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Bücherverbrennung in Gelsenkirchen


Am 10. Mai 1933 drangen SA-Männer, NS-Studenten und Polizisten in öffentliche und private Bibliotheken in Deutschland ein, schleppten die von Hitler verteufelten Bücher auf die Straße und warfen sie auf Scheiterhaufen: 25.000 Bücher wurden in Berlin und anderen deutschen Hochschulstädten verbrannt, so auch in Gelsenkirchen.

"Das war ein Vorspiel nur, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

Heinrich Heine (Tragödie "Almansor", 1820)

Nächtliche Versammlungen, lodernde Flammen, markige "Feuersprüche", verbotene Literatur auf riesigen Scheiterhaufen - die Bücherverbrennungen 1933 wurden mit theatralischen Mitteln in Szene gesetzt. Dies war eine von langer Hand vorbereitete Propaganda-Inszenierung der Studentenschaften vieler Hochschulen und keine spontanen Aktionen.

Bücherverbrennung 1933 in Deutschland

Bücherverbrennung 1933 in Deutschland

Zwischen März und Juni 1933 fanden im Rahmen der NS-Kampagne "Wider den undeutschen Geist" in deutschen Städten öffentliche Bücherverbrennungen statt. Ihren Höhepunkt erreichen diese Aktionen am 10. Mai 1933. Der nationalsozialistischen Führung genügt es nicht, die politische Opposition und die kritische Presse auszuschalten. Sie verspricht eine "geistige Erneuerung" der deutschen Kunst und Literatur. Nationalsozialistische Studenten "säubern" mit Hilfe von "Schwarzen Listen" öffentliche und private Bibliotheken. In öffentlichen Inszenierungen werden unter anderem Werke von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann und Kurt Tucholsky und verbrannt. Künstler und Autoren, deren Ansichten und Werke nicht ins NS-Weltbild passen, erhalten Berufsverbot. Das Ausmaß der "Säuberungen" in der Gelsenkirchener Bücherei lässt sich ungefähr aus den bis 1936 geführten Bibliotheksstatistiken ersehen. Lag die Zahl der "natürlichen" Aussonderungen alter Bücher 1932 bei 82 Bänden, so wurden 1933 1284 Abgänge verzeichnet. Für 1934 vermerkt der Verwaltungsbericht insgesamt 480 als "ungeeignet" aus dem Verkehr gezogene Bücher. 1935 wurden weitere 1158 Einheiten aussortiert, wobei nicht zwischen Aussonderungen aus politischen und bibliotheksinternen Gründen unterschieden wurde. 1936 schließlichwurden noch einmal 469 "ungeeignete" Bände beseitigt.

An der ersten Sitzung des Büchereiausschusses am 27.6.1933, der weiterhin von Magistratsrat Große-Boymann geleitet wurde, nahmen der Gauinspekteur und Schriftleiter der "National-Zeitung" Bergemann sowie die Lehrer Diestelkamp (NSDAP) und Hörster teil. Der Abgeordnete des Zentrums, Vikar Hohn, fehlte ohne Angabe von Gründen; der Vertreter der Christlich Sozialen Reichspartei Kocks verzichtete auf die Wahrnehmung seines Mandats im Büchereiausschuss ebenso wie im Volksbildungsausschuss. Die parlamentarische Kontrolle der städtischen Bücherei war somit mehrheitlich auf die Nationalsozialisten übergegangen. Der kulturpolitisch orientierungslose Große-Boymann hatte bereits in seinem Rechenschaftsbericht vor dem Volksbildungsausschuss am 11.5.1933 den Wunsch zum Ausdruck gebracht, möglichst rasch eine KfdK-Ortsgruppe einzurichten, um eine verlässliche nationalsozialistische Organisation als kulturideologische Orientierungshilfe zu haben, und opponierte deshalb auch nicht gegen den neuen Kurs des Büchereiausschusses. Dieser beschloss als erste Maßnahme, die bereits laufende Bestandsrevision der Stadtbibliothek mit offiziellem Mandat fortzusetzen; im Sitzungsprotokoll hieß es dazu: "Mit der Aussonderung weiterer Bücher wurde fortgefahren. Die Werke in der Anlage A durchgestrichener Schriftsteller sollen (...) nicht mehr ausgeliehen werden.

Die Werke: Lion Feuchtwanger - Ernst Glaeser - Arthur Holitscher - Alfred Ken - Egon Erwin Kisch - Emil Ludwig - Heinrich Mann - Ernst Ottwalt - Theodor Plivier - Erich Maria Remarque - Kurt Tucholsky (...) - Arnold Zweig werden vorab ab in den Feuerungen der Heizanlage der Bücherei, unter Aufsicht des Stadtbibliothekars Otto Wohlgemuth verbrannt. (...) Insgesamt wurden 395 Bücher, 20 Zeitschriften und 14 Zeitungen ausgeschieden.

Stadtbibliothekar war zu dieser Zeit noch Otto Wohlgemuth, der allerdings bereits am 30. März seine Kündigung erhalten hatte. Als Begründung für die Entlassung des einst von Oberbürgermeister Zimmermann protegierten Arbeiterdichters hieß es lediglich: "Die heutigen politischen Zeitverhältnisse bedingen einerseits eine Umstellung auch innerhalb der Stadtverwaltung und gebieten andererseits große Sparsamkeit auch auf personellem Gebiete. Dabei erwies sich das Argument, man müsse den Leiter der Bibliothek entlassen, um Personal zu sparen, als vorgeschoben, da der Posten bald neu besetzt wurde. Wohlgemuths Nachfolger wurde der Buchhändler Heinrich Schiffer.

Schiffer, 1891 in Gelsenkirchen als Sohn eines Bergmanns geboren, hatte eine kaufmännische Lehre absolviert und in den 1920er Jahren ohne dauerhaften Erfolg eine Buchhandlung in Buer betrieben.(...)

Auch wenn man die politisch motivierten Aussonderungen 1933 und 1935 statistisch nicht genau erfassen kann, lassen die Zahlen von 1934 und 1936 doch eine ungefähre Schätzung des Prozentanteils des beanstandeten Buchbestandes zu: Am Ende des Rechnungsjahres 1932 verfügte die Bibliothek über einen Gesamtbestand von 1940 Bänden,642 von denen etwa 10% aus politischen Gründen ausgemustert wurden. Das große Ausmaß der Vernichtungsaktion wurde auch öffentlich zugegeben. So gab die "Buersche Volkszeitung" vom 7.11.1934 die Paraphrase einer Ansprache Große-Boymanns wieder, die er zur Feierstunde der "Woche des Deutschen Buches" in Buer gehalten hatte und in der er sich zur bisherigen Bibliothekspolitik wie folgt äußerte: „Als im vorigen Jahr die Reinigung der öffentlichen Büchereien vorgenommen worden sei, da habe man namentlich in der Gelsenkirchener Stadtbücherei erheblich weniger dagegen in der Buerschen Stadtbücherei - feststellen können, mit wieviel Erfolg die marxistisch-kommunistisch-bolschewistische Weltanschauung auch bereits in die Bestände des öffentlichen Büchereiwesens eingedrungen war. Alles zersetzende Schrifttum sei damals den Weg ins Feuer gegangen." Dabei hatte man in Gelsenkirchen relativ rasch die pathetische, an den Bücherverbrennungen in Deutschlands Universitätsstädten orientierte Beseitigung unliebsamer Bücher im Heizungskeller der Bücherei aufgegeben und war zu einer kostengünstigeren Art der Büchervernichtung übergegangen. Der Büchereiausschuss hatte nämlich bereits am 23. November 1933 beschlossen, die ausgesonderten Werke zunächst "unbrauchbar" zu machen und dann als Altpapier zu Verkaufen.

Auf der selben Sitzung wurden auch erste Richtlinien zur Neuanschaffung "national wertvoller" neuer Werke beschlossen, die die entstandenen Lücken im Buchbestand kompensieren sollten: "Die in anliegendem Verzeichnis aufgeführten Bücher sind dringend erforderlich und zu beschaffen. Die Freigabe der erforderlichen Mittel ist zu beantragen. Zwar hat sich diese erste Anschaffungsliste nicht erhalten, doch bietet ein 1934 veröffentlichter Sonderkatalog der Bibliothek, der den Lesern den Zugang zur Literatur der neuen Zeit eröffnen sollte, einen programmatischen Einblick in die Ankaufspolitik der gleichgeschalteten Bücherei und wirft ein Licht auf die Vorstellungen der lokal und überregional Verantwortlichen von NS-konformer Literatur. In den Oberkategorien "Staat und Wirtschaft" sowie "Kultur und Volkstum" verzeichnete der Katalog rund 250 Titel. Unter "Staat und Wirtschaft" fanden sich zunächst explizit politische Werke, wie "Mein Kampf, einige Schriften Rosenbergs oder Goebbels-Reden, Abhandlungen zur Geschichte des Nationalsozialismus sowie themenbezogene Darstellungen zum Verhältnis des Nationalsozialismus zu Wirtschaft, Technik etc. Daneben waren in dieser Kategorie auch belletristische Werke verzeichnet, die offenbar als staatspolitisch relevant verstanden wurden, etwa Schenzingers "Hitlerjunge Quex" oder die völkisch-nationale Kriegsprosa Ernst Jüngers, Werner Beumelburgs oder Walter Flex. Unter "Kultur und Volkstum" fanden sich zunächst pseudowissenschaftliche rassenkundliche oder kulturhistorische Traktate wie Chamberlains "Grundlagen des 19. Jahrhunderts", Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" oder Hans Günthers "Rassenkunde des deutschen Volkes".

Daneben waren aber auch belletristische Titel (etwa Hans Grimms) aufgeführt sowie Abhandlungen zur Geschichte, Literaturgeschichte und zum Auslandsdeutschtum, wobei mit Wilhelm ilthey oder Georg Dehio durchaus auch nicht völkisch-nationalistische Autoren im Sonderkatalog auftauchten. Die Liste vermerkte keine Anschaffungsdaten der Bücher, doch deutet die Tatsache, dass fast alle diese Werke in beiden Zweigstellen vorhanden waren, darauf hin, dass zumindest die Dubletten der vor 1933 in Gelsenkirchen sicherlich nicht sehr gefragten Traktate Neuerwerbungen aus der Zeit nach der Machtübernahme darstellten. Zudem deckte sich die inhaltliche Tendenz der in dieser Liste verzeichneten Bücher mit der erhaltener Neuanschaffungslisten aus den Jahren 1935 und 1940 - die hier angeschafften Werke bildeten eine Melange zweitklassiger völkisch-nationaler Romane, militaristischer Kriegsmemoiren, pseudowissenschaftlicher Werke zu Geschichte, Kulturgechichte, Politik und Rassenkunde und verlogener Blut-und-Boden-Heimatliteratur.

Der Umfang der zwischen 1933 und 1944 in Gelsenkirchen eingestellten Werke explizit völkisch-nationalistischer Natur lässt sich nur abschätzen, ebenso die Jahresdaten zur Entwicklung der Gesamtzahl der Neuanschaffungen. Kurz vor der Vernichtung der Bibliothek Anfang 1944 war der Gesamtbestand an Büchern auf 40.565 angewachsen.( Bericht Schossiers über das Kulturleben der Stadt Gelsenkirchen für eine geplante "Kulturmonographie des Ruhrgebietes" der "Volkswirtschaftlichen Vereinigung im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet" vom 28.2.1944, StdA Ge, Ge/0 3337.) Nachdem 1934 mit 30.611 Bänden der Bestandstiefpunkt erreicht war, hielt sich der Bestandszuwachs somit in etwa im Rahmen des durchschnittlichen Bestandswachstums zwischen 1928 und 1933.

Von den rund 40.500 Büchern überstanden (nach Angaben der nicht immer genauen Stadtchronik) nur 11.500 Bände den Krieg, von denen nach einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1948 6.000 als ideologisch kontaminiert aussortiert werden mussten. Auch wenn sich aus diesem quellenkritisch betrachtet fragwürdigen Zahlenmaterial keine Hochrechnung rechtfertigen lässt, wird doch deutlich, dass die Bestandsrevision in der Stadtbücherei nach 1933 konsequent und mit politischer Überzeugung durchgeführt wurde.

Vgl. hierzu: "Nationalsozialistische Kulturpolitik im Gau Westfalen-Nord" von Christopher Schmidt, S. 210-222.
Protokoll der Sitzung des Bücherei-Ausschusses vom 27.6.1933, StdA Ge, Ge/0 3333
Protokoll der Volksbildungsausschusssitzung vom 11.5.1933, StdA Ge, Ge/0 3333.
Teilnehmerliste der Sitzung des Büchereiausschusses vom 27.6.1933, StdA Ge, Ge/0 3333; vgl. Knorr, S. 332.
Vortrag Große Boymanns in der Sitzung des Volksbildungsausschusses vom 11.5.1933, StdA Ge, Ge/0 3333.
Protokoll der Sitzung des Bücherei-Ausschusses vom 27.6.1933, StdA Ge, Ge/0 3333. Kündigungsschreiben vom 10.3.1933, StdA Ge, Personalakte Otto Wohlgemuth; vgl. Overwien-Neuhaus, S. 92-93.

Bildquellen: Otto Gerhausen (1881-1936)
Hintergrundgrafik: BA Berlin

Andreas Jordan, Mai 2008