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Schulnamensgeber mit brauner Vergangenheit

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Bäumer und Spranger sind keine Vorbilder für die Jugend

Die Gertrud-Bäumer-Realschule heute

Abb. 1: Die Gertrud-Bäumer-Realschule an der Rotthauser Straße heute. Sie erhielt 1938 den Namen "Kirdorf-Schule, Städtische Oberschule für Mädchen", seit 1958 trägt sie den jetzigen Namen. Hier fanden nach 1945 unter Britischer Besatzung Entnazifizierungsprozesse statt.

Werden sich die Gertrud-Bäumer-Realschule und das Eduard-Spranger-Berufskolleg in Gelsenkirchen schon bald neue Namen suchen müssen? Manfred Schurich, ehemaliger Lehrer der Gertrud-Bäumer-Realschule hat sich ausgiebig mit den beiden Namensgebern Gelsenkirchener Schulen befasst und ihr Wirken einer kritischen Analyse unterzogen. Im Ergebnis ist festzustellen, dass sowohl Gertrud Bäumer als auch Eduard Spranger wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus als Vorbilder und Namensgeber für Schulen nicht tragbar sind - sie hätten es nie sein dürfen. Keine der beiden Schulen hat sich jedoch bisher kritisch mit der fragwürdigen Vergangenheit ihrer Namensgeber beschäftigt.

Die Ergebnisse seiner Forschung zu Gertrud Bäumer hat Manfred Schurich, der fast 30 Jahre als Lehrer an der Gertrud-Bäumer-Realschule tätig war, zunächst im Internetforum "Gelsenkirchener Geschichten" zur Diskussion gestellt. Nach den ersten Veröffentlichungen regte ein Mitglied des Gelsenzentrum e.V. an, auch das Wirken des Namensgebers Eduard Spranger einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Nach Abschluss der Forschungen zu Getrud Bäumer griff Manfred Schurich die Anregung auf, Ergebnis: auch Eduard Spranger ist als Namensgeber für eine Schule ungeeignet, zu eng war seine Nähe zum Nationalsozialismus.

Gelsenzentrum regt jetzt die Umbenennung der Gertrud-Bäumer-Realschule und des Eduard-Spranger-Berufskollegs an. "Wir legen dem Schulträger, der Schulleitung und den Gremien unseren Vorschlag zusammen mit einer Dokumentation der Forschungsergebnisse von Manfred Schurich zur Diskussion vor. Wir wollen damit eine Diskussion über die Namensgebung der beiden Schulen anregen, die im Ergebnis zur Umbennung beider Schulen führt." sagt ein Sprecher des gemeinnützigen Vereins.


*


Mit dem nachfolgenden Text eröffnet Manfred Schurich in o.g. Forum die Diskussion:

„Old Bäumerhand – der Schrecken der Demokratie“ (Kurt Tucholsky)

Oder:

Wer war eigentlich diese „Gertrud Bäumer“?

Von Manfred Schurich

Die „Gertrud-Bäumer-Realschule“ an der Rotthauser Straße 2-4 gehört sowohl vom fast hundert Jahre alten, heute denkmalgeschützten Gebäude wie auch vom Namen der Schule her, den sie jetzt länger als ein halbes Jahrhundert trägt, zu den markanten „Institutionen“ der Stadt Gelsenkirchen. Zudem ist an einer Seitenwand des Gebäudes (zur Zeppelinallee) das alte, restaurierte Gelsenkirchener Stadtwappen angebracht, das sich vorher am abgerissenen Rathaus gegenüber befand.

Ich habe mich seit längerer Zeit mit der Frage etwas eingehender befasst, wer eigentlich diese „Gertrud Bäumer“ war, nach der in Nordrhein-Westfalen mehrere Schulen benannt sind. Zum landläufigen Bildungsgut gehört es nach meiner jahrzehntelangen Beobachtung ganz offenbar nicht, irgendetwas über diese Frau zu wissen.

Was ich alles erfahren habe, als ich mich mit dem Wirken dieser Frau, ihren Veröffentlichungen und der inzwischen recht umfangreichen wissenschaftlichen Literatur über sie befasste, hat mich – ich war fast 30 Jahre Lehrer an der Schule und hatte keine blasse Ahnung – zutiefst erschreckt.

Ebenso, wenn nicht sogar noch mehr erschreckt hat mich, dass in den heute am leichtesten per Internet zugänglichen Informationsquellen zu dem Namen „Gertrud Bäumer“, also in den Homepages der nach ihr benannten Schulen oder z.B. auch im „Internet-Lexikon“ „Wikipedia“, das, was ich so erschreckend fand und finde, gar nicht vorkommt oder allenfalls nur undeutlich und unvollständig und somit die Wahrheit eher verschleiernd anklingt.

Zu meiner eigenen Ahnungslosigkeit gegenüber der historischen Wahrheit über Gertrud Bäumer stehe ich, so peinlich das im Rückblick auch ist. Es wäre mir aber sicher nie eingefallen, mein Nicht-Wissen als vermeintliches Wissen, andere damit belehrend, im Internet zur Schau zu stellen.

Damit ich einen Weg und Einstieg für das Aufschreiben meiner Erkenntnisse finde, habe ich mich entschieden, zunächst die Ausführungen über Gertrud Bäumer, die von der Gelsenkirchener nach Bäumer benannten Schule jedem Interessierten frei zugänglich sind, einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Diese Veröffentlichungen der Schule zu Bäumer können zumindest für den Kernbereich dessen, was mich so erschreckt hat, als exemplarisch auch für andere Schul-Homepages und den Wikipedia-Artikel gelten: Es geht um die Ignorierung oder Ausblendung der Verstrickung Gertrud Bäumers in die Entstehungsgeschichte und die Durchführung der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland (1933 - 45).

Daraus ergibt sich die Frage:

Ist es im Jahre 2010 noch pädagogisch und politisch verantwortbar, die Realschule an der Rotthauser Straße nach Gertrud Bäumer benannt zu lassen? Und falls ja: WER übernimmt die Verantwortung dafür? Die, die 1958 diese Namensgebung beschlossen, können das nicht mehr. → Weiter im Forum "Gelsenkirchener Geschichten"

Die Äußerungen der DiskussionsteilnehmerInnen im Forum geben deren eigene Auffassungen wieder. Gelsenzentrum e.V. macht sich Äußerungen in dieser Diskussion nicht zu eigen.


Eduard Spranger

User "Lunte" schreibt im Forum "Gelsenkirchener Gesachichten", Zitat: "Ein weiterer Kandidat für eine genauere Betrachtung seines Wirkens in der NS-Zeit - und auch nach 1945 - ist Eduard Spranger. (Bezug: Eduard-Spranger-Berufskolleg, Goldbergstraße 60) Zum Beispiel hat Eduard Spranger noch 1951 verkündet, "daß es nicht der Nationalsozialismus war, der in die Katastrophe geführt hat, sondern ganz eigentlich der Hitlerismus" (Spranger "Fünf Jugendgenerationen 1900-1945" in: Spranger: Pädagogische Perspektiven, Heidelberg 1951). Mit dieser eindeutigen und keinesfalls mehrdeutigen Interpretation geht Eduard Spranger den Weg, Hitler für die Verbrechen der Nazis alleine verantwortlich zu machen und eine historisch nicht haltbare Differenzierung zwischen "Nationalsozialismus" und "Hitlerismus" zu konstruieren." Manfred Schurich greift diese Anregung auf. → Weiter im Forum "Gelsenkirchener Geschichten"

Die Äußerungen der DiskussionsteilnehmerInnen im Forum geben deren eigene Auffassungen wieder. Gelsenzentrum e. V. macht sich Äußerungen in dieser Diskussion nicht zu eigen.

Nachtrag Juli 2017:

In Gelsenkirchen wirkt Namensgeber Spranger hingegen fort. Ein entsprechender, anregender Vorstoß von uns im Jahr 2012 war dem "Eduard-Spranger Berufskolleg Gelsenkirchen" und seinen Gremien keine wie auch immer geartete Antwort bzw. Reaktion wert, der stadtgesellschaftlich Diskurs blieb gänzlich aus.

Umbenennung Eduard-Spranger-Schule

Die Entscheidung, die Eduard-Spranger-Schule in Frankfurt-Sossenheim umzubenennen, steht nun fest. Am 11. Mai erschien Katja Thorwarths Beitrag über Spranger in der Frankfurter Rundschau. Am 7. Juni fand im Volkshaus in Sossenheim zur Umbenennung eine Diskussionsveranstaltung für Lehrer_innen, Eltern und Schüler_innen mit einem Vortrag von Benjamin Ortmeyer statt. In Landau steht die Entscheidung derzeit noch aus. Weiterlesen: Blog Benjamin Ortmeyer

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Andreas Jordan, März 2012. Nachtrag Juli 2017

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