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Jüdischer Alltag in Deutschland 2008

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Essay: Jüdischer Alltag in Deutschland - von Sergej Lagodinski

Politiker brüsten sich gern mit dem wieder erstarkten jüdischen Gemeindeleben. Doch der neue Existenzkampf der alten Juden findet heute in den Sozialämtern statt

Alle Jahre wieder. Am 9. November erstarrt Deutschland eine Schweigeminute lang in Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen der Nazis. Das Ritual ist vertraut: Es werden Kränze niedergelegt, und die deutschen Politiker reden beschämt über die deutsch-jüdische Geschichte und stolz über die deutsch-jüdische Gegenwart. Sie rücken mit meist älteren, aus der Sowjetunion zugewanderten jüdischen Gemeindemitgliedern unter die Regenschirme zusammen, und ihnen allen läuft es beim Gedenken an das, was 1938 passierte, eiskalt den Rücken herunter. Eine Schweigeminute lang eint sie - die deutschen Juden und die deutschen Politiker - die kollektive Gänsehaut. Zum Schluss trocknen sie ihre Augen und gehen getrennte Wege: Die politischen Funktionäre steigen in ihre Limousine. Die jüdischen Menschen hingegen, in Gedanken an ihre umgebrachten und verfolgten Familien versunken, gehen in den Novemberregen, und am Tag danach gehen sie dahin, wo sich heute die Realität des jüdischen Alltags in Deutschland abspielt - in die Warteräume der deutschen Sozialämter.

Über diesen Alltag wird weder am 9. November noch an den restlichen 364 Tagen im Jahr geredet: Der deutschen Öffentlichkeit ist dieser Alltag weitgehend unbekannt, für die deutsch-jüdischen Funktionäre ist er weitgehend uninteressant und bisweilen etwas peinlich. Seit 1989 hat Deutschland sich neue Juden aus der Sowjetunion geholt und sich seitdem entspannt zurückgelehnt: Sie werden es schon selbst regeln, heißt es in der Politik, die sich auf der Garantie von Hartz IV und sozialer Grundsicherung für Zuwanderer ausruht und die Aufgaben der sozialen Integration an die jüdischen Gemeinden überträgt, die dafür weder qualifiziert noch geschaffen sind.

Indes ist das Problem erheblich und sollte uns allen eigentlich peinlich sein: die Massenarmut alter jüdischer Menschen - und damit eines Großteils von deutschen Juden - bestimmt weitgehend das neue deutsche Judentum. Durch die Zuwanderung der sowjetischen Juden sind die Gemeindezahlen sprunghaft von weniger als 20 000 auf mehr als 110 000 angestiegen. Doch im Gegensatz zum restlichen Einwandererzustrom nach Deutschland, in dem die Generation "60 plus" nur einige Prozente ausmacht, sind mehr als ein Drittel der jüdischen Zuwanderer nach Deutschland über 60 Jahre alt. Und während ihre ehemaligen "volksdeutschen" Betriebskollegen aus der Sowjetunion, die in dieses Land als Spätaussiedler kommen, mit Ansprüchen auf deutsche Renten ausgestattet werden, sind die Juden ohne Ausnahmen die Klientel der Sozialämter und damit an den sozialen Rand unserer Gesellschaft abgedrängt. Und so ist die neue deutsch-jüdische Realität von drei weitgehend verdrängten Widersprüchen gekennzeichnet.

Der schmerzhafte Widerspruch der neuen jüdischen Lebensschicksale ist derjenige zwischen dem sozialen Status vor und nach der Zuwanderung. Denn trotz staatlichem Antisemitismus zählten die jüdischen Menschen in der Sowjetunion zu Sozial- und Bildungseliten. Aller Diskriminierung zum Trotz kämpften sich die sowjetischen Juden durch und wurden zu führenden Wissenschaftlern, Ingenieuren, Ärzten und Künstlern. Dies spiegelt sich auch in den Statistiken: Die jüdischen Zuwanderer bringen mehrheitlich akademische Abschlüsse mit. Viel wichtiger noch: Sie bringen mit sich ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen, die faszinierend und beeindruckend zugleich sind. In Deutschland angekommen, verlieren diese Menschen die Sprache und damit auch die Möglichkeit, diese Lebensgeschichten zu erzählen. Schlimmer noch, ihre Lebensgeschichten werden ihnen auch sozial aberkannt - sie werden auf das Sozialamt geschickt.

Indessen lebt die Öffentlichkeit ihre Stereotype weiter. Der weitere Widerspruch findet sich nämlich zwischen dem konstruierten und dem realen deutschen Judentum. Er prägt weitgehend die öffentliche Wahrnehmung der jüdischen Gemeinden. Rund 40 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage "Juden haben zu viel Einfluss" zumindest teilweise zu. Dass dieses Bild nichts mit unserer Realität zu tun haben kann, ist so klar wie grotesk: Nicht mal auf die Sachbearbeiter ihrer Sozialämter haben die älteren jüdischen Menschen einen Einfluss. Wer heute eine Funktion in einer jüdischen Gemeinde übernimmt und der russischen Sprache mächtig ist, kann sich vor Anrufen weinender und resignierter jüdischer Alten kaum retten: Vielen wird das letzte kleine Geld mal aus Missverständnis, mal mutwillig gestrichen, weil ein Nachweis für dieses und jenes fehlt, weil man dieses und jenes falsch macht. Der jüdische Kampf um die Existenz findet heute in den Vorzimmern der deutschen Sozialämter statt.

Der dritte Widerspruch der heutigen deutsch-jüdischen Existenz ist einer zwischen politischer Rhetorik und ihrer humanitären Relevanz. Bereitwillig nutzt die deutsche Politik die neue jüdische Existenz als Zeichen der eigenen demokratischen Emanzipation. Kaum eine Rede von deutschen Politikern zur deutschen Vergangenheit, aber auch häufig zur deutschen Gegenwart, kommt ohne den Ausdruck der Freude und Dankbarkeit dafür aus, dass es in diesem Lande wieder ein jüdisches Leben gibt. Die abstrakte Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland ist politisch viel wert, die konkrete und würdige Existenzsicherung jüdischer Menschen im Alter scheint da von geringerer Relevanz zu sein. Auch die neue, zweifelsohne begrüßenswerte Erklärung des Deutschen Bundestages zum Jahrestag der Novemberpogrome bekennt sich zur Förderung jüdischer Institutionen. Jüdische Menschen als Individuen und damit ihre Schicksale kommen dort gar nicht vor.

Nun könnte man diese drei Widersprüche einfach aussitzen: Der junge russischstämmige jüdische Nachwuchs in Deutschland integriert sich und ist erfolgreich. Das Problem der Alten wird sich in einigen Jahrzehnten von selbst lösen. Aber ist diese Taktik der Spiegel, den wir uns als Gesellschaft im Umgang mit den älteren jüdischen Migranten vorhalten lassen wollen?

Mit freundlicher Genehmigung. Sergej Lagodinski wurde 1975 in Astrachan an der Wolga geboren. 1993 kam er nach Deutschland. Er war bis vor kurzem Programmdirektor im Berliner Büro des American Jewish Comitee. Lagodinski ist Jurist und Publizist in Berlin, er ist Präsidiumsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Gründung des Arbeitskreises Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten (AJS) im April 2007 ist auf die Initiative Sergej Lagodinskis zurückzuführen.


"Habe ich wirklich so viel erreicht?" war die spontane und bescheidene Reaktion von Sergej Lagodinski. "Natürlich", denn welcher in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsene Schüler schafft schon den Sprung von einem Goetheschulaufenthalt bis hin zu einem Stipendium an der Harvard University in den USA?

Sergej Lagodinski, 1975 in Astrachan, 1 500 km südöstlich von Moskau, geboren, besuchte seit 1982 die Schule Nr.10 in Russland, die er 1992 mit einem ausgezeichneten Abitur verließ. Im Jahre 1990 wurde ihm und einigen Schulkameraden nach Michail Gorbatschows Perestroika ein kurzer USA-Aufenthalt bei einer Gastfamilie auf Long Island gewährt, die ihn zwei Jahre später nochmals aufnahm, um ihm einen einjährigen Besuch auf einer Highschool zu ermöglichen.

1993 entschloss sich seine Familie, die schon immer sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung gelegt hatte, schließlich nach Deutschland auszuwandern, um dort ein völlig neues Leben aufzubauen. Nachdem sie über ein Jahr in einem Asylantenheim in Hamburg gelebt hatten, zog es sie 1994 nach Kassel, wo Sergej Lagodinski zwei Jahre lang die Goetheschule besuchte und dort, obwohl er die deutsche Sprache völlig neu erlernen musste, zum zweiten Mal sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,1 bestand. "Es war schon ziemlich schwer", erinnert sich Lagodinski, "aber manchmal hat man halt keine andere Wahl: Augen zu und durch!" Nun stand auch seinem JuraStudium an der Georg-August-Universität in Göttingen nichts mehr im Wege.

Da er nach diesem Studium gerne ein Aufbau-Studium in einem verwandten, aber nicht unbedingt rein juristischen Bereich machen wollte, sich unter anderem mit Völkerrecht befasst und sich auch sonst für Politik interessiert, war ein "Masters in Public Administration" in Harvard für Sergej sehr geeignet. So bewarb er sich um ein Stipendium und studierte nun an der J.F. Kennedy School of Government. Dies hat er wohl nicht zuletzt seiner Begabung und seinem enormen Ehrgeiz zu verdanken, denn schon als kleiner Junge hatte er große Pläne. "Ich hatte mir schon als junger Mensch vorgenommen zu studieren. Von Harvard war aber unter den damaligen Umständen nie die Rede."

Nach seinem Studium beabsichtigt er ein zweijähriges Referendariat zu absolvieren und sich später im internationalen Bereich zu beschäftigen, möglicherweise in der Politik. Doch wie ist dies alles zu schaffen? "Mein Zauberwort lautet gesunde Priorität und Balance, nur so kann man ein interessantes Leben führen." Da Sergej Lagodinski, der sich mit einem Mitstipendiaten eine Wohnung mitten in Cambridge teilte, seine Zeit neben zahlreichen Vorlesungen und Hausaufgaben vor allem auch mit Sport verbrachte, blieb ihm für viele Beschäftigungen, die er einst in Kassel so liebte, nur noch wenig Zeit. So sang er weniger, da seine Band in Deutschland geblieben ist, und hat auch schon lange nicht mehr gemalt oder gezeichnet. Statt dessen übernahm er neben seiner Tätigkeit als Dolmetscher bei diversen Veranstaltungen auch die Leitung eines Sprachkurses in Kassel.

Für sein gesellschaftliches Engagement und die interkulturelle Zusammenarbeit erhielt er im Jahre 1998 sogar den "Theodor Fontane Preis" der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Zu seinen Lieblingsfächern zählten zu dieser Zeit Englisch, aber auch Gemeinschaftskunde empfand er als ein sehr interessantes Fach. Auf die Frage, welches Erlebnis aus seiner Schulzeit ihm bis heute in Erinnerung geblieben ist, erzählt er mit einem großen Grinsen im Gesicht, dass es die Sekt-Sauerei auf dem Schulhof nach der letzten Abi-Klausur gewesen sei. Als sein Lebensmotto nennt er schließlich: "Frei für neue Ideen und Ansichten sein, auch wenn sie nicht den eigenen entsprechen."

Quellenwerk: VIPS - Sergej Lagodinski - Goetheschüler nach der Schulzeit, Ausgabe Nr. 60, Frühjahr/Sommer 2002


Andreas Jordan, November 2008

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