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Rosa Eck - Erinnerungen 1916-2000

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Bild: Rosa Eck im Alter von 24 Jahren

Foto: Rosa Eck im Alter von 24 Jahren

"... Das Höchste und Schönste im Leben ist die Liebe zu all den Unterdrückten und nach Freiheit Ringenden. Kämpfe auch Du Dich mit ihnen zum Lichte empor!"

Nach Rosa Eck

Rosa Eck ist bereits 85 Jahre alt, als sie ihr Leben vor dem Mikrofon erzählt. Die überwiegende Zeit ihres Lebens verbrachte die politisch engagierte Frau in Gelsenkirchen. Ihre erzählten Erinnerungen, die als CD erschienen sind, reichen von 1916 bis zur Jahrtausendwende. Sie sind ein bewegendes Plädoyer für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Rosa Eck starb im Frühjahr 2006.

Bei einer Demonstration gegen den NPD-Landesparteitag 1984 in Wiehl-Drabenderhöhe bei Gummersbach Ende April wurden die damals 67jährige Rosa Eck und ihre teilweise hochbetagten Mitstreiter von Rechtsradikalen angegriffen und zusammengeschlagen. Das Strafverfahren gegen die einschlägig bekannten Neonazis wurde durch die Staatsanwaltschaft eingestellt, die Opfer sollten dagegen ihre Rechtsanwaltkosten selber tragen. Ein großes deutsches Nachrichtenmagazin prangerte diese Praxis an und übernahm die Verfahrenskosten für die Geschädigten. Auch das Ruhrgebiets-Magazin "MARABO" nahm sich seinerzeit dem Thema an und führte 1984 ein Interview mit Rosa Eck und Heinrich Schmitz:


Ein Foto ging Anfang Mai durch die Presse. Springers Bild-Zeitung druckte es und die kommunistische UZ. Die sozialdemokratische Westfälische Rundschau schrieb darunter: "Bei den brutalen Angriffen der rechtsradikalen Skinheads während des NPD-Parteitages wurde auch eine unbeteiligte ältere Frau zu Boden gerissen." MARABO sprach mit der ‘unbeteiligten älteren Frau’. Es ist die 67jährige Rosa Eck aus Gelsenkirchen. Beim Gespräch dabei war ihr Freund, der 76jährige Rentner Heinrich Schmitz aus Duisburg. Auf dem Foto versucht er gerade, Rosa Eck zu Hilfe zu kommen.

MARABO: Rosa, wie kommt eine Rentnerin aus Gelsenkirchen dazu, sich im Bergischen Land von Skinheads verprügeln zu lassen?

Rosa: Ich bin mit Hein und acht anderen Gelsenkirchener Nazi-Gegnern mit dem Auto nach Wiehl gefahren, um gegen den NPD-Parteitag zu protestieren, darum.

MARABO: Das ist nicht gerade typisch für alte Menschen hier bei uns.

Rosa: Weißt Du, 33 als die Nazis drankamen war ich siebzehn. Da war es mit meiner Jugend vorbei. Ich komm aus einem linken Elternhaus. Wir haben Geld gesammelt für Verhaftete Freunde, Flugblätter gegen die Nazis verteilt. Die machten Haussuchungen bei uns, riegelten die ganze Straße ab. Mein späterer Mann, hat 20 Monate im Zuchthaus gesessen, danach Schutzhaft und Strafbataillon. Das kann ich nicht einfach vergessen.

MARABO: Wie kam es denn zu der Szene auf dem Foto?

Heinrich: Wir waren ziemlich früh da, haben geparkt, sind ausgestiegen und wollten den Platz suchen, auf dem die Gegenkundgebung stattfinden sollte. Einer von uns hatte eine VVN-Fahne (VVN: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die Red.) dabei. Die müssen die Nazis entdeckt haben. Jedenfalls stürmten plötzlich dreißig Glatzköpfe auf uns zu, rannten uns um, rissen die Fahne ab, schlugen auf uns ein und zogen sich auf Kommando zurück.

Rosa: Die Befehle gab einer mit Haaren. Das war ein Ordner von der NPD.

MARABO: Konntet Ihr Euch nicht wehren? Es waren doch sicher auch Jüngere bei Euch?

Heinrich: Das ging alles blitzschnell. Die kamen die Straße runtergelaufen und rannten uns direkt um. Außerdem, möchtest Du Dich gern mit denen prügeln?

MARABO: Nein, danke. Aber es war doch sicher Polizei da?

Rosa: Keine zwanzig Meter weg standen drei Verkehrspolizisten. Die Glatzköpfe mussten an denen vorbei. Die haben ruhig zugesehen. Als wir sie darauf ansprachen, hatten sie angeblich nichts mitgekriegt.

Heinrich: Und die anderen Polizisten hatten genug damit zu tun, Flugblätter zu verteilen. Hier, Hör mal. ‘Helfen Sie der Polizei. Bringen Sie ihren Protest in friedlicher Weise zum Ausdruck. Aus demokratischer Erfahrung wissen wir alle, dass Terror, Steine und Fäuste niemals Argumente ersetzen können. Ich rechne mit Ihrem Verständnis und vertraue ihrer Besonnenheit.’

MARABO: Seid Ihr eigentlich ernstlich verletzt worden?

Rosa: Ich habe einen Bluterguss am Knie und Hein ist mit einer Rippenprellung im Krankenhaus gewesen.

MARABO: Heinrich, in einem Flugblatt habe ich gelesen, dass Du 1934 von den Nazis verhaftet worden bist. Zuchthaus, KZ und Strafbataillon hinter Dir hast. Wie fühlt man sich, wenn einem 50 Jahre danach so was passiert?

Heinrich: 84 ist nicht 34!

Rosa: Trotzdem fühlst Du Dich zurückversetzt. Als wir 33 im Volkshaus Karneval feierten, hatte die SA alles umstellt. Da sind wir nur in großen Gruppen, nach Stadtteilen geordnet, rausgekommen.

Heinrich: Siehst Du, und genau so müssen wir das heute machen. Wir können es uns nicht mehr erlauben, bei solchen Gelegenheiten in kleinen Grüppchen anzukommen. Wir müssen uns schon vorher treffen. Denn die Nazis sind in die Offensive gegangen. In Wattenscheid mussten sie noch unter Polizeischutz über die Absperrung klettern, um ihren Parteitag abzuhalten, heute verdreschen sie Gegendemonstranten. In Wiehl hat ein NPD-Mann mir gesagt: „Das habt Ihr zehn Jahre mit uns gemacht. Damit ist jetzt Schluss!“

MARABO: In "Konkret" haben Autonome dazu aufgerufen, den Nazis was auf die Fresse zu hauen. In Hamburg sind schon Autos, mit denen Neo-Naziführer Kühnen reiste, in Flammen aufgegangen.

Rosa: Sicher, verprügeln lassen darf man sich von denen nicht.

Heinrich: Aber erstens sind wir keine Schlägertypen. Guck Dir mal unsere Jungen an. Die waren fassungslos, als dass passiert ist. Und außerdem, wir sollten die anderen nicht alle über einen Kamm scheren. Nicht jeder Skinhead ist ein Nazi. Wenn wir einfach draufschlagen, dann schweißt die das zusammen. Dabei müssen wir die Nazis unter denen isolieren.

Rosa: Rauskriegen, wo die wohnen, wo sie arbeiten. Damit sie nicht anonym bleiben.

MARABO: Ob das reicht? Du möchtest Dich zum Beispiel nicht fotografieren lassen. Soweit sind wir schon gekommen.

Rosa: Im letzten Jahr habe ich nach einem Leserbrief anonyme Anrufe bekommen. Andere Drohbriefe. Seitdem das Bild in den Zeitungen war, geht ständig das Telefon. Wenn ich mich melde, wird aufgelegt.

Heinrich: Das wichtigste sind nicht Schlägertypen, sondern ein breites Bündnis gegen die Nazis, damit sie wieder in die Defensive gedrängt werden. Die fühlen sich doch von der Bonner Wende ermuntert. Wenn Zimmermann die Traditionsverbände der SS aus dem Verfassungsschutzbericht nimmt, dann ist das Wasser auf deren Mühlen.

MARABO: Letzte Frage. Bei der nächsten Anti-NPD-Demo, macht Ihr da mit?

Rosa: Das schon. Nur sind wir beim nächsten Mal schlauer.

Das Gespräch führte Werner Schmitz für MARABO.

Der "Hochverratsprozess" gegen Ernst Eck

Ein Gespräch mit Frau Rosa Eck, geführt von Wilhelm Alexander

Mein Mann, Ernst Eck, war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und des Roten Frontkämpferbundes. Die Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten begann bereits vor der Machtübernahme 1933. Ab 1932 wurden sehr viele Mitglieder der KPD seitens der SA bedroht. Aus diesem Grunde hatten der R.F.B, und der Kampfbund gegen den Faschismus den Schutz der gefährdeten Kommunisten übernommen. Es wurden Wachen aufgestellt, die auch in den entsprechenden Wohnungen übernachteten. Die ersten Mitglieder des R.F.B, wurden im März 1933 aus den Wohnungen geholt und verhaftet. Die Verhafteten wurden geschlagen, gefoltert und fast zu Tode geprügelt. Nicht jeder hielt diese Prozedur aus. Es war daher nicht verwunderlich, daß die Nazis auf diese Art und Weise aus den Gefolterten Namen herauspreßten, um weitere Verhaftungen vornehmen zu können. Am 19. April 1933 wurde mein Mann verhaftet und ins Gefängnis an der Munkelstraße gebracht. Dort wurde er auch vernommen. Ihm wurde vorgeworfen, daß er Mitglied des R.F.B und der KPD war. Als solcher hatte er antifaschistisches Schriftmaterial verteilt und antifaschistische Parolen an Wänden und Mauern angebracht, desweiteren hielt er Verbindung zu anderen Widerstandsgruppen.

In eine Zelle des genannten Gefängnisses geworfen, traf er dort auf einen Genossen, der ihn mit den Worten empfing: "Ernst, kannst Du mir verzeihen, daß ich bei der Folterung Deinen Namen genannt habe." Mein Mann sagte darauf: "Du brauchtest Dich nicht für mich totschlagen zu lassen." Der Genosse weiter: "Wenn sie mich totgeschlagen hätten, dann wäre Dein Name nicht genannt worden." Er entkleidete sich darauf und zeigte meinem Mann seinen geschundenen Körper, der vom Halsansatz bis zu den Fersen blutig geschlagen war. "Ich habe die Kreuzigung mitgemacht", sagte der Genosse, "denn ich wurde am Karfreitag von den SS-Leuten so zugerichtet." Bis zum Tode dieses Mannes ist mein Mann mit ihm Freund geblieben.

Aus dem Gefängnis in Gelsenkirchen wurde mein Mann mit seinen anderen Genossen der Justizvollzugsanstalt Münster i.W. überstellt. Von den Schlägen und Mißhandlungen, die er im Gelsenkirchener Gefängnis durchmachen mußte, hat er einen blutunterlaufenen Fleck auf der linken Rückenseite behalten. Am 19. März 1934 begann in Hamm am Landgericht unter dem Senatspräsidenten Hermsen der Prozeß gegen meinen Mann. Bei diesem Prozeß wurden nur sehr wenige Angehörige zugelassen. Eine Unterhaltung mit den Deliquenten war nicht gestattet. Hermsen führte zur damaligen Zeit fast alle politischen Prozesse. Er war der typische Statthalter der Nazi-Justiz.

Nach zwei Verhandlungstagen wurden die Urteile gefällt. Es wurden teils Gefängnisstrafen ausgesprochen, teils Zuchthausstrafen verhängt. Mein Mann erhielt 20 Monate Zuchthaus. Mit dieser Strafe wurde zugleich die Wehrunwürdigkeit für Frieden und Krieg ausgesprochen. Bei Gefängnisstrafen war dies nur im Frieden der Fall. Die Strafverbüßung wurde im Börgermoor vollzogen. Die Arbeit bestand aus Torfstechen. Unterkunft und Verpflegung entsprachen den damaligen Nazi-Lagern. Am 20. Dezember 1934 wurde mein Mann entlassen, mit der üblichen Auflage, sich täglich bei der Gestapo zu melden. Sogar bis 1940 mußte jede Reise außerhalb Gelsenkirchens der Gestapo angezeigt werden. Sein Leben wurde zu einem regelrechten "Laufzettel".

Mit Beginn des Überfalls der "Hitler-Wehrmacht" auf die Sowjetunion wurde Ernst Eck erneut verhaftet und drei Wochen in Schutzhaft gehalten. Zu dieser Zeit mußte er sich ständig bei der Gestapo melden. Am 29. Januar 1943 wurde mein Mann eingezogen, und zwar zum Bewährungsbataillon 999. Die Ausbildung fand auf dem Heuberg in Württemberg statt. Schon Pfingsten des Jahres hat sich eine Widerstandsgruppe konstituiert. Nach der Ausbildung wurde das Bataillon nach Griechenland verlegt. Dort suchte die Widerstandsgruppe Verbindung mit Griechen, verfaßte Flugblätter und warnte die griechische Bevölkerung vor Razzien. Durch eine Unvorsichtigkeit eines Bataillonsangehörigen wurde man auf den Verbindungsmann zu den Griechen aufmerksam, 8 Angehörige der Widerstandsgruppe wurden im August 1944 erschossen, achtzig weitere verhaftet und nach Deutschland verfrachtet, darunter auch mein Mann.

Diese "Unzuverlässigen" wurden als Strafbataillon zu Befestigungsarbeiten am Rhein eingesetzt. Am 26. März 1945 wurde Ernst Eck bei St. Goarshausen verwundet. Diese Hirnverletzung machte ihm sehr erhebliche Schwierigkeiten und führte später zu seinem Tod.

Erstveröffentlichung in "Gelsenkirchen 1933-1945, Angeklagt wegen Hochverrat, Beispiele der Verfolgung und des Widerstandes" - Arbeitsergebnisse aus einem Kursus der Volkshochschule der Stadt Gelsenkirchen. Herausgeber: Schul- und Kulturdezernat der Stadt Gelsenkirchen, Redaktion Hartmut Hering/Marianne Kaiser.

Hörprobe aus der CD von Rosa Eck - "Ich heiße Rosa Eck. Erinnerungen 1916-2000"

Rosa berichtet aus dem Jahr 1933: Ausschreitungen auf der König-Wilhelm-Straße, der Widerständler Erich Lange wird von den Nationalsozialisten auf offener Straße ermordet, Beisetzung in Heßler. Der Chefredakteur des "Ruhr-Echo", Oskar Behrendt, wird im Gelsenkirchener Gefängnis erschlagen.

Die CD mit dem Titel "Ich heiße Rosa Eck - Erinnerungen 1916-2000" ist in der Gelsenkirchener Stadtbücherei vorhanden und kann dort entliehen werden.

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Andreas Jordan, Oktober 2009. Nachtrag Interview Marabo Juli 2011

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