GELSENZENTRUM-Startseite

Gedenkfeier zur Pogromnacht am 9. November 2006


Rede von Oberbürgermeister Baranowski:

Grabstein auf einem jüdischen Friedhof

Bild: Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Bulmke, Wanner Sraße

Am neunten November denken wir in Gelsenkirchen, denken Menschen in ganz Deutschland und in aller Welt an furchtbare Verbrechen, an die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Am neunten November denken Millionen Menschen in ihrem Leben an Gewalt, Verfolgung und Verlust und sie denken an ihre Angehörigen, die sie im so genannten "Dritten Reich" verloren haben, viele denken an die schlimmste Zeit in ihrem eigenen Leben.

Ich freue mich, dass in Gelsenkirchen auch in diesem Jahr wieder ein so großer Kreis zusammengekommen ist, dieser Verbrechen und vor allem der verfolgten Menschen gemeinsam zu gedenken. Denn die Herrschaft der Nazis bedeutete für so viele einen unglaublichen persönlichen Verlust, aber auch für die Gesellschaft insgesamt bis heute einen unermesslichen Schaden. Wir haben durch den Naziterror und den Rassismus Millionen von Menschen verloren, darunter auch viele Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener. Und weil das häufig deutsche Juden waren, und weil am neunten November natürlich besonders der Verfolgung und Ermordung der Juden gedacht wird, ist dieser Platz hier, ist dieser jüdische Friedhof ein guter Ort des Gedenkens.

Denn jüdische Friedhöfe erinnern uns auch an die unzähligen Toten des Naziterrors, sie sind aber auch Ausdruck jüdischen Lebens und jüdischer Riten. Der jüdische Glaube geht von der Auferstehung der Toten aus. Deshalb ist es so wichtig, dass die Toten beerdigt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass sie für die Ewigkeit bestattet werden, Gräber also nicht wie auf christlichen Friedhöfen nach gewisser Zeit erneut belegt werden. Das wird auch in der Übersetzung des jüdischen Wortes für Friedhof deutlich: "Haus der Ewigkeit". - Im Tod sind alle Menschen gleich - , heißt es. Und deshalb findet man auf jüdischen Friedhöfen häufig sehr ähnliche, schlichte Grabsteine, die selten restauriert werden - mit Absicht, denn so lassen sie den Gang der Zeit erkennen. Von vielen Friedhöfen kann man bis heute auch die Verbrechen ablesen, die im so genannten "Dritten Reich" an den Juden verübt wurden. Man sieht es natürlich an so manchem Todesdatum, aber man kann auch die Spuren der Verwüstungen jüdischer Friedhöfe oft noch erkennen. Auf dem jüdischen Friedhof an der Mühlenstraße in Buer wurden zum Beispiel die Grabsteine beseitigt.

Auf diesem Friedhof hier haben viele Familien, wie Sie vielleicht sehen konnten, auf ihren Grabsteinen Gedenkinschriften anbringen lassen, die an Angehörige erinnern, die während des Nationalsozialismus keine letzte Ruhestätte gefunden haben. Auch erinnert auf diesem Friedhof eine Stele an die Männer, die noch vor den systematischen Deportationen ermordet worden waren, und deren Familien man eine Urne, gegen Nachnahme! zusandte. Dass jüdische Friedhöfe geschändet wurden, war nur ein Teil der Verbrechen, die an diesen Deutschen von Deutschen begangen wurden. Als Symbol für die Judenverfolgung steht bis heute der 9. November, die so genannte "Reichskristallnacht".

Weil der Ehrenbürger unserer Stadt, Kurt Neuwald, vor fast genau 100 Jahren geboren wurde und wir nun neben seinem Grab stehen, möchte ich aus seinen Erinnerungen an diesen schrecklichen Tag zitieren. Seine Erinnerungen machen sehr deutlich, wie subtil den deutschen Juden nach und nach nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihre Würde und schließlich Vielen das Leben genommen wurde.

Kurt Neuwald erinnerte sich: "In der Reichskristallnacht wurde ich nicht sofort verhaftet. Unsere Familie hatte am ganzen Abend Radio gehört, und so wussten wir, was sich anbahnte. Dann hörten wir in der Arminstraße, dort wohnten auch andere Juden, Scheibengeklirr und sahen, dass die SA Leute abholte. Wir, mein Vater und meine Brüder, flohen durch den Hintereingang unseres Hauses nach auswärts. Wir konnten uns bei einer nichtjüdischen Familie in Köln verstecken, acht Tage lang, bis die Verhaftungswelle zu Ende war. Dann konnten wir nach Hause zurückfahren und die Schäden, die angerichtet wurden, mit unseren eigenen Mitteln bezahlen.

Ich kann nur sagen, dass von unserem Geschäft, dem Bettengeschäft, das wir damals hatten, die Federn durch die ganze Straße flogen. Die Daunenbetten wurden zerschnitten. Alles wurde kaputt geschlagen. Viel blieb da wirklich nicht über. Anderen ging es ähnlich. In den Wohnungen wurde das Porzellan und auch die Möbel zertrümmert. Die Bilder an den Wänden wurden zerschnitten. Unsere Wohnung in der Arminstraße lag in der zweiten Etage. Nebenan hat ein SA-Sturmführer gewohnt. Der kam in der Reichskristallnacht zu uns in die Wohnung, während seine Truppe damit beschäftigt war, unser Geschäft zu zerstören. Er erklärte meiner Mutter, es täte ihm sehr leid, aber er müsse nun seine Pflicht erfüllen. Aber er wollte die Wohnung verschonen. Wenn meine Mutter ihm Geld gäbe, könne er seine Leute ablenken. Meine Mutter gab ihm 100 Mark. Der Mann ist mit seinen Leuten nach der Zerstörung des Geschäfts in eine Wirtschaft gegangen, und unsere Wohnung ist verschont geblieben." Soweit Kurt Neuwald.

Allein die Geschichte vom SA-Führer, der mit der Zerstörung der Wohnung droht und sich gegen die Zahlung einer damals beträchtlichen Summe davon abbringen lässt, macht deutlich, in was für einer unsicheren und von Willkür geprägten Situation sich die Juden in Deutschland damals befanden. Das Gefühl, solchen Menschen wie dem SA-Führer ausgeliefert zu sein, muss entsetzlich gewesen sein.

Die Repressalien hatten in der Nacht des 9. November einen ersten Höhepunkt erreicht, aber er wurde schnell übertroffen durch den alltäglichen Terror, den Kurt Neuwald ebenfalls schildert. Er beschreibt, wie Juden im Rahmen der Zusammenfassung der jüdischen Bevölkerung in so genannten Judenhäusern, in das elterliche Haus einquartiert wurden, so dass der Familie nur ein einziger Raum blieb. Alle Möbel und Gegenstände mussten verkauft werden, weit unter dem tatsächlichen Wert.

Später kam Zwangsarbeit hinzu und 1942 erfolgten die ersten großen Deportationen deutscher Juden aus dem Ruhrgebiet. 353 Juden aus dem Raum Gelsenkirchen wurden nach Riga "transportiert". Die Bedingungen waren erbärmlich: die übergroße Mehrheit der aus Gelsenkirchen deportierten überlebte das Ghetto und den Leidensweg durch die Lager nicht. Von den Menschen, die mit dem letzten großen Transport im Juli 1942 deportiert wurden, kamen gerade Vier zurück.

Das war das Ergebnis der systematischen, akribisch geplanten Judenverfolgung und -ermordung in Gelsenkirchen. Juden galten nichts mehr in der Hitler-Zeit. Das war für viele eine schlimme Erfahrung. Und auch das lässt sich an der Familie unseres Ehrenbürgers fest machen. Sein Vater Leopold war für seine Verdienste für das Vaterland im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden und dann wurde er nur wenige Jahre danach nicht mehr als Deutscher akzeptiert, sondern als Jude verfolgt und schließlich umgebracht. Dass Vater Neuwald für seine Verdienste als deutscher Soldat ausgezeichnet worden ist, macht überdeutlich: Die Familie war Teil der deutschen Gesellschaft, Teil der Gelsenkirchener Gesellschaft, und so hat sie sich auch gefühlt. Die Ausgrenzung und der Hass derjenigen, die sie als Nachbarn und Ihresgleichen gesehen hatten, muss unglaublich verletzt haben. Umso höher ist einzuschätzen, dass Kurt Neuwald, dessen 100. Geburtstag wir am 23. November feiern, nach dem Krieg nach Gelsenkirchen zurückgekehrt ist. Das haben nur sehr wenige Juden gemacht und sie mussten sich dafür teils sehr harsche Kritik ihrer Glaubensschwestern und -brüder anhören. Denn die konnten sich nicht vorstellen, wie man als Jude in Deutschland leben konnte, wo man wenige Jahre zuvor gedemütigt und verfolgt worden war und Familie und Freunde verloren hatte. Wie konnte man sich mit denjenigen wieder einlassen, die bei der Judenverfolgung und der systematischen Vernichtung von Menschenleben mitgewirkt hatten, sie toleriert hatten, oder weggesehen hatten?

Für Neuwald war es selbstverständlich, dass er in die Heimat zurückkehrte. Er wollte wieder Vertrauen fassen und er wollte mithelfen, das Land wieder aufzubauen und jüdisches Leben in Gelsenkirchen wieder möglich zu machen. Das ist ihm gelungen! Neues Leben der Gemeinde ist auch heute auf diesem Friedhof sichtbar. Traditionell sind jüdische Friedhöfe daran zu erkennen, dass die Grabsteine sehr schlicht sind, es keine Beete gibt, keine Abbildungen und keine Farben. Aber hier sieht man auch ganz andere Gräber. Die Gemeindemitglieder, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus Russland gekommen sind, haben ihre Bräuche mitgebracht. Deshalb sind hier auch bunte Gräber mit Blumen, die ganz anders sind, als wir es erwarten würden.

Das neue Leben der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen findet aber vor allem Ausdruck in der Baustelle am Platz der alten Synagoge. Hier entsteht ein neues Gotteshaus an der Stelle, wo schon immer das Zentrum jüdischen Lebens in Gelsenkirchen war: Mitten in der Stadt! Ich freue mich, dass wir im Februar die neue Synagoge endlich eröffnen können. Es ist ein weiterer Schritt dahin, jüdisches Leben wieder selbstverständlich in unserer Stadt sichtbar zu machen.

Aber diese letztlich positive Entwicklung darf uns nicht davon ablenken, wachsam zu bleiben. Wir müssen mit Blick auf die Nazizeit weiter Fragen stellen, auf die wir vielleicht nie eine Antwort bekommen: Wie waren solche Verbrechen überhaupt möglich? Mag einem einzelnen Irren die Würde des Mitmenschen, des Nachbarn, des Freundes nicht achtenswert sein, mögen einige wenige eine abstruse Rassenideologie entwickelt haben, aber wie konnten Millionen ihr Gewissen ausschalten? Wie konnte es passieren, dass Millionen denjenigen plötzlich mit Verachtung und Hass gegenüber traten, mit denen sie seit Generationen friedlich und in Eintracht Tür an Tür gelebt hatten? War es reine Pflichterfüllung, wie es der SA-Führer der Mutter von Kurt Neuwald sagte? Wohl kaum! Waren es historische oder gesellschaftliche Gründe, kann eine ähnliche Situation wiederkommen?

Alles Fragen, die uns an einem solchen Tag bewegen. Und Fragen, die mahnen. Fragen, die zu Wachsamkeit aufrufen und die uns alle fordern, zum Beispiel wenn rechtsextreme Parteien Wahlerfolge erzielen und Zulauf in vielen Orten bekommen. Fragen, die uns motivieren, gegen "Rechts" aufzustehen, wie es Bürgerinnen und Bürger, wahre Demokraten im Juni vor dem Musiktheater getan haben, als Nazis durch unsere Innenstadt ziehen wollten. Lassen Sie uns weiter Fragen stellen und wachsam sein, und für ein Miteinander der Kulturen und Religionen, für eine tolerante, bunte Gesellschaft eintreten! Glück auf! (Ende der Rede)

Andreas Jordan, Dezember 2006