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Gedenken - Die Schoa im jüdischen Religionsunterricht

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Mit diesem Land verbunden: Unbegreiflich

Im allgemeinen ist es mir während der Unterrichtsreihe über die Schoa sehr schwer gefallen, das Thema zu realisieren. Die Schoa hat etwas Unbegreifliches an sich, das es der heutigen Gesellschaft bzw. denen, die diese Zeit nicht mit erlebt haben, schwer macht, zu verstehen, was in dieser Zeit tatsächlich passiert ist.

Natürlich weiß man dank unzähliger Zeitzeugen und Dokumenten sehr viel über diese Zeit, aber all das Wissen beruht nur auf Fakten und auf Tatsachen, die der Mensch mit seinem rational denkenden Verstand begreifen kann. Das Leid aber, das sich in den Psychen der Opfer abgespielt hat, ist etwas, das man nur sehr schwer verstehen kann. Man sieht zwar, dass die Opfer dieser Zeit sehr gelitten haben und etliche Wunden - sowohl psychisch als auch physisch - davongetragen haben, aber was ein einzelner gedacht hat, als er zum ersten Mal das Konzentrationslager gesehen hat, in dem er die letzten Monate oder Tage seines Lebens verbringen würde, kann man einfach nicht realisieren.

Auch während der Lektüre von "Der Holocaust" von Wolfgang Benz, hatte ich das Gefühl, dass all die Fakten, die sehr detailgetreu aufgelistet wurden, spurlos an mir vorbei ziehen würden. Zwar habe ich einige für mich neue Dinge erfahren, aber was diese Dinge für die Juden damals bedeutet haben, durch was für ein Leid sie gehen mussten, weiß ich immer noch nicht. Ich weiß, zu was für einer Arbeit sie gezwungen wurden, und was für körperliche Qualen sie durchlebt haben, aber ich denke das größte Leid hat sich in ihren Köpfen selbst abgespielt. Zu realisieren, in was für einer Lage sie steckten und wie hilflos sie zeitweise waren, das war - so denke ich - das schlimmste überhaupt.

In dieser Theorie wurde ich auch im ehemaligen Gestapogefängnis in Köln bestätigt. Die zahlreichen Abschiedsbriefe, die an die Wände der Zellen geritzt wurden, zeugen davon, dass viele begriffen haben, dass sie nicht überleben werden. Und was sie mit diesem Gedanken gefühlt haben, kann ich nicht verstehen, da ich nie in der Situation war, begreifen zu müssen, dass ich in kurzer Zeit getötet werden würde. Auch die Tatsache, dass manche Juden gezwungen wurden, die Tötung anderer Juden "mit zu verwalten", ist ein seelisches Gräuel, wie ich es schlimmer mir nicht vorstellen kann. Ich weiß, dass das nur subjektive Gedanken sind und dass nicht unbedingt jeder so denkt, wie ich es tue, aber in gewisser Weise, so denke ich, kann niemand wirklich realisieren, was damals geschehen ist. Und diese Tatsache hat was Gutes an sich, denn könnten wir es doch, dann würden wir genauso leiden, wie die Menschen damals, und das würde verhindern, dass wir uns jemals mit den Nachkommen der "Täter" dieser Zeit endgültig versöhnen könnten, was ich für nötig halte.

Trotz all dieser Tatsachen, bin ich doch recht zufrieden mit dieser Unterrichtsreihe, da wir die Möglichkeit hatten, unsere Gefühle zu äußern, was für so ein Thema immer sehr wichtig ist. Auch hat der Unterricht in mir eine gewisse "Vorfreude" auf die Besichtigung von Theresienstadt bereitet, was hier keinesfalls als positives Gefühl verstanden werden darf, eher ist es die Freude, mehr über die Schoa zu erfahren, obwohl ich weiß, dass ich direkt während der Besichtigung wohl kaum eine Freude verspüren werde. Aber ich empfinde es als meine Pflicht, sich in gewissem Maße für die Schoa zu interessieren, da ich nur so meinen Frieden mit Deutschland schließen und ohne negative Gefühle in diesem Land leben kann, was für mich zweifellos sehr wichtig ist, da trotz der grauenhaften Geschichten, die sich auf diesem Boden abgespielt haben, Deutschland mein Heimatland ist und ich hier aufgewachsen bin. Dadurch bin ich - als deutscher Jude - für mein ganzes Leben mit diesem Land verbunden.

Von Alexander, 9 Klasse. hagalil.com / 2004-01-26

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Andreas Jordan, Oktober 2008

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