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Die Euthanasie-Morde in der NS-Zeit oder "Aktion T4"

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Zwischen 1939 und 1941 wurden durch Ärzte und Pflegepersonen in Hadamar, Grafeneck und vier weiteren Anstalten insgesamt mindestens 70.273 Menschen ermordet. Hinzu müssen weiter diejenigen Toten aus Konzentrationslagern gezählt werden, die nach dem August 1941 bis 1943 zur Tötung in die Todesanstalten transportiert wurden. Hinzu müssen die individuellen Morde nach Gutachterverfahren in den "Kinderfachabteilungen" gezählt werden, denn die Mörder sind hier ja eindeutig Mediziner und Pflegepersonal. Weiter wurden durch medizinische "Versuche" Tausende KZ-Häftlinge ermordet. Nach den neuesten Schätzungen fielen dem "Krieg gegen die Kranken" etwa 260.000 Menschen zum Opfer.

Der Krieg gegen die Kranken - Phasen der NS-"Euthanasie"

Unterschieden werden heute nach Art der Steuerung die drei verschiedenen Phasen Kinder-, Erwachsenen- und dezentrale "wilde" Euthanasie. In den erhaltenen zeitgenössischen Quellen findet sich die Bezeichnung "Aktion T4" nicht. Dort wird vielmehr der Begriff "Aktion", beziehungsweise mit einem Kürzel für Euthanasie versehen "Eu-Aktion" oder "E-Aktion", verwendet. Die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde können somit grob in folgende Phasen differenziert werden:

1. "Kinder-Euthanasie" von 1939 bis 1945
2. "Erwachsenen-Euthanasie" von 1940 bis 1945

  • 1. "Aktion T4", die zentralisierten Gasmorde von Januar 1940 bis August 1941
  • 2. Dezentralisiert durchgeführte aber teilweise zentral gesteuerte "Medikamenten-Euthanasie" oder Tötung durch Unterernährung von September 1941 bis 1945

3. Invaliden- oder "Häftlings-Euthanasie", bekannt als "Aktion 14f13" von April 1941 bis Dezember 1944

  • 1. Erste Phase von April 1941 bis April 1944
  • 2. Zweite Phase von April 1944 bis Dezember 1944

4. "Aktion Brandt" von Juni 1943 bis 1945 (von der neueren Forschung jedoch nicht mehr direkt zum "Euthanasie-Komplex" gerechnet.)

NS-Krankenmorde - "Aktion T4"

NS-Tötungsanstalt Hartheim, Abholungsbus mit Fahrer. (Foto Hartheim-Prozess)

NS-Tötungsanstalt Hartheim, Abholungsbus mit Fahrer. (Foto Hartheim-Prozess)

"Wir erlauben uns hiemit, Ihnen mitzuteilen, dass wir auf Grund längerer Nachforschungen jetzt zum Ergebnis gekommen sind, dass auf dem Gebiete Österreichs in den Jahren 1941 – 1943 eine Ausbildung von Mördern in einer Anstalt, die als Tötungsanlage bestimmt war, stattgefunden hat. (...) Bei der Tötungsanlage in Österreich handelt es sich um das Schloss Hartheim bei Eferding in Oberösterreich." Mit diesen Worten beginnt ein Brief Simon Wiesenthals vom 14. Februar 1964 an den damaligen Bundesminister für Justiz, Dr. Christian Broda. Als Betreff zeigt der Brief "Ausbildung von Mördern (Mörderschule)". Im folgenden wird dargelegt, was in Schloss Hartheim als einer der NS-Euthansieanstalten geschah und dass das Personal dort schon auf seine spätere "Arbeit" im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" vorbereitet wurde.

Aktion T4

Die Euthanasiemorde in der NS-Zeit oder Aktion T4 ist eine nach dem Zweiten Weltkrieg gebräuchliche Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 100.000 Psychiatrie-Patienten und behinderten Menschen durch SS-Ärzte und -Pflegekräfte von 1940 bis 1941. Neben rassenhygienischen Vorstellungen der Eugenik sind kriegswirtschaftliche Erwägungen zur Begründung herangezogen worden. Gleichzeitig mit ersten kirchlichen Protesten wurden die Tötungen nach erfolgter "Leerung" vieler Krankenabteilungen nicht mehr zentral, sondern ab 1942 dezentral, weniger offensichtlich fortgesetzt.

Im Keller dieses Gebäudes in Pirna-Sonnenstein wurden in den Jahren 1940/41 13720 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen und mindestens 1031 Häftlinge aus Konzentrationslagern vergast.

Haus C 16 - In den Jahren 1940/41 Ort des nationalsozialistischen Massenmordes, Aufnahme von 1995, Harald Hauswald/OSTKREUZ, Bildarchiv der Stiftung Sächsische Gedenkstätten

Im Keller dieses Gebäudes in Pirna-Sonnenstein wurden in den Jahren 1940/41 13.720 Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung sowie mindestens 1.031 Häftlinge aus Konzentrationslagern vergast.

Für die "Aktion T 4" wurden verschiedene Tarngesellschaften gegründet, über die das "Euthanasie"-Programm abgewickelt wurde: In der "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" entwarf ein Ärzteteam Meldebögen und ärztliche Gutachten über Behinderungen. Die "Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft" organisierte die Verlegungstransporte - zumeist in grauen Bussen. Der "Allgemeinen Stiftung für Anstaltswesen" oblag das Personalwesen. Ende 1939 begann die Versendung der Meldebögen zur "planwirtschaftlichen Erfassung" der Anstaltspatienten. Es wurde nach Art der Krankheit, Dauer des Anstaltsaufenthalts und Arbeitsfähigkeit gefragt. Nur anhand der ausgefüllten Formulare entschieden dann je drei der etwa 30 Gutachter (Ärzte, Hochschullehrer und Anstaltsleiter) unabhängig voneinander über Leben und Tod der Patienten. Bei abweichenden Beurteilungen sprach ein Obergutachter das endgültige Urteil.

Mit den obengenannten Meldebögen an die einzelnen Anstalten zur Erfassung der in Betracht kommenden Menschen, wurde auch ein zweiter Meldebogen mit Fragen zu den Anstalten selbst, wie Baujahr, Größe, besondere Einrichtungen, Bahnanschluss und so weiter versandt. Auf diese Weise sollten Erkenntnisse über geeignete Anstalten für die Tötung der ausgewählten Opfer gewonnen werden.

Anfang Oktober 1939 besuchte Herbert Linden vom Reichsinnenministerium den Leiter des Württembergischen Gesundheitsdienstes im dortigen Innenministerium, Egon Stähle, und eröffnete ihm die Planungen der Reichsregierung zur Reduzierung erb- und geisteskranker Anstaltsinsassen, verbunden mit der Forderung, eine geeignete Anstalt in Württemberg zu benennen, in der die "Euthanasie" des genannten Patientenkreises durchgeführt werden könnte. Stähle schlug hierfür die Samariteranstalt Grafeneck in der Nähe von Marbach vor. Diese wurde am 12. Oktober 1939 beschlagnahmt, von allen Patienten geräumt und kurz darauf für den vorgesehenen Zweck umgebaut. Neben Büro- und Personalräumen wurde in einer 300 m vom Schloss entfernt stehenden Holzbaracke ein als "Duschraum" bezeichneter gasdichter Tötungsraum eingerichtet. Neben der Baracke wurden drei fahrbare Krematoriumsöfen installiert und die Anlage mit einem Bretterzaun abgeschirmt. Von der näheren Umgebung wurde die Einrichtung durch SS-Posten abgesichert. Im Januar 1940 nahm die Tötungsanstalt Grafeneck ihren "Betrieb" auf.

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Verschleiernde Begrifflichkeit

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden die Massentötungen unter der euphemistischen Überschrift "Euthanasie" oder "Aktion Gnadentod" vollzogen. Die "Aktion" wurde auch als Vernichtung lebensunwerten Lebens, NS-Krankenmorde bekannt. In der Nachkriegszeit war für das mittlerweile gebräuchliche Kürzel Aktion T4 namensgebend die Berliner Bürozentrale, eine Villa in der Tiergartenstraße 4. Während der NS-Zeit befand sich dort die Zentrale für die Leitung der Ermordung behinderter Menschen im gesamten Deutschen Reich.

Unterschieden werden heute in der Art der Steuerung drei etwas verschiedene Phasen: die Kinder-, die Erwachsenen- und die dezentrale "wilde" Euthanasie (im Gegensatz zur zentralen Steuerung). In den erhaltenen zeitgenössischen Quellen findet sich allerdings die Bezeichnung "Aktion T4" nicht. Dort werden vielmehr die Begriffe beziehungsweise Kürzel "Aktion" beziehungsweise "Eu-Aktion" oder "E-Aktion" verwendet (E als Chiffre für Euthanasie). Über lange Zeit stand das griechische Wort für den selbst gewählten "guten Tod" als die Selbsttötung, der Suizid. Durch die tausendfache Ermordung Kranker, Kinder oder Alter im Nationalsozialismus aus ökonomischen Erwägungen, lässt sich das Wort in Deutschland auf absehbare Zeit kaum ohne Verbindung zu dieser Verwendung benutzen. Im Gebiet des Deutschen Reiches wurden zwischen 1939 und 1941 sechs Euthanasie-Tötungsanstalten errichtet:

GrafeneckGomadingenBaden-Württemberg20. Januar 1940 bis Dezember 1940
BrandenburgBrandenburg an der HavelBrandenburg8. Februar 1940 bis Oktober 1940
HartheimAlkoven bei LinzOberösterreich6. Mai 1940 bis Dezember 1944
SonnensteinPirnaSachsenJuni 1940 bis September 1942
BernburgBernburg (Saale)Sachsen-Anhalt21. November 1940 bis 30. Juli 1943
HadamarHadamar bei LimburgHessenJanuar 1941 bis 31. Juli 1942

Die "Euthanasie"-Anstalt Bernburg löste im Herbst 1940 Brandenburg ab, Hadamar die Mordanstalt Grafeneck. In den von Deutschland annektierten Gebieten Nord- und Westpolens (Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland) gab es weitere Tötungsanstalten, die aber zunächst nicht der Berliner Zentrale (T 4) unterstanden. (zum Beispiel die Heilanstalt Owinska und Poznan Fort VII). Die T4-Organisatoren Viktor Brack und Karl Brandt ordneten an, dass die Tötung der Kranken ausschließlich durch das ärztliche Personal erfolgen durfte, da sich das Ermächtigungsschreiben Hitlers vom 1. September 1939 nur auf Ärzte bezog.

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Ablauf der Vernichtung

Ablauf über Erfassung, Begutachtung, Abtransport, Tötung, Verbrennung mit Verschleierung, Irreführung und Bereicherung:

1. Anstalt, Heim: Bürokratische Registrierung in Listen und Karteikarten, Selektion unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsunfähigkeit durch Gutachter (Mediziner außerhalb der Anstalten). Die Anstalt erhielt eine Liste der zum Abtransport vorgesehenen Personen, mit Datum und der genauen Angabe, was mitzugeben ist, zwecks Bereicherung.

2. Transport in Zwischenanstalten. Dies sollte den Endpunkt des Transports verschleiern und diente als Puffer bei Überfüllung der Tötungsanstalten. Meistens wurden die Bus-Transporte zentral gesteuert. Nur in Einzelfällen gab es Transporte im öffentlichen Verkehrssystem. Begleitpersonen der Ursprungseinrichtung mussten hier umkehren.

3. Transport von der Zwischenanstalt zur Tötungsanstalt entsprechend der dort vorhandenen Tötungskapazität.

4. In der Tötungsanstalt: massenweise Ermordung durch Gas, auch durch Spritze, Gift, Unterernährung, Kälte, Misshandlung, "Hinrichtung".

5. Danach dort Beseitigung der Leichname meist durch Verbrennen. Bei zuvor eigens markierten Personen war vorhandenes Zahngold auszubrechen und damit zur Bereicherung der Institution beizutragen.

6. Bürokratische Abwicklung in separaten Standesämtern der Tötungsanstalten mit serienweiser Erstellung von gefälschten, aber amtlichen Todesurkunden, wobei z.B. Hartheim den Briefkopf von Brandenburg verwendete, und umgekehrt, so dass Angehörige an ein Versterben in der fehlgenannten sehr weit entfernten Anstalt glauben mussten; und damit persönliche Besuche und Nachschauversuche vor Ort fehlgeleitet wurden und weitere Reklamationsversuche von Angehörigen mit weiten Reisen erschwert wurde. Möglicher Widerstand oder auch nur Aufwand mit Nachfragen wurde so von Anfang an klein gehalten. Es gab ein Kurierdienstauto eigens für die Aktenverschiebungen zwischen den Anstalten, weil z.B. erfundene Akten aus Hartheim, in Brandenburg mit Briefkopf der Anstalt Brandenburg, bei dortigen Postamt eingeliefert wurden.

7. Bereicherung der Anstalten, indem für Quartier, Kost und Pflege über Wochen und Monate Rechnungen an den Kostenträger erstellt wurden, obwohl die Personen sofort bei ihrer Ankunft getötet worden waren. Auch Irreführung der Angehörigen mit damit erfundenen Krankengeschichten mit Anhaltspunkten für die genannten natürlichen Todesursachen einer angeblich länger andauernden Krankheit.

8. Irreführung der Angehörigen durch Zusendung von Urnen mit Verbrennungsasche, aus der genannten weit entfernten Anstalt, mit Asche, die nicht mit der Asche der getöteten Person identisch war. Weitere Bereicherung der Anstalten durch Verrechnung angeblich damit verbundener Kosten.

Als Zwischenlager im genannten Sinn dienten für jede Tötungsanstalt jeweils zwei bis vier Anstalten (zumeist staatliche Psychiatrien) im weiteren Umfeld der Tötungsanstalten.

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In Grafeneck begann der industrielle Massenmord

Bild: Dieser Schuppen wurde von Hackenholt und anderen zur Gaskammer von Grafeneck umgebaut

Bild: Dieser Schuppen wurde von Lorenz Maria Hackenholt und anderen zur Gaskammer von Grafeneck umgebaut

Die erste Gaskammer der Nationalsozialisten wurde in Grafeneck von Hackenholt und anderen in einem alten Bus-Schuppen installiert. Man kaufte von der Berliner Firma Heinrich Kori zwei tragbare Öfen (Krematorien) und installierte sie in eine hölzerne Baracke in unmittelbarer Nähe. Mehr als 10.000 psychisch kranke Patienten wurden so durch die erste "Tötungsmaschine" der Nationalsozialisten getötet. Getötet von Kohlenmonoxid-Gas, welches aus Stahlzylindern in den hermetisch verschlossenen Schuppen geleitet wurde. Von Anfang 1940 bis zum Sommer 1941 war Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen in allen sechs Tötungsanstalten "aktiv", sowohl als Fahrer und auch als Verantwortlicher für die einwandfreie Funktion der Tötungsapparaturen, kurz, als Mörder. Hackenholt war auch für die Verbrennung der Leichen und Entaschung der Öfen zuständig.

"Geheime Reichssache" auf der Alb

10.000 Menschen starben zwischen Januar und Dezember 1940 in einer Gaskammer Gomadingen - Oft lag schon Dunkelheit über der Schwäbischen Alb, wenn die Todgeweihten in Grafeneck eintrafen. In grauen Bussen wurden psychisch Kranke und geistig Behinderte an den entlegenen Ort gebracht. Möglichst unauffällig sollte alles vor sich gehen. Denn was auf dem Höhenzug bei Reutlingen hinter einem stacheldrahtbewehrten Zaun geschah, war so grausam, dass es zur "Geheimen Reichssache" erklärt wurde: Zwischen Januar und Dezember 1940 wurden in Grafeneck mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Zum Gedenken an die 10.654 ermordeten Menschen in Grafeneck

Zum Gedenken an die 10.654 ermordeten Menschen in Grafeneck.

Qualvoll kamen die Geisteskranken in einer Gaskammer zu Tode. Auf der Schwäbischen Alb begann damit der erste industrielle Massenmord der Nationalsozialisten. Er sollte zum Vorbild werden für die Vernichtungslager im Osten. Januar 1940: In Grafeneck trifft der erste Transport ein. Noch zwei Monate zuvor diente das Schloss als Heim für "krüppelhafte Männer". Doch wo bislang Behinderte gepflegt wurden, werden sie nun ermordet. Die neuen Herrscher von Grafeneck haben dazu einen Schuppen auf dem Schlossgelände zur Gaskammer umgebaut ­ vor ihren Opfern sprechen sie von einem Duschraum. Kommt ein neuer Transport in Grafeneck an, werden die Geisteskranken sofort ausgezogen, gemessen und fotografiert. Schnell soll alles gehen. Der letzte Weg führt die wehrlosen Kranken in die Gaskammer. Ist die Tür fest versperrt, lässt ein Arzt von außen Kohlenmonoxid-Gas einströmen. Binnen elf Monaten sterben 10.654 Menschen in der Gaskammer von Grafeneck.

Der Massenmord ist sorgfältig geplant. Nur wenige Meter vom Vergasungsschuppen entfernt wird ein Krematorium eingerichtet. Sogar ein eigenes Standesamt erhält Grafeneck ­ damit die ungeheure Zahl der Todesfälle keinen Standesbeamten in der Umgebung aufschreckt. Die Planer dieser Tötungsbürokratie sitzen in Berlin, und zwar in der Tiergartenstraße 4 daher die Bezeichnung "Aktion T4". Unter diesem Tarnnamen wird zunächst in Grafeneck gemordet. Insgesamt fallen dem Rassenwahn weit mehr als 100.000 Geisteskranke zum Opfer ­ in den Augen der Nationalsozialisten "lebensunwertes Leben".

Von einem "Gnadentod" für "unheilbar Kranke" spricht Adolf Hitler beschönigend in einem Ermächtigungsschreiben, mit dem er 1939 die "Aktion T4" in Gang setzt. Doch die Opfer wissen, was tatsächlich geschieht ­ so wie Theodor K., der in Grafeneck stirbt. Ehe der Schizophrene zusammen mit 74 anderen Patienten in die Gaskammer getrieben wird, schreibt er noch das Wort "Mörder" auf einen Keks. Seine Eltern erhalten die verzweifelte Nachricht mit dem Nachlass.

Zum Gedenken an die Opfer der NS-Krankenmorde

Zum Gedenken an die Opfer der NS-Krankenmorde

Während der "Aktion T4" wurden aus ganz Süddeutschland psychisch Kranke und geistig Behinderte nach Grafeneck gebracht. "Gegenwehr, beispielsweise von den Heimleitungen, gab es aber nur in Einzelfällen", sagt der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle. "Es gab wenige, die dagegen vorgegangen sind, und es gab wenige, die es extrem befürwortet haben. Die überwiegende Mehrheit hat einfach mitgemacht." Auch in der Umgebung von Grafeneck erregten die Transporte rasch Aufsehen. "Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr", notierte SS-Chef Heinrich Himmler. Im Dezember 1940 wurde Grafeneck geschlossen. Für die Nazis hatte die Tötungsanstalt nach elf Monaten ihren Zweck erfüllt: Als "Anstalt A" war Grafeneck Modell für den systematischen Mord an Behinderten ­ und später für den Völkermord an den Juden.

"Die Aktion T4 war die Generalprobe dafür, unerwünschte Menschen zu vernichten", sagt der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Prof. Wolfgang Benz. Von Grafeneck führe eine direkte Verbindungslinie zum Mord an über 6 Millionen Juden: "Das Personal der sogenannten "Aktion T4" baute später die Vernichtungslager in Polen auf."

Lange Zeit wurden die Gräuel von Grafeneck verdrängt. Erst in den 1960er Jahren entstand in der Nähe des Schlosses eine Gedenkstätte. Bis 1982 sollte es dauern, ehe auch eine Gedenktafel an die Opfer erinnerte. Nach und nach wuchs die Gedenkstätte zum Erinnerungsort für die Opfer des Behindertenmords. Seit vor rund zwei Jahren ein Dokumentationszentrum eröffnet wurde, ist das Interesse an Grafeneck sprunghaft gestiegen; mehr als 10.000 Gäste zählte die Gedenkstätte im vergangenen Jahr. Rund um das Schloss begegnen die Besucher immer wieder geistig Behinderten und psychisch Kranken. Denn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Grafeneck wieder zum Pflegeheim. Für hilfebedürftige Menschen ist Grafeneck wieder ein Ort des Lebens.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten Online, 18. Januar 2008
Bilder Privat

Tötungsvorgang am Beispiel der Tötungsanstalt Grafeneck

Auszug aus dem Band "Euthanasie im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940" der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart Januar 2000:

"Nach Eintreffen des Transports in Grafeneck wurden die eingelieferten Menschen in die Aufnahmebaracke geführt, dort vom Schwesternpersonal in Empfang genommen, entkleidet, gemessen, gewogen, fotografiert und dann zur Untersuchung gebracht. Diejenigen Personen, die Goldzähne besaßen, wurden besonders gekennzeichnet. Schließlich führte man die Menschen den Ärzten zur letzten Untersuchung vor. In manchen Fällen wurden dabei Beruhigungsspritzen gegeben, in den weitaus meisten Fällen dauerte die Untersuchung nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. In Grafeneck nahmen sie die Ärzte Dr. Schumann, Dr. Hennecke und ab April Dr. Baumhard vor. Sie diente aber in der Regel nicht dem Zweck einer nochmaligen Überprüfung des Krankheitszustandes, um sozusagen auf diese Weise eine letzte Auswahl zu treffen, sondern sie wurde dazu benutzt, die sachliche und personelle Richtigkeit der vorgestellten Menschen zu überprüfen und auffallende Kennzeichen zu notieren, die für die Erstellung einer späteren Todesursache von Bedeutung sein konnten. [...]

Nachdem die Untersuchung abgeschlossen war, setzte sich der Zug der Ahnunglosen in Bewegung. Den jetzt nur noch spärlich Bekleideten wurde zum Teil ein alter Militärmantel übergeworfen, dann ging es durch ein Tor im Bretterzaun, vorbei am rauchenden Krematorium, zum Todesschuppen. Die Tötung erfolgte durch Kohlenmonoxidgas, das der Anstaltsarzt durch Bedienen eines Manometers in den Vergasungsraum einströmen ließ. Die erforderlichen Stahlflaschen lieferte die Firma Mannesmann, die Befüllung besorgte die IG Farben-Industrie (BASF) im Werk Ludwigshafen. Beim Betreten des Vergasungsraumes wurden die Kranken, maximal 75 Personen, nochmals gezählt, sodann die Tore geschlossen.

Anfangs schienen einige Opfer noch geglaubt zu haben, es gehe tatsächlich zum Duschen, andere begannen sich im letzten Augenblick zu wehren und schrien laut. Die Zufuhr des Gases betrug in der Regel etwa 20 Minuten; sie wurde eingestellt, wenn sich im Vergasungsraum keine Bewegung mehr feststellen ließ. […] Geraume Zeit nach der Vergasung öffneten Hilfskräfte, die Gasmasken trugen, die Flügeltore. Ihnen bot sich in der Regel ein schrecklicher Anblick: Die Körper der Toten und der Boden waren mit Stuhl, Menstruationsblut und Erbrochenem beschmutzt, manche Leichen waren ineinander verkrallt und mussten mit Gewalt voneinander getrennt werden. Das Personal, welches die Krematoriumsöfen bediente, manchmal auch "Brenner" genannt, war auch zuständig für den Abtransport der Leichen zu den Öfen […]. Vorher wurden den mit einem Kreuz bezeichneten Patienten die Goldzähne ausgebrochen und bei der Verwaltung abgeliefert; das so gewonnene Rohmaterial wurde so dann bei DEGUSSA (Siehe unten) zu Feingold verarbeitet."

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Opferzahlen der T4-Tötungsanstalten 1940–1941

Eine erhalten gebliebene interne T4-Statistik überliefert die genauen Zahlen der in den sechs "Anstalten" 1940 und 1941 bis zum 1. September 1941 "desinfizierten" (vergasten) Menschen:

Anstalt19401941Summe
A (Grafeneck)9.839--9.839
B (Brandenburg)9.772--9.772
Be (Bernburg)--8.6018.601
C (Hartheim)9.6708.59918.269
D (Sonnenstein)5.9437.77713.720
E (Hadamar)--10.07210.072
gesamt35.22435.04970.273

Personelle Kontinuitäten

Mit der "offiziellen Einstellung" der "Erwachseneneuthanasie", nach Protesten der Kirchen, verfügte Hitler am 24. August 1941, dass die in den insgesamt sechs Tötungsanstalten zentralisierte "Euthanasie" eingestellt und in eine dezentralisierte übergeführt wurde, die noch wesentlich mehr Opfer forderte, als die "Aktion T4". Außerdem wurde in den drei Tötungsanstalten Bernburg, Sonnenstein und Hartheim die als "Aktion 14f13" bezeichnete Tötung von kranken beziehungsweise nicht mehr arbeitsfähigen KZ-Häftlingen durchgeführt.

Das freiwerdende Personal der anderen Tötungsanstalten wurde zur personellen Basis für die zeitgleich anlaufende Durchführung der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" (Shoa), die ihren Höhepunkt mit der "Aktion Reinhardt" in den Jahren 1942/43 fand und zur Tötung von etwa 1,7 bis 1,9 Millionen Juden in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka führte. Insgesamt über 100 der in der "Euthanasie" ausgebildeten und tätigen Beschäftigten stellten das "Fachpersonal" für die Durchführung der "Endlösungs"-Maßnahmen. Beispielhaft werden nachstehend einige der bekanntesten Namen aufgeführt:

Dr. Irmfried Eberl, Leiter der Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg wird erster Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka

Franz Stangl, stellvertretender Büroleiter in den Tötungsanstalten Hartheim und Bernburg wird Lagerkommandant von Sobibor und Treblinka

Kurt Hubert Franz, Küchenchef in Grafeneck, Brandenburg, Hartheim und Sonnenstein wird stellvertretender und dann letzter Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka

Dr. Horst Schumann, Leiter der Tötungsanstalten Grafeneck und Sonnenstein führte im KZ Auschwitz Experimente für Massensterilisierungen mittels Röntgenstrahlung an Häftlingen durch

Christian Wirth, Kriminalkommissar und SS-Obersturmbannführer, Büroleiter in Grafeneck, Hadamar und Hartheim wird erster Kommandant des Vernichtungslagers Belzec und später Inspekteur der SS-Sonderkommandos "Aktion Reinhardt"

Josef Oberhauser, Arbeiter im Krematorium von Grafeneck, später Adjutant von Christian Wirth bei der "Aktion Reinhardt"

Erwin Lambert, Maurermeister, der den Umbau der T4-Tötungsanstalten und den Einbau der Gaskammern vornahm, errichtete auch die Gaskammern in Sobibor und Treblinka.

Franz Reichleitner, Vertreter Stangls in Hartheim wird dessen Nachfolger als Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor.

Josef Vallaster, Arbeiter, Oberbrenner in Hartheim, danach Aufseher im Lager III mit Vergasung und Verbrennung in Sobibor.

Lorenz Hackenholt, Fahrer (u. a. von Viktor Brack und August Becker, dem Chemiker und Gasbeschaffer der Aktion T4) und "Leichenbrenner" in allen Tötungsanstalten der Aktion T4. Bei der "Aktion Reinhardt" Planer der Gaskammer und Verantwortlicher für deren Betrieb im Vernichtungslager Belzec. Später auch in Sobibor und Treblinka sowie bei der Sonderabteilung "Einsatz R" in Triest.

T4-Mörder 1944 in Triest/Italien.

T4-Mörder 1944 in Triest/Italien. Vierter v. l.: Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen

Am 24. August 1941 stoppte Hitler das T4-Programm "offiziell", jedoch ging das Morden unvermindert in einer zweiten Phase bis 1945 weiter. Nun waren auch Insassen von KZs ("Aktion 14f13"), Behinderte in den eroberten Gebieten im Osten und sonstige verbliebene Anstaltsinsassen betroffen. Die Menschen wuden systematisch durch vorsätzlich überdosierte Gaben von Medikamenten, vorsätzlich herbeigeführte Erschöpfungszustände und chronische Unterernährung ermordet. (z.B. in Meseritz-Obrawalde) Man brauchte "freie Betten" in den Heilanstalten für die zunehmende Zahl deutscher Verwundeter ("Aktion Brandt" - Die Aktion Brandt war ein nationalsozialistisches Programm, welches ab etwa 1943 dazu diente, Bettenplätze für Ausweichkrankenhäuser und Lazarette zu schaffen. Hierzu wurden Patienten der Heil- und Pflegeanstalten verlegt und getötet. Die nach dem Bevollmächtigten für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Karl Brandt benannte Aktion trat damit die Nachfolge der "Aktion T4" an.)

Zwischen Ende Oktober 1941 und Sommer 1942 wurden die meisten der an den T4-Massenmorden Beteiligten, darunter auch Lorenz Hackenholt aus Gelsenkirchen, nach Lublin geschickt, um nunmehr aufgrund ihrer "gesammelten Erfahrungen" beim T4-Massenmord die drei Vernichtungslager der "Aktion Reinhard" aufzubauen und zu betreiben. Die T4-Angehörigen Wirth, Stangl und Eberl wurden die ersten Kommandanten der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Wirth wurde Inspekteur der "Aktion Reinhard".

Gegen Ende 1943, nach Erledigung ihres Mordauftrages in Polen, wurden die meisten T4-Männer nach Norditalien versetzt. Sie wurden dort zur Vernichtung der verbliebener Juden und zur Partisanenbekämpfung. Viele von ihnen tauchten wieder auf im KZ San Sabba in Triest. Bei Kriegsende in Italien zerstreute sich die Gruppe in alle Himmelsrichtungen.

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Die DEGUSSA im Dritten Reich

Die DEGUSSA war stark in die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes verwickelt. Unter anderem in die Verfolgung und Beraubung der Juden, in die Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, in die Zwangs- und Sklavenarbeit und in die fabrikmäßige Massenvernichtung der Juden. Eine ihrer Tochterfirmen (DEGESCH – "Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung mbH") lieferte Zyklon B, mit dem Juden in Auschwitz vergast wurden. In den Schmelzöfen der DEGUSSA wurde auch Zahngold ermordeter Juden verarbeitet. Berichten zufolge soll DEGUSSA spaltbares Material für das deutsche Atomprojekt beschafft haben.

Beteiligung an Zyklon-B-Herstellung

DEGUSSA war formal gesehen nur indirekt an der Produktion von Zyklon B beteiligt. Das Patent für die hochgiftige Substanz wurde für die "Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung mbH" (DEGESCH) beantragt. DEGESCH gehörte zu 42,5 % DEGUSSA. Ab 1924 wurde Zyklon B als Schädlingsbekämpfungsmittel im Auftrag und auf Rechnung der DEGUSSA bei den Dessauer Zuckerraffinerie GmbH hergestellt und über die DEGESCH u. a. an Tesch & Stabenow geliefert. Tesch & Stabenow, Hamburg war von 1941 an für die Lieferungen an das Konzentrationslager Auschwitz zuständig, ab 1943 lieferte auch die DEGESCH direkt nach Auschwitz.

DEGUSSA beauftragte 1997 den amerikanischen Historiker Peter Hayes zur Aufarbeitung der Firmengeschichte während des Dritten Reiches. Das Buch "Die DEGUSSA im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft" (engl. Originattitel: "From Cooperation to Complicity: DEGUSSA in the Third Reich") von Peter Hayes erschien 2004.

Quellen: Wikipedia
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
Verrückte Welten, Behinderte und Heilfürsorge in Westfalen. 2002, Schmallenberg-Holthausen. ISBN: 3-9803156-8-1
deathcamps.org


Andreas Jordan, September 2008

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