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Jüdisches Leben in der Ukraine von 1920 bis 1990

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Inhaltsübersicht

1. Politische Entwicklung der Ukraine

1.1.   → Geschichte der Ukraine vom 17. Jahrhundert bis 1917
1.2.   → Die Ukrainische Volksrepublik
1.3.   → Die Ukraine unter Lenin und Stalin
1.4.   → Der 2. Weltkrieg
1.5.   → Kollaboration
1.6.   → Widerstand/Kriegsfolgen

2. Die jüdische Religion 

2.1.0 → Juden während der NS-Zeit
2.1.1. → Religiöse Lehren
2.1.2. → Religiöses Leben
2.1.3. → Der jüdische Gebetskreis
2.1.4. → Die jüdische Gebetskleidung
2.1.5. → Die jüdischen Speisevorschriften
2.1.6. → Der jüdische Ruhetag
2.1.7. → Der jüdische Kalender
2.1.8. → Lebenszyklus
2.1.9. → Die Stellung der Frau
2.2.1. → Jiddisch
2.2.2. → Mitteljiddisch
2.2.3. → Neujiddisch
2.2.4. → Jiddisch und Deutsch
2.2.5. → Jiddische Schrift
2.3.6. → Orthographie


3.0. Lebenssituation vor und nach der NS-Zeit


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3.1.   → Frau Morownas Leben vor dem Krieg
3.2.   → Frau Morownas Leben nach dem Krieg
3.3.   → Allgemeine Lebenssituation der Juden vor der NS-Zeit
3.4.   → Allgemeine Situation nach der NS-Zeit

4. Lebenssituation der Juden in der Ukraine während des 2. Weltkrieges

4.1.   → Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung
4.2.   → Widerstand und Selbstorganisation
4.3.   → Das jüdische Leben in den Städten
4.4.   → Berühmte jüdische Persönlichkeiten: Kriegs-Kurzbiographien
4.5.   → "Wiedersehen mit Anna" von Gudrun Pausewang
4.6.   → Das Leben in einem ukrainischen Ghetto - Eine Biographie von Alexander Schwarz
4.7.   → Ukrainian Survivor of Labor Camp Returns to Help His Native City of Lvov English
4.8.   → Zeitzeugenberichte: Die Erlebnisse von Frau Morowna und Frau Wechsler


5. Auswanderung nach Deutschland


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5.1.   → Persönliche Geschichte von Frau Wechsler und Frau Morowna
5.2.   → Jüdische Migration aus der ehemaligen Sowjetunion am Beispiel Berlin
5.3.   → Beispiel: Ein jüdisches Paar kommt 1992 aus der Ukraine nach Deutschland


6. Die Ukraine heute: Politische Situation, Minderheiten und Integrationspolitik

6.1. → Staat, Volk und Religion der Ukrainer und ukrainischer Minderheiten
6.2. → Wege zum Umgang mit den Minderheiten in der Ukraine und Europa
6.2.1. → Magyaren
6.2.2. → Sinti und Roma
6.2.3. → Krimtataren
6.2.4. → Galizier (Galizien = polnische Region)
6.2.5. → Moldawier
6.2.6. → Deutsche
6.3. → Definition
6.4. → Das Schattendasein der Ukraine
6.5. → Ausschluss aus der EU
6.6. → Quellen
6.7. → Politische Karte der Ukraine

Geschichte der Ukraine vom 17. Jahrhundert bis 1917  

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Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war die Ukraine trotz Widerstandes der Kosaken zum Großteil polnisch. Das änderte sich erst nach dem polnisch-russischen Krieg von 1654-1667, als Polen seine ukrainischen Gebiete östlich des Dnjepr an Russland abtreten musste. Mit der 3. Teilung Russlands 1795 schließlich teilten Russland, Preußen und Österreich das von den vorherigen Teilungen übrig gebliebene polnische Gebiet unter sich auf. Somit ging das heutige ukrainische Staatsgebiet fast vollständig in russische Hände über. Einzig Galizien fiel dem Habsburger Reich zu. Dadurch blieb die Westukraine bis 1919 dem westlichen Kulturkreis zugehörig. Das hatte zur Folge, dass Galizien aufgrund jener westlichen Einflüsse zum Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung im 19. und 20. Jahrhundert wurde.

1.2. Die Ukrainische Volksrepublik 

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Der Schöpfer der wissenschaftlichen Grundlage für die ukrainische Nationalbewegung war Mychajlo Hrusevskyj. Er führte in einer wissenschaftlichen Arbeit das Schema einer historisch getrennten Entwicklung der Volkstümer Ukraine und Russland an und setzte sich für die Schaffung einer unabhängigen ukrainischen Republik ein. So war er erster Vorsitzender des Zentralrats (Zentral-Rada), der zunächst nach der Oktoberrevolution die autonome Republik (1917) und dann, am 22.1. 1918, die volle Selbständigkeit der ukrainischen Republik ausrief.

Im Dezember 1918 folgte dann aber der Abzug deutscher, österreichischer und ungarischer Soldaten aus der Ukraine, da der Frieden von Brest- Litowsk aufgrund des Waffenstillstandsvertrags von Compiègne zwischen Deutschland und den Alliierten vom 11. November 1918 aufgehoben wurde. Ihnen gelang es vorläufig, die Vorstöße der Bolschewisten in Richtung der Ukraine abzuwehren. Infolgedessen, ohne ausreichenden Verwaltungsunterbau und nach unzähligen Kämpfen gegen Bolschewistische russische Truppen, Weißgardisten, Ukrainische Anarchisten im Süden und Polen im Westen (in der Endphase sogar Verbündeter der Ukraine) scheiterte die Volksrepublik endgültig 1920.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die nationale Bewegung der Ukrainer zu schwach war, um den ersten Weltkrieg, die Kriegsniederlage sowie den Zerfall der Habsburger Monarchie und des Reichs der Romanows zur Bildung eines eigenen Nationalstaats zu nutzen.

1.3. Die Ukraine unter Lenin und Stalin 

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Die Kommunisten gingen als Sieger aus den Umbruchsjahren während und nach dem 1. Weltkrieg hervor. Durch Lenins "neue Wirtschaftspolitik" (NEP= Neue ökonomische Politik), erfolgte eine Liberalisierung der Wirtschaft, die angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation der Bolschewisten auch dringend durchgeführt werden musste. Prompt kam es zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, von der besonders die Bauern profitierten. Nach der Machtübernahme Stalins folgte eine Lenins Politik entgegengesetzte, für die Ukraine verhängnisvolle Politik. Stalin widmete sich mit Erfolg der Bekämpfung des "örtlichen Nationalismus", der als Hauptgefahr für die sowjetische Nationalitätenpolitik galt. Infolge dessen kollektivierte Stalin die Landwirtschaft und führte die so genannte "Entkulakisierung" (Kulak = reicher Bauer) durch.

Da zum Kulak aber jeder freie, selbstständige Bauer ernannt wurde, steigerte sich Stalins Kampagne von anfänglichen Massendeportationen und Zwangsüberführungen in Kolchosen 1933/34 zu einem planvoll durchgeführten Hunger-Massenmord an 6-7 Mio. ukrainischen Bauern, deren Getreide beschlagnahmt und in die SU exportiert wurde. Ausländische Hilfslieferungen wurden ebenfalls direkt in die Sowjetunion umgeleitet, bevor sie die ukrainische Bevölkerung erreichen konnten. Nach Lenins Tod im Januar 1924 gelang es Stalin die Macht in Partei und Staat zu übernehmen.

1.4. Der zweite Weltkrieg 

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Der 2. Weltkrieg war nach Bürgerkrieg und Stalinterror die dritte und größte Leidenszeit in der neueren Geschichte der Ukraine. Anfänglich waren sogar Sympathien gebildeter Schichten für die Deutschen vorhanden gewesen, doch diese wurden ebenso schnell abgelegt wie die Hoffnungen ukrainischer Nationalisten auf deutsche Hilfe bezüglich eines eigenen Staates. Die Ukraine wurde von Deutschland folgendermaßen aufgeteilt: Galizien wurde Polen zugeschlagen, Bukowina, Bessarabien und Transnistrien fielen an das mit Deutschland verbündete Rumänien, der Rest wurde als "Reichskommissariat Ukraine" von Deutschen verwaltet.

Gauleiter Koch beispielsweise sah in jedem Ukrainer einen "Untermenschen", den es zu erschießen gelte, sollte er es wagen, sich mit den deutschen "Herren" auf eine Stufe zu stellen. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass Geiselerschießungen an der Tagesordnung waren; diese erlebten 1943/44 ihren Höhepunkt, als eine breite Partisanenbewegung den Kampf gegen die Besatzer aufgenommen hatte. Racheaktionen deutscher Sonderverbände, in denen ganze Dörfer vernichtet wurden, traten nun auch noch auf.

Die ukrainischen Bauern wurden nicht nur gezwungen, für ihre deutschen "Lehnsherren" zu arbeiten, es kam, ähnlich wie in Polen, zu Verschleppungen ukrainischer Jugendlicher nach Deutschland. Sofern sie nicht eine Bestätigung vorweisen konnten, dass sie in der Ukraine für die deutsche Herrschaft von Nutzen waren, wurden sie, ohne sich von ihren Familien verabschieden zu können, ins Reichsgebiet verfrachtet. Verwendung fanden sie in der Landwirtschaft und der Industrie. Die jüdische Bevölkerung litt am meisten unter der Nazi-Herrschaft, sodass sie von einem der wichtigsten demographischen Elemente in der Ukraine zu einer Randgruppe reduziert wurde.

1.5. Kollaboration 

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Rasch nach dem 2. Weltkrieg war die sowjetische Propaganda mit Vorwürfen an das ukrainische Volk zur Stelle. Die Ukrainer hätten während des 2. Weltkrieges mit deutschen Behörden kollaboriert und an Judenpogromen mitgewirkt und schon immer eine antisemitische Tradition gepflegt. Es ist auch unbestritten, dass Ukrainer an nazistischen Gräueltaten beteiligt waren. So zeigte etwa der extreme Flügel der Organisation Ukrainischer Nationalisten deutlich faschistische Züge. Des Weiteren meldeten sich einige Ukrainer bei der Waffen-SS, um auf Seiten der Nazis als besondere Division gegen die Rote Armee zu kämpfen. Daraus lässt sich aber kein Gesamtvorwurf an die ukrainische Bevölkerung herleiten.

1.6. Widerstand/Kriegsfolgen 

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Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) kämpfte seit 1942 gegen die deutsche Besatzung (bis Mitte der 50er übrigens auch noch gegen die übermächtigen Sowjets) und half vielen Juden, was durch Einsicht in zahlreiche Akten und Zeugenaussagen israelischer Staatsbürger bewiesen ist.Außerdem protestierte der Metropolit (Bischof mit verschiedenen Ehrenrechten) der Unierten Kirche in Lemberg, Andreas Septyckyj, scharf gegen die Nazi-Gräuel und besonders gegen die Judenvernichtung. Ein weiteres Massenverbrechen stellt die unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen der sowjetischen Streitkräfte dar: Von fast 6 Millionen kamen über die Hälfte in deutschen Gefangenenlagern ums Leben, darunter viele Ukrainer. Ukrainische Partisanen wurden in der Regel sofort erschossen, fielen sie in die Hände deutscher bewaffneter Kräfte.

Hatte Stalin während des Krieges noch einige Formen eines ukrainischen Sowjetpatriotismus geduldet, verfolgte er nach dem Krieg seine "Vorkriegsstrategie", keine nationalistischen Abweichungen zu dulden und sofort niederzuschlagen, weiter. Viele Schuldige in diesen wiederholten ideologischen Säuberungen konnten allerdings nicht gefunden werden. Die durch die Säuberungen der 30er geprägte, stark dezimierte Kulturelite war mehr auf das eigene Überleben bedacht, als dass sie versuchte einzugreifen. Erst Stalins Tod 1953 löste dieses "Erstarren" auf....

2.1.0. Juden während der NS-Zeit 

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Bild: Massengrab in Oswiecim(Auschwitz)

Bild: Massengrab in Oswiecim (Auschwitz)

Die Geschichte der Juden ist eine Geschichte der Verfolgung, der Schmerzen und der Trauer. Das jüngste Ereignis ist die Judenverfolgung während des zweiten Weltkrieges von 1939-1945, ein unfassbar grausames Erlebnis für Millionen von Menschen. Zurück bleiben nur die Bilder von zerstörten Synagogen, Krematorien in Auschwitz und Menschen, die die Hoffnung auf Leben längst aufgegeben haben.

Die Erinnerung an diese Zeit ist schmerzhaft, traurig und trotzdem darf sie nicht erlöschen. Sie soll als Warnung dienen, damit sich solch ein Unrecht, das den Juden angetan wurde, nicht wiederholt. Die Vergangenheit kann zwar niemand mehr ändern, aber die Zukunft liegt in der Verantwortung der nächsten Generationen. Erinnerung ist Alles. Im folgenden Kapitel sollen die Grundlagen der jüdischen Religion erklärt und erläutert werden, um einen kleinen Einblick in das jüdische Leben zu geben. Das Judentum ist eine Jahrtausende alte Religion mit einer großen Anzahl von Bräuchen, Riten und Traditionen, die unverzichtbar im Leben eines Juden sind. Während der NS-Zeit war die Ausübung der jüdischen Religion jedoch nicht möglich.

2.1.1. Religiöse Lehren 

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Ebenso wie im Christentum gelten im jüdischen Glauben die Zehn Gebote. Die wichtigsten Regeln für das Leben mit diesem Glauben sind in der Thora zu finden. Diese erhielt einst Mose am Sinai von Gott. Das fünfte Buch Mose (Pentateuch) gilt als einzigartiger Bericht einer menschlichen Begegnung mit Gott. Allerdings wird die Thora nur als unvollständige Offenbarung Gottes angesehen. Daher gibt es auch eine mündliche Thora. Sie gibt die Ausführungshinweise der in der schriftlichen Thora genannten Satzungen.

Die Thora ist unwandelbar und bestimmt mit den mündlichen Zusätzen die grundlegende Lebensweise für gläubige Juden. Neben der Thora existieren noch viele weitere Schriftstücke, die Anregungen für das Leben eines Juden geben. So zum Beispiel das Buch der Helligkeit, in welchem Gesetze für das alltägliche Leben niedergeschrieben sind (Todesstrafe bei Ehebruch, Blutschande etc.) Des Weiteren ist im jüdischen Glauben der Messias (im Christentum ist es Jesus) noch nicht gekommen. Er wird, wenn er erscheint, ein ewiges Reich errichten, in welchem dann die ewige Seligkeit zu finden sein wird.

Ebenso wie im Christentum gibt es im Judentum eine unsterbliche Seele und eine Existenz im Jenseits. Auch glauben Juden an die Auferstehung von den Toten. Vom Individuum in der jüdischen Glaubensgemeinschaft wird die kultische Reinheit verlangt. Das bedeutet, dass alles Unreine vermieden werden soll (siehe hierzu auch Die jüdischen Speisevorschriften). Das Individuum selbst gilt als Teil des Volkes Israels, das sich selbst als das auserwählte Volk betrachtet. Ein Wandel im Leben der Juden ist schwer, da sich alles im Einklang miteinander befinden muss.

2.1.2. Religiöses Leben 

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Die Beziehungen der Juden untereinander werden ihrem Glauben nach durch die Liebe bestimmt. Das Leben selbst ist das Wichtigste für Anhänger des jüdischen Glaubens; so ist auch Selbstmord nur zulässig, wenn dies der einzige Ausweg ist eine Hauptsünde nicht zu begehen. Hierzu ein Beispiel: Hans bedroht Franz und will ihn zwingen jemanden zu töten. Franz jedoch will keine Hauptsünde begehen, will also niemanden umbringen. Wenn er dies jedoch nicht tut, wird er selbst von Hans getötet. Sein einziger Ausweg nicht sündigen zu müssen ist also Selbstmord. Auch sonst ist das friedliche Miteinander sehr wichtig im Judentum. Als Goldene Regel ist daher der Satz "Was dir verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht" zu sehen. Ebenso gilt: "Mag er dich töten, du aber tötest nicht!"

Im Allgemeinen wird der Zaddik angestrebt. Dies ist ein Mensch, der Recht schafft, gerecht ist und das Gute tut. Wenn man einen religiösen Juden trifft, ist auffällig, dass er, so weit es möglich ist, wohltätig ist. Auch dies hat einen religiösen Hintergrund. So gilt im Judentum, dass jeder Bedürftige einen Anspruch auf Hilfe zur Selbsthilfe hat. So entstanden bereits im 13. Jahrhundert diverse Einrichtungen wie Waisenfürsorgen, Bestattungsunternehmen u.a.m. Hieraus ergibt sich dann auch, dass jüdische Gemeinden heutzutage dazu verpflichtet sind, Armenküchen und -kassen, Krankenpflege etc. bereitzustellen. So sind im Laufe der Zeit zahlreiche Wohlfahrtssysteme entstanden.

2.1.3. Der jüdische Gebetskreis 

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Der jüdische Gebetskreis, der auch Minjan genannt wird, besteht aus mindestens zehn erwachsenen jüdischen Männern und erinnert die Juden an ihre Zusammengehörigkeit während des Babylonischen Exils. Ihm ist. dadurch ein historisch hoher Wert zuzuschreiben. Die Gebetsgemeinschaften zelebrieren vor allem Gebete wie das Achtzehngebot, das aus achtzehn Lobpreisungen besteht. Es gibt jedoch auch Gebete, die sowohl gemeinschaftlich als auch einzeln rezitiert werden. Ein Beispiel dafür bietet das Schma Israel, das meistens in Notsituationen gesprochen wird.

Durch das Gebet erlangen die Juden einen direkten Dialog mit Jahwe, ihrem Gott. Sie stützen sich dabei auf ihre heilige Schrift die fünf Bücher Mose des alten Testaments, die Tora. Sie ist das Kernstück des Glaubens, nach der sich ein jüdischer Gläubiger religiös und bürgerlich zu richten und zu orientieren hat. Gemessen an der Bedeutung, die die Tora in dem Leben eines Juden einnimmt, ist die Übersetzung des Wortes Tora weder verwunderlich noch übertrieben. Tora ist hebräisch und bedeutet soviel wie Weisung, Lehre, Gesetz. Natürlich tragen alle jüdischen Gläubigen während des Gebets spezielle Gebetskleidung, die durch die talmudschen Regeln bestimmt und festgelegt sind.

2.1.4. Der jüdische Gebetskleidung 

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Die Gebetskleidung spielt nicht nur im jüdischen Gebet, sondern auch im jüdischen Leben eine große Rolle. Die wichtigsten Kleidungsstücke sind der Tallit mit den Schaufäden, die Tefillin und die Kipa. Allen Dreien ist eine bestimmte Bedeutung zuzuordnen. Der Tallit wird als Gebetsmantel oder Gebetsschal bezeichnet und ist mit Schaufäden versehen, die ihm seine religiöse Bedeutung verleihen, da jede Franse eines der 613 Ver- und Gebote, die die Juden befolgen müssen, darstellt. Kleidungsstücke, die nicht viereckig sind, brauchen diese jedoch nicht. Die talmudschen Regeln legen ebenfalls fest, dass der Tallit nur am Tag angelegt werden muss. Beim Abendgottesdienst sind die Gläubigen also nicht dazu verpflichtet einen Tallit anzulegen.

Ausnahmen bilden der Sabbat und die Festtage, an denen die jüdischen Männer den Gebetsmantel nicht nur zu den Morgenandachten, sondern den ganzen Tag tragen. Frauen tragen keinen Tallit, da es als unanständig gilt, heilige Gegenstände zu tragen, wenn die Frau sich während ihrer Menstruation im Zustand der Unreinheit befindet, außerdem sind sie von allen Geboten befreit, die sich an bestimmte Tageszeiten binden, da sie sich vor allem um die Familie und den Haushalt kümmern soll.

Die Gebetsriemen, auch Tefillin genannt, sind zwei Schächtelchen aus Leder, die Pergamentstücke mit ausgewählten Toratextauszügen beinhalten und an ledernen Riemen, die auch als Rezuot bezeichnet werden, befestigt sind. Man unterscheidet Hand- und Kopftefillin. Rechtshänder wickeln die Riemen siebenmal im Uhrzeigersinn um ihren rechten Arm, Linkshänder um den linken. Handtefillin sollen die jüdischen Gläubigen daran erinnern, dass sie von Gott aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden und verpflichtet sind seine Gesetze, die in der Tora niedergeschrieben sind, zu befolgen. Die Kopftefillin stehen für geistige Loyalität. Viele Juden tragen sie, um im Gebet eine höhere Konzentration zu erreichen. Das Gebot, Tefillin zu tragen, gilt wie bei dem Tallit nur am Tag, vor allem bei Morgenandachten, abends müssen sie nicht getragen werden. Die Tefillin werden, im Gegensatz zum Tallit, nur an Wochentagen angelegt und nicht am Sabbat oder anderen Festtagen. Wie beim Tragen des Tallit sind die Frauen durch die talmudschen Regeln nicht berechtigt, beziehungsweise davon befreit dieses Gebot zu befolgen.

Die Kipa ist die Kopfbedeckung, die von vielen Gläubigen während des Gebets getragen wird. Anders als bei dem Tallit und den Tefillin ist die Kipa jedoch kein Gebot oder Gesetz, das von den Juden streng befolgt wird. Die talmudschen Regeln setzen zwar das Tragen der Kipa mit Ehrerbietung und Respekt für Gott gleich, viele Juden glauben aber, dass die Kipa ein Zeichen der Gottesfurcht sei. Dennoch bleibt es jedem Juden selbst überlassen, ob er seinen Kopf bedecken möchte. Jedes Kleidungsstück, das während des Gebets angelegt wird, hat eine spezielle Bedeutung, Außerdem müssen bestimmte Vorschriften bei der Herstellung dieser Gebetsutensilien befolgt werden; so müssen zum Beispiel alle Materialien koscher sein, was sich auf die jüdischen Speisevorschriften bezieht.

2.1.5 Die jüdischen Speisevorschriften 

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Da die Religion das gesamte Leben eines Juden beeinflusst, ist es nicht verwunderlich, dass es auch Gesetze für die Zubereitung der Mahlzeiten gibt. Die Speisevorschriften werden als Kaschrut-Gesetze bezeichnet, die in der Vorstellung der Juden zur Harmonie zwischen Körper und Geist führen. Es gibt mindestens fünfzig göttliche Gebote in der Tora, die sich mit der Zubereitung von Speisen und Tischmanieren befassen.

Die Speisen müssen koscher sein, was hebräisch ist und soviel bedeutet wie rein, unberührt, geeignet. Außerdem werden im Judentum drei Arten von Tieren unterschieden: Meerestiere, Geflügel, und an Land lebende Tiere. Meerestiere dürfen verzehrt werden, solange sie sowohl Flossen und Schuppen haben als auch im Wasser leben. Nach diesem Gebot dürfen weder krebsartige Tiere noch Muscheln oder Schnecken gegessen werden. Fast das gesamte Geflügel gilt im jüdischen Glauben als koscher. Die Ausnahme bilden Raubvögel, wie zum Beispiel der Bussard oder der Adler.

Die Tiere, die an Land leben, müssen ebenfalls bestimmte Kriterien erfüllen. Es sind alle Tiere für den Verzehr geeignet, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher und Wiederkäuer sind. Fehlt eines dieser Merkmale, darf das Fleisch dieser Tiere nicht verzehrt werden. Auch Tiere, die mit etwas Unreinem in Berührung kommen, gelten nach den Kaschrut-Gesetzen nicht mehr als koscher. So gilt das Schwein, das zwar gespaltene Klauen hat, nicht als koscher, da es kein Wiederkäuer ist und sich von Abfällen ernährt. Ein Geier würde ebenfalls nicht als koscher gelten, da er ein Aasfresser ist. Ein Tier, das als rein gilt, wäre zum Beispiel das Schaf oder die Ziege.

Aber wie werden die Speisen nun zubereitet? Da in der Tora der Genuss von Blut streng verboten ist, wird im jüdischen Glauben eine bestimmt Schlachtmethode angewandt. Ein ausgebildeter Schlachter, der Schochet, durchtrennt mit einem geschickten Schnitt zugleich die Luftröhre, die Speiseröhre und die Halsschlagader, damit das Tier richtig ausbluten kann. Die letzten Blutreste werden von der Frau am heimischen Herd entfernt. Sie legt das Fleisch eine halbe Stunde in lauwarmes Wasser und salzt es dann von allen Seiten; das restliche Blut kann dann aus dem Fleisch, das auf eine schräge Unterlage gelegt wird, herauslaufen. Diese Zubereitung des Fleisches wird als koscher bezeichnet. Da Fisch nicht als Fleisch betrachtet wird, braucht er nicht durch Schächten und kochen gekoschert werden.

Es gibt jedoch noch ein weiteres Gesetz, das die Zubereitung von Speisen bestimmt: Das Verbot des Mischens von Fleisch und Milch. Es gibt drei Gebote, die das Essen, Nutznießen und das Kochen von Milchprodukten und Fleisch zusammen verbieten. Ein jüdischer Gläubiger muss nach dem Verzehr von Fleisch sechs Stunden warten, bevor er eine Milchspeise essen darf, denn erst dann hat er das Fleisch verdaut. Milchprodukte hingegen sind nach einer halben Stunde verdaut, danach ist der Verzehr von Fleisch wieder erlaubt. Obst, Gemüse und Fisch sind parwe, neutral, und dürfen in Verbindung mit Milch- und Fleischgerichten gegessen werden In der jüdischen Küche werden selbst die Töpfe, Pfannen und das Geschirr sowie das Besteck für Fleisch und Milch getrennt.

2.1.6. Der jüdische Ruhetag 

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Der Sabbat beginnt wie alle jüdischen Feiertage am Vorabend, was auf den jüdischen Kalender zurückzuführen ist. Am Freitagabend werden alle nötigen Vorbereitungen getroffen, da am Sabbat jede Art von Arbeit untersagt ist. Grundlage dafür ist der siebte Tag der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, an dem sich Gott nach getaner Arbeit ausruhte.So werden alle Speisen vorbereitet und warm gehalten. Es wird das Sabbatbrot, das Barches besorgt, von dem ein kleiner Teil, die Challa abgesondert wird, das später als Opfergabe dienen soll.

Am späten Nachmittag besucht der jüdische Mann den Gebetsgottesdienst in der Synagoge, während die jüdische Frau zu Hause letzte Vorbereitungen trifft. Sie zündet die Sabbatkerzen an, wenn es Abend wird, und spricht den Sabbatsegen, ein Loblied, das an Gott gerichtet ist, womit der Sabbat beginnt und die Arbeit ruhen muss. Dies ist allein Aufgabe der Frau. Am Freitagabend wird im Gottesdienst der Sabbat "empfangen". Am Ende eines Sabbatgottesdienstes heiligt der Vorbeter den Sabbat, indem er den Kiddusch, der die biblischen Grundgedanken beinhaltet, die sich auf die Schöpfung und den Auszug aus Ägypten beziehen, über einen Becher Wein spricht. Im jüdischen Zuhause wird danach die erste Mahlzeit eingenommen. Es sind insgesamt drei Mahlzeiten für diesen Ruhe- und Feiertag vorgesehen.

Vor der Mahlzeit ist die rituelle Waschung üblich. Die Familie versammelt sich nun am Tisch und der Vater spricht erneut den Kiddusch, nimmt einen Schluck Wein und reicht den Becher weiter. Der Vater beginnt die Sabbatmahlzeit, indem er das Barches anschneidet und es mit Salz bestreut. Die Mahlzeit umfasst mindestens drei Gänge, zwischen denen Sabbatlieder auf hebräisch gesungen werden. Nachdem das Essen durch ein Tischgebet beendet wird, wendet man sich der Familie zu.

Am Samstag, dem eigentlichen Sabbat sind 39 Hauptarbeiten verboten und dürfen somit nicht ausgeführt werden. Unter dieses Verbot fällt alles, was mit den Werktagen in Verbindung gebracht werden kann. Am späten Nachmittag wird die letzte Sabbatmahlzeit eingenommen, wonach der Abendgottesdienst stattfindet, in dem der Unterschiedssegen, die Hawdala gesprochen wird. Mit der Hawdala wird Gott dafür gedankt, dass es einen Unterschied zwischen heiligen und gewöhnlichen Tagen gibt.

2.1.7. Der jüdische Kalender 

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Beim jüdischen Kalender werden die Monate nach dem Mond und die Jahre nach der Sonne berechnet. Der Tag beginnt hier mit Einbruch der Nacht. Die ersten sechs Wochentage besitzen keine direkte Bezeichnung, nur der siebte trägt einen Namen. Er heißt Sabbat und ist der letzte Wochentag.

Das jüdische Jahr hat zwischen 353 und 355 Tage. Daher wird im neunzehnjährigen Zyklus in jedem 3., 6., 8., 11., 14., 17., und 19. Jahr ein zusätzlicher Monat eingeschoben. Ansonsten hat das Jahr auch im jüdischen Kalender 12 Monate. Sie sind nicht parallel zu unseren Monaten, sondern liegen nach dem gregorianischen Kalender immer zwischen zwei Monaten:

Tischri (September/Oktober)
Cheswan (Oktober/November)
Kislew (November/Dezember)
Tewet (Dezember/Januar)
Schewat (Januar/Februar)
Adar (Februar/März; im Schaltjahr zusätzlich Adar II)
Nisan (März/April)
Jar (April/Mai)
Siwan (Mai/Juni)
Tamus (Juni/Juli)
Aw (Juli/August)
Elul (August/September)

2.1.8. Lebenszyklus 

Bereits acht Tage nach der Geburt wird bei Jungen die Beschneidung (Berit Mila) durchgeführt. Sie gilt als das wichtigste Gebot. Also wird sie auch an arbeitsfreien Feiertagen durchgeführt. Während der Beschneidung müssen zehn jüdische Männer (Minjan = Gebetskreis) als Vertreter der Gemeinde anwesend sein. Bei Erkrankung wird die Beschneidung am achten Tag nach der Gesundung vollzogen. Könnte durch sie allerdings eine lebensbedrohliche Situation entstehen (z.B. bei der Bluterkrankheit), wird sie nicht durchgeführt.

Männer, die dem Judentum beitreten, müssen nachträglich beschnitten werden. Ab dem 13. Lebensjahr gelten Jungen als erwachsen. Dies wird mit dem Fest Bar Mitzwa gefeiert. Nun ist er ein vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinde, darf aus der Thora lesen und an den Minjan teilnehmen; er darf die traditionelle Gebetskleidung anlegen und ist für sein Handeln selbst verantwortlich.

Der nächste Einschnitt im Leben eines Juden ist die Hochzeit. Jeder jüdische Mann, der keine Frau hat, führt ein Leben ohne Freude, Glück und Seligkeit. Die Verweigerung sich fortzupflanzen gilt als Sünde. Die Hochzeit bedeutet sowohl für den Mann als auch für die Frau ein neues Leben zu beginnen.

Wenn eine Person stirbt, wird sie beerdigt. Die Grabstätte besteht ewig, d.h. wo ein Mensch beerdigt wurde, wird er ewig liegen und es darf hier auch kein weiterer Mensch begraben werden (wie es bei anderen Friedhöfen durchaus üblich ist). Gräber werden nicht bepflanzt. Bei Besuch der Grabstätte legt man einen Stein auf diese und zeigt hiermit, dass der Verstorbene nicht vergessen ist. Nach der Beerdigung findet für sieben Tage eine Trauerfeier im Haus der Familie des Verstorbenen statt. Darauf folgt ein Trauerjahr, in dem man Feierlichkeiten vermeidet.

2.1.9. Die Stellung der Frau 

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Zwar sind Mann und Frau vor Gott gleichgestellt, doch im traditionellen Judentum bestand dennoch lange Zeit ein Unterschied. So gab es eine räumlich Trennung zwischen ihnen in der Synagoge. Auch durften Frauen keine Gebetskleidung tragen oder aus der Thora lesen. Heutzutage sind kinderlose Witwen in streng traditionellen Gemeinden von ihrem Schwager abhängig und müssen ihn heiraten, wenn er sie nicht vor dem Rabbinatsgericht freispricht. Dies gilt allerdings nur noch in äußerst seltenen Fällen. Heutzutage gibt es in modernen jüdischen Gemeinden für das Fest für Jungen (die Bar Mitzwa) ein Gegenstück für Mädchen: die Bat Mitzwa. Auch sie werden dann als vollwertige Mitglieder der Gemeinde angesehen und dürfen aus der Thora lesen.

2.2.1. Jiddisch 

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Jiddisch ist eine Mischsprache, deren Anfänge nicht eindeutig geklärt sind. Sicher ist jedoch, dass sie im Zusammenhang mit der Niederlassung der Juden in Deutschland steht. Das älteste erhaltene jiddische Sprachdokument stammt aus dem Jahr 1272. Es ist der WORMSER MACHSOR, in dem innerhalb eines hebräischen Textes ein jiddischer Segensspruch eingefügt ist:

'gut tak im betage se wer dis machasor in beß ha'kneßeß trage!'

(Ein guter Tag sei dem beschieden, der diesen Machsor in die Synagoge trage.)

Hier finden sich bereits zwei wesentliche Grundsätze des Jiddischen:

1. Der jiddische Vers ist in hebräischer Schrift geschrieben

2. Religiöse Begriffe, wie "machsor" und "beß ha kneßeß" bleiben in der hebräischen Originalform erhalten.

Damit beweist dieses älteste Dokument, dass es sich beim Jiddischen um eine Komponenten-Sprache handelt. Das Grundelement dieser Misch-Sprache ist das Mittel- bzw. das Frühneuhochdeutsche. Dazu kommen von Anfang an hebräische und aramäische Worte. Später kamen auch slawische Elemente hinzu. Weiterhin lassen sich altromanische und griechische Komponenten nachweisen. Beispiele dafür sind die Worte "antposen" "verloben" ( vom altfranzösischen "espouser" und dem italienischen Wort "sposare"), "bentschn" "segnen" (vom lateinischen Wort "benedicere") und das Wort "apikoireß" für Ketzer (vom griechischen "epikuros"). Eine Liste mit Beispielen dieser Art ließe sich lange fortsetzen...

Aus der altjiddischen Epoche hat sich nur sehr wenig erhalten. Man kennt jedoch neben dem vorhin erwähnten WORMSER MACHSOR und verschiedenen religiösen Schriften, wie dem Talmud, Erklärungen und Thora-Übersetzungen sowie eine Art jiddische Spielmanns-Dichtung und ein Heldenepos.

Einer der bekanntesten jüdischen Troubadoure dieser Epoche ist Süßkind von Trimberg. Er stammte aus Schweinfurt und lebte etwa in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Von ihm sind einige humorvolle und auch nachdenkliche Texte erhalten. Eines seiner Werke ist das epische Gedicht "Avro om Ovinu" (Unser Vater Abraham), aus dem ich die ersten beiden Strophen vorstellen möchte:


Er vaßte si wil ebene
er machte sich hin vür
Er korte siene verßen
zu sieneß fater tür
Er warf den ßak zume rüken
er machte sich zu den velden
Er began di apgote
se'ere schelden.
Er sprach: vor woßen apigote
vor woßen mü'ßet ir sien
Ir habet vil gar zu'riten
den armen rüken mien.
Wil mir der wor'haftige got
sien hülfe senden
Ich wil üwern gelouben
gar vor'ßwenden.

(Abraham geht aus dem Haus seines Vaters. Doch bald begann er über die Götzen zu klagen, und fragt sich: 'wozu sind denn die Götzenbilder überhaupt gut?' denn sein Rücken tut ihm schon weh vom Schleppen der Figuren zum Markt. Wenn ihm der wahre Gott seine Hilfe senden würde, so wolle er sich sofort von ihnen befreien.)

2.2.2. Mitteljiddisch 

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Mitteljiddisch wird etwa in der Zeit von 1450-1650 angesetzt. Im Gegensatz zum Altjiddisch besaß das Mitteljiddisch bereits eine selbständige Sprache und Schrift. Aus dieser Epoche sind weitaus mehr Schriftstücke erhalten. Zunächst griffen die Autoren nur auf biblische Stoffe zurück, doch dann erschien auch eine große Anzahl von "Muser"-Büchern (hebr. Musar= Moral). Dies sind Sammlungen traditioneller Vorschriften für die des Hebräischen nicht mächtigen Frauen. Die "Muser"-Bücher dienten zur Belehrung der braven jüdischen Frau, deshalb wurde Jiddisch auch zeitweise "wajber-taitsch" genannt, da die Frauen kein hebräisch Sprachen und sich somit auf jiddisch unterhielten. Ein Beispiel für einen "Muser"-Text ist ein von Benjamin von Zürich 1574 verfasstes Schabbat-Gedicht:


Ouf dem tisch sölen vesen gemajt
Smieres sagen se'eren
fergest trourikajt unde al das lajt,
das günt öich got der here,
ir sölt an'tuen ajn guetes klajt,
dem hailigen schabeßß zu ejren
ei, seks tagen beschuef got himel unde erd
am sübenden ruet got der verd.

(Am Shabbat sollen 3 warme Speisen bereitgehalten werden, wie es uns die Weisen lehren. Man solle beten und die Traurigkeit und das Leid vergessen, das gönnt uns der Herr; und man soll schöne Kleider anlegen, um den heiligen Schabbat zu ehren...)

Nicht erst im 20. Jahrhundert wurden Juden verfolgt und ermordet, auch schon im Mittelalter kam es zu Verfolgungen, da die Kirche und die weltlichen Herrscher Hass gegen Minderheiten schürten. Als Folge dessen flohen die meisten Juden aus Deutschland, Österreich, Böhmen und Mähren, so kam es zu einer geographischen Verbreitung des Jiddischen. Die religiösen Gelehrten verwendeten daneben natürlich auch Hebräisch Dadurch, dass die Händler und Handwerker schnell lernten sich mit ihren neuen Kunden zu verständigen, nahmen sie häufig gebrauchte Wörter in ihrem "Tajtsch" auf.

Durch die Vertreibung kam es nun erstmals zu einer Spaltung der jiddischen Sprache in Ost- und West-Jiddisch. Das West-Jiddisch blieb zunächst bestehen und wurde nach Oberitalien, Frankreich und ins Elsaß getragen. Dort erlebte es jedoch einige Reformen und wurde schließlich assimiliert. Das Ost-Jiddisch hingegen wurde zur Hauptsprache der Juden im ganzen osteuropäischen Raum. Dort machte es im Laufe der Zeit unterschiedliche Entwicklungen durch und entwickelte sich zu einer voll ausgebildete Schriftsprache. Das Ost-Jiddisch blieb aber nicht einheitlich bestehen, sondern teilte sich in nord-östliches (Estland, Lettland, Litauen), süd-östliches (Rumänien, Bessarabien, Odessa) und zentral-östliches (Polen, Ukraine, Krim) Jiddisch auf. Die wesentlichen Unterschiede liegen, abgesehen von den slawischen Elementen, vor allem in der Aussprache von "O" und "U", sowie im "AJ", "EJ" und "OI"-Vokalismus. Als Beispiel dient eine Zeugenaussage aus dem Jahre 1579 vor dem jüdischen Gerichtshof zu Kazimierz bei Krakau.

Zentral-Ost Jiddisch

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Izindert ejn jour bin ich ibern iam gezoegen, dou bin ich gekimen ken rodos, dou bin ich krank gewooren, dou is an alter jid gekimen zi mir in hot mich gefreegt, fin wanen ich weer.

Dou hob ich ges'prochen: fin krouke. Dou hot er ges'prochen, er wer ouch fin krouke, ober baai lange iouren: izindert ken ich niement nit...

Süd-Ost Jiddisch

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Azind ajn jur bin ich ibern iam gezoign, do bin ich gekumen ken rodos, un do bin ich krank geworn, (do) is an alter jid gekumen zu mir un hot mich gefregt, fun wonen ich wer.

Do hob ich ges'prochn: fun krokke. Do hot er ges'prochn, er wer oich fun krokke, ober far lange iurn: azind ken ich niement nischt...

Ins Deutsche übertragen lautet der Text: Vor einem Jahr fuhr ich übers Meer (iam), da kam ich nach Rhodos und da wurde ich krank. Da kam ein alter Jude zu mir und fragte mich, von wo ich wäre. Da sagte ich: von Krakau. Da sagte er, er wäre auch von Krakau, aber vor vielen Jahren: jetzt kenne ich keinen mehr...

2.2.3. Neujiddisch 

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Der Einfluss der Moderne auf die ostjüdische Welt begann erst spät, setzte sich dafür aber umso schneller durch. Bald erschienen die ersten aufklärerischen Zeitungen in jiddischer Sprache. Ein Beispiel ist die , zwischen 1863 und 1872 in Odessa herausgegebene Wochenzeitung "Kol MeWasser" (Stimme des Boten), in der berühmte Autoren erstmals an die Öffentlichkeit traten.

Außerdem bildeten sich viele jiddische Theatergruppen, die in den folgenden Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg In Rumänien, Polen, Deutschland und Amerika sehr erfolgreich wurden. Die beiden bedeutendsten Gruppen sind die "Wilnaer-Truppe" und die "Habimam". Die wichtigsten Vertreter der jiddischen Literaturgeschichte sind Izchak Lejb PEREZ (1851-1915), SCHOLEM-ALEJCHEM (1859-1916) und Mendele MOJCHER SFORIM. Mit ihren Theaterstücken, Romanen und Erzählungen, die hauptsächlich einen aufklärerischen Charakter besaßen, wurden sie sogar außerhalb des Judentums berühmt. Außerdem ist diesen drei Autoren eine enorme Erweiterung des jiddischen Wortschatzes zu verdanken.

2.2.4. Jiddisch und Deutsch 

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Jiddisch ist nicht nur eine aufnehmende Sprache, sondern übte auch selbst Einflüsse auf andere Sprachen, wie Deutsch oder Polnisch aus. Beispielsweise das Wort ''Schmiere stehen'' kommt aus dem Hebräischen ''schmira'' (Wache - stehen); oder ''Pleite'' machen (a.d. hebr: plejta = Flucht); ''Moos'' (a.d. hebr: ma'oth = kleine Münzen); auch ''großkotzig'' stammt aus dem jidd. 'kozn' (a.d.hebr: katzin Richter/Fürst); der ''gutbetuchte'' stammt aus hebr. 'betuach' (= sicher); auch das ''Kaff'' kommt aus dem Hebräischen ('kfar'=Dorf); oder ''Hals und Beinbruch'' ist abgeleitet aus dem hebräischen Glückwunsch: 'hazlacha' (Erfolg) und 'beracha' (Segen). ). Weitere Beispiele sind ''Knast'' (Knas, hebr. Strafe), ''dufte'' (tow, hebr. gut), ''Mishpoche'' (hebr. Mishpachah, Familie), ''Maloche'' (Malakha, hebr. Arbeit, Werk), ''eine Macke haben'' (Maka, hebr. Schlag)...

Auf der anderen Seite haben die deutsch klingenden jiddischen Worte nicht immer den gleichen Sinn wie im Deutschen. Zum Beispiel bedeutet 'me hot im oißgesiedelt' nicht, dass 'man ihn ausgesiedelt' habe, sondern dass der Betreffende 'ausgeschimpft' wurde, nämlich vom jiddischen Wort: 'sidlen' - also beschimpfen. Ein weiteres Bsp. ist: 'emezn a schwach nochsogn' hier wird keinem 'die Schwäche' sondern ein Lob, ein Kompliment (hebr: schevach) gesagt.

2.2.5. Jiddische Schrift 

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Jiddisch wird mit dem hebräischen Alphabet geschrieben. Es besitzt deshalb 22 Buchstaben, von denen 5 zusätzlich eine 'Endform' haben, nämlich: C(hof), M(em), N(un), F(ej) und Z(adik). Es wird von rechts nach links geschrieben. Gleichzeitig verfügen alle Buchstaben über einen Zahlenwert: A(lef)=1; B(eth)=2; G(imel)=3, D(alet)=4, H(ej)=5, W(av)=6; S(ajn)=7; cH(et)=8; T(et)=9 und J(ud)=10;u.s.w.

2.2.6. Orthographie 

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Altjiddisch und Mitteljiddisch waren in ihrer Orthographie zunächst nur phonetisch, das bedeutet, man schrieb nach Gehör. Somit waren die Texte nicht einheitlich geschrieben. Im 17. Jahrhundert wurde bereits begonnen Wörterbücher zu schreiben, aber die eigentliche Festlegung der Rechtschreibung erfolgte erst im 19. Jahrhundert. In Rumänien, Polen und Litauen ersetzte die hebräische Schreibweise die phonetische Form. In Russland hingegen behielt man die phonetische Form bei. Außerdem wurde der Wortschatz mit zahlreichen russischen Worten angereichert.

3.0. Im Gespräch mit Zeitzeuginnen - Lebenssituation vor und nach der NS-Zeit

3.1. Frau Morownas Leben vor dem Krieg 

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Bild:Frau Morowna

Bild: Frau Morowna

Frau Morowna wurde 1922 in Chmelnik geboren. Diese Stadt hatte 15.000 Einwohner, von denen 11.000 Juden waren. Es gab drei Gesamtschulen, zwei Hauptschulen und ein Krankenhaus. Die Krankenversicherung war zu dieser Zeit kostenlos. Die beruflichen Wahlmöglichkeiten in der Stadt beschränkten sich auf eine Möbelfabrik, eine Zuckerfabrik, welche von großer Bedeutung war, und einige handwerkliche Betriebe.

Die zur Zeit des Zarenreiches vorherrschenden politischen Probleme waren nach der russischen Revolution 1917 so gut wie beseitigt. Es gab mehr berufliche Wahlmöglichkeiten und die Aus- und Weiterbildung wurde immer beliebter. Frau Morowna entschied sich für den Beruf der Lehrerin, in welchem sie zwei Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges tätig war, gegenüber den Deutschen hatte sie vor dem Krieg keine besonders geprägte Einstellung. In ihrer Schulzeit erhielt sie Deutschunterricht, hatte aber ansonsten kein politisches Interesse, da wegen fehlender Massenmedien keine breitere Informationsbasis vorhanden war. Vom Hitler-Stalin-Pakt hatte sie wohl gehört und ging deshalb davon aus, dass mit den Deutschen ein freundschaftliches Verhältnis bestand. Vom Machtantritt Hitlers selbst hatte sie erst relativ spät gehört und diesen nur mit geringem Interesse registriert. Die älteren Menschen in ihrer Heimat hatten giute Erinnerungen an die Deutschen und ihr Erscheinen im Verlauf des ersten Weltkriegs, und keiner hätte mit einer derart schlechten Behandlung durch die Deutschen gerechnet, wie sie dann stattfinden sollte.

3.2. Frau Morownas Leben nach dem Krieg 

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In der Ukraine fand der Zweite Weltkrieg bereits 1944 sein Ende. Doch auch in der Zeit danach waren noch gewisse antisemitische Tendenzen zu spüren, welche jedoch vor allem nach Stalins Tod 1953 immer weniger wurden. Zu Beginn der Friedenszeit hatte das ukrainische Volk Hemmungen, sich der jüdischen Bevölkerung anzunähern. Aber da alles zerstört und die Lebensmittelvorräte knapp waren, gab es für die Bevölkerung Wichtigeres als kulturelle Unterschiede. Außerdem sind ab 1946/47 viele Intellektuelle und Gebildete verhaftet und/oder ermordet worden. In den 50er-Jahren war der Antisemitismus sowohl in den Universitäten als auch in vielen akademischen Berufen stark verbreitet, wodurch die Juden in ihrer beruflichen Wahl erheblich eingeschränkt wurden.

Als Frau Morowna nach dem Krieg wieder nach Chmelnik kam, fand sie ihr Grundstück nicht wieder, da alles durch die Deutschen im Krieg zerstört war. Deshalb lebte sie bei einer russischen Freundin. In der Folgezeit lernte sie ihren zukünftigen Ehemann auf einem Bahnhof kennen, während dieser auf der Suche nach seiner Familie war. Es war Liebe auf den ersten Blick und bevor die beiden am 3.10.1944 heirateten, nahm er sie mit in eine große Stadt, Swerdlowsk, wo er arbeitete und lebte. Frau Morowna fühlte sich dort nicht wohl und deshalb zogen sie nach Chmelnik in das Haus seiner Familie. Dort wollte sie als Lehrerin arbeiten, jedoch galt es in der Ukraine zu der Zeit als unschicklich, dass Frauen arbeiten, weshalb sie nur unmoralische Angebote und keine Anstellung als Lehrerin erhielt. Als Alternative fand sie einen Job beim "Roten Kreuz". Dort stieg sie rasch auf zur Abteilungsleiterin. Später wollten ihre Kinder auswandern, da sie, nachdem sie studiert hatten, im Ausland viel bessere Arbeitsmöglichkeiten hatten. Zudem hatten sie gute Kontakte zu einigen Personen in Deutschland, die ebenfalls ausgewandert waren. Für Frau Morowna stand fest, dass sie ihr Leben ohne Kinder, Enkel und Urenkel nicht mehr lebenswert fänden, weshalb sie beschloss mit ihnen auszuwandern.

3.3. Allgemeine Lebenssituation der Juden vor der NS-Zeit 

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Mitte des 14. Jahrhunderts erhielten die Juden in der Ukraine unter litauischer Herrschaft zusätzliche Lebens- und Eigentumsrechte. Im westlichen Teil der Ukraine entstanden viele jüdische Gemeinden. Ende des 16.Jahrhunderts waren bereits 45% der ukrainischen Bevölkerung Juden. Diese betrieben vorwiegend Handel oder waren Pächter für Großgrundbesitzer. Bei ihnen genossen sie Vertrauen und hohes Ansehen, jedoch war das Verhältnis zwischen den Großgrundbesitzern und den Bauern sowie den Kosaken schlecht und Aufstände waren häufig.

Nicht selten wurden die Juden Opfer dieser Aufstände oder des Hasses der Bauern. Nach zwei Kosaken-Aufständen, 1637 und 1648, wurden mehr als 30.000 Juden getötet. Die jüdische Kultur sowie das Schulwesen erlitten einen schweren Schlag. Zahlreiche Synagogen, Theater und Schulen wurden verbrannt. Die Bedingungen für den Frieden 1649 zwischen Jan Kasimir Kasimir, den Kosaken und den Polen war, dass Juden weder Pächter sein noch sich in den ukrainischen Städten aufhalten durften. Im Gegenzug gestattete der König Jan Kasimir den Judensich wieder zum Judentum zu bekennen.

Die rabbinische Gelehrsamkeit verlagerte sich nach den Unruhen stärker nach Polen und Litauen. Nach einem erneuten Krieg 1650 wurde den Juden wieder das Recht, Einwohner und Pächter in der Ukraine zu sein, zugesprochen. 1660 wurde die Ukraine in eine östliche Hälfte unter russischer Herrschaft und einen westlichen Teil unter polnischer Herrschaft geteilt. Ende des 18. Jahrhunderts lebten schließlich 26.0000 Juden in der Ukraine und ca. 32.000 davon in Kiew. Es gab jedoch immer wieder Aufstände durch Hajadamaken, eine Gruppe entlaufener leibeigener Bauern und Kosaken, die sich an polnischen Grundbesitzern rächen wollten. Dabei gab es viele Plünderungen und Morde an Juden, ein Beispiel dafür ist die Verwüstung von Uman, die ca. 20.000 Juden und Polen den Tod brachte.

Im Juli 1721 wurde ein Befehl erlassen, dass alle Juden, die nicht konvertieren wollten, ausgewiesen werden sollten. Dies war kein Einzelfall, denn ähnliche Befehle gab es immer wieder. Im späten18. Jahrhundert entwickelte sich die chassidische Bewegung, die sich in der Ukraine weit verbreitete. Chassidismus ist eine religiöse Erneuerungsbewegung des osteuropäischen Judentums. Dieses strebte im Gegensatz zur trockenen Schriftgelehrsamkeit eine sinnlich erfahrbare Gottesbeziehung an, die Freude im Herrn. Die jüdische Bevölkerung lebte damals in den "Schtetls" der westlichen Ukraine. Sie waren tätig als Handwerker, Händler, Pächter und Bauern. Die sozial-homogene Gesellschaft und die Frömmigkeit standen im Vordergrund. Mit der Häufung der antisemitischen Übergriffe flohen viele Juden nach Deutschland, Frankreich, Kanada, Palästina und in die USA.

Auf der ersten jüdischen Sprachkonferenz in Czernowitz 1908 wurde Jiddish als zweite Sprache des jüdischen Volkes anerkannt. Im Februar 1917 wurde der die Juden hassende Zar Nikolaus der Zweite gestürzt und das russische Reich begann zu zerfallen. Nach der Revolution sollte den Juden als nationale Minderheit eine nationale Autonomie gewährt werden. Ein Nationalverband mit Nationalrat sollte gegründet werden und ein "Ministerium für jüdische Angelegenheiten" wurde geschaffen. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer wegen des Nikolaus aufkommenden Bürgerkriegs in der Ukraine 1918. Die Bolschewisten gingen daraus als Sieger hervor und mindestens 30.000 Juden wurden getötet. Im Dezember 1922 wurde die Sowjetunion gegründet und die Ukraine wurde Bestandteil der UdSSR. Die Gebiete im Westen der Ukraine wurden zwischen Polen, Ungarn und Rumänien aufgeteilt. Die Juden wurden aus Galizien und Bukowina vertrieben und flüchteten nach Wien und Warschau. Wenig später jedoch begann das jüdische Leben auch in der Ukraine zu gedeihen. Jüdische Schulen, Theater und Zeitungen wurden gegründet. In Kiew entstand das "Institut der jüdisch-proletarischen Kultur".

Während der 30er-Jahre waren Juden in fast allen Berufssparten vertreten und es wurde ein aggressiver Assimilationsprozess betrieben. Im September 1939 wurde schließlich die restliche Ukraine an die Sowjetunion angegliedert. Nach Stalins Machtantritt wurden zahlreiche "Säuberungen" betrieben, jüdische Einrichtungen liquidiert und alle religiösen Ausübungen unterbunden. Zahlreiche Juden fielen diesen Vorgängen zum Opfer. Im folgenden Krieg (1939- 1945) wurde mehr als die Hälfte des ukrainischen Judentums vernichtet.

3.4. Allgemeine Situation nach der NS-Zeit 

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Die Nachkriegsjahre bis 1953 waren geprägt von Stalins Politik, die unter anderem Hinrichtungen ukrainisch-jiddischer Schriftsteller mit sich brachte. Nach einer kurzen Besserung während der Amtszeit Chrustschows versuchten tausende Juden die Sowjetunion zu verlassen und nach Israel zu emigrieren. Doch bis zum Amtsantritt Gorbatschows 1988 war es kaum möglich die Sowjetunion auf legalem Wege zu verlassen. Er brachte mit seiner Politik eine gewisse Demokratisierung, die zu Lockerung und Freiheit führte und die Entfaltung des Chauvinismus ermöglichte.

1990 gelangte Jelzin an die Macht. In dieser Zeit bildeten sich viele nationalistische Gruppen, wie z.B. die Ruch-Bewegung, welche ca. 900.000 Juden in den Westen trieben. Dies ist eines der vielen Zeichen, dass der Antisemitismus in den 90er Jahren stark zunahm. 1992 fand eine Tagung zu dem Thema "Antisemitismus in einer sich ändernden Welt" statt, zu der unter anderem der ukrainische Präsident Krawtschuk geladen war. Dieser bekundete seinen Willen zur Zusammenarbeit zwischen Ukrainern und Juden. Außerdem bekannte er sich zur Mitschuld seiner Heimat an den Massakern in der Zeit des Nationalsozialismus. Krawtschuk verwies auf das Wiederaufleben der jüdischen Gemeinschaft. Da die Juden nach den Russen die zweitgrößte Minderheit in der Ukraine seien, seien 23 jüdische Gemeinschaften gegründet worden. Aus diesem Grund habe er zudem jüdische Schulen, Theater und Synagogen eröffnen lassen. Dabei verschwieg er jedoch, dass der Antisemitismus neben der Ruch-Bewegung vor allem auch von der ukrainischen Kirche gefördert wurde.

Im Alltag wurden die Straßen von der UNSO-Bewegung, der Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigung, beherrscht. Diese ultranationalistische Organisation verteilte nationalistische Broschüren, Flugblätter und Plakate. Sie propagierten den Aufbau einer paramilitärischen Gruppe mit dem Ziel der "Großukraine". Dabei erhielten sie Unterstützung durch die Kirche. In etlichen Städten konnte man an Kiosken faschistische Werke kaufen, so z.B. "Mein Kampf" von Adolf Hitler. Seit 1994 hatte die Ruch-Bewegung ein großes Wählerpotential. Obwohl bekannt war, dass die rund 4.500 Anhänger der rechtsextremistischen "Ukrainischen Nationalen Versammlung" (UNA) als militante Nationalisten gelten, wurde diese Partei im Dez. 1994 als offizielle Partei zugelassen. Seit Mitte der 90er Jahre waren Hetzkampagnen gegen Juden, Roma und andere "Nicht-Ukrainer" an der Tagesordnung.

Auch heute noch treten Anhänger des Moskauer Faschisten Barkaschow in Erscheinung. Diese tragen u.a. schwarze Armbinden mit einem hellen Kreis, in dem ein Hakenkreuz zu sehen ist. Sie fordern eine Süd-Ukraine ohne Juden und ohne Zigeuner. Obwohl die nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrenden Juden versuchten das jüdische Leben und die Kultur wieder aufzubauen, existieren heute nur noch Bruchstücke. Es leben heute etwa 310.000 Juden in der Ukraine und es gibt 78 jüdische Schulen in 45 Städten. Zudem gibt es an der internationalen Solomon Universität in Kiew wieder eine Abteilung für jüdische Kultur und Geschichte sowie verschiedene jüdische Zeitschriften und Magazine und sogar einen jiddischen Fernsehsender in der Ukraine.

4. Lebenssituation der Juden in der Ukraine während des 2. Weltkrieges

4.1. Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung 

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Dokument: Staatlich befohlener Masenmord

Dokument: Staatlich befohlener Masenmord

1941 lebten in der Ukraine ca. 2 Mio. Juden, darunter viele aus dem Russischen Reich ausgesiedelte Juden. Um 1930 waren die jüdischen Einwohner in fast allen Berufen vertreten. Dann folgte aber ein aggressiver Assimilationsprozess. Etwa 10 Jahre später wurde die Ukraine ganz an die Sowjetunion angegliedert. Stalin ließ "Juden-Säuberungen" durchführen. Jüdische Einrichtungen wurden liquidiert, die religiöse Ausübung unterbunden oder Arrest erteilt. Durch sowjetische Deportationen, Evakuierung und Einberufung in die rote Armee waren ca. 1 Mio. Juden dem Zugriff der Deutschen in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges entzogen.

Am 22.6.1941, mit dem nationalsozialistischen Überfall auf die Sowjetunion, dehnte sich die Judenvernichtung auch schnell auf das ukrainische Territorium aus. Deutsche Einsatzgruppen C (im Norden) und D (am Schwarzen Meer) führten Massenerschießungen von Juden, Roma und angeblichen Kommunisten oder Partisanen durch. Wehrmacht und Einheimische halfen Einsatzgruppen der SS und ihrer Polizei bei der Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger. 1943 wurde sogar eine SS- (Waffen-)Division mit freiwilligen Ukrainern aufgestellt. Im Westen ereigneten sich unter Militär und örtlicher Bevölkerung viele Pogrome: Juden wurden ihres Eigentums beraubt und jüdische Einrichtungen wurden zerstört.

Es kam zur Ermordung tausender Juden. In Städten ließ das NS- Regime Ghettos und auf dem Land Konzentrationslager errichten, Massenerschießungen wurden fortgesetzt und Gas-Wagen eingesetzt. Die Nationalsozialisten begrüßten natürlich die einheimischen pogromartigen Mordaktionen: u.a. das Petljura-Progrom in Lemberg (Juli 1941). Die ersten systematischen Morde folgten ab September 1941. Am 19.9. gab es in Schitomir (westlich von Kiew) etwa 10.000 Opfer. Am 29./30.9.1941: Als Reaktion auf Sabotageakte sowjetischer Partisanen wurden Kiewer Juden zum Schein zur Umsiedlung aufgerufen, stattdessen jedoch im Tal Babij Jar, einer Schlucht bei Kiew, ermordet.

Es soll eine der größten Menschenerschießungen von Juden gewesen sein. 2001 gab es eine deutsche Verfilmung von Jeff Kranew zum Drama um Babij Jar. Die Einsatzgruppe C exekutierte mindestens 50.000 der ca. 150.000 Juden in der Hauptstadt. Das Einsatzkommando 4a, das Polizeiregiments Russland-Süd, ukrainische Miliz (Schutzmannschaften) und die Wehrmacht töteten binnen zwei Tagen 33.771 Juden. Vor der Ermordung mussten Kleidung und Gepäck abgeben werden, dann wurden die Opfer in die Schlucht getrieben und durch Genickschüsse getötet. Es folgten Massenerschießungen mit weiteren 70.000 Toten. Bis 1943 nutzte man das Tal als Mordstätte. Die vielen Leichen wurden exhumiert und verbrannt, um die Spuren der Verbrechen zu vertuschen.

Am 13.10. in Dnjepro-Petrowsk kamen 15.000 Juden zu Tode. Im Dezember wurden Juden bis Januar in einer Fabrik zusammengepfercht und dann in der Schlucht von Drobiziki Jar bestialisch ermordet. Ein halbes Jahr später war die Mehrzahl vernichtet. Nach ein paar Monaten gab es schon ca. 850.000 ermordete Juden zu beklagen. Die Einsatzgruppen C, D, E und rumänische sowie ukrainische Helfershelfer durchzogen die Ukraine von Weißrussland bis nach Odessa und zur Krim: Hinter ihnen färbten sich Flüsse rot vom Blut ihrer Opfer. Die Ghettoisierung der Juden endete meist in den Arbeits- und Vernichtungslagern Sobibor und Belzec in Polen, wo die Juden ausschließlich dem Massenmord zum Opfer fallen sollten.

Einige Ghettos blieben in abgetretenen Gebieten bis zur Befreiung durch die Rote Armee bestehen, so dass trotz grauenhafter Lebensbedingungen ein Teil der Juden überlebte. Trotz der Niederlange der Deutschen bei Stalingrad liefen die Ermordung und die Deportation in die Vernichtungslager ungehemmt weiter. Die Wannsee Konferenz 1942 brachte den Beschluss der "Endlösung", d.h. die endgültige Massenvernichtung der Juden in Todes- und Arbeitslagern wurde besiegelt, auch auf einem Hauptkriegsschauplatz, wie dem besetzten Gebiet der Ukraine.

Der Großteil der ukrainischen Bevölkerung war durch und durch ukrainisch-nationalistisch und deutsch-propagandistisch beeinflusst. Die Juden wurden hier mit sowjetischen Kommunisten gleichgesetzt. Zweifellos war die Gesellschaft an den nazistischen Gräueltaten beteiligt. Alle erwarteten von den deutschen Besatzern die "nationale Befreiung" vom Stalinterror. Auch zahlreiche ukrainische Persönlichkeiten, wie Erzbischof Andrej Sheptytsky und Häupter der orthodoxen Kirche begrüßten den deutschen Einmarsch und beteiligten sich an der Judenverfolgung. Enttäuscht und unter dem Eindruck der rücksichtslosen und willkürlichen Besatzung änderten manche ihre Einstellung. Auch Sheptytsky protestierte jetzt gegen die Nazi-Gräuel, insbesondere die Judenvernichtung.

Man musste feststellen, dass die Deutschen nicht die Unabhängigkeit zurückgeben, sondern die Ukraine landwirtschaftlich ausbeuten wollten. Die deutsche Gesellschaft sah den Ukrainer als "Untermenschen". Die Ukrainer litten schließlich unter Ausplünderung und Hunger; sie wurden zur Zwangsarbeit deportiert und verschleppt oder erschossen. Die landwirtschaftlichen Produkte wurden nach Deutschland gebracht. Es gab Ukrainische Bürger die Versuche unternahmen, Juden zu retten: U. a. beschaffte man " arische" Papiere, versteckte jüdische Freunde in griechisch- katholischen Klöstern und bei Bauern. Folglich warf man der ukrainischen Bevölkerung aber nach dem Krieg vor, ein Volk von Kollaborateuren gewesen zu sein.

Ab Herbst 1944 vollzog sich die Befreiung von Juden in der Ukraine. Die wenigen Überlebenden kehrten zurück in die Heimat. Auch jetzt kam es noch zu antisemitischen Exzessen, da sich die ukrainische Bevölkerung inzwischen das jüdische Eigentum angeeignet hatte. Viele Juden wanderten mit Hilfe der Organisation Bericha wegen des weiterhin vorhandenen unterschwelligen Hasses nach Israel und Amerika aus. Insgesamt wurde mehr als die Hälfte der ukrainischen Juden getötet. Die Ukraine zählt zu den Gebieten, in denen die meisten Juden starben. 5-7 Mio. Juden und Ukrainer sind in der Ukraine getötet worden. Der Holocaust war der grausame Höhepunkt einer Kette von Leiden und Verfolgungen, denen die Juden auf dem Territorium der heutigen Ukraine im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt waren.

4.2. Widerstand und Selbstorganisation 

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Widerstand, wenn auch fast unmöglich gegen ein derart starkes Regime, war für viele Juden selbstverständlich, auch wenn er sie wahrscheinlich das Leben kostete. Doch in der Verzweiflung versuchten sie lieber zu entkommen als weiter unter unmenschlichen Bedingungen zu leiden. Tausende versuchten zu fliehen. Aufstände in Ghettos, z.B. in Tucin, Luzk (nördlich von Lemberg) waren an der Tagesordnung. Bewaffnet widersetzten sich Juden in Brody, Winnici (Winniza), Jaktorov, Busk, Jaworov, Kurowice, Rogatin (Rog) der grausamen NS-Macht. Einige gründeten eigene Kampfverbände oder schlossen sich bestehenden weißrussischen, sowjetischen Partisanengruppen an. Die militärisch organisierten Truppen waren aber häufig ebenfalls judenfeindlich gestimmt. Jüdische Partisanen bildeten somit zeitweise kleine Einheiten.

Außerhalb der Städte entstanden jüdische Partisanengruppen, weil nationale und sowjetische Partisanen aus antisemitischen Gründen oder wegen der geringen körperlichen Belastbarkeit der geschwächten Flüchtlinge keine Juden aufnehmen wollten. In der Historiographie wurde häufig die Bedeutung des jüdischen bewaffneten Widerstandes minimiert, da der Kampf mit Waffen im Ghetto meist nur mangelhaft organisiert werden konnte.

Chancen zur Flucht und folgender Selbstorganisation nach dem Krieg bot die Auswanderungsunterstützung Bericha. Der Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Flucht/Entkommen. Man verstand darunter auch sämtliche Nachkriegswanderungen jüdischer Überlebender, vor allem aus Osteuropa und deren Organisationen in Lagern in Deutschland, Österreich und Italien. Die Wanderer schiffte man meist an den Küsten ein. Viele Überlebende hatten keine Existenzgrundlage in der ehemaligen Heimat mehr. So brachte man sie nach ihrer Befreiung nach Palästina. Durch diese größte illegale Hilfsorganisation der Gegenwart gelang ca. 250.000 Juden die Emigration.

4.3. Das jüdische Leben in den Städten 

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Bild: Synagoge Brodsky, Odessa

Bild: Synagoge Brodsky, Odessa

Im 20.Jhd. war die ukrainische Stadt Odessa die bedeutendste jüdisch-literarische Stadt, ein jüdisches Zentrum mit mehr als einem Drittel jüdischer Einwohner. Davon konnte die Hälfte vor dem Zweiten Weltkrieg rechtzeitig ins Innere der Sowjetunion flüchten. Vor dem Krieg genossen die Juden ein hohes Ansehen als Ärzte, Facharbeiter oder Mitglieder der technischen Intelligenz. Sie lebten dort als freie Bürger. Dann rückten die deutsche Wehrmacht und die rumänische Armee vor. Die Rumänen eroberten diese wichtige Hafenstadt des neuen Besatzungsgebietes Transnistrien (südliche Ukraine). Auch im östlichen rumänisch-besetzten Teil führten rumänische Strafeinheiten "Säuberungsaktionen" durch, die Tausende Opfer zur Folge hatten. 1941 waren noch 44.417 Juden in Odessa registriert. Zwei Jahre später konnte man nur noch 60 ausfindig machen. Mehrere Juden wurden von ortsansässigen Ukrainern und Russen versteckt. 1946, beim Prozess vor Gericht in Odessa, behaupteten sowohl die ukrainische als auch die rumänische Seite, die Anzahl der ermordeten Juden nicht gekannt zu haben. Czernowitz, das "Babylon des Südens" im Südwesten der Ukraine erlebte von 1918-1944 seine Blütezeit der deutsch-jüdischen Kultur. Auch in Kiew und Lemberg (heute Lviv, Lvov) blühte das jüdische Leben: es gab Jiddische Schulen, Synagogen, Bethäuser, Theater, Zeitungen und Verlagshäuser.

Jüdische Dichter, Schriftsteller und Kulturschaffende kamen in Czernowitz zusammen: u.a. Paul Celan, Immanuel Weissglas, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Selma Meerbaum-Eisinger. Im Oktober 1941 wurde auch hier ein Ghetto errichtet. Auch Deportationen in die Konzentrationslager Transnistriens ließen nicht lange auf sich warten. Das Kapitel jüdischer Literatur endete für viele mit Tod, Gefangenschaft, Flucht und Emigration: Der Schriftsteller Bruno Schultz wurde z.B. von einem deutschen Soldaten auf der Straße erschossen.

Auch Lemberg war vor Kriegsbeginn ein bedeutendes jüdisches Zentrum Osteuropas. Etwa 100.000 Juden stellten ein Drittel der Lemberger Bevölkerung. 1941 wurden hier in einem Pogrom unter Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung 5.000 Juden umgebracht. Dies hatte zur Folge, dass sich tiefe Einschnitte im sozialen Gefüge der Stadt auftaten.

4.4. Berühmte jüdische Persönlichkeiten: Kriegs-Kurzbiographien 

Auch viele für die Geschichte der ukrainischen Juden unvergessliche Persönlichkeiten blieben vom Terror nicht verschont und fielen ihm zum Opfer. Der Jüdin Golda Meir aus Kiew gelang rechtzeitig vor der Schoa die Auswanderung in die USA. Bekannt wurde Golda Meir Anfang der 70er Jahre als Israels Ministerpräsidentin. Der "Nazijäger" Simon Wiesenthal überstand einen Leidensweg, geprägt durch viele Flucht- und Selbstmordversuche, durch zwölf Konzentrationslager (u.a. Janowsa bei Lemberg). 1945 wurde er in Mauthausen befreit. Kurz darauf beteiligte er sich an der Verurteilung der Naziverbrecher, denn auch er hatte 89 ermordete Verwandte zu beklagen. Außerdem gründete er mit anderen Vertriebenen " Das Jüdische Zentralkomitee der US- Zone", ein Zentrum für jüdisch-historische Dokumentation (Dokumentation des Geschehens, Täterkartei...). Dies wurde zu seiner Lebensaufgabe: Jeder der bekannten Verbrecher müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Paul Celan, eigentlich Paul Antschel, wurde 1920 in Czernowitz geboren. Er machte sich als deutschsprachiger Lyriker einen Namen. Celan begann das Studium der Medizin und Romanistik in Czernowitz. Als 1941 rumänische und deutsche Truppen die Stadt einnahmen, war die Familie Celan gezwungen ins städtische Ghetto zu gehen. 1942 wurden Celans Eltern deportiert, er sollte sie nie wieder sehen. Celan dagegen musste 1942-43 in rumänischen Arbeitslagern Zwangsarbeit verrichten. Nach der Befreiung durch die Sowjets 1944 nahm er sein Studium wieder auf. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Gedicht " Die Todesfuge".

Rose Ausländer, Freundin von Paul Celan, wurde 1901 ebenfalls in Czernowitz geboren. Die Schriftstellerin wanderte in die USA aus, kehrte aber wegen ihrer kranken Mutter im Krieg zurück. Es folgten zwei Jahre Ghetto und ein Jahr Verstecken vor der Deportation. Rose Ausländer lernte Paul Celan kennen, der ihren Stil beeinflusste sowie modernisierte.

Auch die deutschsprachige Schriftstellerin Selma Meerbaum-Eisinger wurde 1924 in Czernowitz geboren. Ab 1939 verfasste und veröffentlichte die Jüdin eigene Gedichte, impressionistische Liebes-Naturlyrik mit melancholischer Stimmung. 57 Gedichte entstanden. Auch die Familie Eisinger musste nach Einmarsch der Deutschen ins Ghetto ziehen. 1942 wurde Selma Meerbaum-Eisinger in das Arbeitslager Michailowska deportiert. Dort starb sie an Flecktyphus.

4.5."Wiedersehen mit Anna" von Gudrun Pausewang 

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Das 16-jährige Mädchen Anna wird von Südpolen, nahe der Ukraine, nach Wichstadt, Deutschland, in der heutigen Tschechoslowakei deportiert. Sie muss bei den Pausewangs, einer Familie mit sechs Kindern arbeiten. Dort zeigt Anna Gehorsam und ist sehr fleißig, weshalb sie auch gut behandelt wird. Sie denkt oft an ihre Familie im fernen Heimatdorf, wo Ukrainer und Juden in gutem Einvernehmen miteinander lebten. Anna geht nach Kriegsende als Freundin der Familie Pausewang. Sie wurde nicht als "Ostarbeiterin" oder "Angehörige einer menschenunwürdigen Rasse" behandelt, wie die meisten ihrer Leidensgenossen.

Viele deutsche Bürger zweifeln an diesem Verhalten, schrecken aber davor zurück das NS- Regime infrage zu stellen. Schließlich erhält Anna 1942 oder 1943 einen Brief von ihrer Mutter, in dem die Mutter die traurige Nachricht überbringt, dass alle jüdischen Einwohner des Dorfes in einer plötzlichen Polizeiaktion fortgeschafft worden seien und niemand zurückgekehrt sei. Die übrigen Dorfbewohner trauern um Freunde und Mitschüler. Fazit: Das Buch stellt ein paar Parallelen zwischen dem Leiden der ukrainischen Zivilbevölkerung und dem der Juden her.

4.6. Das Leben in einem ukrainischen Ghetto 

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Bild: Alexander Schwarz, Überlebender des KZ Janowska in Lvov (Lemberg), kehrte nach 65 Jahren an diesen Ort zurück.

Alexander Schwarz, Überlebender des KZ Janowska in Lvov (Lemberg), kehrte nach 65 Jahren an diesen Ort zurück.

Eine Biographie von Alexander Schwarz

In ihrem Zeitungsartikel " Denk ich an Lemberg" nahm sich Gudrun Werger der Geschichte von Alexander Schwarz an. Vor 60 Jahren verließ der letzte Häftling das Arbeitslager Janowska, ein Arbeits- und späteres Vernichtungslager an der Janowskastraße in einem Außenbezirk Lembergs. Während des NS-Regimes in der Ukraine waren hier ca. 200.000 Gefangene, überwiegend Juden, getötet worden. Alexander Schwarz überlebte den Holocaust, den er in diesem Lager wahrlich zu spüren bekam. Der Jude wurde am 23. Februar 1921 in Boryslaw geboren. Seine wohlhabende, bekannte Familie, Besitzer von Ölgruben, gehörte einer jüdischen, 16.000 Personen starken Gemeinde an. Während seiner Studienzeit verkehrte er oft im Prominentenviertel von Lemberg, dem nahen kulturellen Zentrum. Beim Einmarsch der Sowjets siedelte die Familie nach Lemberg über, um zwischen den großen Flüchtlingsmassen nicht aufzufallen.

Im Herbst 1941 wurden Schwarz und sein Vater ergriffen und ins Lager eingewiesen. Der Rest der Familie fand bald darauf im Ghetto den Tod. Schwarz nahm am Aufbau des zweiten Zwangsarbeitslagers, dem Hauptlager, teil. Dieses diente bald nicht mehr nur als Durchgangslager für Deportationen in die Vernichtungslager Belzec und Treblinka sondern auch selbst als Vernichtungslager. Hier wurden Tausende im " Tal des Todes" vor dem Lager erschossen.

Er verlor seine ganze Familie: Am 6. November 1942 erschoss man vor seinen Augen seinen Vater. Der schuldige SS-Mann leugnete später alles. Der Kommandant des Zwangsarbeitslagers in den Jahren 1942 und 1943, Gustav Willhaus, trieb oft, wie viele deutsche Soldaten, grauenhafte "Spiele" mit Gefangenen: Einmal erschoss er, um seine Frau und Tochter zu "unterhalten", von der Terrasse seiner Villa aus Häftlinge. Schwarz kämpfte verzweifelt ums Überleben und entwickelte allmählich eine Überlebensstrategie, durch die er dem Tod mehrmals entkommen konnte. Er ließ all die harte Zwangsarbeit und den Terror über sich ergehen. In Todesangst gelang es ihm sogar, sich einer Erschießung vor der Grube zu entziehen, indem er sich beim Befehl einfach fallen ließ und dann wieder auf der anderen Seite herauskroch. Zurück aus seinem Versteck in der Kleiderbaracke fiel er später in der Kleidung eines Toten nicht mehr auf.

Schließlich erfolgte im Sommer 1943 die Liquidierung des Ghettos von Lemberg. Schwarz wurde nun einer Brigade zugewiesen, die die Toten im Tal, wo beinahe auch er gelegen hätte, zu beseitigen hatte. Im Oktober gelang ihm die Flucht in die Karpaten. Währenddessen bestand das Lager Janowska mit einigen hundert Häftlingen bis zum 19. Juli 1944 fort, man verschleppte die letzten Gefangenen in den Westen.

Heute kämpft Alexander Schwarz, basierend auf seinen schrecklichen Erlebnissen, für die Errichtung einer Gedenkstätte und unterstützt die letzten Juden von Lemberg. 1993 konnte er endlich einen Granit-Findling vor dem einstigen " Tal des Todes" zum Gedenken an die Oper aufstellen lassen. Über den Gebeinen der Toten von Janowska liegen jetzt Gärten. Auf dem ehemaligen Lagergebiet befindet sich ein Gefängnis. Für die freie Gebetsstätte musste Schwarz noch kämpfen, weil die Hunde der ansässigen Hundeschule alle Betenden anfielen. Erst wenn alle Störungen beseitigt sind, kann sich das Tal des Todes als friedliche Gedenkstätte präsentieren. Dies ist schwer durchzusetzen: Nationalisten der Ukraine wollen sich ungern öffentlich zur Mittäterschaft der ukrainischen Bevölkerung bekennen. Womöglich war das Tal die größte NS-Mordstätte in der Ukraine.

Schwarz setzt sich weiter ein: Im neuen Jahrtausend ist es vielleicht möglich. Den letzten Juden von Lemberg, die jetzt meist im Elend leben, bietet Schwarz seine Hilfe an (Nahrung, Medikamente). Im Glauben an die jüdische Religion macht Schwarz sich seine Hilfsmaßnahmen und seinen ständigen selbstverständlichen Einsatz für die ukrainischen Juden zur Lebensaufgabe. Der in Deutschland lebende Schwarz erhielt von Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz.

4.7. Ukrainian Survivor of Labor Camp Returns to Help His Native City of Lvov  

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LVOV, Ukraine. Dr. Aleksander Schwarz stands outside the locked gates of what once was the infamous Janowska forced labor camp, on the outskirts of this largest city in western Ukraine. Schwarz kicks a stone awkwardly with one foot and looks up at the rooftops of the ruined barracks inside the wall still topped with barbed wire.

Today, those gates keep him out. More than 60 years ago, they kept him locked in. "I built those barracks with my father," he says softly. "I was just a boy." Alexander Schwarz, survivor of the Janowska concentration camp in Lvov, returns to the site of his escape 65 years ago.

Now 83, Schwarz is a retired cybernetics scientist living in Munich, Germany. But as a teenager he spent two hellish years in Janowska, the largest death camp in Ukraine. Between 1941 and 1943, more than 200,000 Jews were murdered there, approximately one-third of Ukrainian Jewry. His father was shot before his eyes. Schwarz jumped naked into a pit to escape execution. He starved and shivered, eating grass to stay alive. He shared a tent with the young Simon Wiesenthal, part of a work brigade forced to bury the corpses of tens of thousands of Jews machine-gunned to death in a ravine called the Valley of Death.

"We buried them in those hills," Schwarz says, pointing a shaking finger to a nearby mound now dotted with wooden houses. "The Ukrainians built beautiful homes on our bones." Schwarz never forgot the horrors and in 1992, soon after Ukrainian independence, he came back to his native city to take care of its Jews. Today, the man who believes he is the last living survivor of the Janowska camp devotes his life to feeding, clothing and providing medical care to thousands of Jews in the Lvov region, working through the Munich B'nai B'rith lodge, of which he is an active member. He raises 250,000 euros a year from Jews and non-Jewish supporters in Europe, and he makes several trips a year to Lvov to ensure the money is spent properly.


"This is the only place in the world where Jews were killed and there's no monument," he says. "I'm 83. If my generation doesn't do this, no one will."


His efforts, along with those of his friend and fellow lodge member Joseph Domberger, a native of the Lvov region and one of his major donors, enable 120 elderly Jews to eat a hot meal five days a week and 350 to receive free medicine. Hundreds more get dental care, have their laundry done and their shoes repaired. Sixty children go to a Jewish kindergarten. In total, 1,200 needy Jews in Lvov - about half the city's Jewish population - have a better life because Aleksander Schwarz did not forget them. "I don't know how Jewish life in Lvov would survive without people like him," says Danny Gechtman, the American Jewish Joint Distribution Committee representative for Kiev and western Ukraine.

Before World War II, Lvov's 150,000 Jews comprised one of the most vibrant, sophisticated Jewish communities in Eastern Europe. But when the Nazis marched into town in late June 1941, the killing began. Two days of pogroms left 2,500 Jews dead, most killed by their neighbors. "I was a small boy, but I remember the streets running with blood," Schwarz relates.

Schwarz, barely 15, and his father, a sickly man of 42, were rounded up with the first group of Jewish men and forced to build the Janowska camp. His father was shot in front of him after returning from a work detail. His chance to escape came in July 1943, he explained. Schwarz and three other boys were in a work brigade that marched every day from the camp to the railway station to cut up old railway cars into metal for the German war effort. The railway station was a selection center for Jews arriving from all over Ukraine. One day, he and his friends were carrying two heavy oxygen tanks, guarded by a lone SS guard. As they rounded a corner, he said, they threw the tanks at the guard, overpowered him, and Schwarz and anther boy strangled him with their bare hands.

Schwarz donned the guard's uniform, shouldered the dead man's gun and marched out of the station with his friends as if he were escorting three Jewish prisoners. Eventually, the young men reached the Carpathians, where they formed a partisan brigade. Schwarz stayed in the forest until Ukraine was liberated by Soviet troops in late 1944. He had tuberculosis and was sent to a sanitarium in Poland. He remained in that country, marrying and earning his doctorate in cybernetics, until 1968, when he and his family fled to Germany to escape Poland's growing anti-Semitism.

In 1992, he made his first trip back to what was now independent Ukraine. In Lvov, he was shocked to see so many poor, needy Jews, many of them Holocaust survivors like himself. Most were immigrants from the east - only several hundred of Lvov's prewar Jewish population survived the Nazi occupation. Energized, Schwarz began raising money for Lvov all over Europe. Schwarz has one dream left: building a monument to the Jews killed in Janowska.

Unfortunately, he says, bureaucratic obstacles have stalled the project for 15 years. Meanwhile, he quietly put up a granite marker at the entrance to the Valley of Death, but it is regularly defaced. On this trip, as Schwarz stops by to say Kaddish, the inscription honoring the Holocaust victims is obscured by white paint thrown by vandals. "This is the only place in the world where Jews were killed and there's no monument," he says. "I'm 83. If my generation doesn't do this, no one will."

Sue Fishkoff, Jewish Telegraphic Agency. March 06, 2008

4.8. Zeitzeugenberichte: Die Erlebnisse von Frau Morowna und Frau Wechsler 

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Frau Morowna kann uns die Situation der ukrainischen Juden während der Besatzungszeit ihrer kleinen Heimatstadt Chmelnik im Krieg sehr genau schildern. Sie hat zwar die Zeit im Ghetto nicht miterlebt, verfügt aber über eine umfassende Sammlung von Berichten von Bekannten (ausschließlich aus 2. Hand). Schon allein die schrecklichen Geschehnisse in einer solch eher unbekannten Stadt spiegeln das unglaubliche Ausmaß der Judenvernichtung wider.

Nach Einmarsch der deutschen Soldaten veränderten sich die Lebensverhältnisse schlagartig. Schon am Anfang machte sich die ungerechte, unwürdige Behandlung der Juden bemerkbar. 1941 begannen die Diskriminierung, Plünderungen in jedem Haus und der Raub. Jeder Jude musste sich registrieren lassen und den Davidstern tragen. Das willkürliche Morden ließ nicht lange auf sich warten. Im Folgenden seien nur einige der zahlreichen Tötungsakte genannt. Mit dem Marktverbot waren die Juden zum Hungern verurteilt. Viele waren gezwungen z.T. sinnlose Arbeiten zu verrichten. Neben den Massenmorden vollzogen deutsche Soldaten auch ungeplante Morde: Der Schüler Musja wurde grundlos erschossen. Der erste Höhepunkt der Vernichtung: An einem Sonntag, bei der Registrierung wurden 367 Juden zu einer grausamen Quälerei missbraucht. Junge Männer mussten Barthaare essen, Menschen mussten auf Glasscherben tanzen, wurden an den Straßenrand zu vorbereiteten Gruben gejagt und dort gnadenlos erschossen. Dann wurden alle Juden aus dem Zentrum zum Stadtrand getrieben.

An zwei blutigen Freitagen fanden ca. 7.000 Juden den Tod, nachdem sie in Wäldern zusammengetrieben worden waren. Die Grausamkeit der Gestapoleute kannte keine Grenzen: Als eine alte taube Frau einen Aufruf nicht hörte, schlug man ihr kurzerhand den Kopf ab. Manche konnten flüchten, erfroren aber häufig oder wurden beim Verlassen ihres Verstecks, wie ein 18-jähriger Sohn der Familie Goldmann, mit dem Dolch niedergestochen. So ging es Tag für Tag weiter. 1942 wurde dann ein Ghetto gebildet. In diesem waren die Juden den Quälereien hoffnungslos ausgesetzt: Wenn einer nicht spurte oder einfach nur Wasser holen ging, wurde er oft aus einer Laune heraus erschossen. Die Kette von Leiden setzte sich fort. Flüchtlinge entkamen nicht: Bei der Jagd in den Wald zerstückelten NS-Männer eine alte Frau (Alte und Kranke wurden sofort getötet) oder erdolchten zwei Mädchen.

An einem sonnigen Tag wurden Kinder, die an der Grube spielten, getötet und hineingeworfen. Bei der Liquidierung des Ghettos endete das Leben von 1.300 Juden mit dem Tod, jüdische Straßen waren von Blut bedeckt. In einem neuen Lager fanden viele von denjenigen, die nicht fliehen konnten, den Tod. Widerstand war möglich, sehr junge und alte Juden konnten ihn aber nicht leisten.1944 wurde das Städtchen endlich befreit. Frau Morowna gibt an, dass viele Ukrainer den Juden in der schweren Zeit geholfen haben, sie versteckten und retteten. Man wusste aber auch, dass einige Mitglieder der ukrainischen Bevölkerung mit den Deutschen zusammenarbeiteten. Frau Morownas Familie hatte nach dem Krieg 29 Opfer zu beklagen. Frau Wechsler erzählt uns aus eigener Erfahrung. Es fällt ihr schwer, uns ihre Erfahrungen mitzuteilen.

Bild: Frau Wechsler und Ihre Tochter

Bild: Frau Wechsler und Ihre Tochter

Sie lebte als junge Jüdin ebenfalls in einer ukrainischen Kleinstadt. Auch hier versetzten die NS-Leute die jüdische Bevölkerung in Angst und Schrecken. Unmenschliches, unvorstellbar Gewaltsames Misshandlungen und das Töten der Juden durch Nationalsozialisten war an der Tagesordnung. Die Rumänen aber, die die Stadt ebenfalls besetzten, vernichteten die Juden nicht, waren also weitaus toleranter.

Vor einem Deutschen brauchte ein Jude sich nur so verhalten, dass es den Soldaten störte, und er war zur Folterung oder zum Tode verurteilt. Mit Ausbreiten des Krieges auf das Gebiet der Ukraine sank der Lebensstandard der Juden auch in diesem Städtchen drastisch, die Versorgung wurde schnell immer problematischer. Die Soldaten raubten auch hier alles, was ihnen begehrenswert erschien. Die erste Begegnung mit dem Schrecken machte Frau Wechsler in einer Synagoge: Die Juden wurden zusammen getrieben und in dem Gotteshaus eingesperrt. Nach einiger Zeit entließ man sie aber wieder. Jedoch kam für Schwangere und Ältere oft jede Hilfe zu spät: Sie starben qualvoll im Gedränge. Auch am jüdischen Feiertag, dem Schabbat wurden Juden erschossen. Sicherlich weiß Frau Wechsler noch von viele ähnlichen grausamen Vorfällen zu berichten. Auch ihre Heimatstadt wurde 1944 befreit.

Zusammenfassend ist zu sagen: Die beiden Frauen teilen ein ähnliches Schicksal. In tiefer Trauer über die grausamen Geschehnisse in ihrem ukrainischen Heimatort berichteten die Zeitzeugen aus eigenen Erinnerungen und den Erinnerungen anderer. Sie freuten sich aber über unser Interesse an ihrer Vergangenheit.

5. Die Auswanderung nach Deutschland

5.1. Die persönliche Geschichte von Frau Wechsler und Frau Morowna 

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Frau Wechsler wanderte 1992 aus der Ukraine nach Deutschland aus. Sie hatte die Absicht sich in einem Land mit demokratischer Verfassung niederzulassen. Den Anstoß in dieses Land auszuwandern gaben zwei Cousinen von Frau Wechsler. Diese beiden Frauen halfen ihr bei der Entscheidung, indem sie ihr von einem Leben in Israel abrieten. Weil sie außerdem nicht viele andere mögliche Ziele hatte und ihre Cousinen in Berlin lebten, entschied sie sich für eine Auswanderung nach Deutschland. Des Weiteren war die kulturelle Nähe zu Deutschland ausschlaggebend. Frau Wechsler fühlte sich mit der deutschen Kultur verbunden. Ihrer Meinung nach ist die jiddische Sprache der deutschen ähnlich. In Deutschland konnte sie sich von Anfang an auf der Grundlage des Jiddischen gut verständigen.

Letztendlich war die Auswanderung eine spontane Entscheidung. Frau Wechsler hörte im ukrainischen Radio von einem Programm, das die Immigration von Osteuropäern nach Deutschland förderte. Mit Hilfe dieses Programms werden in Deutschland jüdische Gemeinden wieder aufgebaut. Bei ihrer Ausreise gab es kaum bürokratische Schwierigkeiten. Sie gab ihren Antrag zur Auswanderung ab und hatte nach ein paar Wochen die Erlaubnis zur Einreise nach Deutschland. Außerdem hatte sie bei der Auswanderung auch keine seelischen Probleme, da sie mit ihrer Familie zusammen reiste. Auch ihre pflegebedürftige Mutter kam mit.

Frau Wechsler war die erste Immigrantin im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Zunächst kam sie in Neumünster an, wo sie sich für einen endgültigen Wohnort entscheiden sollte. Da sich die Familie in Schleswig-Holstein nicht auskannte, zeigte ihr Ehemann in die Mitte der Karte. Aus diesem Grund zogen sie zunächst nach Rendsburg. Hier arbeitete sie nicht mehr, weil sie schon 60 Jahre alt war. Nachdem die Mutter von Frau Wechsler im Alter von 98 Jahren gestorben und in Hamburg beerdigt worden war, zog die Familie 1995 in die Hansestadt. Heute hat sie keine Verwandten mehr in der Ukraine.

Ebenso wie Frau Wechsler wanderte auch Frau Morowna mit ihrer Familie aus der Ukraine aus. Sie emigrierte im März 1998 nach Deutschland. Da sie nicht ohne ihre Kinder in der Ukraine leben wollte, schloss sie sich der Entscheidung der Familie an, nach Deutschland zu gehen. Ihr Sohn organisierte die Ausreise und kümmerte sich um die Antragsformulare. Die Bestätigung erfolgte nach drei bis vier Monaten. Sie nahmen an einem Emigrationsprogramm teil, das die Auswanderung offiziell ablaufen ließ. Sie erhofften sich bessere Berufsperspektiven und folglich einen größeren Wohlstand in Deutschland. Da Frau Morowna ein sozial engagierter Mensch ist, hatte sie die Absicht eine jüdische Gemeinde mit Juden aus Kiel und Hamburg zu gründen. Wegen mangelnder Unterstützung brach sie jedoch ihre Initiative ab. Ein weiterer Grund dafür war der Tod ihres kranken Mannes. Außerdem verbrachte sie viel Zeit mit ihrem minderjährigen Urenkel, auf den sie oft aufpasste, da seine Eltern arbeiteten, so hatte sie folglich weniger Zeit für ihr geplantes Projekt. Noch heute besteht eine tiefe Bindung an Chmelnic. Sie hat seit ihrer Ausreise schon 360 Briefe aus ihrer ehemaligen Heimat erhalten.

5.2. Jüdische Migration aus der ehemaligen Sowjetunion am Beispiel Berlin 

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Die Migration der jüdischen Bevölkerung hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu gehören u. a. Herkunft, Soziodemographie und Sozioökonomie. Die regionale Herkunft bezieht sich auf die Geburts- und die letzten Wohnorte der Migranten sowie auf mögliche Wanderungen. Da der größte Teil der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion in Städten lebt, (Urbanisierungsgrad: 98 %), kommen die meisten Migranten aus Groß- und Hauptstädten der jeweiligen Republiken. Dort bestehen gute Informationsmöglichkeiten und dort sind auch viele deutsche Auslandsvertretungen vorhanden. Deshalb erfolgen die stärksten Abwanderungen, gemessen am letzten Wohnort, aus den Großstädten: 1.Moskau, 2.St. Petersburg, 3.Riga, 4.Kiew, 5.Dnepropetrowsk und 6.Odessa. Außerdem kommen die meisten Migranten (86 %) aus den Ballungszentren 1.Ukraine, 2.Rußlands und 3.des Baltikums.

Dieses Schaubild zeigt die prozentuale Verteilung der in der UdSSR und der in Berlin lebenden Juden nach ihren Herkunftsregionen geordnet im Vergleich. Es wird deutlich, dass die Ukraine an erster Stelle der Einwanderungsregionen steht. Gründe hierfür sind z.B. die stärkere Ballung von Großstädten, die schlechte Wirtschaftslage sowie die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl. Außerdem wandern viele Juden auf Grund der geographischen Nähe nach Deutschland und nicht nach Israel aus. Die orientalischen Juden dagegen gehen nach Israel, weil es kulturell und klimatisch als ähnlich wahrgenommen wird.

Außerdem weisen die Migranten eine ausgeprägte regionale Mobilität auf. Bei 53,5 % der Zuwanderer ist der Geburtsort nicht identisch mit dem Zuzugsort, d.h. dem letzten Wohnort vor der Einreise nach Deutschland, begründet durch die Kriegseinwirkungen, die allgemeine Verstädterung, die sowjetische Siedlungs- und Aufbaupolitik und die höherer Mobilität von Menschen aus Großstädten, in denen der Ressourcenzugang und die Bildungschancen größer als in Kleinstädten waren. Die demographische Struktur der Juden in der ehemaligen Sowjetunion zeigt eine überalterte Gesellschaft. Der Grund hierfür sind die geringe Geburtenrate verbunden mit dem hohen Urbanisierungsgrad. Diese Altersklassenverteilung spiegelt sich in der Altersstruktur der Migranten wider. Die folgende Abbildung zeigt die einzelnen Geburtenjahrgänge der Zuwanderer als einen "zerfransten Tannenbaum":

Mehr als ein Viertel der Zuwanderer ist über 60 Jahre alt. Die 19- bis 60 Jährigen dagegen stellen insgesamt die größte Gruppe dar und die Minderjährigen bilden die kleinste Gruppe mit 14,5 %. Die Migranten haben statistisch gesehen durchschnittlich 1,1 Kinder. Am häufigsten ist die 1-Kind-Familie. Es gibt eine relativ hohe Zahl an Ehepaaren, die kinderlos sind. Familien mit mehr als drei Kindern sind die Ausnahme.

Bild: Jüdische Gemeinde Chemnitz

Bild: Jüdische Gemeinde Chemnitz


Die demographische Struktur der Migranten hat sich zwischen 1990 und 1995 stark verändert. Anfangs waren nur 10 % der Migranten 60 Jahre alt und die Gruppe der 31- bis 40-Jährigen war am stärksten vertreten. 1993 waren schon 20 % der 60-Jährigen an der Migration beteiligt, 1995 waren es 27 %. In den letzten Jahren reisten verstärkt ältere Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Sie wanderten auf Grund der schlechteren wirtschaftlichen Situation, der bereits emigrierten Kinder und auf Grund des besser geregelten Einreiseverfahrens heutzutage aus.

Die Verteilung der Geschlechter der Zuwanderer ist insgesamt ausgeglichen. 49 % der Migranten sind Männer und 51 % Frauen. 1990 waren die Männer mit 53 % an der Migrationsbewegung noch stärker beteiligt. Später jedoch reisten immer mehr ältere Frauen (1993 mit einem Anteil von 47 %) nach Deutschland. Vor allem in den Gruppen der über 60-Jährigen sind die Frauen mit 57 % dominant. Gründe für die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter sind die kürzere Lebenserwartung von Männern, die Verluste der männlichen Bevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg und dass sich mehr allein stehende ältere Frauen als Männer zu einer Auswanderung entschließen. Die Geschlechterverteilung der Berufsstruktur dagegen zeigt, dass sowohl die älteren als auch de jüngeren jüdischen Migrantinnen gut ausgebildet sind. Lediglich 1,4 % haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Und 15 % der Frauen sind sogar besser ausgebildet als der Ehemann. Heirat und Geburt brachten nur selten längere Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit.

Allgemein zeigt die Einteilung in Berufsbereiche der jüdischen Einwanderer eine starke Vertretung des Bereichs Technik/Industrie/Bau. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Sowjetunion massiv industrialisiert wurde und dass es Zugangsbeschränkungen für Juden an Universitäten gab. Diese Migranten kommen meist aus den industriellen Ballungsgebieten. Die größte Einzelgruppe aller machen die Ingenieure mit 20 % aus. Ihnen folgen Lehrer/Dozenten und Ärzte. Den zweiten Platz der Berufsbereiche bildet der Bereich Handwerk/Dienstleistungen, zu dem auch der Verwaltungs- und Verkaufssektor zählt. Auch der Bereich Kunst/Medien ist relativ stark vertreten. Ein Grund hierfür ist vor allem, dass viele Juden traditionell in diesem Sektor vertreten sind auf Grund der stärkeren Risikobereitschaft und Weltoffenheit als beispielsweise bei den Wissenschaftlern (nur 3 bzw. 4 %).

Da für die Juden Bildung eine große Rolle spielt, überwiegen bei den Einwanderern vor allem die akademischen Ausbildungen. Die Gruppe der Nichterwerbstätigen setzt sich unter anderem aus Schülern, Studenten, Hausfrauen und Rentnern zusammen. Die Berentung erfolgt jedoch in der ehemaligen Sowjetunion früher (zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr) als in Deutschland. Ein weiterer Faktor der Migration ist der ethnische Aspekt. Man kann insgesamt von einer Lockerung bzw. Lösung von der Religion der eingereisten Juden erkennen. Dazu gehören der Verlust der Muttersprache, Zunahme der Eheschließungen mit Nichtjuden und die Abnahme der religiösen Aktivitäten.

Das liegt vor allem an der sowjetischen Nationalitätenpolitik und der Abwanderung von Juden aus den traditionellen Gebieten in die großen Industriegebiete. Die jüdischen Einwanderer, die nach Deutschland reisen, besitzen kaum Kenntnisse des Jiddischen. Nur die über 60-Jährigen besitzen noch Grundkenntnisse. Außerdem zeigt eine Umfrage aus den 80er Jahren, dass sich nur noch 7 % der Juden selbst als religiös bezeichnen und nur noch ein Fünftel ab und zu die Synagoge besucht. Des Weiteren geht die Zahl der beschnittenen Männer, die nach Deutschland immigrieren, fast auf Null zurück. Auch traditionelle hebräische bzw. jiddische Namen wie Isaak, Abraham bzw. Bluma sind unter den Migranten kaum noch vertreten. Vornamen wie Lenina und Marx, aber auch der Organisationsgrad in politischen Organisationen, zeigen die Annäherung an das sowjetische System und die Hoffnung auf Anerkennung.

Bild: Juden in Deutschland - Herr Nolek in einem Gebetsraum in Schwerin.

Juden in Deutschland - Herr Nolek in einem Gebetsraum in Schwerin.

Als Folge der Auflösung der Sowjetunion und des Mauerfalls begannen die Juden aus der ehemaligen SU nach Deutschland zu emigrieren. Dadurch wuchsen die bestehenden jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik auf das Dreifache an und viele neue wurden gegründet. Außerdem wandelte sich die Arbeit der ZWST, der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Man musste nun die Juden verstärkt betreuen und integrieren. Des Weiteren ist eine zentrale Aufgabe der ZWST die Stärkung der jüdischen Integrität. Da nämlich viele Einwanderer den Bezug zur Religion verloren haben, möchte man ihnen vermehrt jüdisches Wissen vermitteln. Die Integrationshilfen der Zentralwohlfahrtsstelle beziehen sich vor allem auf den Umgang mit Behörden, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Sprachkurse, Berufsintegration und Informationen über das politisch-soziale System in Deutschland. Aktuell beschäftigt sich die ZWST mit sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Isolation der älteren Einwanderer und innerfamiliären Problemen. Man beobachtet verstärkt den Zerfall familiärer Strukturen, z.B. die wachsende Scheidungsquote. Aus diesem Grund bietet man verstärkt ein Kinder- und Jugendlichenprogramm zur Betreuung und Ausbildung an.

5.3. Beispiel: Ein jüdisches Paar kommt 1992 aus der Ukraine nach Deutschland 

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Herr und Frau Singer sind 1992 aus der Ukraine nach Deutschland gereist, fühlen sich dennoch noch nicht wirklich integriert. Sie sind sehr oft umgezogen, sind aber nun endgültig im Norden Frankfurts gelandet. Keti (34 Jahre) und ihr Mann Vadim (40 Jahre) kamen als ukrainische Juden und so genannte "Kontingentflüchtlinge" nach Deutschland. Kontingentflüchtlinge sind Flüchtlinge aus Krisenregionen, die im Rahmen internationaler humanitärer Hilfsaktionen aufgenommen werden. Deutschland hat rund 61.000 jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen. Keti war hochschwanger, konnte aber außer dem Wort "Entschuldigung" kein Deutsch sprechen, deshalb war für sie anfangs alles fremd, so dass sie am liebsten sofort wieder zurück nach Tschernowitz gefahren wäre. Damals war sie jedoch die treibende Kraft, da sie bessere Chancen für ihre Kinder und für sich in Deutschland gesehen hat. Heute spricht sie hervorragend Deutsch.

Vadim ist Anästhesist, hatte jedoch Schwierigkeiten in seinem Beruf zu arbeiten. Er arbeitete zuerst als Pfleger, dann als Vertretungsarzt in vielen verschiedenen Städten. Im Jahr 2000 fand er in einem Frankfurter Krankenhaus endlich eine Stelle zur Ausbildung zum Facharzt für Neurochirurgie. Inzwischen lebt auch die restliche Familie in Deutschland, was ein starker Halt für die Singers ist, da sie noch keinen deutschen Freundeskreis haben.

Keti bekam damals sofort eine Stelle in ihrem Beruf als Apothekerin, heute geht sie einmal in der Woche arbeiten, da sie ihre zwei Kinder versorgt, die 8 Jahre und 16 Monate alt sind. Ihr Sohn Daniel besucht eine jüdische Grundschule, wodurch Keti von sich sagt, sie sei in Deutschland mehr zur Jüdin geworden, als sie es in der Ukraine je war. Dort ist Keti nämlich nie in die Synagoge gegangen. Doch als ihr Sohn im Unterricht die Bräuche der Juden lernte, wollte er diese auch durchführen.

Familie Singer gehört zur jüngsten Migrantengruppe in Deutschland. Jüdische Auswanderer finden seit dem Ende des Ost-West-Konflikts unbürokratische Aufnahme in Deutschland, auf Grund der deutschen Vergangenheit mit Judenverfolgung und -vernichtung während des Nationalsozialismus 1933-1945. Als "Kontingentflüchtlinge" ist ihr Status mit dem der Asylberechtigten vergleichbar. Die jüdische Gemeinde wächst schneller als jede andere auf der Welt. Die Zahl ihrer Mitglieder hat sich auf 85.000 verdreifacht. Heute zählt Deutschland wieder 78 jüdische Gemeinden (in Berlin leben 112.000 und in Frankfurt am Main 6.700 jüdische Bürger).

6. Die Ukraine heute: Politische Situation, Minderheiten und Integrationspolitik

6.1. Staat, Volk und Religion der Ukrainer und ukrainischer Minderheiten 

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Auf der Krim, die seit 1992 Autonomiestatus besitzt (Krim-Republik), beträgt der russische Anteil mehr als 60 % und 1980 kam es zu einer verstärkten Rückkehr der Krimtataren (Urvolk der Krim), welche 1941 mit anderen nichtrussischen Volksgruppen von Stalin deportiert worden waren.

Bild: Besuch der Synagoge in Cernivci (Ukraine) im Juli 2000 - die Friedens-AG unter Leitung von Bärbel Schmidthals und Anne Hauff des Berliner Gymnasiums 'Fichtenberg-Oberschule'

Bild: Besuch der Synagoge in Cernivci (Ukraine) im Juli 2000 - die Friedens-AG unter Leitung von Bärbel Schmidthals und Anne Hauff des Berliner Gymnasiums 'Fichtenberg-Oberschule'

Die Ukrainer sind überwiegend orthodoxe (strenggläubige, sich an die alte Lehre haltende) Christen mit rund 35 Millionen Angehörigen. Allerdings existieren neben der russisch-orthodoxen Kirche seit 1992 noch drei andere sich bekämpfende ukrainisch-orthodoxe Richtungen: Die Kirche des Moskauer und des Kiewer Patriarchats sowie die 1921 gegründete autokephale (eine andere Art des orthodoxen Glaubens) Kirche, in der vor allem Exil-Ukrainer vertreten sind. Daneben ist auch noch die griechisch- bzw. ukrainisch-katholische Kirche von Bedeutung, welche seit 1996 mit Rom uniert ist, ihr Zentrum in der Westukraine (Ostgalizien) und ca. fünf Millionen Gläubige hat.

Sie war seit dem 19. Jahrhundert einem starken russisch-orthodoxen Assimilierungsdruck ausgesetzt und existierte in der Sowjetunion nur noch als Untergrundkirche. Zu den Katholiken zählen noch die ruthenische Kirche (in den USA gegründete Metropolie) in der Karpato-Ukraine und die römisch-katholische Kirche, der vor allem der polnische Bevölkerungsanteil angehört. Vor den Weltkriegen wohnten in der Ukraine sehr viele Juden, wobei die Ukraine auch eines der Hauptverbreitungsgebiete der jiddischen Sprache war. Durch die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde der größte Teil der ukrainischen Juden ermordet. Die Überlebenden wandern seitdem in die USA, nach Israel und nach Deutschland aus, wodurch heute "nur noch" ca. 500.000 Juden in der Ukraine leben, wobei die Tendenz fallend ist. Außer diesen religiösen Minderheiten gibt es noch die evangelisch-lutherische und islamistische Minderheit (Tataren).


6.2. Wege zum Umgang mit den Minderheiten in der Ukraine und Europa 


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Vom 25. bis 27.5.1997 fand die Tagung der Ostsee-Akademie von Lübeck-Travemünde und des European Centre of Minority Issues aus Flensburg in Lübeck-Travemünde statt, in der es um die Minderheiten in der Ukraine ging (Ethnos-Nation 5). Das Ziel dieser Tagung bestand darin, die Ukraine im Bewusstsein der Deutschen zu verankern, dabei wurde die Bedeutung der Minderheitenfrage für die ukrainische Regierung besonders hervorgehoben. Man bezeichnete die Diskussion darüber als einen Beitrag zum Aufbau eines stabilen demokratischen Europas. Außerdem ging es um die Frage was die Geschichte der Ukraine sei, wobei drei Ansichten zur Beantwortung dieser Frage vertreten wurden: Die Historiker sind der Meinung, es sei die "Geschichte der ukrainischen Ethnos" oder die "Geschichte der Staatsverbände auf ukrainischem Territorium". Die Politiker hingegen sagen, die Geschichte der Ukraine sei ein Teil der Geschichte von drei Brüdervölkern (Russen, Polen und Ukrainer), in der die Russen als Primus inter pares hervorgehoben wurden.

In der letzten Zeit wurden diese Interpretationen jedoch stark kritisiert und zwar unter anderem von Frank Golczewski, Professor am historischen Seminar der Universität Hamburg, der sagt, dass sowohl der Sowjetstaat als auch die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) versucht hätten, ein ukrainisches Nationalbewusstsein zu schaffen. Die Leitidee der OUN sei nämlich die ethnische Exklusivität gewesen, was in der heutigen Situation deshalb besonders gefährlich sei, weil fast die Hälfte der Bewohner der Ukraine russischsprachig ist und so von der ukrainischen Nation ausgeschlossen würde. Danach wurden von den jeweiligen Vertretern der Minderheiten deren Situation und Aktivitäten dargelegt:

6.2.1. Magyaren 

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Die 164.000 Magyaren wohnen in kompakten Siedlungen und 60 % von ihnen beherrschen ausschließlich ihre Muttersprache. Die Magyaren in der Ukraine schöpfen im höchsten Grade die Gesetzgebungsmöglichkeiten für ethnische Minderheiten aus. Sie zielen dabei auf die Beibehaltung ihrer Kultur und Identität, die Entwicklung ungarischsprachiger Bildungsinstitutionen und die Möglichkeit in den Selbstverwaltungsorganen vertreten zu sein.

6.2.2. Sinti und Roma 

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Die 20.000 Sinti und Roma der Ukraine wirken zwar politisch, unterstützen jedoch keine politische Partei. Sie beschäftigen sich vielmehr mit sozialen und kulturellen Fragen. Die Sinti und Roma haben sich früher oft als Tataren angemeldet. Daher sind sie 1944 mit den Krimtataren deportiert worden. In den letzten Jahren kehrten sie als Krimtataren zurück, trotzdem blieben einige Besonderheiten in ihrer Sprache bestehen.

6.2.3. Krimtataren 

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Die Zahl der Krimtataren beträgt 242.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 2.179.000. Gemäß einer speziellen Regelung sind 1994 von den 98 Abgeordneten des Krimparlaments 14 Krimtataren gewählt worden. Jedoch wird die zurückgehende Finanzhilfe für rückkehrwillige Krimtataren seitens der ukrainischen Regierung kritisiert. Zur Zeit existieren sechs krimtatarische Schulen, eine nationale Bibliothek und die Absicht für die krimtatarische Sprache wieder die lateinische Schrift einzuführen.

6.2.4. Galizier (Galizien = polnische Region) 

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Die wichtigste Aktivität der Galizier ist die Zusammenarbeit mit dem Staatskomitee und dem Parlament. Die Föderation der polnischen Organisation in der Ukraine bemüht sich nämlich um Annäherung zwischen den Polen und den Ukrainern. Dabei gibt es jedoch Probleme in der Bildungspolitik und Schwierigkeiten bei deren Finanzierung.

6.2.5. Moldawier 

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Die Muttersprache der 325.000 Moldawier in der Ukraine wird nur noch als Unterrichtsfach gelehrt, da die anderen Fächer nur noch in der russischen Sprache vermittelt werden. Jetzt gründeten sie eine Organisation, um sich einen Zugang zur Staats- und Regierungsebene zu verschaffen.

6.2.6. Deutsche 

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Die 40.000 Deutschen, die heute in der Ukraine leben, sind nicht dieselben wie die während des 2. Weltkrieges. Sie haben zurzeit sogar einen selbst gewählten Volksrat. Trotzdem gelten die Bedingungen für die Erhaltung des Deutschtums in der Ukraine als sehr schlecht, da Deutsch zum Beispiel nicht einmal in der Liste der Minderheitensprachen aufgenommen worden ist. Das wichtigste Ziel der Krim-Deutschen ist deshalb ein Gesetz über die Rehabilitierung des Deutschtums in der Ukraine zu erstellen.

Zum Abschluss der Sitzung verdeutlichte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Mitglied der Arbeitsgruppe "Menschenrechte und humanitäre Hilfe", Rudolf Binding, noch einmal die Rechte der Minderheiten in Europa und auch den derzeitigen Stand der europäischen Minderheiten. Er stellte dabei die drei Pfeiler des Minderheitenschutzes dar:

1. Die Charta für regionale Sprachen und Minderheitensprachen
2. Die Rahmenkonventionen zum Schutz der nationalen Minderheiten
3. Ein beabsichtigtes Zusatzprotokoll über bestimmte Minderheiten

Es wurde gesagt, je mehr es gelinge internationale Normen zu übernehmen und umzusetzen, desto weniger würden Minderheiten als Last empfunden, sondern als Beitrag zur Vielfalt in einem Staat gesehen werden. Außerdem sollen neue Lehrbücher über die Geschichte der Ukraine verfasst werden, die sich auch mit der Geschichte der nationalen Minderheiten auseinandersetzen. Dann einigten sich die Mitglieder der Tagung noch über eine Definition von "Minderheiten" und maßen daran, inwieweit die eigene ethnische Gruppe in der Ukraine den genannten Bedingungen entspreche und folglich internationale Anerkennung erhalten könne.

6.3. Definition 

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Eine nationale Minderheit ist eine Gruppe von Personen in einem Staat, die im Hoheitsgebiet ansässig und Staatsbürger sind, dauerhafte Verbindung zur Region haben und besondere ethnische, kulturelle, religiöse und sprachliche Merkmale aufweisen, ausreichend repräsentiert sind und den Wunsch haben, ihre Merkmale zu erhalten.

6.4. Das Schattendasein der Ukraine 

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Die Ukraine ist zwar Europas größter Flächenstaat, führt aber im Bewusstsein der Deutschen noch ein starkes Schattendasein. Im Allgemeinen wissen die Deutschen sehr wenig über die Ukraine; das deutsche Ukraine-Bild wird fast ausschließlich durch Negativ-Schlagzeilen geprägt, wie z.B. die über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, Prostituiertenskandale, Schleuser, Korruption, Mafia und Mord an Journalisten. Die frühere Sowjetrepublik wird häufig in einen Topf mit Russland geworfen, wodurch viele Deutsche die Ukraine für eine russische Provinz halten.

Dabei ist z.B. Ukrainisch noch nicht einmal ein russischer Dialekt, wie viele denken, sondern eine eigenständige slawische Sprache. Die ukrainische Schrift ist zwar auch kyrillisch, aber mit teilweise vom Russischen abweichenden Buchstaben. Auch im wissenschaftlichen Bereich wird nicht viel für die Vermehrung des Wissens über die Ukraine getan. Nur knapp konnte z.B. der einzige Lehrstuhl für Ukrainekunde in Greifswald vor der Streichung bewahrt werden.

Die Gründe für die dürftigen Kenntnisse über die Ukraine sind unter anderem, dass Städte wie Prag und Danzig zwar heute vielen bekannt sind, aber trotzdem nicht zu den beliebtesten Reisezielen und nicht einmal zum Randbereich dessen zählen, wohin europäische Touristen reisen. Umgekehrt zieht es jedoch jährlich Zehntausende Ukrainer nach Deutschland. Allein im Jahre 2003 wurden 145.000 Reisevisa für ukrainische Staatsbürger erteilt. Jedoch auch im Visabereich gab es kürzlich negative Schlagzeilen: Der Missbrauch von Reiseschutzpässen in den Jahren 2000 und 2001, durch den es zu einem massenhaften Anstieg der ausgestellten Visa kam, wurde aufgedeckt.

6.5. Ausschluss aus der EU 

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Seit der EU-Erweiterung im Mai 2004 ist die Ukraine zumindest geographisch näher an die EU gerückt und ist nun ihr direkter Nachbar. Anders als im Falle der Türkei aber hält die EU die Tür für die Ukraine verschlossen, da das Erweiterungspotential der EU, wie es heißt, zunächst erschöpft sei. Zwar unterstützt die EU Kiew durch Nachbarschaftsabkommen, was jedoch von Historikern als zu wenig angesehen wird. Sie sagen nämlich, dass diese halb offene Tür sicher nicht dafür geeignet sei, das Interesse an der Ukraine zu stimulieren und zu vermehren. Der Geschäftsführer des deutsch-ukrainischen Forums beschwerte sich auch darüber, dass von der EU in Richtung Ukraine in den letzten Jahren kaum Signale gekommen seien und meinte, dass es nicht nur um die EU-Mitgliedschaft gehe, sondern um eine vernünftige Partnerschaft mit dem Rest Europas. Außerdem gibt es auch Kritik an der Vernachlässigung der Ukraine durch die deutsche Politik und Wirtschaft. Deutschland ist nämlich bei den ausländischen Investitionen in der Ukraine auf Platz 15 abgerutscht.

Insgesamt wird eben kritisiert, dass die Unabhängigkeit der Ukraine niemals den Stellenwert bekommen hat, wie die von Russland.Seit den Massenprotesten bei den Präsidentenwahlen muss Deutschland sehr viel genauer auf die Ukraine schauen, der Wissensstand über die Ukraine muss in Deutschland sehr viel erweitert werden und außerdem sollen nicht nur Negativ-Schlagzeilen über die Ukraine gebracht werden, sondern auch Positives und Hintergrundinformation.

6.6. Quellen 

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www.berlin-institut.org
www.berlin-judentum.de
www.heimat-in-deutschland.de
www.ukraine-in-europa.at
www.ZWST.org
Benz, Wolfgang: Lexikon des Holocaust
hagalil.com/jct/ukraine/ukraine.htm
Lüdemann, Ernst: Ukraine
Pausewang, Gudrun: Wiedersehen mit Anna Werger
Gudrun: www.welt.de
www.antisemitismus.net/osteuropa/ukraine.htm
www.einsatzgruppenarchives.com/ghetto/lvov/lvov.jpg
www.fcit.coedu.usf.edu/holocaust/gallery/p107.htm
www.freenet.de
www.freiburg.de
www.german-cinema.de
www.google.de
www.hem.passagen.se/varldskriget/1941_29.gif
www.werner16.8ung.at/ukraine_links.htm
www.wikipedia.org
www.antisemitismus.net/osteuropa/ukraine.htm
www.hagalil.com/jct/ukraine.htm
Interview mit Frau Morowna | "Der Große Ploetz". Begründet von Karl Ploetz und bearbeitet von 80 Fachwissenschaftlern. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau; Erscheinungsdatum Februar 1998 Auflage: 32., ISBN: 3-89836-147-0
www.hagalil.com/jidish/cf-jid1a.htm
Hans Freudenberg, Klaus Goßmannn (1998): "Sachwissen Religion", Vandenhoeck & Ruprecht
www.jiddisch.org/yiddish/jidisch.htm
www.judentum-projekt.de/geschichte/ostjudentum/jiddisch/
Heinz-Jürgen Loth (1989): "Judentum", Vandenhoeck & Ruprecht
www.payer.de
www.uni-marburg.de
www.wikipedia.de
Lüdemann, Ernst; Ukraine (aus der Beckschen Reihe Länder); 2001; München
wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Ukraine
Microsoft Encarta Encyclopedia 2002
Mackow, Jerzy; Russlands Beziehungen zu seinen "slawischen Brüdern" Ukraine und Belarus (Aus Politik und Zeitgeschichte B 16-17/2003)
www.bpb.de; 14.04.2003; Bonn
www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/6/0,1367,POL-0-2224710,00.html
www.muz-online.de/europe/ukraine.html
www.uni-koeln.de/phil-fak/soeg/ethnos/inhalte/inhalte8/ukrai-en.htm

Wir danken Frau Maria Morowna aus Rendsburg und Frau Sonja Wechsler aus Hamburg, die bereitwillig und geduldig unsere Fragen beantworteten, auch wenn die Last der Erinnerung es ihnen nicht immer leicht machte. Frau Marina Wechsler aus Büdelsdorf danken wir ganz herzlich für ihren persönlichen Einsatz, ihre organisatorische Hilfe und ihre unersetzlichen Dienste als Dolmetscherin. Rendsburg, im März 2005

Erarbeitet vom Projektkurs im 13. Jahrgang des Gymnasiums Kronwerk (kronwerk.lernnetz.de) im Schuljahr 2004/2005 unter der Leitung von Frau Holstermann und Herrn Harfmann durch: Sarah Asmussen, Sarah Baudewig, Isabell Claußen, Mareike Fasse, Wiebke Haiges, Jacqueline Hintz, Malte Jensen, Philipp Krischewski, Stefanie Schmalfeld, Nicola Tempelmann, Christina Wesse, Stefanie Zietan.

6.7. Politische Karte der Ukraine 

Bild:Politische Karte Ukraine

Politische Karte der Ukraine (Quelle Wiki, CC)

Andreas Jordan, Dezember 2008

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