruck Beth ha qewaroth (angelehnt an Nehemia 2,3), das Haus der Gräber, leitet sich von "Kewer awot" wörtlich: Grabstätte der Eltern, ab. Hier wird das Gefühl wachgerufen, das über Generationen all jene berührt hat, die - zur Auswanderung gezwungen - sich zum letzten Mal auf dem Friedhof versammelten, um von den Gräbern, die sie zurücklassen mußten, Abschied zu nehmen.

Hebräisch/aramäisch heißt der Friedhof Beth olam, das ewige Haus oder das Haus der Ewigkeit (angelehnt an Koheleth 12,8). Hiermit wird sowohl die Dauer der Ruhe als auch die Erwartung von Ewigkeit angedeutet. Der Ausdruck Beth ha chaijm, das Haus der Lebenden, angelehnt an Hiob 30,23: "Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen" vermeidet beschönigend die Nennung des Todes und weist auf die Auferstehungs- und Lebenshoffnung hin. Der lebendige G'tt ist "kein G'tt der Toten" sondern vermag die Toten wieder zu beleben. Aus dem Jiddischen ist der Ausdruck "Getort" eine Abwandlung von "der gute Ort". Der Talmud erwähnt öfter den Beth ha qewaroth, der den Charakter eines öffentlichen Friedhofs hatte. Vermutlich gab es neben dieser verbreiteten Art des Friedhofs auch Einzel- und Familiengräber.

4. Der Friedhof im Lauf der Geschichte 

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Im Laufe der Geschichte durften Juden in der Diaspora keinen Grundbesitz innehaben bzw. erwerben, daher wurde der öffentliche Friedhof der übliche Bestattungsort. Der Erwerb von Boden für einen jüdischen Friedhof war immer mit Schwierigkeiten verbunden. Oft war es notwendig, dafür lange zu kämpfen. So besaßen viele jüdische Gemeinden keinen eigenen Friedhof und mußten ihre Toten bei benachbarten Gemeinden bestatten. Der Friedhof der Gemeinde Regensburg diente anfänglich der gesamten Region Oberpfalz und Niederbayern - man kann sich die Dauer und die Mühen eines Transportes zur Beerdigung vorstellen. Für die Rheinlande und Westfalen hatte der Kölner Friedhof vermutlich bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts die Funktion einer zentralen Begräbnisstätte. Die zentrale Idee "Ruhen in Frieden" der Glaube an die Auferstehung und die daraus hergeleitete Notwendigkeit des ewigen Ruherechtes veranlaßten die jüdischen Gemeinden, das Friedhofsgelände für die Ewigkeit und nicht auf Zeit begrenzt zu erwerben.

Deswegen konnte häufig nur "unzugängliches" Gelände, das für eine anderweitige Nutzung nicht geeignet bzw. interessant schien, erworben werden. Bei Notfällen, wie der Enteignung des Friedhofsgeländes, wurden die Gebeine und die Grabsteine an eine andere Stelle überführt. Wo Friedhöfe verschwunden sind, geschah dies immer nur dann, wenn keine Gemeinde zurückgeblieben war. Die ältesten Friedhöfe Europas stammen aus dem Mittelalter und befinden sich in Prag, Worms, Mainz, Köln und Ulm. Alle anderen mittelalterlichen Friedhöfe sind verschwunden; sie sind, wie so viele jüdischen Gemeinden, das Opfer der gegen die Juden gerichteten Verfolgung geworden. Den mittelalterlichen Friedhöfen war gemeinsam, daß sie außerhalb der Stadtmauern lagen, während sich die christlichen überwiegend in unmittelbarer Nähe der Kirchen befanden. Zum einen verlangte jüdisches Recht die Anlage des Friedhofs außerhalb der Mauern, zum anderen kam darin die seit Jahrhunderten, vor allem seit den Kreuzzügen und den Pestjahren latent vorhandene Judenfeindschaft zum Ausdruck. Die Juden des Mittelalters mußten noch dankbar sein, wenn sie einen Begräbnisplatz im Stadtgraben erhielten. Wenn im Mittelalter eine Stadt die in ihren Mauern lebenden Juden vertrieb, weil sie nicht länger gebraucht wurden oder weil sie am wirtschaftlichen Niedergang schuldig schienen, verfiel ihr gesamter Besitz den Städtern oder anderen sich darum streitenden Herren. Die Häuser wurden konfisziert, die Synagogen abgerissen oder zu Kirchen umgewandelt.

Die Friedhöfe ebnete man ein und verwendete die Grabsteine als Baumaterial. So bestehen noch heute manche Bürgerhäuser der Regensburger Altstadt aus einigen jener 5000 Steine, die 1519 vom Friedhof entwendet wurden. Keine neunzig davon sind heute noch bekannt oder vorhanden. Auch aus anderen Städten sind solche Vorkommnisse bekannt, wo, dank der Zweckentfremdung, mittelalterliche Grabsteine in die heutige Zeit gerettet werden konnten. So war ein Teil des mittelalterlichen Kölner Friedhofs in Schloß Lechenich am Niederrhein verbaut, ein anderer Teil trägt den Turmhelm der Burg Hülcherath zwischen Neuß und Grevenbroich. Diese Steine sind der Forschung bis heute kaum zugänglich.

Auch das älteste noch erhaltene Grabsteinfragment Westfalens ist auf gleiche Art und Weise erhalten geblieben. Es ist auf den 25. Tamus 5084, d.i. der 18. Juli 1324 datiert. Bei Bauarbeiten im unteren Teil des Kirchturms der Lambertikirche in Münster fand man 1887 einige Steine, die als jüdische Grabsteine identifiziert wurden. Sie stammten vom ersten jüdischen Friedhof. Die jüdische Gemeinde von Münster und auch ihr Friedhof fielen den großen Pogromen in der Zeit des "Schwarzen Todes" der Pest, um 1350 zum Opfer. Die in der Lambertikirche gefundenen Steine wurden später im Landesmuseum für Kunst und Kultur aufbewahrt, wo während des Zweiten Weltkriegs fast alle Steine bei Bombenangriffen zerstört wurden. Ein einziges Fragment ist erhalten geblieben und steht seit vielen Jahren auf dem um 1811 angelegten neuen jüdischen Friedhof.

Das 20. Jahrhundert brachte mit der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten die totale Entrechtung, Verjagung, Deportation und Ermordung der deutschen und meisten mitteleuropäischen Juden. Mit bisher nicht gekannter Radikalität und Totalität wurden die Menschen beraubt und ermordet. Die Friedhöfe blieben zunächst vielfach unbehelligt. Erst als die Menschen "abgewandert worden waren" wie es manchmal hieß, traten die Friedhöfe in den Blick der Verwaltungen und drohten eingeebnet zu werden. Hätte das NS-Regime nur einige Jahre länger bestanden, gäbe es heute wahrscheinlich keine jüdischen Friedhöfe mehr. So sind zwar viele Friedhöfe der nationalsozialistischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen, kaum ein Friedhof ist gänzlich unangetastet geblieben, doch Schändungen gab es hundertfach vor 1933 und gibt es hundertfach seit 1945. Anders als im Mittelalter haben immerhin nach Schätzungen ca. 1600 Friedhöfe, mehr oder weniger stark beschädigt, jene Jahre überstanden.

Seit Mitte der fünfziger Jahre werden die jüdischen Friedhöfe nun offiziell geschützt. Ihre Pflege durch Kommunen und Länder ist gesetzlich geregelt. Die meisten Friedhöfe zeigen uns daher nicht mehr ihren ursprünglichen Zustand. Auch tragen viele Steine Inschriftenplatten, die bei der Wiederherstellung als Ersatz für zerstörte angebracht wurden, mit z.T. anonymen Inschriften (wie "Hier ruht ein jüdischer Mensch").

Inzwischen werden viele Friedhöfe nicht mehr als unangenehme Erinnerung, als "Altlast" gesehen. Die Friedhöfe haben auch heute noch ihre Funktion. Sie sind die Ruhestätten der Toten. Vor der Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten gab es vielfach getrennte Friedhöfe für die einzelnen Strömungen im Judentum: für Orthodoxe oder für Liberale. Die wenigen Überlebenden des Dritten Reichs fanden sich nach 1945 ungeachtet ihres religiösen Standorts zusammen und bildeten, wegen ihrer geringen Zahl, sogenannte Einheitsgemeinden. Entsprechend werden die heutigen Friedhöfe von allen religiösen Richtungen genutzt.

5. Die äußere Gestaltung des Friedhofs 

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Dem Betrachter bietet sich auf den älteren, vor der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Friedhöfen das unverkennbare Bild unregelmäßig-regelmäßiger Reihen von sich zu allen Seiten hinneigenden Grabsteinen. Da die älteren keine Sockel haben, versinken sie allmählich in der Erde. Ihre Formen leiten sich meist von nur wenigen Grundmustern ab, wobei die Steine immer höher als breit sind. Auf den christlichen resp. nichtjüdischen Besucher wirken jüdische Friedhöfe, sofern sie noch in Gebrauch sind, oft sehr ungepflegt. Da der Friedhof die Vergänglichkeit des Menschen symbolisieren soll, läßt man der Natur freien Lauf. Die vielen aufgegebenen Friedhöfe werden heute meist von den kommunalen Verwaltungen gepflegt. Sie sind der Einfachheit wegen mit Rasen eingesät.

Die jüdische Vorstellung weicht von der hierzulande üblichen Vorstellung über Grabpflege ab. So wird man selten Blumenschmuck finden. Das einzelne Grab und der Friedhof wird vielmehr als Teil der Landschaft, allerdings als durchaus gepflegter Teil empfunden. Zur Abwehr möglicher Störungen der Totenruhe muß der Friedhof umschlossen, das Tor abschließbar sein.

Die Schließung des Friedhofs am Schabbat und an Feiertagen ist religiöses Gebot, da diese Tage der Freude und nicht der Trauer verpflichtet sind. Der Friedhof muß, damit er eine würdige Stätte der Toten darstellt, in seiner Gesamtheit gepflegt werden. Mauern oder Zäune, Tore, Wege und Einfassungen müssen unterhalten, Hecken und Bäume können gestutzt werden. Als religiöse Grundvorstellung ist beachtenswert, daß es den Lebenden untersagt ist, einen irgendwie gearteten Nutzen aus dem Grabbereich bzw. dem gesamten Friedhof zu gewinnen. Daher dürfen auf einem Friedhof gefällte Bäume nicht kommerziell verwendet werden; es werden lediglich abgestorbene Bäume entfernt.


Eine weitere biblische Vorschrift ist, daß der Gerechte nicht neben dem Sünder begraben werden darf "Und man gab ihm sein Grab bei G'ttlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist" (Jesaja 53,9). "Die holten ihn aus Ägypten und brachten ihn zum König Jojakim. Der ließ ihn mit dem Schwert töten und ließ seinen Leichnam unter dem niederen Volk begraben" (Jeremia 26,23).

Man findet daher auf einigen Friedhöfen Ehrenreihen für bedeutende Persönlichkeiten eingerichtet, so z.B. auf dem Friedhof Berlin-Weißensee. Auch schon der altehrwürdige Friedhof in Worms hat eine eigene Rabbinerabteilung. Andererseits wurden Kriminelle und Selbstmörder oft an der Mauer beigesetzt, wo sie keinen stören konnten. Diese Praxis ist übrigens auch von den christlichen Friedhöfen bekannt. Bei Selbstmördern entscheiden heute viele Rabbiner erleichternd, indem sie den Suizid als Folge einer unverschuldeten psychischen Erkrankung ansehen. Der Tote und die Angehörigen sollten für diese Erkrankung nicht bestraft werden. Nach uralten Vorstellungen, die schon vorbiblisch sein müssen, verunreinigen sich die Lebenden bei der Berührung von und im Umgang mit Toten. Vor allem für die Priester, die Kohanim, und deren Angehörige gelten hier besonders strenge Reinigungsvorschriften. Sie dürfen keinen Leichnam berühren und sich nur mit den Toten aus der engsten Verwandtschaft befassen. Daher werden Priester oft am Eingang begraben, um den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, das Grab zu besuchen, ohne mit den anderen Gräbern in Berührung zu kommen.

Die Toten werden in Reihen begraben. Es gibt aber keine überall gültige Tradition, in welcher Richtung der Tote zu begraben ist. Fast jeder Friedhof hatte ein eigenes kleines Gebäude für die Waschung der Toten. Das Bedürfnis, Verwandte und Verheiratete zusammenzubetten ist nicht neu. Es besteht länger als der seit der frühen Neuzeit bekannte Brauch, die Toten weniger nach der zeitlichen Abfolge der Todesdaten, sondern eher gemäß ihrer eigenen familiären Zusammengehörigkeit zu beerdigen. Doch lassen sich hier kaum feste Regeln allerorten finden. Auch das Verhältnis der Juden zur bildenden Kunst wird auf den Friedhöfen deutlich. Vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Merkmale der Grabsteingestaltung nur geringfügig verändert.

Die zu Beginn des Jahrhunderts einsetzenden politischen Zeitströmungen - Emanzipation und Assimilation - wandelten auch das Selbstverständnis des Judentums und führten aus der jahrhunderte langen Isolation heraus. Die alte jüdische Friedhofskunst wurde vor allem in städtisch geprägten Gemeinden durch Tendenzen aus dem Bereich der bildenden Kunst und durch das Selbstdarstellungsbedürfnis der bürgerlichen Schichten nahezu völlig verdrängt. Im 19. Jahrhundert will man, und das gilt gleichermaßen für die christliche Gesellschaft, die Erfolge seines Lebens auch nach dem Tode zur Schau stellen. Wenn es nicht mehr auf ein ewiges Leben ankommt, bedarf es des Grabsteins zur Fixierung des vergangenen Lebens. Nach einem übertriebenen Repräsentationsbedürfnis kehrt nach einigen Jahrzehnten wieder Ruhe und Ausgeglichenheit in die formale Gestaltung ein.

Die lange als Grabstein vorherrschend gewesene sogenannte sumerische Stele, ein aufrecht stehender, rechteckig behauender Stein mit halbkreisförmigem oberen Abschluß, geriet besonders dort, wo sich liberal-religiöse Auffassungen entwickeln konnten, zunehmend in Vergessenheit. An ihre Stelle traten Grabdenkmäler, die durch die nichtjüdische bürgerliche Umwelt geprägt, ganz in Einklang standen mit dem jeweiligen Zeitgeschmack. Auch bei den für die Herstellung von Grabmälern üblichen Materialien ergaben sich Veränderungen.

Hatte man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich Sandsteine verschiedener Qualitäten verwendet, wurden ab dieser Zeit auch andere Steine verarbeitet, darunter hauptsächlich polierter Granit zur Herstellung von Obelisken und Säulen sowie Marmor, häufig als kleine beschriftete Tafeln in die Grabsteine eingelassen; aber auch sogenannte Kunststeine, z.B. Beton und Zementguß, fanden Verwendung. Während die bildliche Darstellung des Toten auf seinem Grabe eine lange Tradition in der europäischen Bestattungskultur hat, gilt für die Grabmäler der Juden das im Dekalog ausgesprochene Verbot, die menschliche Gestalt abzubilden. Die christlichen Denkmäler im 19. und frühen 20. Jahrhundert sind in vielfältiger Weise mit einem zum Teil recht aufwendigen Skulpturenschmuck ausgestattet: Da gibt es Allegorien, Portraits des Verstorbenen, Christusfiguren und Scharen von Engeln und Heiligen.

Im Zuge der Assimilierung wird sich auch auf jüdischen Friedhöfen vereinzelt über dieses Verbot hinweggesetzt, allerdings nur in verschwindend geringer Zahl. Neben den Abbildungen der Verstorbenen finden sich hier und da Reliefs mit Motiven der Antike (Abschiedsmotive), aber auch figürliche Skulturen. Eine interessante Besonderheit weist der Friedhof Berlin-Weissensee auf. An einzelnen Gräbern finden sich plastische, emaillierte oder fotographische Bildnisse des Verstorbenen. Als Konzession an das traditionelle Bildverbot waren die meisten Portraits mit einem Deckel verschlossen, dessen Scharniere noch erkennbar sind. Wahrscheinlich wurde der Verschluß nur vorübergehend bei den Grabbesuchen von Verwandten und Freunden geöffnet.

Ein spezifisch jüdischer Brauch, der sich bis heute auf allen jüdischen Friedhöfen beobachten läßt, ist die Ehrung des Toten durch ein vom Besucher auf den Grabstein abgelegtes Steinchen. Noch immer fehlt eine belegbare Herleitung dieser Gewohnheit, die jedenfalls nicht in den über 600 Geboten und Verhaltensregeln der jüdischen Überlieferung enthalten ist und auch nicht in der Bibel angesprochen wird. Zur Erklärung wird einmal auf die Bestattungspraktiken von Wüstenvölkern verwiesen, die Steine auf die Gräber legten, um sie so vor dem Zugriff von wilden Tieren, Geiern oder Schakalen zu schützen. Jeder, der an einem solchen Grab entlang kam, legte einige Steine zum Schutz hinzu. Vielleicht handelt es sich auch um einen Brauch, der sich aus der jüdischen Tradition einer möglichst schlichten Bestattung ableitet. Eine weitere Erklärung ist, daß die einfachen jüdischen Gräber in biblischer Zeit aus einzelnen aufeinandergeschichteten Steinen bestanden, bei deren Zusammenstellung Freunde und Verwandte des Verstorbenen mithalfen. "Ich habe diesen Menschen gekannt" ist eine weitere Interpretation dieses Brauches.

6. Die Grabsteine 

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Die ältesten erhaltenen Grabsteine waren nur mit hebräischen Zeichen versehen, die den Namen und das Datum der Errichtung überliefern. Zusätzliche Symbole kamen in der Barockzeit auf, als die Grabsteine reicher und aufwendiger wurden. Die frühesten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem 12. Jahrhundert. Sie präsentiern sich in der Form eines Rechtecks, gelegentlich mediterraner Tradition folgend, mit leicht angedeuteter Dachaufsattelung der Oberseite, mit einem unter Belassung eines Rahmenbandes vertieften Schriftfeld, in das die hebräische Schrift wiederum vertieft eingeschlagen war. In seltenen Fällen genügte eine Steinritzung zur Markierung des Rahmens. Die Grabsteine zeigen also eine äußerst knappe, kunstlose Ausformung. Das vertiefte Schriftfeld erscheint gelegentlich schon im 12. Jahrhundert nach oben abgerundet, wenig später in der Form eines Halbkreises. Die obere halbrunde Rahmung des Schriftfeldes wird zur oberen halbrunden Form des Steines entwickelt. Dieser Typus bleibt für alle folgenden Zeiten erhalten, zumindest aber bis ins 19. Jahrhundert. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird der rundbogige Abschluß im Ansatz symmetrisch eingezogen, so daß der Halbkreis gegenüber dem hochrechteckigen Schriftfeld des Steines in Umriß und Rahmung akzentuiert erscheint. Dieses Halbkreisfeld dient alsbald der Darstellung der verschiedenen Symbole. Es kann als Kreissegment oder als gestelzter Halbkreis erscheinen. Diese oben rund ausgeformten Grabsteine wurden häufig als die "romanischen" handelt es sich um schlichte, archetypische Formenbezüge. Der Halbkreis ist das Abbild des Himmels über uns. Diese Form des Grabsteins verbindet den im Erdreich liegenden Toten mit dem Himmel, in dem sein G'tt wohnt. Sie ist Ausdruck einer Endzeithoffnung.

Zwar bleibt die Grundform des Grabsteins bis weit in das 19. Jahrhundert hinein allgemein verbreitet, doch können auch hier bei der künstlerischen Gestaltung die zeittypischen Strömungen festgehalten werden. Die noch im 16. Jahrhundert in knappem bildhauerischen Relief im Gegensatz zur Schrift erhabenen Grabsymbole der Juden wurden im 18. Jahrhundert in der Vielfalt der Motive erweitert. Es tritt der Löwe hinzu, eine Anspielung auf Juda, den Vater des wichtigsten israelitischen Stammes, den Jakob als Löwe geschaut hatte. Jetzt wird die Krone als Zeichen des guten Namens dessen, zu dessen Haupt und Ehre der Stein aufgestellt wurde, von einem gegenübersitzenden, aufgerichteten Löwenpaar getragen. Es symbolisiert die Glaubensstärke. Der zunächst knappe Rahmen ist bei gleichbleibender Grundform des Steines die einzige Ansatzmöglichkeit einer künstlerisch-bildhauerischen Gestaltung.

Im 18. Jahrhundert ist es das zeitgenössische Rocaillewerk mit plastischen Voluntenformen, das einen reliefierenden Rahmenschmuck bildet. Zum Ende des Jahrhunderts treten plastisch reliefierende Fruchtgehänge auf. Rocaillewerk, Volunten und Fruchgehänge sind Formen, die auch in der christlichen und profanen Kunst weite Anwendung finden. Schon vereinzelt im 17. Jahrhundert, dann aber mit stark zunehmender Tendenz werden die archetypischen Inschriftsteine stärker bildhauerisch dekoriert. Die seitlichen Rahmenbänder werden als Pilaster oder als Säulen gestaltet, die Bogenfelder mit bildnerischem Schmuck, mit symbolischen Ornamenten gebildet. Am Anfang des 19. Jahrhunderts werden die jüdischen wie die christlichen Grabsteine wieder spartanisch einfach. Diese Tendenz entspricht dem zeitgenössischen Stil, dem Klassizismus, der sich gegen alles Barocke, gegen die durch Üppigkeit verwilderten Formen wendet. Die Rückbesinnung auf die Urform der Kunst bringt den Archetyp des jüdischen Grabsteins wieder stärker zum Vorschein: den Inschriftenstein mit dem eingezogenen Rundbogen als oberen Abschluß und Bekrönung.

Die Emanzipationsbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden auch in der Grabmalskunst einen unmittelbaren Ausdruck. Viele der aus dieser Zeit erhaltenen Grabsteine zeigen eine mehr oder weniger den christlichen Steinen angepaßte Form. Sie erhielten vor allem in den Städten die denkmalhaften eben und die antikisierende oder gotisierende Stele mit entsprechenden Verdachungsprofilen aus der christlichen Tradition. Da den Juden die handwerklichen Berufe erst im 19. Jahrhundert geöffnet wurden, mußten sie über Jahrhunderte ihre Grabsteine meist bei nichtjüdischen, christlichen Steinmetzen anfertigen lassen. Der Auftraggeber hatte dafür zu sorgen, daß die Verbote seines Glaubens und die Wünsche seiner Väter genau beachtet wurden. Deshalb ist die Kunst, wenn sie zur Anwendung kam, stilistisch identisch mit der allgemeinen Kunst. Sie ist nur dem Inhalte nach anders als die christliche Kunst. Es ist jedoch nicht die Kunst, die den Denkmalschutz für die Friedhöfe begründet, sondern die besondere Kultur, die religiös begründete Sitte, die in jedem Friedhof anschaubar und erlebbar wird.

7. Die Grabinschriften 

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Die auf jüdischen Friedhöfen erhaltenen Grabsteine sprechen zu uns, doch bleibt den meisten Betrachtern ihr Reden unverständlich. Es genügt nicht, die Hemmnisse der hebräischen Schrift und Sprache zu überwinden. Die hebräische Epigrafik (Inschriftenkunde) hat ein eigenes System von idiomatischen Ausdrücken und Abkürzungen geprägt, die erst entschlüsselt werden müssen. Die Grabsteine müssen Inschriften tragen. Es können knappe oder ausgiebig Berichtende und Preisende sein. Alles was über die notwendigen persönlichen Daten und Angaben hinausgeht, stammt aus biblischen und frühnachbiblischen Vorlagen. Auch waren die Inschriften nicht immer hebräisch abgefaßt, sondern griechisch oder lateinisch. Erst seit dem 8./9. Jahrhundert setzte sich das Hebräische wieder durch und blieb für gut 1000 Jahre in ganz Europa vorherrschend. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an verlor es in Deutschland rasch an Boden. Der hebräische Text der Grabsteine weist ein relativ einheitliches Grundschema auf. Die Inschrift beginnt meist mit der Abkürzung "pej nunpej tet", Zeuge sei dieser Steinhaufen, ein Zeuge sei dieses Steinmal. Geliebt und gut in ihrem Leben, sind sie im Tode nicht getrennt. Nach der Einleitung folgt die Eulogie, ein Lob- und Segensspruch, in den allermeisten Fällen ohne konkrete Daten aus dem Leben der Einzelnen. Das Lob bezieht sich auf den sozialen und religiösen Bereich.

Äußere Erfolge treten dann in Erscheinung, wenn sie Auswirkungen auf die Toragelehrsamkeit, Wohltätigkeit und Gastfreundschaft haben. Wurde der Name nicht gleich zu Beginn genannt, so folgt er jetzt: Name, Vatersname, bei verheirateten Frauen dazu der Name des Ehemannes, möglicherweise ergänzt durch den bürgerlichen Namen in hebräischer Schreibweise. Daran schließt sich das Todes- und Begräbnisdatum an. Die Inschrift endet mit dem Segensspruch: "Ihre/seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Und wenn sich ein Mensch erheben wird, dich zu verfolgen und dir nach dem Leben zu trachten, so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem Herrn, deinem G'tt, aber das Leben deiner Feinde soll er fortschleudern mit der Schleuder", wiedergegeben durch die Anfangsbuchstaben der fünf hebräischen Wörter (T.N.Z.B.H.=Tehi Nafscho Zeruah Bizior Hachaijm). Das Grundschema kann vielfältig variiert oder ergänzt werden. Vor allem kann es verschieden mit Text gefüllt werden: beschränkt auf die gängigen Formeln oder neu zusammengesetzt aus biblischen Zitaten und nachbiblischen Anspielungen aus der Tradition.

Die Grabinschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance enthalten in der Regel folgende Angaben: Den Namen des Verstorbenen und gewöhnlich auch den seines Vaters, eventuell auch seine Zugehörigkeit zum Priestergeschlecht der Kohanim (Kohen pl. Kohanim) oder zum Levitenstamme (Levi pl. Leviim). Das gilt nicht für Frauen, bei denen die Zugehörigkeit zu einem Stamm oder Geschlecht nicht verzeichnet wurde. Ferner findet man bei Männern den Titel des Verstorbenen und gegebenenfalls auch seines Vaters, z.B. Rabbi, der Gelehrte, der Vornehme usw.Im weiteren Text finden sich lobende Epitheta und bei hervorragenden Persönlichkeiten Aufzählungen der Ämter, die sie bekleideten und ihre Verdienste um die Gemeinde. Bei Gelehrten und bekannten Rabbinern werden ihre Schriften angeführt. Den Abschluß des Epitaphs bilden im allgemeinen Segnungen und Wünsche, die sich auf das Leben nach dem Tod beziehen.

Ein wichtiger Bestandteil jeder Inschrift ist das Datum, das sich bei den älteren Texten am Ende befindet. Von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an wird zuweilen das Datum an erster Stelle angeführt, was später, vom 17. Jahrhundert an, zur Regel wird. Diese Angaben bilden allerdings nur die Grundlage des Textes, der sich erweitert und mit Vergleichen und Bildern bereichert wird, so daß man die Grabinschriften als eine eigene Gattung der hebräischen Poesie betrachten darf. Das Datum besteht aus der Jahreszahl, dem Namen des Monats, der Angabe des Tages im Monat und öfters auch der Angabe des Wochentages. Für die Wochentage hat das Hebräische keine eigenen Namen. Sie werden mit Ordnungszahlen benannt. Der Sonntag ist der Erste Tag, "Jom Rishon" der Samstag der siebente Tag, der "Schabbat". Ein vollständig angeführtes Datum lautet zum Beispiel: den vierten Tag der Woche (Mittwoch), den 2. Nissan des Jahres 303 (nach der kleinen Zählung).

Charakteristisch für die Grabinschriften sind die Segenssprüche für das Fortleben der Seele nach dem Tode. Am häufigsten begegnen wir der Formel: "Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens" Diese Abkürzung findet sich vielfach auch dann auf den Grabsteinen, wenn der Text nicht auf hebräisch geschrieben ist. Nur selten werden sie voll ausgeschrieben. Gelegentlich finden sich auch andere Formulierungen: "Mit allen Seelen der Reinen sei seine Seele eingebunden im Bunde des Lebens bei dem Herrn, dem G'tt des Himmels" "Seiner Seele sei gedacht in der kommenden Welt. Seine Seele erwerbe sich das Leben in Ewigkeit". Aus all diesen Segenssprüchen spricht der feste Glaube an die Fortdauer des Lebens nach dem Tode.

Ältere Inschriften auf den Gräbern von Märtyrern hingegen rufen oft nach Rache. "Der Herr räche sein Blut! Der Herr der Vergeltung räche es an ihnen!" Ausdrücke wie "Tod, Sterben, er ging fort, er begab sich fort" finden sich, auch Formulierungen wie "er ward hingenommen ... und er ward eingesammelt zu seinem Volk". Häufig wird der Tod aufgefaßt, als sei die Seele irgendwohin fortgegangen: "Seine Seele ging von dannen in Heiligkeit und Reinheit" Poetischer ausgedrückt: "Ihre Seelen stiegen empor in die Wohnsitze der Höhen". "Seine Seele kehrte zurück zum Herrn".

Den größten Raum auf den alten Inschriften nimmt die Lobpreisung der guten Eigenschaften und Werke des Verstorbenen ein. Unterschiedlich sind doch die Eigenschaften, die man bei Frauen und Männern hochschätze. Bei den Männern hob man Treue, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hervor - vor allem im Handel - wie auch Bescheidenheit und Zuverlässigkeit. Neben den Charaktereigenschaften wurden auch Vorzüge des Intellekts gerühmt: Weisheit, Einsicht, Bedachtsamkeit, Klugheit und Beredsamkeit. In vielen Redewendungen spiegelt sich auch das Verhältnis des Verstorbenen zu seinen Nächsten wider: "Er war ein Mann des Friedens".

Das Äußere wird nur ganz selten erwähnt. Die Inschriften der Frauen loben vor allem die guten Eigenschaften der Verstorbenen. Sie wird als "züchtig", "würdig", "rechtschaffen", "rein", "zuverlässig", "hold", "Die Liebliche", "Die Schöne". Seltener wertet man die geistigen Fähigkeiten. Im Verhältnis zu den Mitmenschen wird in erster Linie Ehrlichkeit und Redlichkeit gepriesen. Im religiösen Bereich sprechen die Inschriften der Frauen wie der Männer von Frömmigkeit, G'ttesfurcht, Innigkeit der Gebete und dem häufigen Besuch der Synagoge.

8. Inschriften im deutschen Sprachbereich 

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Die im deutschen Sprachbereich erhaltenen jüdischen Grabsteine tragen vom frühen Mittelalter an hebräische Inschriften. Schon auf den ältesten uns bekannten Steinen finden sich Formeln und Lobsprüche, die bis in die Gegenwart hinein verwendet werden. Neben dieser hebräischen Eulogie, dem Lob der Verstorbenen, treten im Laufe des 19. Jahrhunderts auch deutschsprachige Angaben hinzu: Name und Lebensdaten nach der christlichen Zeitrechnung. Diese Daten wandern allmählich von der Rückseite des Steines, wo sie zunächst zu finden sind, nach vorne unten und drängen, oft durch Sinnsprüche und Verse erweitert, das Hebräische immer mehr zurück, bis es völlig verschwindet oder nur in Formeln überlebt.

Das Hebräische verschwand, weil es kaum noch jemand richtig zu lesen und zu schätzen vermochte. Es rettete sich in standardisierte Abkürzungen für das obenstehende "Hier ist begraben". Für einen sehr begrenzten Zeitraum, etwa kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, werden beide Seiten der Steine gleichrangig benutzt. Die alten ehrwürdigen Wendungen und Lobpreisungen werden auch in deutscher Sprache zum Ausdruck gebracht. Auf den ersten Blick scheinen die Inschriften identisch zu sein. Doch der deutsche Text wiederholt nicht einfach den hebräischen, sondern er drückt ihn auch anders aus. Die hebräischen Sätze sind häufig aus Bibelzitaten zusammengestellt. In den deutschen Texten werden die biblischen Redewendungen dem Zeitgeschmack angeglichen. Die "tüchtige Frau", "biedere Frau", "Gazelle der Anmut" geprägt von dem, womit sich Geist und Seele über Jahrhunderte befaßt haben. Diese Zweisprachigkeit erforderte eine gewisse geistige und sprachliche Mühe. Hinzu kam der materielle Aufwand. Dies war sicherlich nicht für jeden Verstorbenen von den Hinterbliebenen zu leisten gewesen.

Der Übergang vom Hebräischen zum Deutschen ging nicht in allen Gebieten und Gemeinden zeitgleich vor sich. Es gab zeitliche Verschiebungen von Region zu Region, von Ort zu Ort und von Familie zu Familie. Zugleich unternahm man den Versuch, die traditionell-jüdischen Inhalte der Inschrift ins Deutsche zu übertragen. Dieser Versuch wurde bald aufgegeben. An die Stelle der ursprünglichen Formulierungen traten die in der christlichen Umwelt üblichen Attribute: Verwandtschaftsbeziehungen, Gefühle der Hinterbliebenen, berufliche Stellung. Außerdem wurden Tod, Trauer, Trost, Lob und Klage immer privater und damit nicht mehr Gegenstand öffentlicher Inschriften. Eine Ausnahme machten dabei nur einige orthodoxe, d.h. "Gesetzestreue".

Diese Reduzierung der Inschrift auf die reinen persönlichen Daten wäre den Juden des Mittelalters und der frühen Neuzeit völlig unverständlich gewesen. Für sie bestand der Sinn eines Grabsteins darin, Identität durch die Erinnerung an den Bestatteten in seiner Abfolge der Geschlechter zu erhalten. Der völlige Verzicht auf mehr als die Nennung nur eines Namens war unvorstellbar. Das Judentum sei, so hat man gesagt, die "Religion des guten Gedächtnisses" und es ist daher verständlich, wenn es Wert darauf legt, seine Grabstätten so lange als irgend möglich zu erhalten und wirklich jedem und jeder Toten ein Denkmal aus Stein setzen zu lassen - auch Ausdruck der Kostbarkeit des einzelnen Lebens und der Lebenskraft einer kleinen und bedrängten Minderheit. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurde bei allen regionalen und chronologischen Unterschieden erstaunlich kontinuierlich formuliert, so das sich gewisse Grundmuster gleichen. Es gibt einen Formel- und Zitatenschatz, der sich als festes Gerüst bewährt hat. Hinzu tritt die Freiheit des Formulierens, Variierens und Kombinierens.

9. Der Aufbau einer Inschrift  

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Nach dem Hinweis auf den Ort, das Grab, den Stein folgt die Angabe, ob es sich bei dem Begrabenen um eine Frau oder einen Mann handelt. Es folgt dann die Eulogie, die Lobrede, die unterschiedlich lang und ausführlich sein mag. Sie kann sich auf zwei Worte beschränken, kann aber ebenso zehn Zeilen lang sein. Wenn auch die Lobreden für herausragende Frauen nicht ganz so lang ausfallen wie für solche Männer, so kommen die Frauen insgesamt nicht zu kurz. Nach der Eulogie folgt die namentliche Nennung des Verstorbenen. Frauen werden über die Väter, und wenn verheiratet, über ihre Gatten bestimmt, bei den Männern wird nur der Name des Vaters angegeben. Da fast allen Toten, und nicht nur den angesehensten in der Gemeinde, Grabsteine gesetzt wurden, läßt sich aus den Inschriften der Steine eines Friedhofs häufig die Zusammengehörigkeit wieder rekonstruieren. Doppelgräber für Mann und Frau bzw. Familiengruften werden erst seit dem 18. Jahrhundert häufiger. Die Beifügung der Väter- resp. Gattennamen war wichtig in einer Zeit, da die Juden noch keine Familiennamen trugen. Diese wurden in Preußen erst nach 1808 gesetzlich vorgeschrieben. Mit dem Aufkommen von deutschen Inschriften fällt die Definition über den Namen des Vaters fort. Es wird neben dem Vornamen der Familienname genannt.

Die noch bekannte christlich-bürgerliche Sitte zu schreiben: Frau August Meier, geb. Gans findet sich selbst bei sehr stark assimilierten Juden nur selten, zumindest wird der Vorname beim ursprünglichen Familienname mitgenannt: Frau Salomon Windmüller, Egline geb. Oster. Zweisprachige Inschriften auf den Steinen geben gerade bei Frauen oftmals einen kleinen Einblick in die Privatsphäre. In der hebräischen Inschrift findet sich im Text die häuslich-familiäre Ruf- oder Koseform des Namens, während in den deutschen Inschriften sich stets der korrekte offizielle Namen findet. Nach der Nennung des Namens wird das Todesdatum eingefügt. Es ist altjüdischer Brauch, die Toten so schnell wie möglich zu bestatten. Man wollte mögliche Gefahren durch die Verwesung, vor allem in heißen Klimazonen, vermeiden, machte es aber auch wegen der Ehre der Verstorbenen.

Das Datum des Todes ist in der hebräischen Inschrift selbstverständlich ganz nach dem jüdischen Kalender geschrieben. Eine Nennung des Geburtsdatums war früher nicht üblich. Mit der allmählichen Verbreitung einer deutschen Inschrift auf den Steinen wird wie selbstverständlich das bürgerliche Datum verwendet, wobei auch das Geburtsdatum genannt wird. Das Schema der Inschrift schließt auf jeden Fall mit einer Segensformel ab, die kurz oder lang ausfallen kann. Von vielen im Mittelalter üblichen Varianten, ist nur eine, die schon erwähnte, übrig geblieben: "Ihre/seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens". Über die Jahrhunderte hinweg sind die Inschriften keineswegs immer gleich geblieben. Sie haben sich in ihrem Stil den Zeitläufen angepaßt, waren knapper und nüchterner im Mittelalter als im wort- und ruhmesreichen Barock und nahmen mit Beginn des 19. Jahrhunderts an Länge und Formulierungskunst wieder ab.

Bei aller Formelhaftigkeit dringt aber immer wieder die ganz persönliche Trauer, die Liebe und das Lob auf den Verstorbenen durch die Texte hindurch. Die Friedhöfe in Westfalen und am benachbarten Niederrhein verfügen nicht über die Fülle und Vielfalt kunstvoller Inschriften wie die alten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit in Osteuropa. Doch findet sich auch hier viel Interessantes und Beachtenswertes; und Geschichten könnten sie alle erzählen.

Die Formel:
Dies ist der Gedenkstein von...
Dieses Mal zu Häupten...
Hier ist begraben (verborgen)...eine angesehene Frau...ein G'ttesfürchtiger Mann...
(es folgt die Lobrede)
Es ist Herr/Frau...
Name..., Tochter des Herrn..., Gattin des Herrn... oder Gattin des..., Tochter des.../der... Name..., Sohn des Herrn...
Er/Sie ging hin in seine/ihre Welt (Ewigkeit) am...
Er/Sie starb am...
Gestorben und begraben am...

Hier ist verborgen: Der Toragelehrte Herr Jizchak, Sohn des Toragelehrten Schlomo Zvi Hakohen.
Geboren am Ausgang des Schabbat, dem Zweiten Tag Neujahr 571.
Eingegangen in seine Ewigkeit am 4. Tag Mittwoch, dem Vorabend des Neujahrs 646 und Begraben am 1.Tag Sonntag.

Guten Lohn hat sein Wirken und Hoffnung gibt es für seinen Jüngsten Tag; Wohltätig war er, Grosszügigen Herzens, seiner Seele zum Verdienst.
Gutes vergalt er seiner Gefährtin, der Gerechten, der Gattin seines Bundes. Die Versammlung seiner Gemeinde und der Stadt seines Wohnsitzes leitet er in Rat und Weisheit; Einen Namen, Besser als Söhne und Töchter, erwarb er sich zur Ehre seines Schöpfers.
Dem Lehrer-Seminar zu Köln stiftete er segen aus seinem Vermögen; mit seiner Kehle ehrte er den Herrn in Chören mit Lauterer und Reiner Zunge. Früh und spät am jedem Tag setzte er Zeiten fest zum Studium der Lehre; Die Krone der Tora, des Priestertums und des guten Namens waren, auf seinem Haupte in Wohlgefallen stets verbunden die Lieblichkeit seines Wohltuns stehe uns bei in alle Ewigkeit.
Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.

Hier ist verborgen die angesehene und fromme Frau, Frau Esther, Tochter des Herrn Jehuda Hakohen, Gattin des Toragelehrten Herrn Jizchak Hakohen, sie stieg auf zur Höhe am 17.schewat 654.
Gattin eines Kohen, Zierde Ihres Gatten - Hoffnung gibt es für ihren jüngsten Tag; es trauerten und klagten die Vorübergehenden: Wir alle haben mit ihrem Verlust verloren; alle Tage des Lebens erwies sie dem Gatten ihrer Jugend Gutes
Hungrige sättigte sie mit Brot, Verbitterte erquickte sie mit dem Honig ihrer Worte; sie wußte ihrem Schöpfer wohlgefällig zu sein mit ihrem Gebet Morgens wie Abends nach Brauch und Sitte; das Haar ihres Hauptes verbarg sie züchtig, dass es sich nicht beim Ausgehen zeigte.
Goldgeschmeide und Silberreif stiftete sie, um die Säulen der Tora zu stützen; Geschlecht um Geschlecht soll ihre Taten loben, ihr Lob werde mit lauter Zunge verkündet.
Sie errichtete sich Zeichen und Namen in den Toren, von der Halacha ausgezeichnet; als Kohenet geboren, ward sie einem Kohen zugeführt, darum auch sind ihre Hände zum Segen ausgebreitet; siehe ebenso wird sie gesegnet sein und ihr Verdienst auf alle Ewigkeit bestehen.
die Lieblichkeit des Ewigen erschaue sie und tue uns allen Fürsprache in den Himmelshöhen, ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.

10. Die Symbole  

Jüdischer Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Bild: Der Jüdische Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke

Auf den Grabsteinen jüdischer Friedhöfe findet sich eine Vielzahl von Symbolen. Insbesondere zeichnen sich die Begräbnisplätze des osteuropäischen Judentums durch ihre reiche Bilderwelt aus. Im deutschsprachigen Raum sind die Darstellungen weniger variantenreich. Doch gibt es eine Reihe von Zeichen und Symbole, die im gesamten Judentum verbreitet sind. Die jüdische Religion verbietet die Abbildung menschlicher Gestalten, sie sind daher auf Grabsteinen nur sehr selten zu sehen. Als Ornamente finden sich häufig Pflanzenmotive, Tiere, mit dem Kult oder dem Beruf des Verstorbenen verbundene Gegenstände und auch allgemeine Symbole des Todes wie sinkende Schiffe, verlöschende Fackeln, abgeknickte Blumen, abgebrochene Bäume oder Säulen. Viele dieser letztgenannten Zeichen finden sich auch auf christlichen Friedhöfen, wurden von dort im Rahmen der Emanzipation und der Assimilierung übernommen. Sie entstammen oft der antiken Vorstellungswelt und wurden durch den Klassizismus allgemein beliebt.

Da die Frauen keine allgemeinen Aufgaben im religiös-rituellen Bereich wahrnehmen durften und auch keine Berufe ausübten, finden sich auf ihren Steinen keine funktional bezogenen Symbole, mit Ausnahme des Leuchters als Hinweis auf die Schabbatlichter, die von der Frau entzündet werden. Diese Darstellung ist jedoch weitgehend auf Osteuropa begrenzt. Die rein jüdischen Symbole und Ornamente nehmen Bezug auf Herkunft und Funktion der Verstorbenen. Zeichen, die sich eher auf Vergänglichkeit, Leid, Tod oder auch das Leben beziehen, finden auf Grabsteinen weniger Verwendung. Die Welt dieser Symbole und Ornamente ist von der der klassizistischen ganz verschieden. Alles bleibt auf das Leben der Verstorbenen bezogen, mehr oder weniger individuell. Die im christlich-bürgerlichen Bereich einsetzende Rückbesinnung auf das Erbe der Antike brachte bei der Symbolik einen einschneidenden Wandel.

Viele dieser Symbole sind universeller Art, das Leben, den Tod allgemein darstellend: Ehrenkränze, Sanduhren, Genien, nach unten zum Verlöschen gerichtete Fackeln, Efeuranken, Urnen, Schmetterlinge, gebrochene Säulen. Das Zeichen der Priestergräber sind die segnenden Hände mit den gespreizten Fingern, bei denen Daumen und Zeigefinger sich berühren. Genau genommen handelt es sich bei den Bestatteten nicht um Priester, sondern um Nachkommen der Priesterschaft aus der Zeit des Tempels (die Zugehörigkeit ist erkennbar an Namen wie Kohn, Kahn, Katz etc.). Mit erhobenen Händen segnen die Kohanim die Gemeinde mit dem "aronitischen SegenEs segne dich der Ewige und behüte dich, es lasse der Ewige sein Antlitz dir leuchten und gebe dir Gunst, es wende der Ewige sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden ... und sie sollen meinen Namen auf die Kinder Israels legen, und ich werde sie segnen." Einstmals täglich im Tempel, heute beschränkt auf Festtage und feierliche Anlässe. Doch seit der Zerstörung des Tempels üben sie keine weiteren kultischen Handlungen mehr aus. Die Gräber der Leviten, der Priestergehilfen, werden durch einen Krug bzw. eine Kanne, die Levitenkanne, symbolisiert. Die Leviten hatten im Tempel u.a. Reinigungsaufgaben wahrzunehmen. Ihre Nachkommen tragen oft Familiennamen wie Levi, Lewin, Löwe, Löwenthal o.ä. Die Kanne, auch in Verbindung mit einer Wasserschale, wird in verschiedenen Varianten dargestellt.


Der Davidstern, ein altes Symbol, das aus verschiedenen Kulturen bekannt ist, diente seit alters her als magisches Zeichen. Im Mittelalter nahm die Prager Gemeinde den Stern als Zeichen in ihr Wappen auf. Seit dem 18. Jahrhundert wird er zu dem Symbol des Judentums und kennzeichnet fortan viele Grabsteine. Der Davidstern, hebr. Magen David,das "Schild Davids", benannt nach König David, ist ein Hexagramm-Symbol mit religiöser Bedeutung. Der Davidstern gilt heute vor allem als das Symbol des Judentums und des Volkes Israel. Da Zweck und Verwendung des Hexagramms variieren, variiert auch die Deutung dieses Symbols. Zum Beispiel wird der Davidstern als symbolische Darstellung der Beziehung zwischen Menschen und G'tt interpretiert: Der Mensch hat sein Leben von G'tt erhalten (nach unten weisendes Dreieck), und der Mensch wird zu G'tt zurückkehren (nach oben weisendes Dreieck). Die 12 Ecken des Sterns sollen die 12 Stämme Israels darstellen. Außerdem stehen die sechs Dreiecke für die sechs Schöpfungstage. Das große Sechseck in der Mitte steht für den siebenten Tag (Ruhetag). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Magen David 1948 zum Emblem der Nationalflagge des neuen Staates Israel.

Die abgeknickte Blume oder der Baumstumpf sind auch im Judentum Symbole für die Endlichkeit des Lebens; oft auch ein Zeichen dafür, daß der Verstorbene aus der Blüte seines Lebens gerissen wurde. Diese Symbole finden sich auch auf christlichen Friedhöfen, von denen sie wohl übernommen wurden. Die Rabbiner oder Lehrer werden mit einem Buch als die Schriftgelehrten gekennzeichnet. Hin und wieder findet sich dieses Symbol auch bei Kantoren. Den Schreiber der Tora kennzeichnet eine Hand, die den Gänsekiel hält, aber auch Bücher. Die Krone ist das Zeichen der Tora. Die Torarolle in der Synagoge ist entweder mit zwei kleinen oder einer großen Krone geschmückt. Die Krone kann aber auch das Oberhaupt einer Familie bezeichnen. Häufig wurde sicherlich an einen Vers aus den Sprüchen der Väter gedacht: "Drei Kronen können den Menschen zieren: die Krone der Tora, des Priestertums, des Königtums, aber die des guten Namens überragt alle drei. Ein Messer auf dem Stein zeigt an, daß der Verstorbene das ehrenvolle Amt des Mohels, des Beschneiders, innehatte. Manchmal ist auch eine Hand zu sehen, die das Messer hält.


Die Rose ist kein rein jüdisches Zeichen. Sie findet sich sehr viel auch auf christlichen Grabsteinen. Häufig markiert sie das Grab eines früh verstorbenen Mädchens. Die Rose spielt in ihrer symbolischen Bedeutung eine besondere Rolle. Sie ist auch eines der häufigsten Motive auf vielen Gegenständen jüdischer Ritualkunst wie Chanukka- und Schabbatleuchter. Das Grab einer Frau schmückte man oft mit einem Leuchter, denn es gehört zu den Aufgaben der Frau, die Schabbatlichter zu entzünden. Auf vielen osteuropäischen Friedhöfen hatten die Frauen wie in den Synagogen eigene Bereiche. Bei einem Mann dachte man sicherlich an den Vers: "Eine Leuchte G'ttes ist die Seele des Menschen". Der Schmetterling gilt als Zeichen der Vergänglichkeit, des flüchtigen Lebens, symbolisiert aber auch die Unvergänglichkeit, die Verwandlung zu einem neuen Leben. Von seinem Ursprung her ein antik-hellenistisches Symbol, wurde es im späten 18. Jahrhundert wieder beliebter.

Der Schmetterling als Sinnbild der Psyche symbolisiert die in verschiedenen Metamorphosen beständige "unsterbliche Seele". Der Mann, dessen Grabstein mit einem Schofarhorn geschmückt ist, blies zu Neujahr und zum Versöhnungsfest das Schofar. Es ist eine schwierige Aufgabe, zugleich aber eine große Ehre. Zwei schnäbelnde Tauben gelten als Zeichen inniger Liebe. Das Tier steht häufig für die Versinnbildlichung des Vor- bzw. des Familiennamens der Verstorbenen. Der Löwe ist das Namenszeichen für Ari und Loeb (Leib), der Hirsch für Zwi und Hersch, der Bär für Dow und Ber und die Taube für Jona. Der Weinstock oder die Weinreben symbolisieren ein erfolgreiches Leben des Verstorbenen.

Ein in der jüdischen Kunst häufig anzutreffendes Motiv, die "Tafeln des Bundes" die Doppeltafeln, die für die Zehn Gebote stehen, sind allerdings auf Friedhöfen selten zu finden. Sie sind ursprünglich ein Element der christlichen Kunst des Mittelalters. Man sieht hier jedoch, wie christlicher Einfluß und der Wunsch, auf die Allgemeingültigkeit dessen zu verweisen, was das Judentum der Welt gegeben hat, die "Tafeln des Bundes". Es ließen sich weitere Symbole aufführen, die z.T. nur eine enge regionale Verbreitung gefunden haben wie die Sanduhr auf den Grabsteinen von Amsterdamer Juden. Die Friedhöfe des bürgerlichen deutschen Judentums, vor allem in den größeren Städten, zeigen von der Mitte des 19. Jahrhunderts an vielfach die gleichen Motive wie auf christlichen Friedhöfen. Die ursprünglich jüdische Grabmalskunst ist dadurch weitgehend aufgehoben worden.

Auf jüdischen Friedhöfen selten anzutreffen sind vollplastische Darstellungen, zumal von Menschen. Sie sind im religiösen Bereich selbst bei refomerischen und assimilierten Kreisen des 19. Jahrhunderts eine Ausnahme. Erste Auseinandersetzungen, ob es erlaubt sei ein Bild oder eine Fotografie des Verstorbenen am Grab anzubringen gab es bereits im 19. Jahrhundert. Die liberalere Auslegung hatte keine Probleme mit ihrer Zustimmung, da das Bild nur dazu diene, das Gedächtnis des Toten lebendig zu halten. Die Großplastik bleibt jedoch auf jüdischen Friedhöfen stets etwas außergewöhnliches, sieht man einmal von so weltstädtischen Friedhöfen wie Wien oder Budapest ab. Doch finden sich auch auf wenigen Friedhöfen Nordrhein-Westfalens eindrucksvolle plastische Darstellungen. Auf dem Friedhof zu Münster findet sich ein auch auf christlichen Friedhöfen verbreitetes, der industriellen Produktion entstammendes Motiv: eine junge Frau, die sich auf eine gebrochene Säule aufstützt. Die Friedhöfe in Düsseldorf, Dortmund und Krefeld weisen dagegen einige individuelle Auftragsarbeiten auf. Bekannte Künstler wie der Dortmunder Benno Elkan (1877-1960) und Leopold Fleischhacker haben dort ihre Spuren hinterlassen.

11. Auswahlliteratur zu jüdischen Friedhöfen  

  • Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1992 (Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984.
  • Bernhard Brilling, Der älteste mittelalterliche jüdische Grabstein Westfalens in: Westfalen 44, 1966, S. 212-217.
  • Michael Brocke, Hartmut Mirbach, Grenzsteine jüdischen Lebens. Auf jüdischen Friedhöfen am Niederrhein, Duisburg 1988.
  • Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift. Übersetzt von Leopold Zunz, Basel 1980 (deutsch-jüdische Übersetzung).
  • Der Davidstern. Zeichen der Schmach - Symbol der Hoffnung, hrsg. von Wolf Stegemann und S. Johanna Eichmann, Dorsten 1991.
  • Eva Grulms, Bernd Kleibl, Jüdische Friedhöfe in Nordhessen. Bestand und Sicherung, Kassel 1984.
  • Westfalia Judaica. Quellen und Regesten zur Geschichte der Juden in Westfalen und Lippe. Bd. I: 1005-1350, hrsg. von Bernhard Brilling und Helmut Richtering, 2. Aufl. mit Nachträgen von Diethard Aschoff, Münster 1992.
  • Monika Krajewska, Zeit der Steine. Einführung: Anna Kamienska, Warschau 1982.
  • Die Prager Judenstadt, Hanau 1990.
  • Peter Melcher, Weissensee. Ein Friedhof als Spiegelbild jüdischer Geschichte in Berlin, Berlin 1987.
  • Ruth Röcher, Tod, Bestattung und Trauer im Judentum in: Klaus Dietermann, Johanna Morgenstern-Wulff, Die jüdischen Friedhöfe im Kreis Siegen-Wittgenstein, Siegen 1991.
  • Hartmut Stratmann, Günter Birkmann, Jüdische Friedhöfe in Westfalen und Lippe, Düsseldorf 1987.
  • Alfred Udo Theobald (hrsg.), Der jüdische Friedhof. Zeuge der Geschichte - Zeugnis der Kultur, Karlsruhe 1984.
  • ... ein Zeuge sei dieses Steinmal. Jüdische Friedhöfe in Velbert. Eine Dokumentation, Velbert (o.J.)

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Andreas Jordan, Oktober 2007

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