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Die Jungritterschaft St. Martin in Gelsenkirchen-Schalke 1950-1953


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Chronik der Jungritterschaft St. Martin

Kinder helfen Kindern - Kurzgeschichte der "Sternsinger"

Zug der Erinnerung in Gelsenkirchen

Bild: "Sternsinger" in Gelsenkirchen

Der Brauch, dass Kinder als die drei Heiligen Könige von Haus zu Haus zogen, war in früherer Zeit in ländlichen Gegenden, vor allem in Süddeutschland, anzutreffen. Ziel der Sternsinger war es, Süßigkeiten, Gebäck und Obst für den eigenen Gaumenschmaus zu ergattern. Nach dem zweiten Weltkrieg herrschte in Deutschland bittere Not. Der Gelsenkirchener Ortsteil Schalke war zu 90 % durch Bomben zerstört. Die Menschen litten Hunger. Viele Kinder, die mit ihren Familien in Notunterkünften, Trümmern und Kellern gehausst hatten, waren unterernährt und krank. Da erinnerten sich die Jungen der St. Martin-Gruppe der Gemeinde St. Joseph in Schalke daran, dass die Heiligen drei Könige dem neugeborenen Jesus Geschenke brachten, nämlich Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Und so fassten sie den Entschluss, den alten Brauch des "Sternsingens" neu zu beleben, ihm aber den Sinn zu geben: Geben statt Nehmen! Das erste "Sternsingen" in Schalke hatte erstmals den sozialen Zweck, armen und kranken Kindern in Schalke einen Erholungsurlaub auf dem Lande zu verschaffen, sozusagen ein Platz an der Sonne nach den vielen Jahren der Not und des Elends. So wurde in den Jahren ab 1952 zum ersten Mal die "Sternsinger"-Aktion zum Programm: "Kinder helfen Kindern!"

Der große Erfolg dieser neuen Bewegung verbreitete sich in den Gemeinden des Ruhrgebietes wie ein Lauffeuer, und so gab es als 1953 zahlreiche "Sternsinger" Nachfolger in vielen Gemeinden Westfalens. Da sich der Grundgedanke "Kinder helfen Kindern", der zunächst nur im Nahbereich praktiziert wurde, in den Anfangsjahren immer mehr festigte, übernahm der Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Werk der heiligen Kindheit die Idee und ie zentrale Organisation der "Sternsinger"-Bewegung, die inzwischen Kinder in Not in der gesamten Welt unterstützt.

Es muß erwähnt werden, dass die St. Martins-Gruppe Schalke auch Verbindung zu dem in Neuss geborenen Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Frings hatte, weil im Kölner Dom die Reliquien der Heiligen drei Könige aufbewahrt werden. Ein besonderer Glanzstern am Anfang des "Sternsingens" mit dem karrikativen Auftrag erstrahlte auch dadurch, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer zur ersten "Sternsinger-Aktion" 50 Deutsche Mark für die Schalker "Sternsinger" spendete. Teile der Chronik aus dem Jahre 1953 werden hier veröffentlicht. Alles ist nachzulesen in der "Chronik der St. Martins-Gruppe Schalke", die jetzt in Grefrath aufbewahrt wird.

Chronik der Jungritter Gelsenkirchen-SchalkeTreffpunkt der Jungritter Gelsenkirchen-Schalke

Bild rechts: Etwa 1952/53, Gruppenraum der Jungritter, die Wandbilder wurden vom 13-jährigen Walter Patett ausgemalt

Etwa 1952/53: Die Jungritter der St. Martins-Gruppe in Gelsenkirchen-Schalke

Anfang der 50er Jahre: Die St. Martin-Ritter in Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-SchalkeWimpelentwurf der Jungritter Gelsenkirchen-Schalke

Bilder: Dreikönigssingen 1953 in Gelsenkirchen-Schalke, rechts der Wimpelentwurf der St. Martin-Gruppe

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Die Heiligen Drei Könige mit ihrem Stern...

Die Schalker St.-Martins-Jugend belebt einen schönen alten Brauch

Es wird ein ungewohntes Bild sein, wenn sich zum Dreikönigsfeste die drei Weisen aus dem Morgenlande in ihren traditionelten Gewändern in den Straßen Schalkes zeigen werden. Es ist ein löblicher Einfall der Schalker St. Martins-Jugend.

Die religiösen Feiertage werden zunehmend verweltlicht. Selbst die Hochfeste der Christenheit arten in eine Betriebsamkeit aus, die ihren ursprünglichen Sinn immer mehr zuzudecken droht. Eben liegt Weihnachten hinter uns, und der geschäftige Rummel, mit dem ihre frommen Symbole schon wochenlang vorher an den lauten Tag gezerrt wurden, wird von vielen bedauert. Auf der anderen Seite ein erfreuliches Zeichen: die Besinnung auf die echten seelischen Werte dieser Feste und das Bestreben, sie dem Volke wieder nahezubringen, indem man uraltes christliches Brauchtum neu belebt. Daß hier unsere Jugend eine schöne Aufgabe erkannt hat, ist besonders erfreulich.

St. Martin bleibt nicht allein

So ist es zu begrüßen, wenn im November St. Martin wieder durch die Straßen zieht. Immer mehr Pfarrgemeinden haben den Brauch aufgenommen und singen so auch durch die Tat das Lob des heiligen Wohltäters. Bei der Schalker Jugend finden die Bestrebungen, den Sinn für christliches Brauchtum auch in der Großstadt zu wecken, besonders eifrige Gefolgschaft. Es ist darum nicht verwunderlich, daß von hier aus auch der Gedanke ausgeht, das Dreikönigs-Singen neuzuleben. Auf dem Lande, und nicht nur in Süddeutschland, gehört das Dreikönigs-Singen zur Tradition der Nachweihnachtszeit. Wir sind sicher, daß ihm auch die Großstädter Verständnis und Wohlwollen entgegenbringen werden.

Alle sollen mit

Es sind 13-16jährige Jungen, die den Plan ausführen wollen. Als St.-Martins-Gruppe Gelsenkirchen-Schalke sind sie dem Bund der Deutschen Kathotischen Jugend "angeschlossen". Für dieses Jahr haben sie etwas Besonderes vor: Sie wollen eine Ferienfahrt nach Süddeutschland machen. Schon jetzt beginnen sie, hierfür zu sparen. Nicht alle sind so gestellt, daß sie die Fahrt aus eigener Tasche bezahlen können. Aber alle sollten mit. Und da wir von ihrem Eifer und von dem Hilfswillen freundlicher Spender überzeugt sind, glauben wir auch, daß sie es schaffen werden. óns.

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Bild: Weingandt, Westfälische Rundschau

Drei Könige singen in Schalke

Einen in anderen Gegenden traditionellen Brauch will die kath. Jugend der Schalker Pfarrei auch bei uns aufleben lassen: zum Dreikönigstage ziehen die Jungen in Kostümen von Haus zu Haus, um die alten Lieder zu singen. Mit dem Erlös wollen sie eine Ferienreise bedürftiger Kameraden finanzieren.



Bild: Griguli/Kampert, Gelsenkirchener Anzeiger

Gestern war das Fest der "Heiligen Drei Könige". Eine Jugendgruppe aus Schalke zog mit dem Dreikönigsstern durch die Gemeinde. Sie erhofften dadurch einen Beitrag für eine Ferienreise im nächsten Sommer zu erhalten.

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Die Sternsinger unterwegs in Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Sternsinger in Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Bild: Paul Koppelberg, Gelsenkirchen-Schalke

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Aachen, 2.10.52

Lieber Joseph, vergessen habe ich Dich und die St. Martin Gruppe nicht. Wie wäre dass möglich! Gerne glaube ich, dass Dir die Silber-Aktion über den Kopf wächst. Die Kinder mögen also direkt nach hier schicken. - Aber wie steht es um das Missionsbewußtsein? Erinnere die Jungen gelegentlich daran. Eine Kirchturmpolitik wäre nicht katholisch. Dir und Deinen Getreuen einen (...) Missionsgruß!
(...) P. Koppelberg (...)
Generalsekretär

Brief Paul Koppelbergs an Joseph P. Krause

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Bild: St. Martins-Fackelzug 1952, hoch zu Roß durch Schalke

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

St. Martin führt Schalker Fackelzug an

Mit zwei Kapellen und Martinsgans - Marschordnung muß eingehalten werden

Auch in diesem Jahr wird die katholische männliche Pfarrjugend von St. Joseph, Schalke, wie die ALLGEMEINE bereits berichtete, ihren bekannten Fackelzug zu Ehren des hl. Martin von Tours am 11. November durchführen. Während des St.-Martin-Zuges wird für die katholische Patengemeinde Kuratie gesammelt: Fettwaren und Textilien. Diese Sachen werden an der Schlußstation im Vittinghoff abgegeben. Außerdem wird während des ganzen Zuges an den Straßenrändern im Geiste St. Martins Geld gesammelt, das ebenfalls den Brüdern und Schwestern in der Ostzone zugute kommt.

Um der Veranstaltung einen würdigen Rahmen zu geben, muß unbedingt die Festzugsordnung von allen beachtet werden. Hier der Marschweg: Eintracht-, Grillo-, Kaiserstraße, Blumendelle, Münchener, Grenz-, Poensgen-, Grillo-, Münchener, Magdeburger Straße, Schalker Markt, Gewerken-, Overhof-, Grillostraße, Vittinghoff. - Die Ordnung wird von der Polizei und von den Männern aus der katholischen Arbeiter- und Männerbewegung aufrecht erhalten werden. Die Marschordnung ist wie folgt: 1. Kapelle, 2. Knaben, 3. Martin mit seinen Rittern, 4. Gruppenfackeln (unter anderm auch die ein Meter große Fackel der St.-Martin-Gruppe), 5. Martinsgans, 6. Gruppen mit Wimpeln und Bannern, 7. Kapelle, 8. Mädchen, 9. Eltern mit Kindern. Die Aufstellungsordnung an der Eintracht in Schalke muß unbedingt beachtet werden! Die Knaben Stellen sich zwischen der Kaiser-und der Schalker Straße auf. Die Mädchen versammein sich in der Schwäbischen Straße, die Eltern mit den Kleinkindern von Eintracht ab bis zur St.-Johannes-Schule.


St. Martin zerteilt Mantel mit dem Schwert

Tausende Kinder folgten Fackelzügen - Beteiligung wie noch nie


Schalkes Straßen boten gestern abend ein wunderschönes Bild. Bei Anbruch der Dunkelheit zogen Hunderte von Kindern mit ihren bunten Lampions zur "Eintracht". Zahlreiche erwartungsfrohe Zuschauer säumten die Grillostraße und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Unverständlicherweise hatte die Polizei diese Straße nicht für den Verkehr gesperrt, so daß einige Kraftfahrzeuge erhebliches Durcheinander bei den Kindern verursachten. Die Wartezeit füllte die Knappenkapelle von Consol mit Martinsliedern und frohen Weisen aus.

Während die ersten Tropfen fielen, öffnete sich weit das Tor zum "Eintracht"-Hof und heraus ritten Herolde und St. Martin hoch zu Roß im wallenden, weißen Mantel. Fackelträger begleiteten St. Martin und gaben in ihren historischen Trachten dem Zug ein prächtiges Bild. Hinter ihnen schritten Buben mit einem Model der zerstörten St.-Josef-Kirche von Schalke. In einem Käfig wurde die Martinsgans hinterdrein getragen. Eine Stunde bewegte sich der Zug trotz des schlechten Wetters durch zahlreiche Straßen des Ortsteils. Zahlreiche Schalker waren herbeigeeilt, um diesen traditionellen Martinszug zu erleben. Im Zuge führten Kinder zahlreiche selbstgebastelte Lampions mit. Am Vittinghoff sprach St. Martin abschließend von einem Balkon über Lautsprecher zu den vielen Kindern und Erwachsenen. Er dankte für die zahlreichen Spenden, die während des Zuges gesammelt wurden. Sie werden noch vor dem Weihnachtsfest der Ostzone geschickt. Bildquelle: Kampert.

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Bild oben: Leuchtende Kinderaugen in Schalke. Unten: Beim Verladen der gespendeten Pakete

Januar 1953: Dreikönigssingen in Gelsenkirchen-Schalke

Züge in Gelsenkirchen und Buer

In allen Stadtteilen fanden die Züge am Montag und Dienstag statt. So war es in Ückendorf, in Bulmke, in Erle, in Hassel, in Beckhausen und unter besonders starker Beteiligung in der Schalker St.-Josephs-Pfarrei in Gelsenkirchen sowie in den Pfarreien St. Ludgeri und St. Urbanus in Buer. Die Züge endeten auf größeren Plätzen, wo Schlußfeiern mit Ansprachen des "St. Martin" stattfanden. Im Zuge der St.-Ludgeri-Pfarrei musizierte die Hugo-Werkskapelle. In einigen Pfarreien erhielten die Kinder die traditionellen Martinsbrezeln.

Die Schalker Martinsgruppe

Was im Jahre 1950 am Feste des Heiligen Martin so gut begann, wird in der Gemeinde St. Joseph, Schalke langsam Tradition. Wenn in den vergangenen Jahren die katholische Pfarrjugend die gesamte Organisation in Händen hatte, so ist heute die katholische Arbeiter- und Männerbewegung Schalke in das Festkommitee der St. Martinszüge eingetreten. Besondere Erwähnung in diesem Jahr ist der Umstand wert, dass die Jungritterschaft St. Martin für den Transport der Martinsgans und dem Modell der alten St. Joseph-Kirche verantwortlich war.

Für den St. Martinszug Schalke: Ad multos anno! J. Kr.

Vivant Sequentes

Übernahme der Schalker Initiativen durch Jugend-Organisationen und katholische Pfarrgemeinden zunächst im Ruhrgebiet und Münsterland, dann im Verlauf der 1950er Jahre im gesamten Bundesgebiet. Ein erheblicher Teil der Dokumentationen der damaligen Anfangszeit,u.a. Urkunden, Werbematerialien, Berichte in Tages- und Kirchenzeitungen, ist von dem Schalker Geistlichen Franz Kohle und Johannes Stüting vernichtet worden.

Grund:

Abgrundtiefe Animositäten gegen den Initiator Joseph P. Krause. Beide waren in den entscheidenden Zeiten der Vorbereitung und Durchführung der ersten Aktionen noch nicht Angehörige der Schalker Klerisei und beabsichtigten, sich selbst durch die Zerstörung der Belege zu loben und zu preisen.

Meine Initiativen wurden von Pfarrer Konrad Hengsbach († 1952), Geistlicher Rat und Ehrendekan sowie vom Jugendkaplan Egon Roer unterstützt. Konrad Hengsbach unterzeichnete alle meine Werbebriefe, Egon Roer betätigte sich als exellenter Mime und ritt als St. Martin in römischer Rüstung hoch zu Roß durch Schalke.

Planungs-Programme

Sammel-Aktionen für die Arbeitsbereiche
Sachgüter für sozial Schwache in Notgebieten
Geldspenden für das Internationale Werk "Kinder für Kinder"

Es wurden zunächst die religiös motivierten Werbepotenziale (Barmherzigkeit und Nächstenliebe) erschlossen:
St. Martin: 11. November
Heilige Drei Könige: Stern-Singer, 6. Januar
Als drittes Element für PR-Aktionen war St. Nikolaus am 6. Dezember angedacht worden.

Diese Trinität der Propaganda im christlichen Ambiente wäre dann - wie eigentlich vorgesehen - für das Umweltschutz-Programm okkupiert worden:

  • Begrünung von Wüstengebieten und Savannen
  • Schaffung von Arbeitsplätzen
  • Bekämpfung des weltweiten Hungers
  • Sanierung der Ozonschäden in der Stratosphäre

Vgl.: 1.) Memorandum "Sozialwerk Begrünung von Wüstengebieten, 14.5.2005, 5 S.; 2.) Wissenschaftliche Facharbeit: "Unkonventionelle Lösungsversuche beider Abfallbeseitigung im Rahmen des Umweltschutzes", Joseph P. Krause, Soz. Akademie Dortmund 1979, 36 S.

Hintergrundgrafik: Archiv Joseph P. Krause, "Dreikönigssingen 1953 in Gelsenkirchen-Schalke".

Andreas Jordan, Dezember 2008

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