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Dem Tode entronnen

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Die Flucht und glückliche Befreiung des Häftlings Nr. 82609

Collage von Herman Neudorf, gefertigt nach seiner Befreiung 1945.

Abb.: Herman Neudorf überlebte Riga und das Konzen-trationslager Buchenwald. Diese Collage hat er im Sommer 1945 nach seiner Befreiung durch amerikanische Soldaten u.a. aus Teilen seiner Häftlingskleidung gefertigt. Herman Neudorf, geboren 1925 in Gelsenkirchen, lebt heute in den USA.

Mit der Zuteilung einer Häftlingsnummer in den Konzentrationslagern wie Buchenwald wurde den Menschen ihre Individualität und Würde geraubt, dieses Ritual der Registrierung gehörte mit zum Prozess der Entmenschlichung.

Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern erfolgte bei vielen Überlebenden eine Umdeutung. Im KZ war die Nummer vor allem ein Zeichen dafür, zur anonymen Masse der Gefangenen und Arbeitssklaven zu gehören. Nach der Befreiung wurde die KZ-Nummer ein Beweis dafür, ein Überlebender zu sein. Thomas Buergenthal, Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, formulierte es so: "Das ist eine gute Nummer, wie eine Medaille, sie beweist, dass ich da war und überlebt habe. Diese Leute wollten uns töten, sie haben es nicht geschafft".

Am 10. April 1945 wurden 4.000 Häftlinge des KZ Buchenwald von der SS auf einen Todesmarsch geschickt, der von Buchenwald nach Dachau führen sollte. Unter Ihnen befand sich auch Herman Neudorf, zu diesem Zeitpunkt noch Häftling 82609. Herman und seine Leidensgenossen wurden schließlich von amerikanischen Soldaten in der Nähe von Jena befreit. Im nachfolgenden Bericht vom 20.4.1945 schildert Herman Neudorf seine Erinnerungen an den Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald und seine anschließende Befreiung.

Buchenwald, den 20. April 1945

Durch das Tor hinein,
durch den Schornstein hinaus
(Wahlspruch der SS)

Dem Tode entronnen.

Die Flucht und glückliche Befreiung des Häftlings Nr. 82609 des Konzentrationslager Buchenwald

Montag, den 9. April 1945, 8 Uhr vormittags

Alarmstimmung herrscht im Lager. Die SS-Banditen zeigen plötzlich fieberhafte Tätigkeit im Kofferpacken. Bereits 10.000 Häftlinge haben das Lager verlassen, begleitet von schwerbewaffneten SS-Wachen. Wohin? Angeblich nach Dachau. Wir ahnten Schreckliches. Diese bis an die Zähne bewaffneten Mordgesellen werden auch diese unschuldigen Menschen "auf Befehl des Führers" umbringen. Wir sind auf all das furchtbare vorbereitet. Sollen wir jetzt in diesem kritischen Moment, wo die Befreier nur wenige Meilen von uns entfernt sind, wo Kameraden der R.A.F. stündlich über uns kreisen, wo wir diese Jahre des Leids und der Grausamkeit glücklich überstanden haben, noch ein Opfer dieser Bestien werden? Wird es den siegreichen alliierten Armeen gelingen, schneller zu sein als die Kugeln dieser Unmenschen, die unserem Leben ein Ende machen wollen? Die Aussichten auf ein Überleben sind sehr schwarz, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, vielleicht habe ich einmal ein bischen Glück...

Dienstag, den 10. April 1945, 13 Uhr.

Durch Mikrophon kommt vom Turm am Tor folgender Befehl an die Lagerführung: "Bis 4 Uhr stehen auf dem Appellplatz 4.000 Menschen zum Abtransport bereit". Der Lagerälteste und seine Mitarbeiter waren kopflos, denn sie sind nicht imstande noch mehr ihrer Leidensgefährten den SS-Offizieren auszuliefern. Es ist kein Mensch mehr zu erblicken, verborgen in Keller, Gruben, Kisten, sogar Abortgruben bangt jeder um sein Leben.

Um 15 Uhr ertönt wieder die unheimliche Stimme des Hauptscharführers HOFSCHULTE durch den Lautsprecher: "Wenn der Sauhaufen (damit waren selbstverständlich wir gemeint) nicht innerhalb einer Stunde vor mir steht, werden wir selbst eingreifen." Was dieses "Eingreifen" bedeutet, wusste ein jeder von uns. Und noch einmal raffte sich der Lagerschutz (Polizei) auf, um den furchtbaren Befehl auszuführen. Auch ich wurde aus meinem schönen Versteck aus der Mülltonne hervorgeholt und war einer von den 4.000 Unglücklichen, die nun vor dem Tore standen und mit dem Leben abgeschlossen hatten. Nun besichtigt uns ein "Arzt" auch ein SS-Hund und holte einige halbtote Menschen aus den Reihen und schickte sie ins Lager zurück.

Nun wurden wir von Posten umgeben und der Marsch begann. Kaum waren wir, die ersten 500 aus dem Tor bis an den Bismarkturm gekommen, fing das Morden schon an. Ein polnischer Häftling, ein Jude aus Lodz, brach vor Hunger zusammen, kurz darauf hörte ich einen Schuss, der Unglückliche hatte ausgelitten. Das stand uns allen nun bevor.

Der Weg führte zum Bahnhof. Unaufhörlich brausen amerikanische Tiefflieger über unsere Köpfe in geringer Höhe hinweg. Wir blicken gen Himmel und die Augen aller leuchten auf, aber nur für einen Augenblick, denn dann werden wir durch das Antreiben und Kolbenhiebe der Wachen wieder in die trostlose Wirklichkeit zurückgerufen. Über uns die Befreier, und der Tod schreitet neben uns.

Wir trafen um 8 Uhr abends am Bahnhof Weimar ein. Ein offener Güterzug, angepackt mit Häftlingen, verließ gerade den Bahnhof. Wir setzten uns auf den Boden. Gegen Mitternacht wurden wir aufgetrieben, und ein Zug mit geschlossenen Waggons rollte an. Nun heißt es im Laufschritt einsteigen, immer 100 Mann in einen Waggon. Die Luken waren mit Blech beschlagen und so konnten wir keine frische Luft erwarten. Als der letzte innen war, wurde die Tür zugeschoben und verschlossen. Wir saßen in einem finsteren Loch, abgemagerte und ausgehungerte Gestalten, einer an den anderen gepresst. Sitzen ist übertrieben, denn zum Stehen war kein Platz. Einige Minuten vergehen. Der Zug fährt an. Leises Flüstern. Es stand zur Debatte, wie lange hält ein unterernährter Körper solche Strapazen aus? Bereits 24 Stunden ohne jegliches Essen, keinen Tropfen Wasser, noch nicht einmal eine Gelegenheit, die Notdurft zu verrichten. Wie sollte dieses enden???

Plötzlich werde ich aufmerksam, ein Pole holt aus seinem Ärmel eine Feile hervor, ein Russe aus dem Hosenbein vorsichtig ein Brecheisen, ein anderer hatte sogar an eine kleine Säge gedacht. Wir blicken uns einander an und verstehen uns, ohne ein Wort zu sagen. Entweder weiterfahren und sterben, oder fliehen und das nackte Leben zu retten, und so sind wir alle 100 Männer fest entschlossen, bei Einbruch der Dunkelheit den Sprung in die Freiheit zu wagen. Es ist ungefähr 8 Uhr morgens, den 11. April.

Nun geschah etwas, was über unser Schicksal entscheiden sollte. Wir hören Flugzeuggeräusch, immer stärker kommt es an unser Ohr, Bordwaffen peitschen über unsere Waggons, und ... das Unfassbare ist eingetreten, der Zug steht. Die Lokomotive ist vollkommen zerstört. Bravo, ihr Kameraden der R.A.F., ihr habt ganze Arbeit geleistet. In einigen Minuten ist die Tür aufgebrochen, und wir stürzen ins Freie und sind glücklich, das Tageslicht noch einmal wiederzusehen. Unauffällig voller Jubel strecken wir unsere Hände gen Himmel, den alliierten Fliegern entgegen. Auch Opfer gibt es wieder, denn einige versuchen, bei dieser Gelegenheit zu entfliehen, und werden hinterrücks erschossen.

Von fern dröhnt es dumpf, wir hören die Geschütze unserer Befreier. Nach einigen Stunden warten, nachdem noch mehr SS-Truppen zur Verstärkung herangekommen waren, mussten wir antreten, und abmarschieren, in Richtung Gera und dann weiter nach Dachau. Um 7 Uhr am gleichen Abend passierten wir Jena, von der SS gehetzt. Kurz darauf wurde die Jenaer Brücke gesprengt. Also waren die Alliierten schon ziemlich nahe an uns herangekommen. Nun wird die Wachmannschaft ängstlich. Immer schneller werden wir getrieben, der Schweiß lief in Strömen, und auch unser Schrei nach Wasser wurde von diesen Unmenschen nicht erhört.

Die Füße schwellen an, ich zog meinen Mantel aus und warf ihn in den Straßengraben, um mir das Gehen zu erleichtern, meine Nebenleute taten das selbe. Unaufhörlich schießt es. Die SS war wieder bei ihrer Arbeit, denn wer nicht gehen konnte, oder stehen blieb, um einmal Atem zu schöpfen, bekam eine Kugel, und viele, viele waren erschöpft, und blieben auf der Straße tot liegen. Alle Menschen, die auf der Hauptverkehrsstraße Nr. 7, die von Weimar nach Gera führt, wohnen, sind Zeugen dieser Untaten, denn sie haben die vielen Ermordeten später selbst beerdigen müssen.

Nun wird es wieder dunkel, aber trotzdem bleibt das Tempo das selbe. Ich fühle mich schon sehr schwach, denn es ist schon der zweite Tag, wo weder Wasser noch Brot meine Lippen berührt haben. Immer mehr brechen zusammen, und ebenso häufig krachen die Schüsse. Die ganze Nacht ging es so weiter. Um vier Uhr morgens ist eine Stunde Rast. Nach zwei Tagen und einer Nacht wieder das erste Mal. Ich wanke auf das Gras, und schlief sofort fest. Nachmittags kommen wir in Eisenberg an.

Dort wurden wir auf eine große Weide geführt, und sollten nach langer Zeit wieder "Verpflegung" bekommen. Völlig erschöpft setzten wir uns nieder, und wirklich kam ein Auto mit Proviant angefahren. Aber schnell kam die große Enttäuschung. Im Führersitz sitzt der Lagerkommandant SS-Standartenführer PRIESTER und der Lagerführer SS-Sturmbannführer SCHOBERT und sagten dem Transportführer, einem Obersturmführer das die Portion in einer 7 Kilometer entfernten Fabrik ausgeteilt würde. Daraufhin stiegen sie ein und rollten davon. Nun wurde sofort zum Abmarsch befohlen, und der endlose Leidenszug setzt sich wieder in Bewegung. Nachdem wir schon über 10 Km hinter uns hatten, wurde uns klar, das wir nicht mehr mit einem Bissen zu rechnen hatten.

Es ca. 12 Uhr Mitternacht. Die Stadt Crossen, die wir gerade durchmarschierten, liegt tot und verlassen. Unaufhörlich brausen Autos der "stolzen Wehrmacht" an uns vorbei, in heilloser Flucht. Plötzlich ein schrecklicher Knall, Leuchtraketen stiegen empor, wir standen im grellen Lichte und hörten Panzergerassel. Ein amerikanischer Panzer muss anscheinend unmittelbar hinter uns vorgedrungen sein. Es ist wieder stockfinster. Plötzlich schreit mein Leidensgenosse neben mir: "Ich sehe keine Wachen mehr. Wir sind frei". Uns wachte oder träumte ich, es war wirklich niemand von den SS-Banditen mehr zu sehen. Nach langen Jahren endlich wieder frei. Aber noch war nicht alles überstanden. Ich bildete eine Gruppe von 6 Jungens, und liefen so schnell wir konnten, querfeldein den Befreiern entgegen. Plötzlich tauchten vor uns deutsche Soldaten auf. Was nun? Kahlgeschoren und in Häftlingskleidung, mann wird uns gleich erkennen. Nur schnell flach auf die Erde legen und abwarten.

Das waren bange Minuten. Endlich war die Luft wieder rein, und auf allen Vieren ging es über die Autobahn. Nun einmal tief Atem holen. Die Häuser trugen weiße Fahnen, aber kein Mensch wusste, was das zu bedeuten hatte. Auf der nächsten Hauptstrasse gab es ganz etwas Neues für uns. In den Rinnsteinen und Bürgersteigen liegt Keks, Konserven, Cigaretten und kleine Packen mit der Aufschrift "Chewing Gum" Made in USA. Wir hatten es geschafft und alle "Not" überstanden. Wir sind im Schutze der Alliierten, wir sind FREI.

Nach einigen Minuten sehen wir das erste Auto und die ersten Soldaten. Schnell die Häftlingsjacken aus. Auf die Straße gestellt und gewunken. Schon stoppt der Wagen, und als sie unsere Uniform erkannten, gibt es eine überaus herzliche Begrüssung. Uns standen die Tränen in den Augen. Unsere jahrelangen Wünsche, Träume und Hoffnungen haben sich erfüllt. Unsere Nerven waren vollkommen herunter. Am Abend bekammen wir von einem Offiz. ein fürstliches Quartier, ein frisch überzogenes richtiges Bett und schliefen nach endloser Zeit wieder als Menschen.

Ich werde diesen 14. April 1945, den Tag meiner Befreiung nie vergessen.

In glücklichen Stunden geschrieben:

Hermann Naidorf,
geb. 3.6.25 in Gelsenkirchen-Horst

Vorläufige Identitätskarte für Buchenwälder Zivilinternierte

Hans Hirsch (links) und Herman Neudorf

Vorläufige Identitätskarte für Buchenwälder Zivilinternierte

Vermerke auf der Rückseite: Aufgenommen nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald. Essen, 14.8.1945
Meinen lb. Verwandten mein erstes Bild nach d. Befreiung in Liebe gewidmet. Euer Hermann. Bünde 30.XI.45

Vorläufige Identitätskarte für Buchenwälder Zivilinternierte

Der Ausweis des deutschen Lagerkomitees bestätigt die KZ-Haft vom 22.1.1942 bis zum 11.4.1945

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Herman Neudorf.
Dokumente aus Privatbesitz Herman Neudorf, Archiv Gelsenzentrum.
Die Schreibweise des Vor- und Zunamens wurde bei der Einwanderung in die USA geändert.


Andreas Jordan, Oktober 2010. Nachtrag Juni 2012

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