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Die Jungritterschaft St. Martin in Gelsenkirchen-Schalke 1950-1953


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Joseph P. Krause: St. Martinszüge und Sternsingen (Dreikönigssingen) in Schalke

Fackelzüge zu St. Martin (11. November) und das sogenannte "Sternsingen" (6. Januar) waren in einigen, meist ländlichen Gegenden Tradition. Ziel und Inhalt der sporadischen, meist von Kindern und Jugendlichen improvisierten Veranstaltungen waren: Erbetteln von Gaben (Süßigkeiten etc.) für den eigenen Bedarf und Verbrauch, mithin eine ziemlich selbstsüchtige Maßnahme.

Im Jahre 1950 war ich Leiter der St. Martins-Gruppe (Jungritterschaft S. Martin) der katholischen Pfarrgemeinde St. Joseph in Gelsenkirchen-Schalke. Seinerzeit gingen die Jahre des Hungers der Kriegs- und Nachkriegszelt zu Ende. Ich hatte die Idee, daß wir Lebensmittel und Kleidung, die in Westdeutschland in bescheidenem Maße zur Verfügung standen, für die weiterhin hungernden Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) sammelten. Wie St. Martin seinen Mantel mit dem Bettler teilte, so teilten wir Nahrung und Textilien mit den Bedürftigen. So wurde erstmalig ein St. Martinszug durchgeführt. Der Erfolg des ersten St. Martinszuges in Schalke war überwältigend. Ganze Lastwagen voller Spenden gingen in die SBZ und wurden dort an die Bedürftigen verteilt.

Das "Sozial-Programm St. Martin" schlug voll durch. In den Folgejahren wurden die Sammelaktionen wiederholt, und viele andere Gemeinden organisierten ähnliche Züge. Das vollkommen Neue war:

  • Die alte Tradition des St. Martinszuges wurde in eine Gegend geholt (Ruhrgebiet), wo der Brauch bisher nicht heimisch war.

  • Wir führten diese Sammelaktion im St. Martinszug erstmalig in einer Großstadt durch.

  • Kernpunkt der Martinszüge war zum allerersten Mal die Kollekte von Sachspenden im Sinne der Mantelteilung durch St. Martin.

Damit war aus der egoistischen Bettelei von Süßigkeiten u.a. für eigene Zwecke das Gegenteil geworden: Hilfe für Arme. Anstelle des Nehmens war das Geben gerückt. Es war ein neues Leitmotiv entwickelt worden. Leider ist dieser Grundgedanke der St. Martinszüge der Nachkriegszeit aus der Mode gekommen, in Vergessenheit geraten, verwässert worden.

Ceterum censeo:

  • Die kirchlichen Kreise sollten sich diesbezüglich zurückbesinnen und in wahrer "propaganda fidei" den altruistischen Teilungsgedanken der St. Martins-Tradition neu beleben.

  • Als zentrales Anliegen eines solchen Konzepts der Neugestaltung des Martin-Syndroms müßte wegen der Dringlichkeit der Maßnahmen ein Grundsatz-Programm zum Umweltschutz entwickelt werden.

Die sensationellen Erfolge der St. Martinszüge Anfang der 50er Jahre ließen in mir die Idee reifen, Ähnliches mit den "Sternsingern" zu veranstalten. Anstatt daß die Jugend Leckereien zum eigenen Verzehr und Verbrauch ersingt, sollten Gelder für soziale Zwecke ersungen und gesammelt werden, zumal die Hl. drei Könige nichts für sich erbettelt hatten, sondern mit wertvollen Gaben zur Krippe kamen, darunter auch Gold, Synonym für Geld.

Sozusagen als "Pilotprojekt" propagierte ich, daß Kindern aus armen Familien Erholung auf dem Land geboten wurde. Diese Zielsetzung muß aus der damaligen, schweren Zeit verstanden werden: Viele Kinder waren durch die Hungersnöte des II. Weltkrieges und der Nachkriegszeit unterernährt und krank, lebten in Trümmerstädten unter schlimmsten Bedingungen, besonders im Ruhrgebiet, das zu großen Teilen zerstört und niedergebrannt war.

Die allererste Sammlung in der neuen Intention - von der Gelsenkirchener Presse unter dem Motto "Altes Brauchtum - neu in Schalke" großartig unterstützt - endete übrigens mit einer moralischen Niederlage für mich: Als der Schalker Gemeindepfarrer Franz Kohle feststellte, daß zu dem angegebenen Zweck erhebliche Geldbeträge gespendet worden waren, "beschlagnahmte" er die "Sternsinger"-Kollekte und finanzierte davon die Josephs-Glocke in der Schalker Pfarrkirche St. Joseph.

Ich fühlte mich enttäuscht und die Spender getäuscht; denn die von mir gewollte Absicht, armen, kranken Kindern einen Erholungsaufenthalt zu verschaffen, wurde hintertrieben. Dies führte zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen dem Pfarrer Franz Kohle und mir. Ich kämpfte weiter - und zwar über die kleinkarierte Kirchtumspolitik hinaus - für die Sicherung des sozialen Anliegens des "Sternsingens", bis diese Idee auf breiter Basis gefestigt war.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte haben sich Verbandsfunktionäre der Idee bemächtigt und in anerkennenswerter Gemeinschaft, mit Umsicht und Energie, die heutige Sternsinger-Organisation geschaffen. Bedauerlicherweise sind durch den bereits erwähnten Pfarrer Franz Kohle die gesamten Aktenbestände der Ursprungsjahre vernichtet worden, die minuziös die Gestaltung und den Aufbau der Sternsinger-Aktion wie auch der St. Martinszüge dokumentierten. Allerdings waren die Tagebücher der St. Martinsgruppe dem Zugriff des Franz Kohle entzogen, und so sind ausreichende Belege der Frühzeit der Bewegungen verfügbar.

Zudem sind in den Zeitungs-Archiven gedruckte Beweismittel vorhanden, und die damaligen Pressefotografen, Alfons Kampert von den Gelsenkirchener Ruhr-Nachrichten und Theo Weigandt von der Gelsenkirchener Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), haben die Veranstaltungen in Schalke ab 1950 gut dokumentiert.

Ich möchte eine Erklärung abgeben, die mir wichtig ist. Wie ich bereits erwähnte, wurden die Initiativen von mir aus der Zeit und der Not heraus ergriffen. Hinzu kommen jedoch auch Einflüsse aus meinem Umfeld, die insoweit zu berücksichtigen sind, als ich davon nachhaltig geprägt wurde. So verdanke ich mein soziales Engagement meinen lieben Eltern Mathilde und Paul Krause. Meine Schwester Genoveva Krause stellte sich als Schwester Maria Egfrieda in den Dienst der Armen und Kranken in der Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul. Meine Cousine Elisabeth Bikowski ist Ordensfrau bei den Borromäusschwestern, Margarete Bikowski bei den Josephsschwestern, Hedwig Krause als Schwester Maria Frowina bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi. Ich selbst war Internatsschüler im Orden der Pallottiner. In dieser SAC (Societas Actionis Catholicae) war mein Verwandter Joseph Engling Mitglied. Zu Joseph Engling ist ein Seligsprechungsprozeß anhängig. In der weitesten Verwandtschaft gibt es familiäre Bindungen an Augustina Matheblowska, die Nonne im polnischen Auferstehungsorden war und 1955 in Rom im Rufe der Heiligkeit verstarb.

Großen Einfluß übte auch der frühere Schalker Pfarrer Konrad Hengsbach auf mich aus. Er unterstützte vorbehaltlos meine Ideen und Initiativen und trat mit seinem guten Namen dafür ein. Konrad Hengsbach war befreundet mit dem katholischen Sozialreformer Carl Sonnenschein. Darüber hinaus bestanden Kontakte zu Lorenz Jäger, Erzbischof von Paderborn, einem Duzfreund von Konrad Hengsbach, zu Bischof Michael Keller von Münster und zu Joseph Kardinal Frings in Köln, nicht zuletzt zu Dr. Carl Klinkhammer, dem streitbaren Pfarrer in Düsseldorf-Heerdt.

Das Foto mit Autogramm: Konrad Adenauer 1953

Das Foto mit Autogramm: Konrad Adenauer 1953

Hervorzuheben ist vielleicht, daß zur allerersten Sammelaktion für die "Sternsinger" in Schalke der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer DM 50, spendete. Sein Foto mit Autogramm ist noch heute im Fahrtenbuch der St. Martins-Gruppe zu sehen. Über den bereits benannten Konrad Hengsbach kannte ich seinen Neffen Franz Hengsbach, der als Weihbischof von Paderborn mein Studienleiter am Institut für Katholische Sozialarbeit des Erzbistums Paderborn war. Franz Hengsbach wurde später erster Bischof der neu gegründeten Diözese Essen, dann Kardinal. Bei den vielfältigen Kontakten mit Konrad und Franz Hengsbach wurden meine Pläne und Projekte besprochen und vorgestellt. Im Verfolg dieser sozialen Linie gründete Kardinal Hengsbach das Projekt "Advenlat".

Franz Hengsbach war meiner Familie noch viele Jahre verbunden. Zu familiären Anlässen meldete er sich mit Wünschen und Grüßen. Er vergaß nie, daß seine Tante Pauline Hengsbach, die Schwester des Pfarrers Konrad Hengsbach, mit meiner Schwester Genoveva bei dem schweren Bombenangriff auf Gelsenkirchen am 6. November 1944 unter brennenden Trümmern verschüttet wurde. Pauline Hengsbach, die durch herabgestürzte Balken eingeklemmt war, so daß sie sich nicht mehr befreien konnte, verbrannte qualvoll bei lebendigem Leibe.

So muß ich feststellen, daß mich die Zeit, die Umstände und die hervorragenden Persönlichkeiten - angefangen bei meinen Eltern bis zu den Kirchenfürsten - geformt und geprägt hatten. Vor diesem Hintergrund kann zusammenfassend gesagt werden, daß mehrere Faktoren zusammenkamen, die das soziale Werk und Engagement formulierten, ermöglichten und förderten. Aus den besonderen Umständen und Voraussetzungen und aus meiner sozial-religiös bestimmten Grundhaltung heraus entstand die Initialzündung zu dem Mammutwerk "Sternsingen", wie es in der heutigen Art und Weise dargeboten wird.

Ein kleines Nachwort sei mir gestattet:

Letztlich hat Bundespräsident Roman Herzog seine Erkenntnis formuliert, die Zukunft werde von heutigen Visionen gestaltet. In konsequenter Übereinstimmung mit meinen Visionen a pueris habe ich in jahrelanger Arbeit ein Konzept des Umweltschutzes entwickelt, das folgende Schwerpunkte zusammenfaßt:

  • Redesertifikation verlorengegangener Nutzflächen

  • Bekämpfung des weltweiten Hungers

  • Schaffung von Arbeitsplätzen

  • Sanierung der Ozonschäden

Praktische Erfahrungen sammelte ich in Kooperation mit dem Jüdischen Nationalfonds. Im Rahmen wissenschaftlicher Forschung schrieb ich an der Sozialakademie Dortmund eine Prüfungsarbeit mit dem Titel: "Unkonventionelle Lösungsversuche bei der Abfallbeseitigung im Umwelschutz". Wenn man Herzogs "Visionen" als "Prophetien" ausdeutet, kann ich als Mann namens Joseph aus Nazareth in Galiläa, wo ich jahrelang lebte, die talmudische Weisheit wiederholen: Wenn wir auch nicht alle Propheten sind, so sind wir doch die Kinder von Propheten. Die Realisierung meiner Umweltschutz-"Vision" wird davon abhängen, ob Gleichgesinnte oder Epigonen mit Tatkraft gemeinschaftliches Handeln provozieren und etablieren. Ich stünde mit meinen Vorarbeiten bereit, diese in eine entsprechende Initiative einzubringen.

Joseph P. Krause, 15. Dezember 1997

Hintergrundgrafik: Archiv Joseph P. Krause, "Dreikönigssingen 1953 in Gelsenkirchen-Schalke".

Andreas Jordan, Dezember 2008

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