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Erinnerungsorte-Tafel für Pater Hermann Vell

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Initiative: Erinnerungsorte-Tafel für Pater Hermann Vell in Gelsenkirchen-Schalke

St. Joseph zu SchalkeBild: St. Joseph zu Schalke

Am 23. April 1941 wurde Hermann Joseph Vell Vikar an St. Joseph in Gelsenkirchen-Schalke bei Ehrendechant Pfarrer Konrad Hengsbach. Hier arbeitete er eng mit Franz Hengsbach, dem ersten Bischof von Essen und späteren Kardinal, zusammen. Hier in Gelsenkirchen begann die Odyssee des Paters Hermann Joseph Vell durch die nationalsozialistische Mordmaschinerie, die schließlich mit einem Todesurteil und der daran anschließenden Befreiung aus der Todeszelle ihr Ende nahm.

NS-Todesurteil gegen Pater Vell aus Schalke:

Joseph P. Krause übergibt 10 Ordner Dokumentation an Stadtarchiv Neuss

14.8.2011. Das Stadtarchiv Neuss hat jetzt die ersten 10 Aktenordner - die bisher umfangreichste, biographische Sammlung von Materialien zur Person des Pater Vell - übernommen und unter der Signatur D.04.K.13 archiviert. An seinem Wirkungs- und Leidensort Gelsenkirchen, wo Pater Vell an St. Joseph Schalke von der Gestapo nach der Denunziation durch den SS-Mann Wilhelm Ferlmann verhaftet wurde, war niemand an den Vell-Dokumenten interessiert. Krause hatte die Überlassung der Dokumente dem Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen in der Vergangenheit mehrfach angeboten - vergebens.

Joseph P. Krause, der seit seiner Pionierzeit in Israel offiziell auch den hebräisierten Zweitnamen "Joseph Israel Ben Gal" trägt, hatte seit 1946 Dokumente zum "Volksgerichtshof"-Todesurteil gegen Pater Vell, der mit der Familie Krause befreundet war, gesammelt. Ein Teil der Akten wurde nach dem II. Weltkrieg von NS-Kadern auch in Gelsenkirchen wiederholt bei Krause beschlagnahmt und 1983 in Neuss unter zweifachem Mordversuch aus Krauses Wohnung geraubt. So mußte Krause die Akten, von denen ein kleines Konvolut seit Jahren bei Yad Vashem in Jerusalem deponiert ist, mehrmals in mühevoller Arbeit rekonstruieren. Krause stand mit Pater Vell bis zu dessen Tod 1965 in Verbindung. Auf Antrag von Joseph P. Krause hob 1999 die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin I das Todesurteil auf.

Seit Jahren setzt sich Krause unermüdlich dafür ein, dass Pater Vell ein ehrendes Andenken im öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen gewidmet wird. Bereits im Jahr 2004 hatte Krause in einem Brief an Oberbürgermeister Baranowski geschrieben: "(...) Da Pater Vell nicht nur eine Zierde Gelsenkirchens darstellt, sondern auch der Jugend als Vorbild vorgestellt werden kann, möchte ich Sie bitten, nach Ihren Möglichkeiten Herrn Pater Vell posthum eine Ehrung der Stadt Gelsenkirchen zukommen zu lassen. Für durchaus realisierbar halte ich meinen Vorschlag, daß der bisher unbenannte Platz, auf dem die Pfarrkirche St. Joseph in Schalke steht, evtl. als "Pater-Vell-Platz" nominiert wird. Ich denke, daß ich bei Ihnen Verständnis für meine Vell-Aktion finde. (...)" Das lauthalse Schweigen aus Gelsenkirchen signalisierte Krause jedoch, dass hier weder für seinen Namenswidmungs-Vorschlag noch für die Archivierung der Vell-Dokumentation Bereitschaft vorhanden ist.

Vor dem Hintergund der Errichtung der Erinnerungsorte-Tafel werden wir die Anregung von Herrn Krause, den Platz vor der Kirche nach Pater Vell zu benennen, erneut vortragen. In Gelsenkirchen hatte es in der jüngeren Vergangenheit mehrere Benennungen von Plätzen nach Menschen, die sich dem NS-Regime entgegen stellten, z.B. den Rudolf-Bertram-Platz oder den Fritz-Rahkob-Platz, gegeben.

Institut für Stadtgeschichte prüft Textvorschlag

Dem Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen wurde im April 2011 unser Entwurf des Textes für die Erinnerungsorte-Tafel für Pater Hermann Joseph Vell übersandt.

Gemeinderat stimmt Erinnerungstafel zu

Von links: Hermann Vell, Hengsbach, Röer und Seck vor dem 
im Krieg zerstörten Jungen-Gymnasium an der Schalker StrasseVon links: Vell, Hengsbach, Röer und Seck vor dem im Krieg zerstörten Jungen-Gymnasium an der Schalker Strasse

Pfarrer Patek von der Gemeinde St. Joseph hat uns am 26. November 2009 mitgeteilt, das der Rat der Gemeinde St. Joseph der Aufstellung einer Erinnerungsorte-Tafel zum Gedenken an Pater Hermann Joseph Vell zugestimmt hat. Mit Datum vom 12. Dezember 2004 ist bereits erstmalig der Vorschlag an Oberbürgermeister Baranowski herangetragen worden, den Platz vor der Kirche St. Joseph in Schalke nach Pater Vell zu benennen. Wir, der Freundeskreis Pater Hermann Vell, werden uns nun dafür einsetzen, das dieser bisher nicht realisierte Vorschlag aufgegriffen wird und streben die Namensgebung für den Platz vor der Kirche St. Joseph zu Gelsenkirchen-Schalke an. Die Gremien der Gemeinde St. Joseph sind mit der Benennung des Kirchplatzes nach Hermann Joseph Vell (Hermann-Joseph-Vell-Platz) einverstanden.

Nachgefragt

Telefonische Nachfrage am 4. August 2009: Pastor Patek von der Pfarrei St. Joseph zu Schalke hat uns heute morgen auf telefonische Nachfrage zugesichert, dass sich die Gremien der Pfarrei nach den Ferien mit der Thematik "Erinnerungsorte-Tafel für Pater Hermann Joseph Vell" auseinandersetzen wollen.


Leben und Wirken von Pater Hermann Joseph Vell

St. Joseph zu SchalkeBild: Hermann Joseph Vell, 1962

Pater Hermann Joseph Vell, geboren am 17. November 1894 in Cochem/Mosel. Gestorben am 19. Juli 1965 in Erfurt, beigesetzt am 23. Juli 1965 auf dem Klosterfriedhof in Heiligenstadt. Herman Joseph Vell besuchte die Volksschule und das Collegium Josephinum. Anschließend ging er an das Ordensgymnasium in Vaals/Niederlande. Seinen Wehrdienst leistete Vell in der Zeit des I. Weltkrieges. Von 1915 bis 1920 befand sich Vell in französische Kriegsgefangenschaft. Nach einer Freilassung besuchte er das Bonner Collegium Josephinum, Ordensgymnasium. Am 15.03.1922 legte Hermann Joseph Vell das Ordensgelübde ab. Seine Priesterweihe empfing Vell am 24.04.1927. Vell arbeitete als Exerzitienmeister und Volksmissionar bis zur Auflösung des Bonner Klosters am 20.04.1941 durch die Nazis. Aufgrund einer Denunziation des SS-Sturmmannes Wilhelm Ferlmann [1], der auch Mitgliedes seiner Gemeinde St. Joseph zu Schalke war, wurde Vell am 01.02.1944 von der Gestapo verhaftet. Seine "Schutzhaft" sollte er im KZ Dachau absitzen. Später wird Pater Herman Joseph Vell nach Berlin-Moabit verlegt. Vell wurde vorgeworfen, an der Verteilung von Flugblättern der Geschwister Hans und Sophie Scholl ("Weiße Rose") mitgewirkt zu haben.

[1] Wilhelm Ferlmann, geboren am 30. Oktober 1912 in Gelsenkirchen. NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1937, Nr. 5655761. Angehöriger der SS-Division "Totenkopf". Wilhelm Ferlmann wohnte in Gelsenkirchen-Schalke, Schalker Straße 149.

Nach einer Fassung der Anklageschrift des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof ergeht am 6. April 1945 durch den Volksgerichtshof in Potsdam das Todesurteil, wegen "Erschwerter Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und landesverräterischer Feindbegünstigung". Die Verhandlung fand ohne Zeugen statt. Pater Vell entging nur deshalb der Vollstreckung des Todesurteils, weil er am 27. April 1945 durch die vorrückende Rote Armee aus der Todeszelle befreit wurde.

Nach seiner Befreiung wirkte er als Seelsorger in den Klöstern Winterberg und Bochum, in der Pfarrseelsorge in Arenshausen (Eichsfeld) und Jena-Land. 1963 bis 1965 war er Konfrater des Kaplans Joachim Meisner in Heiligenstadt, der Kaplan an St. Aegidien und bei Vells Beisetzung anwesend war.

Fotodokumentation "Leben und Wirken von Pater Hermann Joseph Vell im Heilbad Heiligenstadt"

→ Pater Vell in Heiligenstadt 1950-1965

Pater Vell starb im Katholischen Krankenhaus "St. Johann Nepomuk" in Erfurt. Bis kurz vor seinem Tod korrespondierte Pater Vell mit einem ehemaligen Gelsenkirchener Joseph P. Krause in Israel. Auf dessen Antrag hin hob die Staatsanwaltschaft I beim Landgericht Berlin am 02. Februar 1999 mit dem Aktenzeichen 2 P Aufh. 6/98 das Todesurteil gegen Pater Vell vom 06. April 1945 gem. §§ 1,2 Ziff. 1 und 3 NS-AufhG auf.

Somit war Vell zwar posthum juristisch rehabilitiert, eine moralische und gesellschaftliche Rehabilitierung ist bisher ausgeblieben. Wo sonst, wenn nicht in Gelsenkirchen, wo Vell mehrere Jahre lebte und wirkte, kann die gesellschaftliche Rehabilitierung Pater Vells stattfinden? Nur hier in Gelsenkirchen, wo der Leidensweg des Hermann Joseph Vell durch die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten, die in das Todesurteil und den Ehrverlust mündete, begann, kann sich der Kreis auch schließen. Vor diesem Hintergrund haben wir die Errichtung einer Gedenktafel im Rahmen des Erinnerungsorte-Projektes beantragt.

Die Erinnerungsorte-Gedenktafel für Hermann Joseph Vell soll vor oder an der Pfarrkirche St. Joseph zu Schalke oder an adäquater Stelle im Ortsteil Schalke angebracht werden. Oberbürgermeister Baranowski hat die Idee bereits als positives bürgerschaftliches Engagement befürwortet und an das ISG weitergegeben. Es steht nun die Kontaktaufnahme der Initiative zur Gemeinde St. Joseph in Schalke an.

Der Leidensweg des Hermann Joseph Vell

Pater Vell selber hat hier seinen Leidensweg, durch die Nazi-Mordschmaschinerie und Gerichtsbarkeit dokumentiert, ausgelöst durch die Denunziation des SS-Mannes Ferlmann, Gemeindemitglied von St. Joseph zu Gelsenkirchen-Schalke, auf dem Handzettel "Y" genannt. Dieser Handzettel ist wohl das einzig erhaltene Orginal. Den Text verfasste Hermann Joseph Vell 1946 in Gelsenkirchen-Schalke, Schwäbische Straße, im Hause Vehre. Dieser Handzettel wurde bei der Druckerei Münstermann an der Rotthauser Straße gedruckt. Handzettel aus dem Nachlass von Pater Vell:

St. Joseph zu Schalke St. Joseph zu Schalke


Pfarrkirche St. Josef (Joseph) Gelsenkirchen-Schalke nach der Zerstörung am 6. November 1944

Pfarrkirche St. Josef (Joseph) Gelsenkirchen-Schalke nach der Zerstörung am 6. November 1944

Fotos und Text: Joseph P. Krause, 1946 - ausgenommen Nr. 4: Repro einer Ansichtskarte aus der Vorkriegszeit. Aufnahmen mit einer Voigtländer-Kamera, ausgeliehen von Annerose (Annegret) Seelen, Tochter des Schalker Küsters Heinrich Seelen. Die Kamera gehörte dem Bruder des Heinrich Seelen aus dem Hannoverschen, der seine Verwandten in Schalke besucht hatte."

Übertragung eines Krause-Typoskriptes von 1948:

1.) Gesamtüberblick über die zerstörte Kirche im Jahre 1946 von der damaligen Königsberger Straße aus. (In der NS-Zeit Anton-Hechenberger-Straße, davor Viktoriastraße)
2.) Die Südseite der Kirche. Die Zerstörungen sind enorm gewesen.
3.) Im Inneren der Kirche. Ich mache die Aufnahme von der Orgelbühne aus mit dem Blick auf den Altar des Hl. Joseph. Hinter mir gähnt in dem Boden der Empore ein riesiges Bombenloch, wodurch der Blick frei in die Tiefe der Kirche gleitet.
4.) Die Kirche vor der Zerstörung, von der Kaiserstraße aus gesehen, (später: Kurt-Schumacher-Straße). Die Aufnahme ist schon etwas älteren Datums, da die Bäume noch nicht in der mir bekannten Höhe erscheinen.
5.) "Schräger Blick" in das nördliche Querschiff.
6.) Ich stehe unter der Orgelempore und richte das Objektiv auf den ehemaligen Hochaltar.

Quelle: Dokumente und Fotografien Archiv GELSENZENTRUM E.V.


Andreas Jordan, März 2010. Nachtrag August 2011

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