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"Ich bin ein Stern" - Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit

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Wir sind die Zukunft Wer die Auswüchse der NS-Zeit verstehen will, muss sich mit der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 beschäftigen. Das gilt nicht nur für Erwachsene, sondern besonders für Kinder und Jugendliche, die ein Recht auf Beantwortung zu Fragen der deutschen Geschichte haben.




Dossier: Lernen aus der Geschichte

Historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus will nicht nur Informationen über Ereignisse, Namen und Daten vermitteln. Vielmehr sollen Lernende angeregt werden, dieses Wissen zu reflektieren und es mit ihrer Gegenwart zu verbinden. Das Lernen aus der Geschichte soll das Lernen über die Geschichte ergänzen. Mehr als sechs Jahrzehnte nach den Verbrechen des Nationalsozialismus finden wir kaum noch Zeitzeugen, die aus erster Hand über ihre Erlebnisse berichten können. Wie Jugendlichen die Geschichte dennoch auf lebendige Weise erfahren und erforschen können, zeigt dieses Dossier. Der Fokus der insgesamt 23 Texte liegt auf projektorientierten Methoden. Außerdem werden exemplarische Konzepte und Erfahrungen aus der schulischen und außerschulischen Praxis vorgestellt.

Das Dossier ist als PDF-Datei zum Download verfügbar. Alle Beiträge sind unter der Creative-Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de lizensiert.

→ Bundeszenratle für politische Bildung: Lernen aus der Geschichte


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KinderWelten: Ich bin ein Stern

Wunderbares Buch nicht nur für jüdische Kinder: Das erste jüdische Lesebuch für Kinder nach 60 Jahren. In Lesebuchtexten (kurzen Geschichten, Ausschnitten aus Erzählungen, Gedichten, usw.) wird über das, was Kinder bewegt, erzählt. Aber in den gängigen Lesebüchern in Deutschland finden jüdische Kinder sich nicht wieder. Sie feiern andere Feste, haben andere Familiengeschichten und leben in anderen Traditionen. Auch ihre Legenden stammen aus einer anderen Welt. Es ist deshalb notwendig, diese Welt wieder in einer Form lebendig zu machen, die der jüdischen Tradition entspricht: der Form des Buches.

Ich bin ein Stern

Sterne am Himmel, ein Stern auf der Brust.
Mama, ich weiß, ich hab’s längst gewusst,
Kein Zeichen der Schande ist er, mein Stern,
Ich trag ihn mit Stolz, ich trage ihn gern.

Ein Stern als Lohn, der höchste Preis,
So war es immer, ja, Papa, ich weiß.
Es ist mir egal, was die anderen sagen,
Ich will ihn für mich und trotz allem tragen.
Ich bin ein Stern.

Wenn sie über mich lachen, wenn sie mich schelten,
für mich soll der Stern etwas anderes gelten.
Sie starren mich an, sie zeigen auf mich,
sie sind ohne Stern, der Stern bin ich.

Sie sind von G’tt, die Sterne der Nacht.
Auch mich, auch mich hat er gemacht.
Weine nicht, Mama, hör mein Versprechen,
Niemand wird meine Seele zerbrechen.
Ich bin ein Stern.

Von Inge Auerbacher, in: Kinderwelten, ein jüdisches Lesebuch (Gebundene Ausgabe) von Alexa Brum, Rachel Heuberger, Manfred Levy (Autoren) ISBN-10: 3925845704 / ISBN-13: 978-3925845703

Kinderzeichnung auf einer Postkarte

Kinderzeichnung auf einer Postkarte

Rückseite

Rückseite

Zeichnung eines jüdischen Kindes aus Gelsenkirchen, 1941.
Quelle: Archiv Gelsenzentrum e.V., Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen

Der so genannte "Judenstern" (auch: Gelber Stern) war eine im Nationalsozialismus eingeführte Zwangskennzeichnung für Personen, die nach nationalsozialistischem Recht als Juden galten. Er bestand aus zwei überlagerten, schwarzumrandeten gelben Dreiecken, die einen handtellergroßen sechszackigen Stern nach Art eines Davidsterns bildeten. Darin befand sich die schwarze Aufschrift „Jude“, deren nach links geschwungene Buchstaben die Hebräische Schrift verhöhnen sollten.

Das Tragen des Zwangskennzeichens wurde ab September 1939 im besetzten Polen und ab dem 1. September 1941 im Deutschen Reich und in weiteren von Deutschen besetzten Gebieten durch den Reichsinnenminister verordnet. Es markierte den Höhepunkt der 1933 begonnenen, nun öffentlich sichtbaren sozialen Ausgrenzung, Diskriminierung und Demütigung der jüdischen Minderheit. Gleichzeitig diente es ihrer Auffindung für die damals beginnenden planmäßigen Judendeportationen in die Ghettos und Konzentrationslager und schließlich in die Vernichtungslager in Osteuropa. Der "Judenstern" war damit eine sichtbare Maßnahme zur Durchführung des Holocausts. Vgl. auch: Wikipedia


"Papa, wer ist Hitler?" Vor dieser Frage sollten Eltern keine Angst haben

Irgendwann kommt die Frage: "Papa, wer ist Hitler?" Oder ein Kind beschimpft ein anderes als "Jude" oder "Nazi" - ohne zu wissen, was damit gemeint ist. Eltern irritieren solche Fälle, vor allem, wenn ihre Kinder klein sind. Fragen Kinder nach den Nazis, Krieg und Judenverfolgung, sollten Eltern ehrlich antworten, ohne dabei Vollständigkeit anzustreben. "Orientieren Sie sich an den Fragen der Kinder", rät Ariane Garlichs, Erziehungswissenschaftlerin aus Kassel.

Eine Vorstellung haben sie schon

Müssen tatsächlich schon Siebenjährige von Krieg und Verfolgung hören? "Es gab viele Jahre die Diskussion, ob man Schreckliches nicht von Kindern fernhalten muss", weiß Dirk Lange von der Uni Oldenburg. "Aber Untersuchungen zeigen, dass schon kleine Kinder Vorstellungen von der NS-Zeit haben", sagt der Professor für Didaktik der Politischen Bildung.

Ängsten vorbeugen

Die Informationsfetzen stammen aus den Medien, aus Gesprächen von Erwachsenen oder resultieren aus der Familiengeschichte, etwa wenn ein Angehöriger im Krieg gefallen ist. Kommen Fragen oder spielen Kinder plötzlich Hitler, ist es Zeit, mit ihnen über die Nazizeit zu sprechen. Tun Eltern das nicht, kann das negative Folgen haben, warnt Lange: "Mit dem Halbwissen der Kinder sind Vorstellungen und Ängste verbunden. Gibt es keine Auseinandersetzung damit, können sich die Kinder hineinsteigern." Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich das Halbwissen verfestigt: "Wenn das Thema dann in der Schule behandelt wird, haben die Kinder schon genaue Vorstellungen von der NS-Zeit."

Die Kinder im Mittelpunkt

Aus all dem folgt aber nicht, dass Eltern mit ihren Kindern von sich aus über Krieg und Nationalsozialismus sprechen müssen. Und schon gar nicht, dass sie ihr gesamtes Wissen darlegen sollten: "Es darf nicht das Aufklärungsinteresse der Eltern im Mittelpunkt stehen. Bleiben Sie bei den konkreten Fragen der Kinder", rät die Kasseler Professorin Ariane Garlichs.

"Sinn für Gerechtigkeit"

Doch wie antworten Eltern auf die Frage "Was sind Nazis"? "Ich würde damit anfangen, dass Nazis für Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung standen", ergänzt der Oldenburger Kollege Lange. "Dass andere oder sie selbst mal ausgegrenzt werden, ist eine Erfahrung, die Kinder selbst machen. So stellt man den Bezug zu ihrem Alltag her." Im Grundschulalter hätten Kinder einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, fügt Monica Kingreen vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main, einem Studienzentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, hinzu. "Kinder finden es schnell gemein, wie die Nazis beispielsweise die jüdischen Deutschen behandelten."

Eine Biografie

Damit Geschichte für Kinder nachvollziehbar wird, rät Kingreen, von der Biografie eines Verfolgten auszugehen. "Allerdings würde ich nicht gleich Anne Frank nehmen, die gewaltsam zu Tode kam, sondern ein Kind, das mit seiner Familie überlebte - wie Inge Auerbacher", sagt sie. Der Hinweis, dass viele andere umkamen, sollte dann nicht fehlen.

Monate bis zur nächsten Frage

Fast jede deutsche Familie ist in irgendeiner Form mit der NS-Zeit verstrickt - sei es durch Flucht, den Tod eines Angehörigen oder dessen Täterschaft. Vor einem Gespräch über den Nationalsozialismus wäre es daher wichtig, dass sich Eltern über ihre eigene Haltung bewusst werden: "Was sind meine Interessen? Möchte ich vielleicht die Familiengeschichte reinwaschen?" Eine weitere Gefahr sieht Ariane Garlichs darin, dass Kinder zu Stellvertretern werden. Also dass die Eltern mit ihnen Dinge besprechen, die sie eigentlich mit ihren eigenen Eltern hätten klären sollen. Es sollte aber nur um die Fragen der Kinder gehen. "Die wollen gar nicht alles wissen. Manchmal dauert es Monate, bis die nächste Frage kommt."

Carina Frey, Januar 2008


Vorschlag für ein Klassenprojekt: "Und im Fenster der Himmel"

 Im Haus der Ostervelds in Usselo war das Versteck von Annie und Sini.Bild: AG Ludgerus-Schule Heiden;
Im Haus der Ostervelds in Usselo war das Versteck von Annie und Sini.

Das Buch "Und im Fenster der Himmel" von Johanna Reiss beschreibt die Lage der jüdischen Bürger in Holland um 1939-1945 sehr spannend und genau. Die jüdische Familie de Leeuw mit der sechs jährigen Annie, der 15 jährigen Schwester Sini und der 21 jährigen Schwester Rachel erlebt mehr Tiefen als Höhen in der Kriegszeit, sie versuchen zu fliehen. Ob es gelingt, müsst ihr selber nachlesen. Und natürlich noch die migränekranke Mutter Sophie und der Vater, der als Viehhändler arbeitet. Die jüdischen Familien werden verfolgt und bekommen immer mehr Verbote. In diesem Buch wird beschrieben, wie die kleine Annie die ganze Situation erlebt.

Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort: "Mein Buch will kein Geschichtsbuch sein, auch wenn es Einblick in diese Zeit vermittelt. Es ist ein sehr persönlicher Bericht. Ich habe versucht, eine einfache, menschliche Geschichte zu erzählen, aus der Sicht des Kindes, das ich damals war. Sie berichtet von dem, was meine Schwester und ich erlebt haben, von der Familie, die uns aufgenommen und versteckt hat, von Menschen, die nicht einfach Helden waren, auch wenn sie ihr Leben für uns riskierten, sondern Menschen mit Güte, Anstand und Tapferkeit, aber auch mit Schwächen."

Johanna Reiss: Und im Fenster der Himmel. dtv 3-423-07807-3

Seit Herbst 2005 stehen Lehrpersonen umfangreiche Study Packs (von Sixtina Harris und Ursula Keim) zur Verfügung:
Teil 1: Vorschläge für die Erarbeitung des Buchs im Unterricht und
Teil 2: Ziele einer Spurensuche und Hinweise für die Durchführung
Für Interessierte, die sich nicht selbst auf die Spurensuche machen können, oder zur unterrichtlichen Erarbeitung gibt es ein Video (Teil 3), das diese Spurensuche zeigt. (Dauer: 24 Min.)

Die Materialien werden herausgegeben von der "STICHTING VRIENDEN VAN KOLLE KAAL". Erlöse aus dem Verkauf der Materialien gehen an die Stiftung.

Weitere Informationen und Bestellung über: → STICHTING VRIENDEN VAN KOLLE KAAL
Frau Sixtina Harris
Gerhard-Hauptmann-Str. 27
46325 Borken


Weblinks zum Thema:

Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit

→ lernen aus der Geschichte - Unterrichtsmaterialien, Beratung und Projektförderung

Datenbank Jugendliteratur Nationalsozialismus

Das NS-Dokumentationszentrum zu Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus in Köln hat eine interaktive Datenbank ins Netz gestellt, in der man Kinder- und Jugendliteratur zum Nationalsozialismus und Neonazismus recherchieren kann.

→ Lehrer-Online: Unterrichten mit digitalen Medien


V.i.S.d.P.: Andreas Jordan, August 2008

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