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Jüdische Kriegsveteranen in Gelsenkirchen

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Sie sollen nicht vergessen sein

Elena Gubenko vom jüdischen Kulturverein KINOR schrieb diesen Brief anläßlich des Jahrestages der deutschen Kapitulation und dem Ende des zweiten Weltkrieges am 8. Mai 2008 und dem 70. Jahrestages der so genannten "Reichskristallnacht" am 9. November 2008 an den Gelsenkirchener Oberbürgermeister Baranowski. Der Brief ist bis heute unbeantwortet geblieben. Einzig in der WAZ, Lokalausgabe Gelsenkirchen ist ein kleiner Artikel über den im Brief genannten Veteran erschienen.

Der Brief wird hier in der Orginalversion zitiert:


Sehr geehrter Herr Baranowski,

zum Anlass des Kriegsendetages am 8. Mai und des 70. Jahrestages der Reichs-Pogromnacht 1938 in diesem Jahr erlaube ich mir Ihnen meine Gedanken anvertrauen.

Heute, 70 Jahren nach dem Anfang der dunkelsten Seite deutsch-jüdischer Geschichte, ist es der Zeitpunkt, zurückzublicken, in sich selbst zu schauen, eigene Werte zu überprüfen. Und zwar gegenseitig – Juden und Deutsche zusammen, in einem gemeinsamen Nachdenken, in einem DIALOG – und zwar nicht auf der institutionellen, sondern auf der MENSCHENEBENE. Das ist ein der Ziele des neuen Projektes von KINOR «Brücke XXI», (kulturell, sozial, politisch) eine Aktion für gegenseitiges Verständnis.

Das Jahrhundert XXI braucht entsprechend neuen Realien eine neue Sicht, neue Visionen, neue Einstellungen, eine Flexibilität in vielen Bereichen des Lebens. Auch im Kontext der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 ist das alles wichtig.

Ein der Themen zum Nachdenken:

Heute leben in der BRD viele Juden aus der ehem. UdSSR, das ist eine der Folgen vom Holocausts. Wir, russische Juden, sind heute deutsche Bürger. Wir sind hier gekommen mit allem, was wir haben, auch mit unserer Vergangenheit. Unsere Geschichte soll heute ein Teil der deutschen Geschichte sein. So verstehen wir, viele von uns. Besonders die Jahre 1941-1945 – das ist unmittelbar unsere gemeinsame, deutsch-jüdische Geschichte. Über die Schicksale russischer Juden wurde aber nie im Kontext des Holocausts geredet, auch am 8/9. November nicht.

Warum wird in Deutschland / in GE nur über Auschwitz und Theresienstadt gesprochen und über viele anderen Orte der jüdischen Tragödie in Europa, auf dem Territorium von UdSSR kaum?

Warum sieht man in Deutschland Juden nur als Opfer und spricht kaum über den Widerstand der Juden? Warum haben bei so großem Holocaust-Alarm die Veranstaltungen von KINOR über Minsker Ghetto und zwar mit Erzählung eines Überlebenden über Widerstandbewegung, mit den Vorlesungen in hohem Deutsch von den Gelsenkirchener Künstlern kein Interesse in GE gekriegt (von den Schulen z. B.)?

Jüdische Soldaten des 2. Weltkrieges gehören zu den Helden, die Europa vom Hitler-Faschismus befreiten, meistens bezahlt mit eigenem Leben. Ein Jude, Kapitän Schapiro, war der erster, der als Befreier im Bestande von der Sowjetischen Armee die Toren von Auschwitz öffnete.

Heute leben auch in Deutschland/ in GE jüdische Kriegsveteranen aus der ehem. UdSSR und ihre Nachfolgen. Wie werden sie hier wahrgenommen, respektiert? Wie interessiert man sich über ihr Leben hier, über ihre Probleme? Haben sie von der deutschen Seite ein Dankeschön für ihre Heldentat bekommen?

Jüdische Migranten aus der ehem. UdSSR – das alles sind die Menschen oder ihre Nachfolgen, die selbst während der Okkupation oder der Evakuation gelitten haben. Das sind die Familien, die ihre Angehörige verloren oder vermisst haben. Letztendlich sind unter unseren Landsleuten hier auch die Holocaust-Opfer. So oder so ist jede Familie hier lebender Juden vom Krieg getroffen. Wir haben hier aber das Gefühl, dass unsere Vergangenheit hier kaum jemanden interessiert.

Insgesamt lebten in GE mit ihren Familien acht jüdische Kriegsveteranen:

Maria Labkovskaia
Raysa Epshteyn
Jusef Gutman
Iosif Brodckii
Veniamin Kats
Efim Haitovich
David Slobodskich

Heute ist nur einer im Leben geblieben, «der letzte Mohikaner», Herr X. (Datenschutz, siehe Anmerkung) Veteran des Zweiten Weltkriegs, der Oberleutnant für Artillerie beim Center- und 2-en Baltischen Front).

Für die alte Generation «russischer» Juden ist der Tag 9. November (in der UdSSR war der 9. November der offizielle Tag des Kriegsendes) ein heiliger Tag, der wichtigste Jahrestag überhaupt. Das wird immer gefeiert und die Veteranen werden verehrt. Wir denken, wäre es nun richtig und wichtig, wenn der Gelsenkirchener Bürger, der Veteran Lew Belogolowski in den nächsten Tagen vom Oberbürgermeister seiner neuen Heimatstadt Gelsenkirchen einen herzlichen Brief oder eine Postkarte bekäme.

Anmerkung: Die an dieser Stelle im Orginal enthaltenen Anschrift des letzten noch in Gelsenkirchen lebenden jüdischen Kriegsveterans wurde von mir zur Wahrung des Datenschutzes nicht veröffentlicht. Andreas Jordan

Außerdem wäre es vielleicht auch sinnvoll, durch die örtliche Presse das zu machen. Auch von unserer Seite versuchen wir, etwas gute in diesem Sinne zu unternehmen. Heute werde ich mit der WAZ- Redaktion über hier genannte Themen sprechen, hoffentlich erscheint ein Artikel darüber. Ich will auch öffentlich den Veteran begrüßen und ihm noch viele Jahre und alles Gute wünschen.

Mit freundlichen Grüßen

Elena Gubenko

Jüdischer Kulturverein KINOR e. V.



Veröffentlichung: Andreas Jordan, April 2009


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