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Das Buchenwaldlied

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Geschichte des Buchenwaldliedes

In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden vor allem Marschlieder gesungen, manche Lager, z. B. Dachau und Sachsenhausen, hatten ein eigenes Lagerlied. In Buchenwald mussten die Häftlinge auf Befehl und zur Freude der SS einige wenige volkstümliche Lieder singen, die unermüdlich wiederholt wurden. Besonders liebte die SS "Steht ein Dörflein mitten im Walde", ein Lied nach dem Gedicht "So einer war auch er!" von Arno Holz, das lange Zeit zum Appellablauf gehörte.

Im Dezember 1938 forderte Schutzhaftlagerführer Arthur Rödl die Häftlinge auf, ein Lagerlied für Buchenwald zu schreiben. Die beiden österreichischen Häftlinge Fritz Löhner-Beda und Hermann Leopoldi – beide erfahren im Erfinden eingängiger Texte und Melodien – schufen in kürzester Zeit das dreistrophige Buchenwaldlied. Daß sie Juden waren, wurde vertuscht. Schutzhaftlagerführer Rödl war zufrieden, ein Lied zu haben, er ließ es mit Nachdruck einüben und beim Appell und anderen Gelegenheiten singen. Als Marschlied spielte es die Lagerkapelle zum Ein- und Auszug der Arbeitskolonnen.

Videodokumentation zum 62. Jahrestag der Selbstbefreiung des KL Buchenwald

Ein Film von Dirk Schneider über die Gedenkveranstaltung zum 62. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald am 15. April 2007. Vertont mit dem Buchenwaldlied der ehemaligen Häftlinge.

Der ehemalige Häftling Walter Poller berichtet: "Oft mussten die Häftlingen zehn- und fünfzehn mal ansetzen, ehe der Massengesang einigermaßen klappte. Da Rödl dabei immer wieder in Wut kam und irgendeine blödsinnige Massen- oder Einzelbestrafung durchführte, organisierten wir Häftlinge die Sache so, dass nur die in der Nähe stehenden Blocks mit doppelter Vehemenz singen mussten, indes die entfernteren Blocks, zu denen der Schall erst Sekunden später gelangte, einfach nur die Lippen bewegten. Trotzdem klang der Massenchor immer noch wie ein wilder Orkan."

Wie lange das Buchenwaldlied in dieser Form gesungen wurde, ist nicht genau belegt. Ein Kommandanturbefehl vom 22. August 1939 nennt es neben dem Esterwegener Lagerlied und dem Judenlied als im Lager erlaubt. Etwa ab 1942, als der Anteil deutschsprachiger Häftlinge immer mehr abnahm, gehörte es nicht mehr zum offiziellen Programm. Umso mehr Bedeutung erlangte es aber für einzelne Häftlingsgruppen, die es zu ihrer Selbstvergewisserung immer wieder sangen. Besonders der letzte Vers des Refrains "...denn einmal kommt der Tag: Dann sind wir frei!" gab ihnen die Vision eines Lebens in Freiheit, für die es sich lohnt, allen Mut und alle Kraft einzusetzen

Bis heute wird das Buchenwaldlied von ehemaligen Häftlingen in Erinnerung an die Lagerzeit gesungen; es ist fester Bestandteil der Gedenkfeiern zum Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald.

Das Buchenwaldlied:


Wenn der Tag erwacht, eh' die Sonne lacht,
die Kolonnen zieh'n zu den Tages Müh'n
hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
und im Herzen, im Herzen die Sorgen.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: Dann sind wir frei!

Und das Blut ist heiß und das Mädel fern,
und der Wind singt leis', und ich hab' sie so gern,
wenn treu sie, ja, treu sie nur bliebe!
Und die Steine sind hart, aber fest unser Tritt,
und wir tragen die Picken und Spaten mit
und im Herzen, im Herzen die Liebe.

Refrain: O Buchenwald, ...
Und die Nacht ist kurz, und der Tag ist so lang,
doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang:
wir lassen den Mut uns nicht rauben!
Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut
und im Herzen, im Herzen den Glauben.

Refrain: O Buchenwald, ...

Text: Fritz Löhner-Beda, Melodie: Hermann Leopoldi

Geschichte des Buchenwaldliedes: Ursula Härtl, Gedenkstätte Buchenwald.
Zeitzeuge: Walter Poller, Arztschreiber in Buchenwald. Hamburg 1946, S. 129.


Andreas Jordan, Juni 2008

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