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Rolf Abrahamsohn

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Bild: Rolf Abrahamsohn spricht im Gelsenkirchener Gauß-Gymnasium

Vortrag auf DVD erhältlich

Der Internationale Holocaustgedenktag begann am Morgen des 27. Januar 2011 in Gelsenkirchen mit dem Vortrag eines jüdischen Zeitzeugen. Der Holocaust-Überlebende Rolf Abrahamsohn aus Marl sprach im Carl-Friederich-Gauß-Gymnasium vor Schülern über seine Erfahrungen in der NS-Zeit. Der 85-jährige hat sieben Konzentrationslager überlebt.

Jesse Krauß hat von Rolf Abrahamsohns Vortrag einen Filmmitschnitt gefertigt, der als DVD vorliegt. Diese DVD stellt Gelsenzentrum - Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Schulen und auch für die nichtkommerzielle Jugend- und Erwachsenenbildung kostenlos zur Verfügung.

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Rolf Abrahamsohn: Ich weiß noch alles...

Die Aula der Schule ist bis auf den letzten Platz besetzt. Vor mehr als 200 Schülerinnen und Schülern erzählt Rolf Abrahamsohn aus seinem Leben, spricht von Gewalterfahrungen in der NS-Zeit, vom der Ermordung seiner Familie. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, es ist mucksmäuschenstill. Gebannt lauschen die Schüler den Worten des 85jährigen Zeitzeugen.

"1938 erlebte ich mit meiner Familie die Pogromnacht in meiner Heimatstadt Marl. Unser Haus an der Loestrasse, in dem sich auch unser Geschäft befand, wurde von den Nazis in Brand gesetzt. Mein Vater wurde brutal von SA-Leuten zusammengeschlagen und im brennenden Geschäft zurückgelassen. In letzter Minute konnten wir ihn retten. Mein Vater konnte mit meinem Bruder Hans kurze Zeit später nach Belgien fliehen, meine Mutter, mein kleiner Bruder Nobert und ich sollten nachkommen. Noch bevor wir das Geld für den Fluchthelfer zusammen hatte, wurden die Grenzen dicht gemacht und so mussten wir zurückbleiben. Zwei Wochen nach der Pogromnacht mussten wir Marl verlassen, die Stadt wollte ja „judenrein“ werden. Unser Haus nahm uns die Stadtverwaltung weg, dort zog die NSDAP ein."

Rolf Abrahamsohn liest einen aus einem Brief vor, der Ortsgruppenleiter Becker schrieb damals an den Bürgermeister Willecke:

"Heute konnte die Ortsgruppe Marl der NSDAP ihre neuen Räume im Haus Loestrasse 26 beziehen. Für Ihre tatkräftige Unterstützung, der Partei ein würdiges Heim zu besorgen, spreche ich Ihnen meinen und meiner Mitarbeiter herzlichen Dank aus. Möge das Haus dazu beitragen, das enge Band zwischen der Amtsverwaltung und der Parteileitung noch enger zu gestalten. Das ist mein aufrichtiger Wunsch beim heutigen Einzug. Es würde mir eine große Freude sein, Sie recht bald im neuen Heim begrüßen zu können. Heil Hitler. Ortsgruppenleiter Becker

"Mit dem Haus war mein Elternhaus gemeint! Wenn Willeke meinen Eltern damals noch vier Wochen Zeit gegeben hätte, Marl zu verlassen, hätten wir auswandern können. Wir hatten ja schon eine Bürgschaft für die USA. Das ist dann aber nicht mehr geschehen, dank Dr. Willeke. Ein ganz, ganz großer Nazi. Kurz nach Kriegsende ging ich zum Einwohnermeldeamt in Marl. Da kam Herr Willeke auf mich zu. Er war Bürgermeister geblieben, später war er sogar Bundestagsabgeordneter, ein guter katholischer Bürger. Er sagte:'Rolf, das ist ja prima, dass du am Leben geblieben bist. Ich war der beste Freund deines Vaters.' Hätte ich damals schon gewusst, was dieser 'beste Freund meines Vaters' wirklich gemacht hat... Solche Leute wie dieser Dr. Willeke, der Schuld am Tod meiner Eltern hatte, waren damals noch sehr willkommen. Wir haben also Marl verlassen müssen, Recklinghausen nahm uns dann auf. Nobert starb 1940 nach schwerer Krankheit, kein Krankenhaus hatte ihn, den Juden, aufnehmen wollen, kein Arzt wollte das Kind behandeln. Als wir endlich einen Arzt fanden, war mein kleiner Bruder schon tot."

1942 begann für den damals 16jährigen Rolf Abrahamsohn und seine Mutter in Gelsenkirchen der Weg durch die Vernichtungslager. Abrahamsohn erzählt weiter:

"Am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr wurden wir in Recklinghausen lebenden Juden aus den Häusern geholt. Wir standen bis nachmittags um vier auf der Straße, bevor man uns mit Lastwagen nach Gelsenkirchen zur Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz brachte. Am 27. Januar verließ der Deportationszug mit einigen hundert Juden aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und weiteren umliegenden Orten die Stadt. Man hatte uns gesagt, dass wir in ein Arbeitslager kämen, damals habe ich das noch geglaubt. Im Zug war es tagsüber sehr heiß und nachts eiskalt - das war unser Glück. So konnten wir wenigstens das gefrorene Wasser von den Fenstern ablecken, damit wir nicht ganz verdursten.

Als wir am 1. Februar in Riga am Bahnhof Skirotava ankamen, wurden wir mit Gebrüll und Schlägen von der SS empfangen. Wir sollten einige Kilometer bis ins Ghetto Riga laufen, den Schwachen bot die SS scheinheilig eine Fahrt auf LKW dorthin an. Was die Menschen, die auf die LKW stiegen, nicht wussten: das war praktisch schon eine erste Selektion. Sie brauchten uns ja als Arbeiter. Wer nicht laufen konnte, konnte nach der Logik der SS auch nicht arbeiten und so fuhren die LKW mit ihrer Menschenfracht direkt zu den Erschießungsstätten im Wald von Bikernieki.

Im Ghetto waren Mutter und ich noch zusammen, bei der Verlegung in das KZ Kaiserwald wurden Männer und Frauen getrennt. Die schwere Arbeit, die wir verrichten mussten, schwächte meine Mutter so sehr, dass sie Anfang 1944 erschossen wurde. Da wollte auch ich nicht mehr Leben, wollte mich in den elektrischen Zaun werfen. Freunde hielten mich zurück. Sie sagten: "Rolf, denke an deinen Vater und deinen Bruder - sie warten auf dich!" Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, dass Vater und mein Bruder schon 1942 in Auschwitz vergast wurden, wäre ich doch in den Draht gegangen."

Als er vom Tod seiner Mutter spricht, versagt dem alten Mann beinahe die Stimme. "Wissen sie, ich habe mit Überlebenden gesprochen, viele können sich nicht mehr an die schrecklichen Details erinnern. Ich dagegen schon. Ich habe nichts vergessen, ich weiß noch alles. Leider." Rolf Abrahamsohn sammelt Kraft, dann spricht er weiter:

"Bald schon wurde das KZ Kaiserwald aufgelöst, und wir wurden in das KZ Stutthof bei Danzig gebracht, dann weiter in das KZ Buchenwald. Von dort kamen wir dann in ein KZ nach Bochum. Dort musste ich für den Bochumer Verein Granaten drehen. Bochum war eines der schlimmsten KZ, die ich erlebt habe. Das war schon 1945.

Von Bochum ging es kurz vor Kriegsende dann zurück nach Buchenwald. Auch hier blieben wir nicht lange, es wurden Transporte zusammengestellt, einer sollte nach Dachau gehen, ein anderer nach Theresienstadt. Mehr zufällig geriet ich in den Transport nach Theresienstadt, und das rettete mir das Leben. Die Waggons, die nach Dachau gehen sollten, wurden einfach auf einem Abstellgleis vergessen. Als Soldaten der US-Armee später die Waggons öffneten, fanden sie darin nur noch Skelette. Die Fahrt nach Theresienstadt war schrecklich, vorne im Waggon alles voller Leichen und hinten saßen wir. Es dauerte nach unserer Ankunft in Theresienstadt noch etwa zwei Wochen, dann wurden wir befreit."

Rolf Abrahamsohn ist sichtlich erschöpft, als er seinen vom Verein Gelsenzentrum initiierten Vortrag unter Applaus beendet. Die Erinnerung zerrt an seinen Kräften. "Ich hätte ihnen noch soviel mehr erzählen können. Aber es ist so anstrengend."

Gebannt hören die Schüler dem Zeitzeugen Rolf Abrahsohn zu.

Andreas Jordan, Januar 2011. Fotos: Gelsenzentrum e.V.


Buchtipp: Was machen wir, wenn der Krieg zu Ende ist?

Rolf Abrahamsohn gehört zu den wenigen deutschen Juden, die noch selbst über die Gewalterfahrungen der NS-Zeit berichten können. Der ihm aufgezwungene Weg führte von seiner Geburtsstadt Marl aus über die Judenhäuser in Recklinghausen ins Ghetto und Konzentrationslager Riga und von dort über Stutthof und Buchenwald in das Außenlager des KZ Buchenwald in Bochum (1944), wo er schwerste Zwangsarbeit verrichten musste. In den letzten Kriegswochen überlebte er einen Transport über Buchenwald in Richtung Dachau, um schließlich in Theresienstadt von der Roten Armee befreit zu werden.

Abrahamsohn, Rolf; Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte; Jüdisches Museum Westfalen:
"Was machen wir, wenn der Krieg zu Ende ist?" Lebensstationen 1925–2010
Klartext Verlag Essen 2010, 96 S., broschiert, zahlr. Abb., ISBN 978-3-8375-0334-0

Ob denn alles schlecht war

Das fragen Schüler aus dem Hans-Schwier-Berufskolleg Gelsenkirchen den Juden Rolf Abrahamsohn über die Nazizeit. Der gebürtige Marler überlebte mehrere KZ

Bild: Rolf AbrahamsohnRolf Abrahamsohn

"Das war so mein Leben", sagt Rolf Abrahamsohn so gegen Ende der anderthalb Stunden im Mehrzweckraum des Hans-Schwier-Berufskollegs. Und sagt dazu: "War nicht so schön." Dann lacht er kurz trocken auf. Der 82-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Recklinghausen hat seinen Humor nicht verloren. So ein Lachen schützt. Es hilft dabei, ein Schicksal ohne Pathos, fast sachlich distanziert zu erzählen, das diese jungen Berufsschüler sich nur schwer vorstellen können.

An manchen geht die Tatsache, dass Rolf Abrahamsohn mehrere Konzentrationslager erlebt und fast die ganze Familie durch den Nazi-Terror verloren hat, offensichtlich so vorbei, dass sie von Lehrern ermahnt werden müssen. Vielleicht liegt es an der leidenschaftslosen Art, wie der gebürtige Marler "nur drei bis fünf Prozent von dem, was ich erlebt habe," schildert, dass sich in den wenigen Fragen, die anschließend gestallt werden, nur wenig Betroffenheit äußert. Man habe in der Klasse darüber diskutiert, sagt einer der Schüler, "ob den alles schlecht war, was Adolf Hitler gemacht hat". Ein anderer fragt den ehemaligen KZ-Häftling, und man hört die Antwort heraus: "Finden Sie, dass sich die heutige Jugend noch damit beschäftigen sollte?" Später schiebt er nach: Warum denn immer gleich alle Deutsche mit den Untaten der Nazis identifiziert werden?

Rolf Abrahamsohn bleibt in solchen Situation erstaunlich gelassen. Er differenziert, erzählt von Deutschen, die ihr Leben riskierten, weil sie Juden halfen, plädiert für die Demokratie, gegen die Diktatur. Nur noch selten spricht er zu Jugendlichen. Das hatte er sich eigentlich zur wichtigsten Aufgabe gemacht: "Wenn ich nur einen jungen Menschen überzeugt habe, dann war das schon gut." Am Schluss bedanken sich die Schüler mit einem Kalender über Bäume und etwas Flüssigem, und Abrahamsohn revanchiert sich mit einer CD des Sängers Estromo Nach-ama bei Lehrer Berthold Hesselmann, der vorher von einem "historischen Ereignis" gesprochen hat. So oft könne man Zeugen dieser Zeit nicht hören.

Mit der Feststellung "Ein schlechter Friede ist besser als ein guter Krieg" eröffnet Abrahamsohn seine Ausführungen. Er beantwortet die selbst gestellte Frage "Was sind Juden?" mit einem kleinen Geschichtsexkurs: „Die Juden kamen 200 Jahre nach Christus mit den Römern nach Germania. Die Römer gingen wieder, die Juden blieben." Viel Wissen hätten die Juden mitgebracht, Wissenschaftler, Juristen, Künstler, viele Nobelpreisträger seien aus ihren Reihen hervorgegangen." Aber es habe auch "viele kleine Leute gegeben unter den Juden". Abrahamsohn: „Die aber kannte man nicht, dafür aber die Berühmten. Deswegen glaubte man immer, die Juden seien reich." Er sagt: „Es gibt kein jüdisches Volk, es gibt nur eine jüdische Religionsgemeinschaft."

Von Juden, die im ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich kämpften und gefallen seien, erzählt Abrahamsohn. Erzählt vom Vater ("ein Schlitzohr"), der von Stettin nach Marl zog, der nicht so religiös war wie die Mutter und deshalb auch Schweinefleisch aß. Er erzählt von den drei Brüdern, von denen zwei durch den Nazi-Terror starben, wie auch die Mutter und der Vater. Rolf Abrahamsohn ging in Marl zur evangelischen Schule, die höhere Schule musste er nach fünf Monaten, 1935, verlassen, weil die Schule "judenrein" gemacht werden sollte. Da waren auch schon alle Juden aus dem Staatsdienst entlassen worden.

"Dann kam der 9. November 1938. Ich war 13." Der Vater wurde "halb tot geschlagen und in sein brennendes Geschäft geworfen". Die Stadt Marl zwang ihn später, das Wohn- und Geschäftshaus praktisch zu verschenken. "Wir mussten noch 9000 Mark draufzahlen, wegen der Brandschäden." Der Bürgermeister damals, erinnert sich Abrahamsohn, war auch nach dem Krieg Bürgermeister "und hat sich da als besten Freund meines Vaters bezeichnet". Hier, eine der wenigen Augenblicke dieser Art, wirkt Abrahamsohn bitter, fast sarkastisch.

"Wir mussten nach Recklinghausen umziehen. Marl war judenfrei." Der 14-Jährige arbeitete in einer Schwefelfabrik, um sich und die Mutter zu ernähren. Der Vater war mit einem anderen Bruder nach Belgien geflüchtet. Beide wurden später nach Auschwitz transportiert. Am 12., 13. Januar 1942 wurden die Recklinghäuser Juden gesammelt und zum Wildenbruchplatz nach Gelsenkirchen gebracht, dann in Personenzüge verladen, die zuerst nach Dortmund fuhren. "Acht Tage dauert die Fahrt bis Riga. Da war Gott sei dank ein bisschen Eis auf dem Fenster, das wir auflecken konnten." In Riga habe man zuvor etwa 12 000 lettische Juden erschossen, um Platz für die Juden aus Deutschland zu machen. Ältere wurden zu Tausenden im Wald umgebracht. 1943 wurde das Ghetto in Riga aufgelöst. Zuvor brachte die SS die Kinder "zum Impfen". "Sie wurden alle umgebracht."

Dann ging's mit dem Schiff nach Danzig und schließlich zurück in die Heimat: "Beim Bochumer Verein mussten wir Granathülsen drehen. Das war das schlimmste KZ." Weitere Station war das KZ Buchenwald, dann sollte es weitergehen nach Dachau. Mehrfach erwähnt Rolf Abrahamsohn den Namen Hans Frankental. Der habe ihn zu einem anderen Waggon umgelotst, der nach Theresienstadt fuhr. "In Dachau haben sie die Waggons einfach auf dem Gleis vergessen. Alle Menschen drin sind gestorben." Am 8. Mai 1945 wurde das KZ Theresienstadt von den Russen befreit. Noch einmal wird Abrahamsohn sarkastisch, als er von der Rückkehr nach Recklinghausen erzählt. Eine Nachbarin habe ihm erzählt "Wir haben auch viel durchgemacht". Damit habe sie die Wäsche gemeint, die ihr über Nacht von der Leine gestohlen wurde.

Voll Dankbarkeit und mit Heiterkeit erzählt er von seinem 80. Geburtstag, der in Marl gefeiert wurde. 300 Gäste kamen. "Ich dachte, es ging um den Grimme-Preis."

WAZ Gelsenkirchen-Buer vom 27. November
und WAZ Gelsenkirchen, 28. November 2007, von Christian Scholz

Der Zeitzeuge Rolf Abrahamsohn berichtete aus seinem Leben

Zum Auftakt der Holocaust-Projektwoche des 10. Jahrgangs der Martin-Luther-King-Schule berichtete der Marler Zeitzeuge Rolf Abrahamsohn am 5. Februar 2004 vor ca. 90 Schülerinnen und Schülern unserer Schule von seiner Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus.

Rolf Abrahamsohn wurde am 9. März 1925 in Marl geboren. Er ist jüdischen Glaubens, ist aber mit christlichen Jugendlichen groß geworden. 1931 wurde Herr Abrahamsohn in die evangelische Goetheschule in Brassert eingeschult. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 war er 8 Jahre alt. In diesem Alter bekam er nicht viel von der Politik mit. Für die Bezeichnung "Saujude", die er von einem Mitschüler zu hören bekam, hat sich der Lehrer bei den Eltern noch persönlich entschuldigt.

Das Kaufhaus Abrahamsohn an der Loestraße in MarlDas Kaufhaus Abrahamsohn an der Loestraße in Marl

Aber 1937 bemerkte auch Rolf die Einschränkungen gegenüber jüdischen Geschäftsleuten. Vor dem Textilgeschäft der Familie Abrahamsohn wurden Schilder aufgestellt mit der Aufschrift: "Kauft nicht bei Juden". Wer dennoch einkaufte wurde fotografiert. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Brutalität der Nationalsozialisten gegenüber jüdischen Familien auch in Marl deutlich. Das Geschäft der Familie Abrahamsohn wurde angezündet, der Vater niedergeschlagen und im brennenden Geschäft hilflos liegen gelassen. Mutter und Söhne retteten ihn aus dem in Flammen stehenden Laden. Sie suchten Herrn Dr. Manz auf, der den Vater pflegte.

Nach der Pogromnacht wurde sein Vater ins Parteibüro in Marl gerufen , weil die jüdische Bevölkerung die Sachschäden der Pogromnacht bezahlen musste. Er sollte das Haus, dass der Partei so gut gefiel, verkaufen oder er würde im KZ landen. Zwei Tage später flüchtete sein Vater mit demältesten Sohn nach Belgien, für diese Flucht mussten sie 2000 Reichsmark bezahlen. Für die Flucht der gesamten Familie fehlte das Geld, so dass Frau Abrahamsohn mit den anderen Kindern in Deutschland bleiben musste. Aus Belgien schickte sein Vater sein Einverständnis zum Verkauf des Hauses, weil die Nationalsozialisten die Mutter unter Druck setzten. Nachdem die Nazis das Haus für sich hatten, musste die Familie Abrahamsohn Marl innerhalb von 2 Tagen verlassen. So zogen sie auf dem Pferdewagen der Familie Keller nach Recklinghausen. Auch alle anderen jüdischen Familien mussten Marl 1938 verlassen und Marl war "judenrein".

Rolf Abrahamsohn lebte mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder bis 1941 in Recklinghausen, wo er bei der Ruhrgas AG Zwangsarbeit leisten musste. Herr Abrahamsohn fuhr nachts oder abends nach Marl, um für seine und andere jüdische Familien Lebensmittel zu holen. Wäre er oder die Deutschen, die ihm geholfen hatten, erwischt worden, wäre er von den Nazis hingerichtet worden.

In der Zeit in Recklinghausen bekam sein jüngerer Bruder Norbert Diphtherie und ist an dieser Krankheit gestorben, weil kein Arzt ein jüdisches Kind behandeln wollte. Nach diesem schweren Schock wollte Rolf mit seiner Mutter zu seinem Vater und Bruder nach Belgien flüchten, aber wegen des bevorstehenden Krieges wurde kurzfristig die Grenze zugemacht. Dann wurden er und seine Mutter nach Riga ins Ghetto deportiert, wo die Mutter umkam.

Von Riga aus wurde Rolf Abrahamsohn ins KZ Kaiserwald gebracht, wo er hart arbeiten musste. Dann wurde er nach Buchenwald in die Nähe von Weimar transportiert, wo er zwei Monate verbringen musste, daran anschließend kam er nach Bochum, wo er im Bochumer Verein in 12-Stunden-Schichten Granaten drehen musste. Falls man diese Aufgabe nicht schaffte, bekam man Brotentzug. Im Jahre 1944 kam Herr Abrahamsohn mit wenigen Leute nach Buchenwald zurück. Er musste unter strenger Aufsicht der Wachen im Steinbruch arbeiten. Als 1944 Weimar von den Russen eingenommen wurde, mussten die russischen Kriegsgefangenen, unter die sich Rolf gemischt hatte, vom KZ wegtransportiert werden.

Sie saßen 8 Tage lang ohne Nahrungsmittel im Waggon. Als sie schließlich in Marienbad ankamen, lebte von den Menschen im Waggon kaum noch jemand. In Marienbad wurden noch offene Waggons mit Häftlingen aus Ausschwitz an den Zug angehängt. Plötzlich ging ein Tieffliegeralarm los und die Türen öffneten sich, so dass Herr Abrahamsohn flüchten konnte.

Unter den Häftlingen aus Auschwitz erkannte Herr Abrahamsohn zwei Freunde, daher stieg er auf die offenen Waggons, die nachts in Theresienstadt ankamen. Zwei Monate später wurde Herr Abrahamsohn in Theresienstadt von den Russen befreit. Bei der Befreiung wog er nur noch 68 Pfund. Als er dann von den Russen gesundgepflegt wurde, musste sich Herrn Abrahamsohn entscheiden, ob er nach Russland wollte oder zurück in seine Heimat. Er entschied sich für die Rückkehr nach Deutschland und wurde in Recklinghausen herzlich aufgenommen. Von dort ist er dann nach Marl gekommen und hat hier sein Geschäft aufgebaut.

Nach dem Kriegsende 1945 suchte Herr Abrahamsohn im Ausland alte Freunde auf. Er hat im Sport ein wenig mitgeholfen und Jugendbegegnungen organisiert. Er versuchte Kontakte mit Dänemark und mit anderen Staaten herzustellen. Aber auch nach dem Krieg spürte Herr Abrahamsohn Antisemitismus in Marl. Auf einem Gartenfest, zu dem er auch eingeladen war, waren angeblich alle Tisch besetzt, obwohl viele Stühle leer standen. Verständlicherweise war er sehr enttäuscht und hat sich seitdem von allen Veranstaltungen in Marl zurückgezogen.

Wir sind ihm dankbar, dass er für uns eine seiner seltenen Ausnahmen gemacht und uns aus dieser Zeit berichtet hat.

Mediha Cansiz, Tanja Kunkel, Kevin Waal (Klasse 10c der Martin-Luther-King-Schule - Gesamtschule der Stadt Marl)
Erstveröffentlichung auf http://www.mlks.marl.de


Andreas Jordan, August 2008

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