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Familie Groß

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Die Verfolgung einer Familie in den Erinnerungen zweier jüdischer Mädchen aus Gelsenkirchen

Die Familie Groß lebte schon lange in Gelsenkirchen. Der Kaufmann Moritz Groß, geboren am 26. Oktober 1867 in Bobau im westpreußischen Landkreis Preußisch Stargard, war mit der Industrialisierung nach Gelsenkirchen gekommen und hatte ein Schuhgeschäft gegründet. Dieses Schuhgeschäft befand sich an der Bahnhofstraße 13, wo der Kaufmann mit seiner Frau Rosalie und drei Kindern seit 1899 auch wohnte, ein weiteres Kind war mit zwei Jahren gestorben. Moritz Groß starb am 28. Oktober 1933 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf bestattet. Das Geschäft wurde von seinem Sohn Hugo übernommen. Hugo Groß war am 9. Mai 1892 in Gelsenkirchen geboren worden. Er hatte Grete Camnitzer geheiratet. Sie stammte aus Hagen, wo Sie am 19. März 1899 das Licht der Welt erblickt hatte. Diese Generation der Familie Groß hatte zwei Töchter, Ursula, geboren am 11. Februar 1924 in Gelsenkirchen, und Lieselotte, am 27. Juni 1927 gleichfalls in Gelsenkirchen geboren.

Hugo Groß hatte wie viele andere deutsche Bürger als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen müssen und kehrte erst Ende 1918 vom Militär nach Gelsenkirchen zurück. Hugo Groß führte das elterliche Schuhgeschäft weiter. Die Familie wurde wie die anderen jüdischen Bürgerinnen und Bürger Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Im Jahr 1937 musste sie das Geschäft unter Preis abgeben, wurde also von der so genannten "Arisierung" betroffen. [1]

Auch die Wohnung in dem Geschäftshaus, das die Familie abgeben musste, musste verlassen werden. Spätestens in diesem Zusammenhang dürfte bei der Familie der Entschluss gereift sein, dass sie Deutschland verlassen müsste, was dem Vater, der im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen war, wohl sehr schwer fiel. Am 4. Januar 1939 wurde die Familie Groß aus Gelsenkirchen abgemeldet, zuerst waren die Kinder in die Niederlande geschickt worden, Hugo und Grete Groß folgten kurz danach. Das "Dritte Reich" bürgerte Hugo und Grete Groß sowie ihre beiden Töchter Ursula und Lieselotte am 9. Juli 1941 aus.

Auch nach ihrer Flucht in die Niederlande war die Familie allerdings nicht sicher vor der Verfolgung, da das "Dritte Reich" ja bald ganz Europa mit Krieg überzog. Auch erlangten die Eltern offensichtlich keinen legalen Status in den Niederlanden und wurden in einem Lager in Westerbork interniert. Die Tochter Ursula, die bei einer niederländischen Familie untergekommen war, ging freiwillig zu den Eltern ins Lager, während die Tochter Lieselotte noch nach Großbritannien entkam. Das Internierungslager in der Provinz Drenthe war 1939 von der niederländischen Regierung für illegal eingereiste jüdische Flüchtlinge geschaffen worden und wurde nach der Besetzung der Niederlande von den Deutschen übernommen. Von 1942 bis 1944 es als Durchgangslager für Deportationen in die Vernichtungslager im Osten.

Aus Westerbork wurden 97.776 Juden mit 103 Zügen deportiert. Die aus der Zeit vor der deutschen Verwaltung des Lagers stammenden Häftlingen blieben als "Dauerhäftlinge" jedoch verschont. In Westerbork gab es etwa 2.000 solcher "Sonderhäftlinge", zu denen auch die Familie Groß gehörte. Mit dem letzten Transport wurden Hugo, Grete und Ursula Groß am 4. September 1944 nach Theresienstadt gebracht. Hugo Groß wurde von dort weitertransportiert und ermordet. Mutter und Tochter wurden nach Auschwitz deportiert. Dort wurden sie getrennt.

Grete Groß überlebte, weil sie bei der Räumung des Lagers schwer krank zurückgelassen wurde und nach der Befreiung von der Roten Armee wieder gesund gepflegt wurde. Ursula Groß wurde in der Endphase des "Dritten Reichs" bei einer Munitionsfabrik in Öderan zur Zwangsarbeit eingesetzt. Sie überlebte den Nationalsozialismus schließlich in Theresienstadt, wohin sie bei Ende des "Dritten Reichs" zurückgebracht wurde. Nach der Befreiung ging sie zurück in die Niederlande.

Die beiden Töchter aus der Familie Groß, in der Gegenwart Ursula Wertheimer und Leslie Diamond, schilderten aus ihrer jeweiligen Erfahrung die Verfolgung ihrer Familie und ihr Überleben. Sie fassten ihre hier nur geringfügig sprachlich überarbeiteten Erinnerungen 2001 schriftlich zusammen, wobei sie sichtbar zusammenarbeiteten.


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Bericht von Ursula Wertheimer-Gross

Ich wurde am 11. Februar 1924 in Gelsenkirchen, Deutschland, geboren. Meine Eltern waren Hugo Groß und Grete Groß, geborene Camnitzer. Ich war die erste Tochter, da meine einzige Schwester, Liselotte, am 27. Juni 1927 geboren war. Wir wohnten während unserer Kindheit in Gelsenkirchen. Unser Vater und unser Großvater, Moritz Groß, hatten ein Schuhgeschäft, das Schuhhaus Gross, an der Bahnhofstraße. Wie ich mich erinnere, war das ein großes Haus, nicht weit von der Synagoge. Wir gingen regelmäßig zur Synagoge, um am jüdischen Religionsunterricht und am Gottesdienst teilzunehmen. Wir hatten früher ein angenehmes und friedliches Leben. Mein Vater war im Laden sehr beschäftigt und hatte nicht viel Zeit für uns. Nachdem mein Opa Moritz gestorben war, kam meine Oma Rosalie, geborene Weinberg, zu uns. Nachdem die Nürnberger Gesetze gegen Juden erschienen, wurde mein Vater gezwungen, das Geschäft mit großem Verlust aufzulösen.

Da unter Hitler die Parole "Kauft nicht bei Juden" galt, musste er sich als Reisender schwer sein Brot verdienen. Wir zogen in eine kleine Wohnung in der Teutstraße 9, in die zweite Etage, weil wir aus unserem Haus heraus mussten. Die ersten Schulklassen besuchten wir in der jüdischen Schule, bis wir auf das Lyzeum kamen. 1938 wurden aber alle jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen ausgesperrt, und die jüdische Gemeinde organisierte unseren weiteren Unterricht in Essen, wo auch viele andere Kinder aus der Umgebung aus den höheren Schulen Unterricht erhielten. Ich fuhr täglich mit dem Zug dorthin.

An den 9. November 1938 erinnere ich mich noch genau, und ich habe bis jetzt noch schlechte Träume darüber. Mitten in der Nacht gab es einen schrecklichen Lärm, und eine Gruppe von SA-Männern brach in unsere Wohnung ein. Sie zertrümmerten die Möbel und warfen die Vitrine um (den Krach höre ich jetzt noch, wenn ich daran denke), und alles, was wertvoll war, wurde aus dem 2. Stock auf die Straße geworfen. Sie schlugen meinen Vater mit Knüppeln blutig, bevor sie endlich gingen. Wir waren alle entsetzt und machten kein Auge zu in der Nacht. Mein Vater wurde mitgenommen und ins Gefängnis gebracht.

Nach dieser Zeit sah sogar mein Vater ein, dass auch er als früherer Frontsoldat mit einem Eisernen Kreuz nicht mehr in Deutschland sicher war. Meine Eltern reichten Einwanderungspapiere nach Holland ein, wo die Schwester meiner Mutter wohnte, sie war auch mit der Familie aus Hagen vertrieben worden. Am 31. Dezember 1938 setzte unsere Mutter meine Schwester Liselotte und mich in einen Zug nach Holland, wo unsere Tante Else uns in Empfang nahm. Ich war 14 Jahre alt und Liselotte elfeinhalb. Wir wussten nicht, ob wir unsere Eltern noch einmal wieder sehen würden. Meine Eltern sind eine Woche später nach Holland gereist, nachdem sie ihre Geschäfte abgewickelt hatten. Sie durften nur 10,00 Mark pro Person mitnehmen.

Meine Schwester und ich konnten nicht bei unserer Tante bleiben und wir sind nach ein paar Tagen getrennt zu zwei verschiedenen holländischen Familien gekommen. Als die Deutschen Holland überfielen und besetzten, wusste ich inzwischen, dass meine Eltern im Lager Westerbork waren, damals noch unter holländischer Leitung. Ich bin dann, 16 Jahre alt, alleine dorthin gegangen, weil ich bei meinen Eltern sein wollte. Das Lager ist kurz danach von den Deutschen übernommen worden. Wir sind dort vier Jahre geblieben und in der Zeit ging jeden Dienstag ein Transport von Juden in die verschiedenen Vernichtungslager, u.a. nach Auschwitz.


Wir alle hoffen, dass nie wieder so etwas Schreckliches passieren soll. Vielleicht kann dieser Bericht etwas Gutes dazu beitragen.


Noch mit dem allerletzten Transport am 4. September 1944 (alle Leute in Viehwagen ohne Sitzplätze) wurden meine Eltern und ich nach Theresienstadt in der Tschechoslowakei deportiert. Mein Vater wurde mit vielen anderen Männern drei Wochen später abtransportiert, wir wussten nicht wohin, man sagte in ein Arbeitslager. Ich habe ihn nie mehr gesehen. Ich habe später gehört, dass er auf einem Todesmarsch erschossen wurde, wie alle anderen auch, die nicht mehr mitlaufen konnten. Er war nur 53 Jahre alt.

Meine Mutter und ich wurden einige Wochen später nach Auschwitz in Viehwagen transportiert, wo wir einen unbeschreiblichen Zustand antrafen. Es ist zu peinlich für mich, hierüber zu berichten. Es ist genug bekannt, wie es dort zugegangen ist ... Dort wurde uns u.a. eine Nummer auf den Arm tätowiert und wir wurden kahl geschoren. Wir mussten unsere Kleidung ausziehen und bekamen alte Sachen zugeworfen, die meistens nicht passten. Nach drei Tagen mussten wir alle von den Pritschen aufstehen und nackt vor dem Lagerkommandant vorbeilaufen, das war im Januar! Es wurden 200 Leute gebraucht für Arbeit in einer Munitionsfabrik in Oderan (bei Chemnitz). Weil wir 209 waren, wurden die ältesten - worunter meine Mutter - aussortiert, um in Auschwitz zu bleiben. Sie ist nachher schwer krank geworden (sie konnte nicht mehr sehen und hören, sie war so gut wie am Ende) und die Deutschen haben sie liegen gelassen. Als die Russen kamen, lebte sie noch und die haben sich um sie gekümmert und ihr geholfen.

In Oderan mussten wir bei einer früheren Maschinengarnfabrik, umgebaut zu einer Munitionsfabrik, arbeiten. Wir wohnten in einem Haus mit Gittern neben der Fabrik. Es war schwere Arbeit und es gab sehr wenig zu essen. Wenn wir beim Appell standen (zweimal pro Tag), bückten wir uns manchmal, um von dem Abfall von einer Kantine etwas zu essen aufzuheben. 200 junge Frauen, nirgendwo ein Spiegel, man hatte sich selbst schon lange nicht mehr gesehen. Nur eine Frau hatte eine kleine Scherbe von einem Spiegel, die von Hand zu Hand ging. Nachdem Läuse entdeckt wurden, wurden alle Strohmatratzen verbrannt und es kamen zu wenig neue, so dass wir zu zweit auf einer Pritsche liegen mussten. Kurz nach meinem 21. Geburtstag wurde Dresden bombardiert und wir waren in einem Schutzkeller unter der Fabrik.

Es gäbe noch viele andere schreckliche Sachen zu beschreiben, aber ich kann davon nicht mehr erzählen. Im April 1945, als die Russen in die Nähe kamen, wollten die Deutschen nicht, dass wir ihnen in die Hände fielen, also wurden wir wieder in Viehwagen gesteckt und ohne Ziel endlos hin und her geschoben, tagelang, oft unter Beschuss von alliierten Flugzeugen, die nicht wussten, wer sich in den Züge befand. Schließlich überzeugte unsere Lagerälteste die Lagerkommandantin von Oderan, die bei uns war, den Zug zurück nach Theresienstadt fahren zu lassen. Wir waren alle fast noch kahl, ganz mager, hungrig und total erschöpft. Die Leute, die nicht aus Theresienstadt herausgekommen waren, haben sich zu Tode erschreckt, als sie uns sahen. Einige Tage später ist das Lager von den Russen befreit worden. Im Mai wurden wir nach Holland zurücktransportiert — eine lange Reise, weil wenig Züge fuhren. Am Bahnhof in Amsterdam fand ich in einem Auffangzentrum eine Karte von meiner Tante, die untergetaucht gewesen war, mit ihrer Adresse für die Verwandten. Ich bin dort hingegangen. Nach etwas mehr als einer Woche habe ich dann meine Mutter am Bahnhof abholen können, nachdem ich erfahren hatte, dass sie noch lebte. Unterwegs war sie einige Tage im Krankenhaus gewesen und jemand hatte die Nachricht weitergegeben.

Als der Krieg zu Ende war, war ich 21 Jahre alt. Es hat noch lange gedauert, bis wir wieder eingebürgert wurden. Schwierige und traurige Zeiten — ich verlor meinen Vater, meine Großeltern und viele andere Verwandte. Unsere Tante Grete Stern, geborene Gross ist Anfang des Krieges aus Dortmund abgeschoben worden, und ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Meine Jugendfreundinnen habe ich nie mehr gesehen. Unsere Jugend und Geliebten sind uns genommen worden und dafür gibt es lebenslänglich einen Alptraum.

Ende 1946 lernte ich meinen jüdisch-ungarischen Mann kennen, der in Holland drei Jahre untergetaucht war. Wir heirateten 1947 und bekamen zwei Söhne, die auch verheiratet sind und ich habe heute fünf Enkel. Mein Mann ist 1986 gestorben. Meine Mutter ging nach dem Krieg nach Amerika, wiederverheiratet mit einem Mann aus Gelsenkirchen. 1975 ist sie zum zweiten Mal als Witwe nach Holland gekommen und 1989 gestorben. Meine Schwester lebt in Amerika, verheiratet mit einem jüdischen deutschen Mann aus Dresden und hat zwei Töchter. Wir alle hoffen, dass nie wieder so etwas Schreckliches passieren soll. Vielleicht kann dieser Bericht etwas Gutes dazu beitragen.


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Bericht von Leslie Gross-Diamond

Ich wurde am 27. Juni 1927 in Gelsenkirchen, Deutschland, geboren. Meine Eltern waren Hugo Groß und Grete Groß, geborene Camnitzer. Ich war ihre zweite Tochter, da meine einzige Schwester, Ursula, am 11. Februar 1924 geboren wurde. Wir wohnten in Gelsenkirchen während unserer Kindheit. Unser Vater und unser Großvater, Moritz Groß, hatten ein Schuhgeschäft, das Schuhhaus Groß, an der Bahnhofstraße. Wie ich mich erinnere, war das ein großes Haus, nicht weit von der Synagoge. Wir gingen regelmäßig zur Synagoge, um am jüdischen Religionsunterricht und am Gottesdienst teilzunehmen. Wir hatten früher ein angenehmes und friedliches Leben. Unsere Mutter hat viel Zeit mit uns verbracht, obwohl wir ein Kindermädchen hatten. Mein Vater war im Laden sehr beschäftigt und hatte nicht so viel Zeit für uns.

Nachdem mein Opa Moritz gestorben war, zog meine Oma Rosalie, geborene Weinberg, zu uns. Nachdem die Nürnberger Gesetze gegen die Juden erlassen worden waren, wurde mein Vater gezwungen, das Geschäft mit großem Verlust aufzulösen. Da unter Hitler die Parole galt "Kauft nicht bei Juden", musste er als Reisender sein Brot verdienen. Die ersten Schulklassen besuchten wir in der jüdischen Schule, bis wir auf das Lyzeum kamen. 1938 wurden aber alle jüdischen Kinder aus den öffentlichen Schulen ausgesperrt, und die jüdische Gemeinde übernahm unseren weiteren Unterricht. Obwohl alle meine Freundinnen in der gleichen Lage waren, fand ich es entsetzlich, nicht weiterhin auf das Lyzeum gehen zu dürfen.

An den 9. November 1938 erinnere ich mich noch genau, und ich habe bis jetzt noch schlechte Träume darüber. Mitten in der Nacht gab es einen schrecklichen Lärm, und eine Gruppe von SA-Männern brach in unsere Wohnung ein. Sie zertrümmerten die Möbel und warfen die Vitrine um (den Krach höre ich jetzt noch, wenn ich daran denke), und alles, was wertvoll war, wurde aus dem 2. Stock auf die Straße geworfen. Sie schlugen meinen Vater mit Knüppeln blutig, bevor sie endlich gingen. Wir waren alle entsetzt und machten kein Auge zu in der Nacht.

Nach dieser Zeit sah sogar mein Vater ein, dass auch er als früherer Frontsoldat mit einem Eisernen Kreuz in Deutschland nicht mehr sicher war. Meine Eltern reichten Einwanderungspapiere nach Holland ein, wo die Schwester meiner Mutter wohnte. Am Ende Dezember 1938 setzte unsere Mutter Ulla und mich in den Zug nach Holland, wo unsere Tante Else uns in Empfang nahm. Ich war elfeinhalb Jahre alt und Ulla war 14; wir wussten nicht, ob wir unsere Eltern noch einmal wieder sehen würden. In Holland wurden meine Schwester und ich in separaten Pflege-Familien untergebracht. Wir gingen zur Schule, und ab und zu konnten wir unsere Eltern besuchen, die inzwischen auch in Holland lebten, in einem Flüchtlingslager der Holländer. Als im Mai 1940 die Deutschen Holland besetzten, bin ich durch das jüdische Komitee mit dem letzten, illegalen Schiff "Bodegraven" nach England entflohen. Da die Busse in Amsterdam schon nicht mehr fuhren, wurde meine Schwester nicht zeitig benachrichtigt; sie verpasste den Transport, und ich suchte sie auf dem Schiff vergebens. Jahrelang wusste ich nicht, was das Schicksal meiner Eltern und Schwester war.


Ich verlor meine Kindheit, mein Heim, mein normales Leben. Nie wieder darf so etwas in der Welt geschehen, was unter Hitler in Deutschland geschah.


Auf dem Schiff traf ich andere deutsch-jüdische Kinder, die vorher in einem Kinderheim, Bürgerweeshuis, in Amsterdam gewesen waren. Das Jewish Refugee Commietee in Bloomsbury House in London eröffnete für uns Flüchtlinge in zwei großen alten Häusern in Withington bei Manchester ein Kinderheim für Jungen und eines für Mädchen. Es waren zirka 25 Kinder in jedem Haus im Alter von 6—16 Jahren. Die leitenden Damen waren auch den Nazis entflohen und boten uns außer Obhut und Verpflegung auch Charaktererziehung und Kultur. Hier wohnte ich fünf Jahre. Wir lernten alle Englisch und besuchten die Volksschule. Danach lernte ich erst Kinderpflege von Babys bis zu drei Jahren, und später Büroarbeit. 1945 erhielt ich ein Visum für die USA über meinen Onkel, Dr. Martin Gross, Bruder meines Vaters und früherer Gelsenkirchener, der in Connecticut wohnte. Ich zog zu ihm und seiner Familie, beendete die Hochschule, studierte Lehramt und wurde Lehrerin für die Grundschule (erste bis achte Klasse).

Als ich nach England kam, erhielt ich zunächst monatlich einen Rot-Kreuz-Bericht von meinen Eltern, die damals in der Provinz Drente in Holland in einem Lager waren, von Deutschen bewacht. Meine Schwester wurde auch da eingeliefert. Nach ein paar Jahren hörte die Post auf. Man hörte bald Gerüchte über große Abschiebungen von Juden und anderen Unerwünschten aus Deutschland und von den K.Z. und Massenvernichtungen. Ich glaubte schon nicht mehr an ein Wiedersehen mir meiner Familie.

Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass meine Eltern und meine Schwester nach Theresienstadt deportiert worden waren. Von dort wurden meine Eltern getrennt nach Auschwitz gesandt. Mein Vater wurde dort umgebracht. Meine Mutter überlebte den Krieg, wurde aber eine körperlich und seelisch gestrafte Frau. Sie kam nach dem Krieg nach Amerika und hatte dann doch noch einige gute Jahre mit einem zweiten Ehemann, Erich Goldschmidt, auch aus Gelsenkirchen.

Als er 1975 starb, zog sie zurück nach Holland zu meiner Schwester, die wie ein Wunder den Krieg in einem Arbeitslager überlebt hatte. Nach dem Krieg hatte sie in Holland geheiratet und zwei wohlgeratene Söhne geboren, die heute beide verheiratet und Familienväter sind. Ich habe weiter studiert und habe 25 Jahre als Psychologin gearbeitet. Auch ich habe geheiratet, und zwar auch einen deutsch-jüdischen Menschen. Wir sind bald 45 Jahre zusammen, Eltern von zwei erwachsenen Frauen mit Universitätsbildung, Großeltern von drei Enkeln. Doch die schweren Zeiten der Verfolgung in der Nazizeit, nur weil wir deutsche Bürger jüdischen Glaubens waren, können wir nicht vergessen. Ich verlor meinen Vater und weitere Familienmitglieder. Ich verlor meine Kindheit, mein Heim, mein normales Leben. Nie wieder darf so etwas in der Welt geschehen, was unter Hitler in Deutschland geschah.

"Die Verfolgung einer Familie in den Erinnerungen zweier jüdischer Mädchen aus Gelsenkirchen". Erstveröffentlichung in: Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben", Essen 2004. ISBN 3-89861-249-X

Eintrag in der Gelsenkirchener Stadtchronik, 18.10.1936: Wie die National-Zeitung mitteilt, sind in letzter Zeit wieder zwei grosse jüdische Geschäfte an der Bahnhofstrasse in arischen Besitz übergegangen. Die National-Zeitung schreibt: "Die repräsentativen Geschäftsräume des Schuhjuden Gross hat das Porzellanhaus Kettgen übernommen, während der Möbeljude Broch in der Glaspassage dem arischen Möbelhändler Heiland gewichen ist. Damit ist ein weiterer erfolgreicher Schritt zur "Entjudung" der Bahnhofstrasse getan worden, der um so mehr zu bergrüßen ist, als diese größte Geschäftsstrasse unserer Vaterstadt nicht zu Unrecht als ihr Aushängeschild angesehen werden kann".

Zitat aus den Bänden 1936 - 1942 der Stadtchronik Gelsenkirchen


Andreas Jordan, Mai 2009

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