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Im Gepäck: Die Erinnerung

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Die Lebensgeschichte des Bernhard Preminger aus Gladbeck

Bernhard Preminger, 1998

Bernhard Preminger, 1998

Die Hand wandert behutsam die Namenskolonnen entlang, zögernd gelegentlich, dann schneller werdend und schließlich verharrend. Der große, schwere Band trägt den Titel "Gedenkbuch" und handelt - vom Tod. Hunderttausende sind hier verzeichnet. Männer, Frauen und Kinder. Jede Eintragung verrät eine individuelle Herkunft und Heimat und jede, fast jede, mündet in die uniformen Endstationen des Holocaust: Auschwitz, Belzec, Riga, Sobibor,Treblinka ...

In der Rubrik der Verschollenen, deren Todesart und -daten unbekannt sind, hält die Hand inne. "Sehen Sie, da. Meine Mutter." Die Hand liegt für einen Moment still. "Und der da, das bin ich!"

"Sie müssen wissen, ich bin ein richtiges Ruhrpottkind. Jahrgang 1921." Der alte Herr spricht ein lebendiges, sorgfältig formuliertes Deutsch mit einem unverkennbaren westfälischen Anklang, das erst beim zweiten Hinhören eine zweite, fremde Sprachmelodie erkennen lässt. "Mein Elternhaus stand ein paar hundert Meter von hier entfernt in der Hochstraße in Gladbeck. Wir wohnten dort zur Miete. Dritter Stock. Meine Eltern waren zugezogen nach dem Ersten Weltkrieg. Vater stammte aus dem alten Osterreich, aus der Nähe von Lemberg. Er hatte eine Zeit lang in Wien jüdische Religion studiert, aber damit ließ sich keine Familie ernähren. Deshalb hat er bald umgesattelt und ist Kaufmann geworden. Ich meine, dass er 1904 nach Deutschland kam.

Hier sind auch meine älteren Geschwister geboren. Karl, Siegbert und Sophie. Als 1914 der Krieg ausbrach, trat Vater ins österreichische Heer ein und kämpfte vier Jahre lang an der Front. Er hat den Kaiser, den Franz-Joseph, sehr verehrt, weil der ihm persönlich einen Orden umgehängt hat - Ja, die Kinderzeit, da habe ich sehr schöne Erinnerungen. Meine Freunde waren evangelisch, katholisch, auch jüdisch, aber danach fragte niemand. Ich weiß noch, wie wir zehnjährigen Bürgersöhnchen mit lautem Geschrei durch die Hinterhöfe gezogen sind: "Wer hat uns verraten - die Sozialdemokraten!" - " Was wählen wir - die Liste vier! Die Liste vier - das waren die Kommunisten. Vater wird mit dem Kopf geschüttelt haben, als er von unseren Heldentaten hörte, denn er gab seine Stimme immer der SPD, und Karl und Siegbert waren im Reichsbannen aktiv, das die Weimarer Republik verteidigen wollte. Einer von Karls besten Freunden war übrigens Heinz Kühn, der spätere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen."

Machtübergabe und Nationalsozialismus

Als die Nazis an die Macht kommen, 1933, wird alles anders für die Juden in Deutschland. Auch für die Familie Preminger in Gladbeck. Die drei erwachsenen Kinder verlassen die Heimat und wandern nach Palästina aus. Samuel Premingers Möbelgeschäft gerät zunehmend in Schwierigkeiten und eines Tages bleibt ihm nichts anderes übrig als weit unter Wert zu verkaufen. 1936 muss Bernhard wie alle jüdischen Kinder das Gymnasium verlassen. Er wechselt auf eine jüdische Schule im benachbarten Essen und schließt sich dort einer zionistischen Jugendgruppe an, die sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Da ist er fünfzehn.

"Das war eine merkwürdige Zeit für uns. Wir warteten darauf, dass etwas passiert, und als es dann kam, traf es uns doch unvorbereitet. Anfang November 1938 beschlossen die Nazis, alle so genannten Ostjuden, d. h. diejenigen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, nach Polen abzuschieben. Eines Morgens kamen sie zu uns, fünf, sechs SS-Leute, klingelten, und ein Gestapobeamter sagte nur: "Wir geben Ihnen 20 Minuten. Sie können Handgepäck mitnehmen!" Das war alles. Sie brachten uns zuerst ins Polizeipräsidium in Gladbeck und dann, am nächsten Tag, nach Recklinghausen. Von dort hat man uns nach Osten geschafft, in ganz normalen Personenzügen. Das war noch vor dem Novemberpogrom. Als wir an der Grenze ankamen, trieb uns die SS ins Niemandsland, aber die Polen ließen uns nicht hinein und schossen in die Luft. Also Kommando zurück. Erst am nächsten Tag konnten wir passieren. Mutter war so brutal von einem SS-Mann geschlagen worden, dass sie sofort in ein Krankenhaus in Posen gebracht wurde. Dort ist sie dann gestorben."

Vater und Sohn entschließen sich, nach Kattowitz im polnischen Oberschlesien zu gehen. Dorthin hat sich ein Onkel geflüchtet, ein Bruder des Vaters. Erneutes Warten. Im März 1939 erhält der Junge einen Platz in einem zionistischen Vorbereitungslager bei Czenstochau. Gemeinsam mit dreißig, vierzig anderen jüdischen Jugendlichen, die meist wie er aus Deutschland oder Osterreich stammen und kaum polnisch sprechen, lernt er Ivrith und arbeitet draußen auf den Feldern. Der Kurs ist fast beendet, da meldet sich der Vater aus Kattowitz: "Du, der Krieg hat angefangen. Die Deutschen sind in Polen eingefallen. Schlag dich nach Osten durch. Egal wie!"

"Das habe ich auch gemacht. Ich habe wortwörtlich alles stehen und liegen gelassen und bin losgelaufen. Alle Straßen waren mit Flüchtlingen verstopft und ich weiß nicht mehr, wie häufig die kamen, die deutschen Tiefflieger, die mit ihren Bordwaffen in die Flüchtlingstrecks schossen. Zum Schluss bin ich nur noch nachts marschiert. Ganz allein. Trotzdem wäre ich fast von den Polen erschossen worden, weil die mich für einen Spion hielten.

Eines Morgens dann, es war noch sehr früh, kamen die deutschen Soldaten. Sie fragten: "Wo willst'n du hin?" Wahrscheinlich dachten sie, dass ich Volksdeutscher bin, denn ich trug immer noch meine typisch deutsche Kleidung, Bundschuhe, Kniestrümpfe und Kletterweste. Das gab's in Polen nicht. Ich stammelte nur irgend so was wie: "Nach Kowel..." So bin ich mit denen ein Stück gefahren. Und wer sitzt mir da auf dem Lastwagen gegenüber? Der Sohn unseres Hauswirtes aus Gladbeck. Ein junger deutscher Soldat und ein ebenso junger deutscher Jude. Im Herbst 1939. Ich werde das Bild nie vergessen. Er sieht durch mich hindurch und tut, als ob er mich nicht kennt. Erst später, während eines Heimaturlaubs, hat er seinen Eltern von unserer Begegnung erzählt. Wahrscheinlich hat er mir in dieser Sekunde das Leben gerettet.

Der Krieg, den die Deutschen nach Polen hineintragen, treibt ihn vor sich her. Sein Ziel, Kowel, erreicht er völlig erschöpft. Die jüdische Gemeinde gibt ihm ein Bett und etwas zu essen, und als er am folgenden Morgen erwacht, heißt es, die Russen sind da. Die Rote Armee hat getreu dem Hitler-Stalin-Pakt Ostpolen besetzt. "Russisch. Ich verstand kein Wort. Als ich registriert wurde, habe ich von meiner Flucht aus Deutschland erzählt. Großes Kopfschütteln. Schließlich fragte mich der Offizier, der mich vernahm, in gebrochenem Deutsch, ob ich nicht mein Abitur nachmachen wollte. In der Sowjetunion.

Natürlich, habe ich geantwortet, gern. So schrieb der einen Brief an das Ministerium für Volksbildung in Moskau, und ich erhielt tatsächlich einen Internatsplatz. In der Wolgarepublik. Das war Anfang 1940. Ich musste zuerst nach Moskau fahren, da waren verschiedene Überprüfungen, auch durch den sowjetischen Geheimdienst. Dann war alles klar. Ich bekam eine Bahnkarte nach Engels, der Hauptstadt der deutschen Wolgarepublik, und etwas Taschengeld. Und dann hab ich dort ganz normal — Unterrichtssprache: Deutsch — die Schule besucht."

Deutscher Überfall auf die Sowjetunion

Ein junger Mann, 19 Jahre alt und der mörderischen Verfolgung durch seine Landsleute gerade noch einmal entkommen. Doch am 22. Juni 1941 überfallen die deutschen Armeen die Sowjetunion. Der Vater, der sich zu Verwandten nach Ostgalizien geflüchtet hat, wird dort im Oktober zusammen mit 12 000 anderen Juden ermordet, was der Sohn erst sehr viel später erfährt. Aber auch Bernhard Preminger droht der Krieg zu überrollen, als Stalin nämlich anordnet, die Wolgarepublik zu liquidieren und ihre deutsche Bevölkerung nach Kasachstan und Sibirien zu deportieren. Und wieder hat er Glück im Unglück. Der Direktor der Schule, an der er gerade das Abitur abgelegt hat, ruft ihn zu sich: "Ich kann das nicht verantworten, dass du jetzt mitfährst mit allen. Du bist ja Jude, für dich gilt diese Ausweisung nicht... Ich werde dir Papiere ausstellen und dich etwas jünger machen als du bist. Vielleicht kommst du durch. Viel Glück!"

"So bin ich mit den anderen das erste Stück noch über die Wolga nach Saratow gefahren. Und da geschah Fol- gendes: Die Leningrader Universität wurde nämlich nach Saratow ausgelagert, nicht ganz, aber doch in großen Teilen. Und eines Tages las ich in der Stadt eine Bekanntmachung: Die suchten Studenten. Also habe ich mich da gemeldet..."

Der Rektor lädt den jungen Deutschen, der nur wenig Russisch spricht, ein und schlägt ihm vor, an seiner Fakultät Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dieser Mann, Alexander Wossnissenski, ist einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der Sowjetunion und der Bruder des zeitweise zweitmächtigsten Politikers nach Stalin. Er erteilt ihm unter der Bedingung, alsbald Russisch zu lernen, offiziell die Erlaubnis, alle Prüfungen während der ersten vier Semester auf Deutsch abzulegen.

"Nachdem die deutsche Belagerung von Leningrad 1944 durchbrochen war, kehrte die Universität zurück. Und da gab's die ersten Unannehmlichkeiten mit der Staatssicherheit. Nein, der darf nicht nach Leningrad. Der ist ja überhaupt kein Sowjetbürger. Das ist Sache der Polizei!" Schließlich ging ich selbst zu den Behörden, die sich damit befassten. Da fragte man mich: "Hör mal, du bist Deutscher. Dein Abitur! Deine Bescheinigung aus Engels!" — "Nein", sagte ich, "ich bin kein Deutscher, ich bin Jude!" - "Kannst du denn wenigstens Jiddisch sprechen?" — "Nein." - "Ja, das kann ja jeder sagen: Ich bin Jude... Also, einen Pass kannst du bekommen, aber wir werden eintragen, dass du ein Deutscher bist." Damit war ich absolut nicht einverstanden, denn sobald ich den Pass hätte, müsste ich - wie all die anderen Deutschen — nach Kasachstan. Also wieder: Nein! Ich bin immer wieder vorstellig geworden. Schließlich saß ich einem neuen Kommissar gegenüber: "Das werden wir gleich haben." Er telefonierte kurz: "Komm mal runter, überprüfe einen Jungen, der behauptet, er ist Jude."

Das war ein jüdischer Major. Der kam, hat kurz mit mir gesprochen und sagte dann: "Klar ist das ein Jude. Kein Zweifel!" So steht in meinem russischen Pass noch immer "Bernhard Samuelowitsch- und als Nationalität Jude". Aber zusätzlich standen da noch verschiedene Zahlencodes, die mir herzlich wenig sagten. Aber dem KGB später umso mehr..." Nun hat er zwar den richtigen Pass, aber noch immer nicht die Erlaubnis, sein Studium fortzusetzen. Schließlich ist es der Universitätspräsident selbst, der ein Machtwort spricht. Ende Januar 1945 kommt Bernhard Preminger in Leningrad an. Drei Monate später ist Deutschland besiegt. Wossnissenski, der die Begabung des jungen Emigranten erkennt, fördert ihn und verschafft ihm das begehrte "Stalinstipendium".

Noch vor dem siebten Semester ist er Vorsitzender der Leningrader Studentengewerkschaft. Er bekommt ein eigenes Büro mit Sekretärin, betreut prominente ausländische Delegationen, reist viel im Land herum, lernt rasch und schreibt bald Aufsätze über Fragen der politischen Ökonomie, die Aufmerksamkeit erregen. In den Semesterferien verhört der frischgebackene Reserveoffizier der Roten Armee in einem Lager bei Saratow SS-Leute und die deutschen Kriegsgefangenen dürften sich über das perfekte Deutsch und den preußischen Kommisston dieses jungen Sowjetoffiziers nicht wenig gewundert haben.

Leningrader Affäre

Studentenfunktionär Bernhard Preminger, 1947

Studentenfunktionär Bernhard Preminger, 1947

Nach dem glänzend absolvierten Studium wird Preminger zur Promotion vorgeschlagen -eine goldene Zukunft scheint vor ihm zu liegen. Das, was dann geschieht, ist als "Leningrader Affäre" in die Geschichte der späten Stalinherrschaft eingegangen. Im blutigen Machtkampf gerät die Wossnissenski-Fraktion im Kreml ins Hintertreffen. Ende 1948 werden die Brüder Wossnissenski wegen Hochverrats verhaftet und erschossen. Doch dabei bleibt es nicht. Nach und nach wird die gesamte Leningrader Partei- und Stadtführung liquidiert. Auch Preminger, der vielversprechende Studentenfunktionär, merkt, dass die Luft um ihn herum dünner wird. Als er selbst Mitte Januar 1949 verhaftet wird, hat er bereits vorsorglich Papiere und Adressen, die Freunde belasten könnten, beseitigt. Seine Festnahme selbst erfolgt in der Wohnung einer Freundin, als diese gerade seinen Anzug bügelt.

"Der Prozess im Spätsommer 1949 dauerte fünf Tage. Zusammen waren wir acht Angeklagte. Man warf uns alles Mögliche vor, Spionage für die Amerikaner, für die deutsche Abwehr und für jüdische Geheimdienste. Jetzt zeigte es sich, dass der NKWD mich vom ersten Tag an bespitzelt hatte, dass sie alles von mir wussten. Das war das ganze Geheimnis jener geheimnisvollen Zahlen in meinem Pass.

Schließlich legte die Staatsanwältin triumphierend zwei Zettelchen als Beweisstücke auf den Tisch, auf denen oben deutlich das Hakenkreuz stand. Die Geschichte, die sich damit verband, lag weit zurück... Mein Vater hatte 1933 oder 1934 in Gladbeck einen Prozess gehabt. Nichts Großes. Auf dem Bahnhof Gladbeck-Ost war meine Mutter von einem betrunkenen SS-Mann angepöbelt worden und mein Vater war mit dem Spazierstock auf diesen Kerl losgegangen. Ist nicht viel passiert, aber Vater wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und die habe ich dann in monatlichen Teilzahlungen bei der NSDAP-Ortsgruppe in Gladbeck abliefern müssen. Und die Quittungen, die ich seither mit mir herumtrug, waren eines Tages verschwunden gewesen - jetzt tauchten sie also wieder auf als Beweis, dass wir, Juden!, Mitgliedsbeiträge an die Nazis gezahlt hätten. Als mein Verteidiger das Wort ergriff und sagte, dass Juden ja wohl kaum Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen gewesen sein könnten, erklärte sie kategorisch, jedermann wisse doch, dass Gestapo und jüdischer Geheimdienst ein und dasselbe seien.

Das Urteil, das schon bei Prozessbeginn feststand, lautete auf die Todesstrafe, die allerdings in 25 Jahre strenge Haft, verbunden mit zehn Jahren Verbannung und fünf Jahren Ehrverlust umgewandelt wurde. Als ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, musste ich an ein Wort meines Vaters denken: Studiere später was du willst, Junge, aber halte dich von den politischen Fächern fern. Das bringt nur Unglück!"

Sibirien

Bernhard Preminger ist 27 Jahre alt, als seine Reise in den GULAG beginnt. Erste Station ist ein großes Sammellager bei Krasnojarsk in Sibirien, wo rund 60.000 Gefangene ihr weiteres Schicksal erwarten. Die Fahrt dorthin dauert Wochen. Unter den Augen gleichgültiger Wächter herrschen Mord und Totschlag. Auf Krasnojarsk folgt ein Lager am Baikalsee, dann ein weiteres auf der Halbinsel Sachalin. Hier, am Ende der Welt, dauert der Winter neun Monate. Ein Lagerkosmos, 80 Barackenstädte mit jeweils 300 bis 400 Gefangenen hinter Stacheldraht. Alptraumhafte Zustände. Gemeinsam mit anderen "Politischen" verweigert Preminger erfolgreich die Arbeit, widersetzt sich und verschafft sich im Laufe der Jahre eine Position, die schließlich sein Leben rettet.

1953 stirbt der Diktator Stalin. Für das Millionenheer der Zwangsarbeiter ändert sich jedoch zunächst wenig. Erst als Chruschtschow 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU die "Tauwetter-Periode" einleitet, erhält auch Bernhard Preminger zusammen mit den letzten Überlebenden der "Leningrader Affäre" die Freiheit. Er entscheidet sich nach den dunklen und kalten Jahren im Norden dorthin zu gehen, wo Obst und Wein wachsen, in den äußersten Südwesten der Sowjetunion, nach Moldawien. Hier erhält er die Leitung einer Fabrik und heiratet.

Bald lernt er einen vielversprechenden Provinzpolitiker namens Leonid Iljitsch Breschnew kennen, der ihn protegiert und ihm eine nebenberufliche Dozentur für Nationalökonomie in Kischinjow, der Hauptstadt von Moldawien, verschafft. 1964, Breschnew macht bereits in Moskau politische Karriere, geht Preminger nach Wladiwostok. Die für Ausländer gesperrte Hafenstadt im fernen Osten der Sowjetunion ist der Stützpunkt der sowjetischen Pazifikflotte. Er ist inzwischen Mitglied der KPdSU und erhält einen Lehrstuhl für Nationalökonomie des Kapitalismus an einer der Hochschulen der Großstadt. Ein erfolgreicher Wissenschaftler, dem es an nichts fehlt: Bernhard Preminger hat es doch noch geschafft.

Rückkehr

Einschulung von Bernhard Preminger, 1927

Einschulung von Bernhard Preminger, 1927

Dennoch beschließt er 1989, mit seiner Familie nach Deutschland zu gehen. Warum? "Ich habe mich", sagt er fast beiläufig, "in all den Jahren doch immer als Deutscher gefühlt." Eine Rückkehr in das Land, das seine Eltern ermordete, in die Stadt seiner Kindheit. "Und", fügt er hinzu, "ich habe eigentlich immer an Gladbeck gedacht in all den Jahren..."

Volker Jakob, November 1998

Wir bedanken uns bei Volker Jakob für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Stolpersteine in Gladbeck für Auguste und Samuel Preminger

Bild Yad Vashen, Jerusalem: Samuel Preminger

Bild: Samuel Preminger

Das Gladbecker Bündnis für Courage hat weiter recherchiert. Nachdem im vergangenen Jahr bereits 18 Stolpersteine in Gehwege von Gladbeck eingelassen wurden, sollen 2010 weitere hinzukommen. Zwei Stolpersteine sind den Eltern von Bernard Preminger, Auguste und Samuel Preminger gewidmet, die bis zur Deportation und anschließender Ermordung durch die Nazis an der Hochstraße in Gladbeck lebten. Pfarrer Martin Meier-Stier hat sich gemeinsam mit Schülern des Ratsgymnasiums Gladbeck mit der Geschichte der Familie Preminger beschäftigt.


Andreas Jordan, Oktober 2009

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