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Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion

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Gelsenzentrum erinnerte an getötete sowjetische Zwangsarbeiter

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion fand am Mittwoch auf dem Südfriedhof in Gelsenkirchen-Horst eine Gedenkveranstaltung statt, die an das Leiden und Sterben der Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion in Gelsenkirchen zwischen 1942-1945 erinnerte.

An der Gedenkveranstaltung nahmen auch diplomatische Vertreter der Republik Belorus und der Ukraine teil und legten Kränze am Mahnmal nieder. Das gemeinsame Gedenken und Erinnern war auch ein Zeichen der Aussöhnung und Völkerverständigung. Auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Horst befindet sich das größte Sammelgrab für sowjetische Zwangsarbeiter, die in Gelsenkirchen im Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen sind. Gelsenzentrum, gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen hatte zu der Gedenkstunde eingeladen.

Gedenkakt für die sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die auf dem Horster Süd-Friedhof in Gelsenkirchen bestattet wurden.

Bürgerinnen und Bürger legten gemeinsam Kränze und Blumen am Gedenkstein nieder. Andreas Jordan, Vorsitzender des Vereins Gelsenzentrum, hielt eine Gedenkrede, Wolfgang Held als Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. las aus einem Brief einer überlebenden Zwangsarbeiterin vor, die ihre unfreiwillige Zeit in Nazi-Deutschland schilderte.

Nur einige hundert Meter Luftlinie von dem Gedenkstein auf dem Gräberfeld entfernt befand sich der größte Lagerkomplex in Gelsenkirchen, in dem sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zwischen 1941-1945 unter unmenschlichen Lebensbedingungen untergebracht waren. Durch harte Arbeit, Unterernährung, Krankheit und Erschöpfung, durch Schikane, Folter und Mord starben viele der Zwangsarbeiter. Auch das Verbot, bei Bombenangriffen in den Bunkern und Luftschutzkellern Schutz zu suchen, setzte viele von ihnen dem sicheren Tod aus.

Gedenkakt auf dem Horster Süd-Friedhof in Gelsenkirchen

Ihre namenlosen Gräber sind die einzigen Spuren, die sie hinterließen, über Ihre Schicksale ist in den allermeisten Fällen nichts bekannt. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie wurden gegen ihren Willen zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt.


Diplomomatische Vertreter der Botschaften der Ukraine und der Republik Belorus, Wolfgang Held und Andreas Jordan

Die diplomatischen Vertreter der Republik Belorus Pavel Evseenko und Anzhela Volodina und die Vertreter der ukrainischen Botschaft, Vitaliy Gopanchuk und Vitaliy Remelie im Gespräch mit Wolfgang Held vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Andreas Jordan vom Gelsenzentrum.

Am Rande bemerkt: Vetreter aus Politik und Verwaltung der Stadt Gelsenkirchen oder Vertreter der örtlichen “Presse” nahmen trotz Einladung nicht an der Gedenkveranstaltung teil, gänzlich verzichtet hatte man auch auf die Übersendung von Blumen oder Kränzen. Auch der Vorstand des Vereins zur “Förderung der Städtepartnerschaft Gelsenkirchen-Schachty (Russische Föderation)” hielt es nicht für notwendig, mit seiner Teilnahme ein Zeichen zu setzen.

Fotos: Heike Jordan



Presse- und Medienmitteilung des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum Nr. 10/2011 vom 14.6.2011:

Gedenkakt anläßlich des 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Am 22. Juni 2011 jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 70. Mal. Dieser Krieg war von Beginn an ein ideologischer Vernichtungskrieg, dem in der Summe annähernd 28 Millionen Menschen aus der Sowjetunion zum Opfer fielen, darunter 14 Millionen Zivilisten. Millionen Menschen mussten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und auf dem Gebiet des "Dritten Reichs" Zwangsarbeit zur Unterstützung der deutschen Kriegsführung leisten.

Die deutschen Besatzer verschleppten aus der Sowjetunion zwischen 1941 und 1945 fast fünf Millionen Männer, Frauen und Kinder zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Zu den sowjetischen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich zählten nicht nur zivile sogenannte "Ostarbeiter", sondern auch fast zwei Millionen Kriegsgefangene und mehrere Hunderttausend KZ-Häftlinge, die in Rüstungsbetrieben, in öffentlichen Einrichtungen, in der Landwirtschaft, im Handwerk, auf Baustellen und auch in Privathaushalten Zwangsarbeit leisten mussten. In der NS-Rassenhierarchie standen die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion am unteren Ende und wurden von ihren deutschen Arbeitgebern entsprechend schlecht behandelt. Die Zwangsarbeit im Dritten Reich war kein Geheimnis, sie war ein allgemein bekanntes, öffentliches Verbrechen.

Durch die unmenschlich harte Arbeit, Hunger, Krankheit, Erschöpfung, Schikane, Folter, Mord oder Selbstmord starben viele der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, so auch in Gelsenkirchen. Kriegsereignisse wie die sich seit Sommer 1944 häufenden Luftangriffe auf Industrieanlagen führten ebenfalls zum Tod vieler Menschen. Das Verbot für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa, bei Bombenangriffen in Bunkern Schutz zu suchen, setzte viele von ihnen dem sicheren Tod aus. Schon während des Zweiten Weltkrieges wurden auf dem Horster Friedhof auch Gräberfelder angelegt, auf denen ausschließlich sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beerdigt wurden. Seit der frühen Nachkriegszeit steht ein quaderförmiger Gedenkstein mit kyrillischer Inschrift auf dem Gräberfeld, wo 884 in Gelsenkirchen umgekommene Sowjetbürger beigesetzt sind.

Vor diesem zeithistorischen Hintergrund findet am 22. Juni ab 18:00 Uhr ein Gedenkakt auf dem Horster Friedhof statt, zu dem auch Herr Oberbürgermeister Baranowski und Vertreter der Stadt eingeladen sind. An dem Gedenkakt nehmen diplomatische Vertreter der Republik Belorus, Frau Konsulin Anzhela Volodina und Herrn Konsul Pavel Evseenko sowie als diplomatische Vertreter der Ukraine Herr Attache Vitalii Remele und Herr Vitalii Gopanchuk teil. Herr Wolfgang Held vertritt den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. . Herr Pfarrer Wiktor Alexejew wird als Vertreter der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Essen ein Gebet für die Toten sprechen.

Gemeinsam werden wir den Menschen, die 1941-1945 aus der Sowjetunion als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt und hier in Gelsenkirchen an den Folgen von Gewalt, Hunger und Krankheit gestorben sind, ein ehrendes Andenken erweisen. Zu diesem Gedenkakt sind die Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens - insbesondere auch Schulklassen - und die Vertreter der Presse herzlich eingeladen. Es wird um Blumen- und Kranzspenden gebeten. Info: Gelsenzentrum e.V., Telefon: 9994676

70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion - 22.juni 2011

Arbeitskreis "70. Jahrestag"

In Gelsenkirchen wurde jetzt auf der Mitgliederversammlung des Gelsenzentrum e.V. die Bildung eines Arbeitskreises beschlossen, der sich ausschließlich mit der Vorbereitung und Planung einer Gedenkveranstaltung am 22. Juni 2011 zum 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion befasst. Wir wollen am Jahrestag des Überfalls Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion an das unsagbare Leid, dass deutsche Besatzer im Zweiten Weltkrieg auch den Angehörigen der Völker der ehemaligen Sowjetunion zugefügt haben, erinnern. Lokale zeithistorische Ereignisse sollen mit in die Gedenkveranstaltung einbezogen werden.

Deckname Barbarossa

Mit diesem Feldzug gegen die Sowjetunion begann sich ab dem 22. Juni 1941 ein Barbaren- und Mördertum auszutoben, das in der Geschichte neuzeitlicher Kriege ohne gleichen war und geblieben ist. Es gäbe dieser 70. Jahrestag des Überfalls den Deutschen, die Nachholbedarf in Sachen jüngerer Geschichte haben, Gelegenheit, die Tatsachen und Wahrheiten zur Kenntnis zu nehmen, die von der Rolle der Einsatzgruppen, der Sicherheitspolizei und des SD, der Formationen der Wehrmacht und der Polizei, der SS-Truppen, der zivilen Institutionen der Besatzungsverwaltung und nicht zuletzt auch von den Abgesandten deutscher Konzerne im eroberten Gebiet zeugen. Die Zahl der sowjetischen Kriegsgefangenen, die von Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes nach Juli 1941 als "politisch Untragbare" ermordet wurden, wird auf weit über 140.000 geschätzt.

Die Verknüpfung dieser Massenmorde mit dem Völkermord an den Juden ist offenkundig, wurden doch alle Juden unter den sowjetischen Gefangenen zur Ermordung bestimmt, bevor die Entscheidung für die "Endlösung" fiel. Es gibt aber noch deutlichere Verbindungen. Auch die beim Judenmord angewandte Vernichtungsmethode wurde bei der "Sonderbehandlung" sowjetischer Gefangener entwickelt. Im KZ Auschwitz "erprobte" man die Giftwirkung des ursprünglich als Pestizid entwickelten Zyklon B an 600 "untragbaren" Gefangenen, die zur Exekution ins KZ gebracht worden waren. Nach weiteren "Probevergasungen" – betroffen waren mindestens weitere 900 sowjetische Gefangene – begannen dann 1942 die Vergasungen Angehöriger verschiedener Opfergruppen.

Wo immer die Wehrmacht einmarschierte, folgte nach den SS-Sondereinsatzkommandos zur so genannten Partisanen- und Judenvernichtung als erste zivile Behörde das Arbeitsamt: Meist mit Gewalt wurden in den eroberten Gebieten Männer und Frauen zum Arbeitseinsatz in Deutschland zwangsweise rekrutiert. Spätestens seit 1942 waren die deutsche Kriegswirtschaft und insbesondere die Rüstungsschmiede an Ruhr und Emscher alternativlos auf die "Sklavenarbeiter" angewiesen. Im Ruhrbergbau wurde der Höchststand ausländischer Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten im Dezember 1943 mit 150.000 erreicht.

Zwischen 1941 und 1945 gerieten weit über 5 Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene kamen dabei zu Tode. Für ihre Unterbringung der Kriegsgefangenen waren kaum Vorbereitungen getroffen worden. Da man auch hier nur ein Minimum an Ressourcen aufwenden wollte, erhielten die Kommandanten zum Aufbau der Lager nur Stacheldraht, Kochkessel, Chlorkalk und Werkzeuge. Die Gefangenen sollten mit allerprimitivsten Mitteln ihre Unterkünfte selbst bauen. Da die geplante Kapazität an Lagern an vielen Orten nicht erreicht wurde, kampierten die Gefangenen wochenlang unter unmenschlichsten Bedingungen im Freien. Hinzu kam eine unzureichende Ernährung, schlechte Hygiene und schlechte medizinische Versorgung, sodass viele Gefangenen bei Ruhr- und Fleckfieberepidemien starben. Hunderttausende von ihnen liegen heute - ebenso wie gefallene Soldaten der Roten Armee und sowjetische Zwangsarbeiter der NS-Zeit - auf Sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland.

Gelsenkirchen

Auch im Reichsgebiet waren die Unterkunftsbedingungen nicht wesentlich besser als im Osten. In "Russenlagern" wie Stukenbrock oder Bergen-Belsen musste ein Teil der Gefangenen bis zum Frühjahr 1942 in selbstgegrabenen Löchern und Erdbunkern vegetieren. In Gelsenkirchen befand sich der größte Lagerkomplex für russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter an der Brink- bzw. Bruchstrasse, direkt an der Grenze der Ortsteile Horst und Heßler, getrennt durch den Rhein-Herne-Kanal. Hier und an weiteren Orten im Stadtgebiet wurden die Menschen aus der Sowjetunion unter zum Teil unmenschlichen Lebensbedingungen zum Arbeitseinsatz gezwungen, waren schutzlos den willkürlichen und brutalen Misshandlungen ihrer Bewacher und Vorarbeiter in den Betrieben ausgesetzt.

Ein Gedenkstein erinnert an 884 auf dem Horster Süd-Friedhof bestattete sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Auch auf dem Ostfriedhof in Gelsenkirchen-Hüllen, auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler und auf dem Hauptfriedhof in Gelsenkirchen-Buer erinnern Namenstafeln auf den Gräberfeldern sowie quaderförmige Gedenksteine mit einer Inschrift in russischer Sprache an diese Opfer des Nationalsozialismus, die als Kriegsgefangene oder Sklavenarbeiter nach Deutschland verschleppt wurden und in Gelsenkirchen ums Leben kamen.

Vgl. auch:
KONTAKTE-KOHTAKTbI, Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion: http://www.kontakte-kontakty.de/deutsch/ns-opfer/kriegsgefangene/keine_kameraden.php
Prof. Dr. Kurt Pätzold in "Zum 22. Juni 1941 - Aus der Geschichte lernen!": http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Kriegsgeschichte/60jahrestag.html
Stadt Herne, Zwangsarbeit: http://www.herne.de/kommunen/herne/ttw.nsf/id/DE_Zwangsarbeit_in_Herne_und_Wanne-Eickel
Stadt Herne, Kriegsgräber in Herne: http://www.herne.de/kommunen/herne/ttw.nsf/id/DE_KriegsgraeberinHerne
Gelsenzentrum e.V. ebda. http://www.gelsenzentrum.de/gelsenkirchen_zwangsarbeit.htm#15
(Alle Seiten abgerufen 2/2011)


Andreas Jordan, 13. Februar 2011

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